‚Fische haben keine Beine’/’Etwas von der Größe des Universums‘ – Roman in zwei Teilen von Jón Kalman Stefansson

Veröffentlicht: 30. Oktober 2017 in Bücher, Isländisches, Kultur, Literatur

2x-stefanssonDen ersten Roman hatte ich ja schon gelesen, aber anlässlich der anstehenden Lektüre des zweiten Teils habe ich ihn mir erneut zu Gemüte geführt.

Um was es in diesem Zweiteiler geht, ist gar nicht einfach zu beschreiben. Im Mittelpunkt steht Ari, der an einem Morgen vor 2 Jahren das Geschirr vom Küchentisch wischt – und seine Familie daraufhin verlässt; auch seine Arbeit im Verlag schmeißt er hin, ebenso bricht er seine literarischen Versuche ab. Er flieht nach Kopenhagen, beginnt dort ein neues Leben.

Erst ein Brief seines Vaters, der ihn vor seinem bevorstehenden Tod noch einmal sehen will, ein Brief von seiner Stiefmutter, die Urkunde seines Großvaters und zwei Zeitungsartikel locken ihn wieder zurück nach Island, zu seiner Vergangenheit, der er sich nun endlich stellt. Sein Freund, der zum Teil als Ich-Erzähler fungiert, holt ihn vom Flughafen ab. So sind es nur wenige Tage, von denen dieser Roman handelt; ständige Rückblicke, innere Monologe über die Vergangenheit und andere Arten von Ausführungen, die Ari in diesen Tagen begleiten, werden ausführlich beleuchtet – und daraus setzt sich ein komplexes Bild der Gesellschaft und der inneren Seelenzustände der Isländer zusammen. Jón Kalmans Blick bleibt dabei immer menschlich-liebevoll, selbst bei größeren Verfehlungen. Alles Verhalten heute hat seine eigene Geschichte, und diesem wird in den beiden Büchern gebührend Rechnung getragen. Es sind menschliche Geschichten, teilweise rührend oder auch komisch, beispielsweise wenn der alte Arbeiter im Fisch nur noch gnadenhalber weiterarbeiten darf und mit roter, tropfender Nase und eisigkalten Händen immer wieder innehält, um Gedichte vorzutragen, oder wenn ein altes Paar sich über die Lustgeräusche der Nachbarn zunächst fürchterlich aufregt, nur um kurz darauf davon angesteckt zu werden und selbst im Schlafzimmer verschwindet. Doch auch ein einschneidendes Erlebnis aus Aris und des Ich-Erzählers Jugend bekommt durch einen Zeitungsartikel eine neue – zerschmetternde – Erkenntnis.

Ich mochte auch den zweiten Teil des Romans, ich kann gar nicht anders, denn Jón Kalman Stefansson ist ein gnadenlos guter Schriftsteller, dessen tiefe und nachdenkliche Blicke auf die menschlichen, allzu menschlichen Vorgänge um ihn herum mich tief berühren. Dennoch ist mir die Lektüre diesmal schwerer als sonst schon gefallen, was daran lag, dass so wenig passiert und statt dessen viel reflektiert wird. Auch sind es unglaublich viele Geschichten, die Jón Kalman erzählen will und erzählt, so dass ich mehr als einmal den Faden verlor. Das kann aber auch daran liegen, dass ich zu unkonzentriert gelesen habe, denn etwas Ausdauer sollte man für diese anspruchsvolle Literatur durchaus mitbringen. Es lohnt sich aber! Sehr sogar!

Unzufrieden war ich mit den Covern. Obwohl beide Bücher zusammengehören, sieht man es der Aufmachung nicht an, trotz ansonsten wirklich liebevoller Ausstattung.

 

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