‘Alice Neel – Painter of Modern Life’ – Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen

Veröffentlicht: 26. Januar 2018 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Hätten mich nicht gleich zwei Freundinnen unabhängig voneinander auf diese grandiose Ausstellung aufmerksam gemacht, ich hätte sie wohl versäumt. Und ich bin so froh, dass ich sie gesehen habe!

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Foto in der Ausstellung mit Alice Neel inmitten einiger ihrer Werke

Alice Neel, 1900 geboren, ist eine amerikanische Künstlerin. Den Namen hatte ich zuvor nie gehört, was ich im Nachhinein eigentlich nicht verstehe – aber hierzulande scheint mir diese Künstlerin wohl eher unbekannt … Vielleicht hat sie eher im Stillen gewirkt, denn während Jackson Pollock großformatig und gekonnt  kleckste, Andy Warhol seine Pop Art entwickelte und Robert Rauschenberg mit Gegenständen, Farben und Aktionen herumexperimentierte, tat Alice Neel nur eines: Sie malte, vor allem Portraits. Aber das tat sie mit Inbrunst und  Herzblut, und so floss nicht nur ihr handwerkliches Können in ihre Werke ein, sondern zudem ist jedes ihrer Bilder zugleich eine persönliche Stellungnahme. Ich habe selten in einem Portrait so viel Subjektivität gesehen, wie bei dieser Künstlerin: Nicht nur zeigen ihre Bilder die Menschen, sie zeigen auch ihre aktuelle Verfassung, und man sieht den Bildern auch an, welches Verhältnis die Künstlerin zu den Portraitierten hatte. Deutlich lässt sich in manchen Bildern eine gewisse Ablehnung herauslesen, beispielsweise auf den Gemälden, auf denen GaleristInnen portraitiert wurden. So hat sie eine Galeristin zahnlos und vergrämt gemalt, einer anderen malte sie einen unglaublichen Busen – man könnte sich vorstellen, dass Alice Neel schon vor diesen unvorteilhaften Portraits von den Galeristinnen abgeurteilt worden ist… Henry Geldzahler, Kurator für zeitgenössische Kunst und Freund von Andy Warhol, schaut uns aus dem Portrait so skeptisch an, als seien wir Zuschauer gleich mit auf dem Prüfstand, nicht nur Alice Neel, die sich ja vielleicht Anerkennung von dem Objekt ihrer künstlerischen Begierde versprach…

Ihre Portraits sind aufrichtig und authentisch, beispielsweise von Müttern mit ihren Babys, die alles andere als niedlich dargestellt sind, sondern unglaubliche Bullerköppe haben und ganz offensichtlich auf den Nerven der liebenden Mütter mit ihren tapsigen Füßen herumtrampeln. Nein, man kann nicht sagen, dass Alice Neel in ihren Gemälden etwas beschönigt; vielmehr sind ihre Bilder Dokumentationen der Stimmungen, und zwar ihrer eigenen UND der der Portraitierten.

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Alice Neels Sohn, erschöpft von der Arbeit. Foto: S.G.

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Zur Entstehungszeit dieses Gemäldes galten Pärchen, deren Hautfarbe sich voneinander unterschieden, als ungewöhnlich… In ihrem Atelier galten Konventionen jedoch nicht viel. Foto: U.D.

Noch etwas ist mir aufgefallen: Anita Rée (1885-1933), deren Werke ich neulich in der Hamburger Kunsthalle gesehen habe,  und Alice Neel (1900-1984) sind ja mehr oder weniger Zeitgenossinnen, doch während Anita Rée vergleichsweise sehr in der europäischen Maltradition verhaftet war (was keine Herabsetzung ihrer Kunst bedeutet), scheint mir Alice Neel viel unbelasteter und freier an ihre Kunst herangegangen zu sein. Natürlich sind die 15 Jahre Unterschied zwischen beiden Geburtsjahren entscheidend, da in der Welt Anfang des 20. Jahrhunderts  gravierende Umbrüche und  ein Weltkrieg herrschten. Dennoch, interessant, wie groß die Unterschiede sind…

Die Ausstellung  dieser bewegenden Bilder war absolut sehenswert. Hatte ich schon gesagt, dass ich froh bin, sie nicht verpasst zu haben? Leider endete die Ausstellung am 14. Januar. Hoffentlich kommen Alice Neels Werke bald mal wieder her, ich habe jetzt schon Sehnsucht nach ihnen.

 

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Kommentare
  1. Maren Wulf sagt:

    Ach, Mensch, leider verpasst! Danke trotzdem für den begeisterten und begeisternden Bericht.

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