Archiv für die Kategorie ‘Ausstellungen’

Natürlich kannte ich Max Pechstein schon, er ist einer der Brücke-Maler, und im sehr lohnenswerten Berliner Brücke-Museum  habe ich einige seiner Bilder auch schon gesehen. Doch dort war er einer von vielen, und damit kann man ihm nicht so ganz gerecht werden. Um so schöner, dass das Bucerius Kunstforum ihm eine eigene Ausstellung gewidmet hat.

pechstein

Bildcollage, gefunden auf der Website des Bucerium Kunstforums

Die Farben sind sicherlich das Auffälligste an Pechsteins Werk, denn die Bilder – vor allem die früheren – sind wunderbar bunt und vermitteln eine zumeist fröhliche Stimmung. Sie sind geprägt von einer lebensbejahenden Grundstimmung, immer auf der Suche nach Harmonie und Natürlichkeit, was man von den Brücke-Malern im Allgemeinen auch kennt. Pechstein Lebensfreude lässt sich vor allem an der Farbe Gelb ablesen; diese Farbe setzte er oft kräftig ein – und es scheint mir seine Vitalität und seiner Lebens- und Schaffensfreude zum Ausdruck zu bringen. Beispielsweise in einem Selbstporträt, das er nach dem Krieg  (und einiger Zeit der Mal-Abstinenz) malte, und in dem seine Aura  förmlich gelb vor neu erwachtem Schöpfungsdrang erstrahlt.

Pechsteins Schlachtruf war „Zurück zur Natur“ – in der unberührten Natur und einem ursprünglichen Verhältnis zur eigenen Natürlichkeit und Sexualität suchte er die Erlösung von gesellschaftlichen Zwängen und von den Erlebnissen im ersten Weltkrieg. Auch dies spiegelt sich zumeist in seinen Ölgemälden wieder. Seine Gefühle, die Zwänge, denen er durch die Kriegszeit ausgesetzt war, zeigt er aber auch in einigen Gemälden: beispielsweise in der Darstellung seines etwas verkniffen aussehenden Schwagers  Harry Kaprolat, der in Hut und Mantel neben einer fest verkorkten Weinflasche sitzt. Friert er? Vielleicht. Die angenehmen Seiten des Lebens scheinen ihm verwehrt, obwohl die Farben eine andere Sprache sprechen. Das Bildnis seines kleinen Sohnes, der verstockt inmitten von Spielzeug sitzt, welches sich ganz offensichtlich nicht zu einem Spiel hinreißen lässt, spricht ebenfalls Bände, wenn man weiß, dass Max Pechstein das Bild 1916 gemalt hat und also auf einen Urlaub vom Kriegsalltag (an der Front vielleicht) keinen Zugang zu seiner Familie findet…

Das für mich aufregendste Bild ist das einer kleinen Dompteurin, die sich den engen Käfig mit 7 Raubkatzen teilt (Die Löwenbändigerin, 1920). Die Dompteurin hat Ähnlichkeit mit den 7 Löwen um sie herum und trägt ein knallrotes Kleid. Auch die Hocker, auf denen die Tiere sitzen, sind knallrot sowie der untere Teil des Bildes. Das Bild strahlt Gefahr, aber auch große Anmut aus, gleichzeitig aber auch etwas Animalisches, das jedoch im sicheren (???) Käfig verwahrt bleibt… So ist es ein ungezwungenes Bild, das gleichwohl auf die Zwänge verweist.

Die späteren Werke fand ich dann nicht ganz so spannend. Max Pechsteins Utopie versuchte er in Pallau (wo er zu Beginn des zweiten Weltkrieges hinreisen konnte, allerdings musste er die Reise wegen des Kriegsbeginns jäh abbrechen)  zu finden, doch das Exotische, das Natürliche, vielleicht die Erfüllung seines Traumes ließ für meinen Geschmack seine Gemälde zu tendenziös wirken. Für mich fehlte dort doch eher das Ursprüngliche – eigentlich merkwürdig.

Es war ein gelungener Ausstellungsbesuch, ich kann ihn nur empfehlen! Bis 3. September ist sie noch zu sehen.

Ausstellungen in letzter Zeit

Veröffentlicht: 24. Mai 2017 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Es ist grässlich mit mir, ich komme zur Zeit kaum zum Blog-Schreiben… oder besser, ich nehme mir dafür keine Zeit. Oder ich habe keinen Kopf dafür. Natürlich bin ich deshalb kulturell nicht weniger unterwegs, und so gibt es einen gehörigen Blog-Rückstau, dem zu begegnen gar nicht mal so einfach ist. Nun denn. Genug geklagt!

„Revisited“ Ausstellung mit Werken zum Bau der Elbphilharmonie in den Deichtorhallen zu Hamburg

Meine Begeisterung über die Elphi habe ich hier ja schon kund getan, und so interessierte mich auch zu sehen, was andere Künstler zu diesem Prachtgebäude zu sagen haben. Die Ansätze waren sehr unterschiedlich: Neben einem „Quasi -Gegenentwurf“, gezeigt in einer riesigen, aus verschiedensten Materialien zusammengeschusterten und –gezimmerten Modell-Frechheit, gab es auch tolle Fotos aus dem Bau zu sehen, Entwürfe, die auf sexistische Elemente von Architektur im Allgemeinen Bezug nehmen, aber auch Dokumentationen aus dem Architekturbüro mit Teilen der Original-Modelle und einer Reihe von Fragebögen, die die Arbeiter der Elphi-Baustelle beantwortet haben. Doch auch eine Spinne durfte mit einem kunstvoll gesponnenen Netz, das in einem verdunkelten Raum durch eine Lichtinszenierung ästhetisch aufgemotzt wurde,  auf die Elbphilharmonie antworten. Und über den politischen Ablauf, eigentlich einem riesigen Skandal, weil die Kosten ja explodierten wie ein riesiges Feuerwerk, gab es ebenfalls eine Arbeit. Ja, eine vielseitige Ausstellung. Und gut, dass ich diesen Blog schreibe, denn direkt nach dem Besuch, der schon ewig her ist, war ich eher enttäuscht, hatte ich mir doch eine ästhetischere Antwort auf die Elphi erhofft. Jetzt, rückblickend, erkenne ich die Vielseitigkeit und Komplexität der Ausstellung besser.

„Warten“ in der Kunsthalle

Eine Themenausstellung… Verschiedenste Aspekte vom Warten wurden in den Werken aufgegriffen und mal ästhetisch, mal witzig, mal auch konzeptionell untersucht.  Ein Bewohner eines Hospizes schaut eine Weile aus dem Fenster (Film); auf Fotos sind Prostituierte, die in einem entlegenen Industrieviertel auf Freier warten, Anglern, die an eher weniger idyllischen Plätzen ihre Ruten ausgeworfen haben, gegenübergestellt – ein seltsames Spannungsverhältnis… Andere Installationen wie z.B. die Wartehalle, in der man Literatur zum Durchblättern zum Thema Warten findet, oder einer Art selbstgezimmertes Freizeitparadies für pensionierte Beamten, die ab nun eigentlich nur noch auf ihr Ende warten, wenn man so will, führen deutlich bis drastisch die Absurdität dieses weit verbreiteten Seinszustands  vor Augen. Was soll’s? Am besten, man quartiert sich gleich in dem 4qm großen Wartehäuschen ein, das mit Küche und Klo einen kleinen, aber doch ganz eigenen Wartebereich mit nützlich-heimeligen Akzenten wie dem Bett ausgestatteten Rückzugsort  darstellt. Um zu warten – worauf? Dass der Bus kommt – wohin? Es ist eine zugleich irritierende als auch anregende Auseinandersetzung mit dem Thema Warten, das um so absurder wird, je länger ich darüber nachdenke.

ESA

Nicht unerwähnt möchte ich meinen Besuch der Space-Expo auf dem ESA-Gelände in Noordwijk, Holland, lassen. Natürlich geht es dort um die Raumfahrt und vielerlei Aspekte. Einige Ausstellungsstücke laden zum Mitmachen ein, wie z.B. der Landesimulator einer  Weltraumkapsel. Richtig Gänsehaut habe ich aber bekommen bei den Ausstellungsstücken, die tatsächlich mal im All waren und nun mitsamt ihrer Schrammen, die sie sich beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre  zugezogen haben, ausgestellt werden.

Van- Gogh-Museum, Amsterdam

Von Noordwijk aus wollte ich wenigstens einmal Amsterdamer Luft schnuppern und das Van-Gogh-Museum besuchen, mehr habe ich von Amsterdam leider nicht gesehen – ich muss unbedingt bald wiederkommen! Aber dies Museum stand doch am dringlichsten auf meiner Wunschliste. Die Ausstellung ist nach van Goghs Leben chronologisch aufgebaut und zeigt aber auch wegweisende Gemälde von Künstlern, die das Wirken van Goghs mitgeprägt haben sowie  von Zeitgenossen, und gibt so einen guten Überblick über van Goghs Werk und seine Zeit. Es sind so grandiose Gemälde zu sehen wie ‚Die Kartoffelesser‘, oder natürlich die berühmten Sonnenblumen. Aber neben diesen sehr berühmten Gemälden gibt es viele, die ebenfalls großartig sind.
Es ist schon verrückt, wenn man sich vorstellt, dass van Goghs Malweise für das Publikum derart ungewöhnlich war, dass es die Ästhetik der Bilder nicht wahrnehmen konnte. So blieb bekanntlich der Erfolg zu seinen Lebzeiten aus. Wie schwer muss es sein, trotz aller Widerstände und Misserfolge doch weiterzumachen und irgendwie zu wissen, dass er mit seiner Kunst großartiges geschaffen hat, auch wenn niemand (außer seinem Bruder und vielleicht einer Handvoll Kollegen) an ihn glaubte. Ja, ich kann mir vorstellen, an solch einer Missachtung seiner Leistung kann man letztendlich zerbrechen oder darüber wahnsinnig werden… oder sogar beides. Der Besuch lohnt sich sehr, aber man sollte sich die Karten im Vorfeld besorgen, wir haben es nicht getan und haben an einem stinknormalen Werktag 45 Minuten für Karten angestanden.

Barberini-Museum, Potsdam: Ausstellung „Impressionismus“ und „Klassiker der Moderne“

In den Frühjahrsferien bin ich ein wenig herumgekommen, war nicht nur in Holland, auch ein Kurzbesuch in Berlin musste sein, und ich bin heilfroh, dass ich das Barberini-Museum bei dieser Gelegenheit besuchen konnte: Was soll ich sagen: Es war eine ganz tolle Ausstellung mit großartigen Gemälden von vielen Impressionisten. So wunderbare impressionistische Gemälde, in denen Landschaft und Wetter eine herausragende Rolle spielten, habe ich lange nicht gesehen. Einige wunderbare Seerosenbilder von Monet waren für mich der Höhepunkt, aber auch Bilder, in denen die Motive deutlich unspektakulär sind (wie z.B. die Heuhaufen), dafür aber die Umsetzung in der impressionistischen Malweise umso aufrührender, gab es zu sehen. Dazu wurden aber auch Gemälde aus späterer Zeit gezeigt, die Themen aus den impressionistischen Bildern aufgreifen und in ein neues Licht rücken – spannend! Tolle Gemälde aus der klassischen Moderne, beispielsweise von Edward Munch, waren auch vertreten. Insgesamt war es eine hochkarätige Ausstellung in einem tollen Gebäude, die zu besuchen sich ungemein lohnt (aber auch nur noch bis zum 28. Mai).
Der Abstecher in den Trakt (ist das ständige Ausstellung? Ich weiß es nicht) von (zensierten) Künstlern zu Zeiten der DDR war ebenfalls bereichernd und sehenswert.

Paula Modersohn-Becker – Ausstellung im Bucerius Kunstforum, Hamburg

Kurz vor Ablauf habe ich es denn zum Glück doch noch geschafft, diese Ausstellung zu besuchen. Und auch sie hat sich sehr gelohnt! Paula Modersohn-Becker war die Ausnahmekünstlerin zwischen den tollen und sehr begabten Künstlern aus der Worpsweder Künstlerkolonie – nicht zuletzt, weil sie sich durch ihre Besuche in Paris zur Weiterentwicklung ihres eigenen Schaffens selbst förderte. Die Werke, die hier ausgestellt wurden, sind durch die Bank großartige Malerei. Ob es atmosphärische Landschaftsmalerei  ist oder Portraits von der einfachen Bevölkerung von Worpswede: Diese Bilder haben die Seele des Motivs genau erfasst und auf den Punkt gebracht. Mein Lieblingsbild war auch zu sehen: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag. Es zeigt die Künstlerin mit nacktem Oberkörper schwanger. Doch zu diesem Zeitpunkt ist sie es nicht. Es ist die Kunst, die in ihr reift. Leider wurde sie kurz danach tatsächlich schwanger. Es ist tragisch und traurig, dass genau dies ihr zum Verhängnis wurde: Sie starb kurz nach der Geburt ihrer einzigen Tochter.

Ich bin froh, dass ich es noch rechtzeitig geschafft habe. Was hätte ich ansonsten verpasst!

Also, wenn mein Sohn mich schon fragt, wann wir endlich in diese Ausstellung gehen – ja, dann ist es für mich keine Frage, dass ich den Museumsbesuch nicht auf die lange Bank schiebe…

Erwartet hatte ich jedoch von der Ausstellung, dass sie mich heranführt an die Ästhetik von Computerspielen, denn dass diese virtuellen Welten visuell einiges zu bieten haben, steht für mich außer Frage. Und genau darauf hatte ich mich auch gefreut, auch wenn ich mir eigentlich nicht allzu viel aus Computerspielen mache. Dennoch finde ich es spannend, diese Ästhetik einmal genauer zu betrachten.

Und nun sahen wir uns in den Ausstellungsräumen einer Vielzahl von Bildschirmen und Wandprojektionen gegenüber gestellt, und alle Konsolen konnten wir auch nach Herzenslust bedienen und diese Spiele selbst ausprobieren – so weit die Theorie. Eine kleine Anleitung sollte helfen, sich im jeweiligen Spiel zurecht zu finden, und genau hier lag die Crux: Es klappte nämlich nicht, sich so zügig mit den Spiel- und Bedienregeln vertraut zu machen, um ins Spielen zu geraten, und das liegt in der Natur der Sache. Könnte man das Spiel sofort bedienen, wäre es vielleicht schon sehr schnell durchgespielt, es wäre auch keine Herausforderung mehr. So aber blieben die Versuche ziemlich an der Oberfläche, und mir hat sich dadurch nur sehr weniges erschlossen.

Dennoch gab die Ausstellung einen feinen Überblick über die Vielseitigkeit der Spiele, der Kreativität, Spielfreude und dem grafischen Können der Spielemacher, wenn eben auch vieles nur angerissen werden konnte. Zu einem bestimmten Spiel – ich habe leider den Namen vergessen – hieß es, dass den Entwicklern es ein Anliegen war, die (virtuelle) Spielewelt durch Interaktion zu verschönern und dadurch ein Wohlgefühl beim Spieler zu erzeugen. In dem Spiel sollten Blütenblätter aktiviert und verteilt werden, wodurch viele neue Blumen entstehen. Leider kam ich über die wüste, eintönige Ausgangswelt nicht hinaus, insofern vollzog sich bei mir auch kein Wohlgefühl. Sicher wäre es anders, wenn ich das Spiel einen Nachmittag lang spielen würde. Und dennoch: Für mich bleibt es eine virtuelle Bildschirmwelt, die vielleicht unterhaltend ist und einen gewissen Reiz ausübt. Aber dieses Virtuelle ist mir bei aller vermeintlichen Ästhetik dann doch eine Spur zu wenig sinnlich, nein, das ist nicht meins.

Insofern war ich nicht besonders angetan von der Ausstellung, auch wenn einige Spiele Spaß gebracht habe, beispielsweise das Mitmachspiel, in dem die eigenen Tanzbewegungen auf einen Bildschirm übertragen und bewertet wurde, wie gut man im Takt tanzen kann. Sowas finde ich irgendwie gut!

 

Diese Ausstellung ist etwas ganz Besonderes, denn sie speist sich zum großen Teil aus den Sammlungen von Roland Penrose, Edward James, Gabrielle Keiller sowie Ulla und Heiner Pietzsch. Und das bedeutet, sie besteht zum großen Teil aus Bildern, die sonst nirgends zu sehen sind…

Und was für Schätze sind das! Von Max Ernst gibt es wunderbare Bilder, die er in seinen favorisierten Techniken wie z.B. der Frottage herstellte, und sie haben allesamt etwas extrem Dystopisches. Doch auch die Gemälde von Dalí sind voller Bedrohungen, und extrem beunruhigend… Besonders mochte ich die Bilder von Leonora Carrington, deren phantasievolle, beinahe traumhafte Sequenzen etwas ganz Eigenes, Mystisches haben.

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Aber auch Verfremdungen – hier wurden Postkarten in einen neuen, komplett verfremdenden Kontext gestellt, fand ich interessant.

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Bewegt hat mich auch dieses Gemälde von Francis Picabia, der die Leinwand gleich zu drei verschiedenen Portraits benutzte.

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Und ich liebe Jean Jacques Rousseau mit seinen scheinbar naiven Bildern, die doch aufs Dollste überraschend sind.

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Alles konnte man nicht „verstehen“, wenn es darum überhaupt geht, was ich bezweifle. Von einem wirklich komischen Disput von Rezipienten untereinander hat Maren in ihrem Blog ja schon berichtet.

Es war auf jeden Fall ein sehr lohnenswerter Besuch, und was ich schön fand, war, dass mein Sohn mitgekommen ist (und ich glaube, es hat ihm sogar gefallen).

Diese Ausstellung zu besuchen, war für mich eine Selbstverständlichkeit – und so habe ich es denn zwar nur knapp, aber dennoch ins sehr geschätzte Bucerius Kunstforum geschafft…

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Collage von der Website des Bucerius Kunstforums http://www.buceriuskunstforum.de

Aber wie das so ist, wenn man von etwas viel erwartet, dann ist die Enttäuschung nicht weit. Warum sind meine Erwartungen nur teilweise erfüllt worden? Es ist der Blick auf diese für mich ganz besondere Stadt, die hier durch das künstlerische Auge gefiltert wurde. Sehr viele – grandiose – Gemälde sind gezeigt worden, die aber im Grunde genommen den Mythos der Stadt selbst mit voran getrieben haben, den Mythos von Vergänglichkeit, der Schönheit des Morbiden, dem verwegenen Tanz Aug in Auge mit dem Vergangenen, mit dem Tod, aus dessen Blickwinkel das ausschweifende Leben seine Berechtigung erhält.

So gab es viele – tolle – Gemälde aus dem 17. Und 18. Jahrhundert zu  sehen, sogenannte „Veduten“, was Stadtansichten sind, und wenn es auch faszinierend ist, sich diese Malerei  genau anzuschauen, so bestätigt sie doch den Blick auf die Stadt als touristisches Ziel. Diese Stadt scheint schon immer alt gewesen zu sein, und das Schäbige an ihr – das ich doch auch so liebe – ist ganz offensichtlich kein neueres  Phänomen. Der Ausblick in die Gegenwartskunst war, wie ich fand,  vergleichsweise etwas dünne, erst recht, wenn man bedenkt, dass in Venedig selbst regelmäßig die Biennale mit toller Gegenwartskunst stattfindet (au man, das möchte ich auch irgendwann mal sehen).

Ja, sie hat mir gefallen, die Ausstellung, auf jeden Fall! Und doch bleibt die Stadt verborgen hinter ihrem Mythos. Ein kritischer Blick fehlt, der aber wenigstens in einem kurzen Film anklingt, wenn eine Fremdenführerin sagt, dass sie zwar nichts Falsches über Venedig erzählt, aber die Wahrheit von den Touristen ohnehin nicht gehört werden will, oder wenn der deprimierte Bausachverständige Venedigs Verfall an allen Ecken und Enden sieht, jedoch einem potentiellen Käufer den tatsächlichen Fakt des Zustandes der Gemäuer nicht offenbaren darf. Wunderschönes Bild in dem Film, wie zwei alte Venezianerinnen in einem alten, malerischen Torbogen miteinander sprechen, während sich im Hintergrund ein gigantisches Kreuzfahrtschiff seinen Weg bahnt. Venedig wird voraussichtlich 2030 schon nicht mehr bewohnbar sein, heißt es in dem Film. Und wir? Glotzen auf Veduten. Ohje…

 

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Japanischer Holzschnitt

Dass japanischer Farbholzschnitt eine Technik ist, mit deren Hilfe eine breitere Masse Zugang zu dem Bildmaterial erhielt, ist zwar logisch, hatte ich jedoch vorher nie überlegt. Und dass die Comickultur in Japan bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht, habe ich ebenfalls nicht gewusst. Ein Glück also, dass mein Sohn auch Lust auf diese Ausstellung hatte, denn ohne ihn hätte ich sie nicht besucht. Und was hätten wir versäumt!!!

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Umschlag eines Comicheftes

Hokusai (1760-1849), dessen wohl berühmtestes Bild ‚Die Welle‘ ist, gehört tatsächlich zu den Mitbegründern des Manga. Mit der Verbreitung seiner Farbholzschnitte unter der nichtadligen Bevölkerung begann also im Grunde genommen die Geschichte des Comics. Die Handlungen und Themen nahmen Bezug zu den mythischen Wesen und Monstern, und in der Mangakultur (Manga=Comics aus Japan) haben diese noch immer einen hohen Stellenwert. Mein Sohn ist derzeit ganz vernarrt in die Anime-Serie ‚Death Note‘, in der ebenfalls ein böser Geist, der sich unter die Menschen mischt, eine zentrale Rolle spielt. So könnte man sagen, dass Manga, zumindest teilweise, die Fantasy-Kultur mitbegründet hat.

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Der Generalschlüssel, der das Herz aufschließt – Holzschnitt von 1802

Die japanische Kultur fasziniert mich schon lang; die japanischen Farbholzschnitte sprechen in ihrer Bildkomposition eine strenge formale Sprache, die einen großen Reiz ausübt. Ich ahne den Einfluss des Zen Buddhismus…. Zudem werden Geschichten erzählt, die Mythen von den überirdischen Wesen, aber natürlich auch die Alltagssorgen der Menschen zum Thema haben. Eigentlich, und das ist gerade das Spannende daran, ganz ähnlich, wie in der westlichen Welt Hieronymus Bosch und seine Nachfolger im 16. Jahrhundert seine in Monster verwandelten Seelenqualen bildlich darstellte. Interessant, dass diese beiden Ausstellungen parallel in Hamburg liefen, interessant auch, weil es eine Menge Überschneidungen gab, wenn auch die kulturellen und religiösen Vorzeichen komplett anders waren. Ich glaube auch nicht, dass die Kupferstiche eine so starke Verbreitung in der Bevölkerung fanden, wie die japanischen Farbholzschnitte. In Japan entstand schon früh ein Markt für die Mangas, das war vermutlich in der westlichen Welt des 16. Jahrhunderts (aber auch für die nachfolgenden Jahrhunderte) undenkbar. Hier wurde auch vielmehr auf Buchdruck gesetzt, der seinen Beginn bereits Mitte des 15. Jahrhunderts nahm.

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Aus einem Holzschnittbuch von 1813

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Anime von 2001 mit dem shintoistischen Geist Kaonashi (‚Ohngesicht‘)

Zurück zur Manga-Ausstellung: Neben frühen Comicheften wurden auch verschiedene Strömungen gezeigt, die mir persönlich nicht unbedingt gefallen. Da gibt es beispielsweise die ‚kawai‘-Mangas: kawai heißt übersetzt ‚niedlich‘. Hier wird auf plumpe Weise auf das Kindchenschema (Duweißtschon: große Kulleraugen etc.) zurückgegriffen. Zum Teil sind es aber auch wirklich merkwürdige Geschichten, wie beispielsweise von dem Mädchen, das sich in einen Vogel verliebt. Wäre dieser Vogel nicht so was von einfach und bescheuert gezeichnet, hätte ich die Geschichte vielleicht besser verstanden. Aber so ist es ein Strichvogel einfachster Sorte, während alle anderen Figuren und Gegenstände durchaus sorgfältig gezeichnet sind.

Aber faszinierend dann wieder der Mangazeichner, der den Angriff auf Hieroshima überlebt hat und diesen Angriff in über 2.000 Seiten gezeichneter Mangas festhielt. Solche Themen in der westlichen Welt über den zweiten Weltkrieg schon Mitte des 20. Jahrhunderts kann ich mir kaum vorstellen. In Japan aber ist das Manga ein komplett etabliertes Medium.

Ich mag das: Einen Hang zu alten Mythen mit Kreaturen, die übersinnliche Fähigkeiten besitzen, hatte ich immer schon, und zwar ganz egal, aus welcher Kultur sie stammen. Und wenn auch heute noch auf diese alten Mythen Bezug genommen wird, finde ich, dass sich eine uralte Kultur fortsetzt, und das in einer Art, die dem heutigen Zeitgeist entspricht. Super interessant!

Die Kulturpreisträgerin 2014 vom Kreis Pinneberg hat die Gelegenheit genutzt, die wunderschönen Innenräume der alten Drostei, gelegen im Herzen Pinnebergs, zu gestalten. Wochenlang hat sie dafür Maß genommen und die hohen, großzügigen Räume mit den alten Kachelöfen auf sich wirken lassen, um schließlich Gemälde herzustellen, die genau für den Anlass dieser Ausstellung bestimmt sind.

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Bildquelle: siehe http://www.drostei.de

So wirken ihre riesigen Bilder wie zusätzliche Fenster, sind die doch zudem auch noch mit eigenen, gemalten Rahmen und scheinbaren Leerräumen ausgestattet, als stünde eine Vitrine vor der Aussicht. Das schafft Distanz. Distanz aber zu was? Hinter den erdachten Rahmen befindet sich großflächige Malerei, erinnernd an Wolken oder Dampf, verschleiernd das, was dahinter liegen mag. Es muss etwas ganz wunderbares sein, das sich hier verbirgt und sich nicht zeigen will. Es ist wie Aschewolken (bei den schwarzen Gemälden), oder Dämpfe, durch die hindurch sich die dahinterliegende Landschaft nicht erkennen lässt – und das hat ganz viel mit Island zu tun, dem Heimatland Annas.

Mich erinnert es genau an diese Landschaften, die ich höchstens erahnen konnte, wenn ich im winterlichen Island vor einer heißen Quelle stand und vor lauter Dampf nicht einmal Konturen der grandiosen Landschaft wahrnehmen konnte, und dennoch komplett in der Natur stand, was durch die Geräusche, die Luft, die ganze Aura der Umgebung nur allzu deutlich zu empfinden war.

Und so empfinde ich auch in Annas riesigen Bildern eine ganz enge Naturverbundenheit, die sich trotz der Trennungen durch den virtuelle Rahmen oder der verschleierten Landschaft vermittelt. Berührend ist dies; berührend auch die aufgestellten Rahmen, wie Nonsens anmutend, und dennoch geben sie den Blick nur auf die Zimmerwand preis, die an einer Stelle furchtbar schlecht tapeziert ist. Eine optische Täuschung ist das allemal, erwartet der Blick durch den Rahmen – auch wenn er nur zwei Seiten verbindet – einen gewissen Fokus auf etwas, das uns BetrachterInnen jedoch verborgen bleibt. Vielleicht ist da aber doch etwas; auch hier könnte man denken, dass solche Gedankenwürfe nur von einer Isländerin stammen können, zu deren Kultur auch der Mythos (oder die Wahrheit) vom unsichtbarem Volk zählt. Vielleicht kann man nicht alles sehen, was es gibt. Es existiert ja vielleicht dennoch? Oder am Ende sogar genau deswegen? In Island und seiner Kultur sind diese Grenzen tatsächlich verschwommen.

Anna spielt mit unserer Wahrnehmung, auch wenn man sich in den Raum begibt, in dem nichts weiter zu sehen ist, als blau angemalte Fenster. Durch verschiedene Lichtstimmungen von draußen ergibt sich aber ein ständig wechselndes Raumempfinden. Und auch hier kommt der Gedanke: Was ist die Wirklichkeit, gemessen an meiner Wahrnehmung, oder gibt es sie überhaupt?

Ein weiteres Thema mag sein, dass der Blick ohne formale, strenge Raumaufteilung diffus bleibt, beispielsweise bei der Rauminstallation, in der kleine rote Gemälde, auf besondere Weise neben- und übereinander kombiniert, sich dennoch aufeinander beziehen. Ein Blick auf Annas Skizzen eröffnet weitere Aspekte auf ihr vielseitiges Œu­v­re.

Eine anregende Ausstellung, die nur noch bis zum 16.10. andauert. Am 9. Oktober gibt es eine Führung unter der Leitung von Anna Guðjónsdóttir. Es wird sicher interessant!