Archiv für die Kategorie ‘Bücher’

‚Der Pfau‘ – Roman von Isabel Bogdan

Veröffentlicht: 12. November 2017 in Bücher, Kultur, Literatur

9783462048001Ein uralter Landsitz mit netten Eigentümern, eine Gruppe von 5 Bankern auf der Suche nach Gruppen-Erleuchtung, ein Hund, eine Gans und ein verrückter Pfau – das scheint das Geheimrezept dieses unterhaltsamen Romans zu sein…

Eine Gruppe von Bankangestellten hat sich für ein Teambuilding samt Coach und Köchin in die alten Gemäuer eingemietet, was an sich schon ziemlich skurril ist. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die in aller Heimlichkeit (wissend sind nur die Gastgeber und deren Personal) ein Pfau macht, der alles zerreißt, was blau schimmert – und damit ist das Chaos schon mal vorprogrammiert. So spielen die Gastgeber mit den Gästen ein Vertuschungsspiel, das durch vermeintliche Un- und vielleicht vermeidbare Zufälle zu einer Art Katz- und Maus-Spiel zwischen den Bankern, der Köchin, der Coacherin, dem Gastgeberpaar und ihren Hausangestellten wird und im Verlauf immer mehr Verwicklungen erfährt, sodass am Ende nicht nur der Gasthund, sondern auch noch die Hausgans darin verwickelt werden.

Stört es dabei, dass die Autorin immer und immer wieder aufzählt, wer wovon weiß und wer was annimmt und wer dies oder jenes tut, versehentlich oder absichtlich? Vielleicht ein wenig, obwohl gerade diese Aufzählungen besonders launig sind. Wunderbar konstruiert ist die Geschichte, und als solches leicht als unglaubwürdig zu entlarven (wenn man so will, aber will man?), aber macht das etwas, wenn sie doch so viel Spaß macht?

Wie auch immer, dies Buch hat jede Menge Charme und Temperament, auf alle Fälle, bei allen Fallen, die sich die Geschichte von Anfang an selbst stellt. Doch zum Lesen mit Spaß dabei ist es eine leichte und nette Lektüre, die nicht mehr aufträgt als ein kleines Festmahl mit einem Pfau in der Hauptrolle, äh, Bratröhre – oder ist es doch die Gans gewesen? Das möge doch der/die geneigte LeserIn selbst herausfinden! 🙂

 

Advertisements

9783442727957-deUnerfüllte Sehnsucht ist das, was mir zu diesem Roman als erstes einfällt. Sie ist die eigentliche Triebfeder des Protagonisten, der sein Leben so lakonisch führt, als stünde er immer neben sich. An nichts scheint er wirkliches Interesse zu haben, nicht an seinem Studium, und wenig an seinen beiden Jazzkneipen, die er doch selbst aufgemacht hat. Seine Familie umgibt ihn wie einen Schatten, aber er selbst hat sich in seine Träumereien geflüchtet, und vor allem trauert er der verpassten Gelegenheit, seiner Jugend- wenn nicht Kinderliebe seine Liebe gestanden zu haben, nach.

Als genau diese mittlerweile um zig Jahre gealterte Frau eines Tage in seine Jazzkneipe kommt, sieht er die Möglichkeit, endlich das nachzuholen, was ihn all die Jahre nicht losgelassen hat. Doch lässt sich die Frau nicht so recht fassen, sie kommt und geht, ohne dass er herausfindet, wo sie wohnt oder was sie macht, sie bleibt ein Traumgespinst, oder ist es eben doch nicht, als sie ihn bittet, sie zu einen bestimmten Ort zu begleiten. Doch nach diesem Ausflug verschwimmt schon wieder alles in einem geheimnsvollen Nebel…

Es ist ein Roman, auf einer ganz anderen Ebene surreal, als ‚Mister Aufziehvogel‘ (welches der erste Roman war, den ich von Murakami gelese habe). Was ist real, was hat der Protagonist wirklich erlebt? Die Spuren, die die Frau hinterlässt, z.B. in Form von Zigarettenasche, scheinen real. Doch so bald sie aus seinem Gesichtsfeld tritt, ist es beinahe, als hätte es die Begegnung nie gegeben.

Auch die verschiedenen intimen Begegnungen, von denen der Mann berichtet, bleiben stehen wie Phantasien – Männerphantasien wohlgemerkt – , Projektionen oder Wunschträume. So lässt uns der Roman meisterhaft im Ungewissen, was wirklich passiert ist, oder ob es nur alles geträumt wurde. Irgendwie cool!

2x-stefanssonDen ersten Roman hatte ich ja schon gelesen, aber anlässlich der anstehenden Lektüre des zweiten Teils habe ich ihn mir erneut zu Gemüte geführt.

Um was es in diesem Zweiteiler geht, ist gar nicht einfach zu beschreiben. Im Mittelpunkt steht Ari, der an einem Morgen vor 2 Jahren das Geschirr vom Küchentisch wischt – und seine Familie daraufhin verlässt; auch seine Arbeit im Verlag schmeißt er hin, ebenso bricht er seine literarischen Versuche ab. Er flieht nach Kopenhagen, beginnt dort ein neues Leben.

Erst ein Brief seines Vaters, der ihn vor seinem bevorstehenden Tod noch einmal sehen will, ein Brief von seiner Stiefmutter, die Urkunde seines Großvaters und zwei Zeitungsartikel locken ihn wieder zurück nach Island, zu seiner Vergangenheit, der er sich nun endlich stellt. Sein Freund, der zum Teil als Ich-Erzähler fungiert, holt ihn vom Flughafen ab. So sind es nur wenige Tage, von denen dieser Roman handelt; ständige Rückblicke, innere Monologe über die Vergangenheit und andere Arten von Ausführungen, die Ari in diesen Tagen begleiten, werden ausführlich beleuchtet – und daraus setzt sich ein komplexes Bild der Gesellschaft und der inneren Seelenzustände der Isländer zusammen. Jón Kalmans Blick bleibt dabei immer menschlich-liebevoll, selbst bei größeren Verfehlungen. Alles Verhalten heute hat seine eigene Geschichte, und diesem wird in den beiden Büchern gebührend Rechnung getragen. Es sind menschliche Geschichten, teilweise rührend oder auch komisch, beispielsweise wenn der alte Arbeiter im Fisch nur noch gnadenhalber weiterarbeiten darf und mit roter, tropfender Nase und eisigkalten Händen immer wieder innehält, um Gedichte vorzutragen, oder wenn ein altes Paar sich über die Lustgeräusche der Nachbarn zunächst fürchterlich aufregt, nur um kurz darauf davon angesteckt zu werden und selbst im Schlafzimmer verschwindet. Doch auch ein einschneidendes Erlebnis aus Aris und des Ich-Erzählers Jugend bekommt durch einen Zeitungsartikel eine neue – zerschmetternde – Erkenntnis.

Ich mochte auch den zweiten Teil des Romans, ich kann gar nicht anders, denn Jón Kalman Stefansson ist ein gnadenlos guter Schriftsteller, dessen tiefe und nachdenkliche Blicke auf die menschlichen, allzu menschlichen Vorgänge um ihn herum mich tief berühren. Dennoch ist mir die Lektüre diesmal schwerer als sonst schon gefallen, was daran lag, dass so wenig passiert und statt dessen viel reflektiert wird. Auch sind es unglaublich viele Geschichten, die Jón Kalman erzählen will und erzählt, so dass ich mehr als einmal den Faden verlor. Das kann aber auch daran liegen, dass ich zu unkonzentriert gelesen habe, denn etwas Ausdauer sollte man für diese anspruchsvolle Literatur durchaus mitbringen. Es lohnt sich aber! Sehr sogar!

Unzufrieden war ich mit den Covern. Obwohl beide Bücher zusammengehören, sieht man es der Aufmachung nicht an, trotz ansonsten wirklich liebevoller Ausstattung.

 

jahrdeshasenIch nehme ja sehr gerne Literatur von den Landsleuten, in dessen Land ich reise, mit – dieses Jahr verschlug es mich zu einer tollen Wanderreise nach Finnisch-Lappland, deshalb lag es nah, endlich einmal ein Buch von Arto Paasilinna in die Hand zu nehmen, der aus Kittilä stammt – und dort ganz in der Nähe hatte ich Quartier genommen.

Tatsächlich habe ich festgestellt, dass wir eine ganze Menge Romane von Paasilinna besitzen, mein Schatz mochte seine Romane sehr. Ich dagegen kannte diesen Autor gar nicht.

Auf einer Autofahrt mit einem Kollegen fahren zwei Männer einen Hasen an. Der eine der beiden sucht ihn, während der andere nicht warten will und wegfährt. Der Zurückgelassene, ohnehin mit seinem Leben unzufrieden, nimmt das als Anlass,  aus seinem Leben auszusteigen und mit dem kranken Hasen gemeinsam kreuz und quer durch Finnland zu reisen – und dabei erleben die beiden ganz enorme Abenteuer…

Und so erzählt der Roman von Bären, Bergung von vermeintlichen Schätzen und anderen Ungeheuerlichkeiten, und das auf eine amüsante und etwas schrullige Art. Das zu lesen war belustigend, auch wenn es meinen Humor nicht wirklich traf. Ich fand den Roman – 1972 erstmals erschienen – nicht mehr zeitgemäß, weder das Männer- noch das Frauenbild in dem Buch haben mich angesprochen. Dennoch war es natürlich schön, in dem Land zu sein, das Schauplatz dieser fiktiven Vorkommnisse war, und das als Matritze für die verschiedensten Grenzüberschreitungen diente, die der Protagonist vornahm. Insofern hat das Buch abgesehen von dem speziellen Humor auch ganz erfrischende Seiten.

Vielleicht also ist es nicht das letzte Buch von Paasilinna, das ich in die Hand genommen habe. Eines habe ich auf jeden Fall noch vor, wegen dieses unglaublichen Titels: Der wunderbare Massenselbstmord.

 

liebhaberohnefestenwohnsitzDas Hörbuch hatte ich meinem Schatz geschenkt, vor gar nicht allzu langer Zeit, aber doch lang genug her, als dass er es noch mit Genuss hören konnte. Das Buch hatte ich ja selbst schon vor einiger Zeit gelesen, nun war ich neugierig, was er damals so sehr an Sophie Rois‘ Einlesung genossen hatte.

Die Geschichte war auch beim zweiten Mal spannend und auf eine angenehme Weise phantastisch sowie originell (und diesmal hatte ich eigentlich gar nichts mehr an der Geschichte auszusetzen, was etwas anders beim ersten Lesen war, s. meinen Blogbeitrag von damals), und Sophie Rois hat sie wirklich sehr pointiert gelesen.
Der Hauptprotagonist hatte die Angewohnheit, auf so manche Frage statt verbal zu antworten, einen gewissen Laut auszustoßen, eine Art hörbaren Seufzers, beredter vielleicht als viele Worte, wenngleich vielsagend unverbindlich, aber doch deutlich seinem Gefühl Ausdruck verleihend, auf diese Frage vielleicht gar nicht aufgrund seiner geheimnisvollen Herkunft und Geschichte antworten zu können – oder zu dürfen. Von Sophie Rois‘ Umsetzung dieses Lautes hat mir mein Schatz vorgeschwärmt. Und es stimmt: Dieser Seufzer ist ihr großartig gelungen.

Dieses Buch macht zudem einmal mehr Lust, die wunderbare Stadt Venedig zu besuchen, denn dort spielt der Roman. Ich jedenfalls habe große Lust bekommen, dort wieder einmal hinzufahren, jedoch kann ich mir kaum vorstellen, dass ich noch einmal dort hinfahre. Es ist vielleicht der einzige Ort auf der Erde, der mir aufgrund der Umstände versagt ist, erneut zu besuchen.

Es hat mir dennoch große Freude gemacht, das Buch ein zweites Mal zu genießen, und da ich ja nach Kassel und Münster unterwegs mit Bahn und Bus war, hatte ich auch genügend Muße, es zu hören. Empfehlenswert!

csm_produkt-10002648_76b7e36f0b

Dieser Roman wurde schon 1967 veröffentlicht, aber erst 2014 ins Deutsche übersetzt. Besser spät als nie…!!!

An einem Ort am Meer haben sich junge, sehr reiche Leute in den 1920er Jahren ein Anwesen gekauft, um ihre Sommer dort zu verbringen mit Schwimmen, Wasserski fahren, Reiten, Malen und Feiern. Die Bediensteten beobachten das Treiben der Reichen genau und besprechen es untereinander. Zu ihnen gehört auch der Gärtner, der schon seit Jahrzehnten den zugehörigen Garten pflegt, und der sich mit Bediensteten und Herrschaften gleichermaßen gut versteht. Durch seine Schilderungen über sechs Sommer lang lernen wir die Menschen, Tiere und Pflanzen um ihn herum kennen und lieben, wie auch er es tut. Als eine Villa auf dem Nachbargrundstück gebaut wird und ein alter Freund der nachbarlichen Hausherrin einzieht, hat dies grundlegende Konsequenzen…

Der Gärtner hält eine Distanz und filtert doch alle Begebenheiten durch seinen liebevollen und nachsichtigen Blick, hat ein Ohr für jeden, der ein offenes braucht, und pflegt eine gewisse Nachsicht gegenüber denen, die er schonen zu müssen meint. Und gleichzeitig entdecken wir, dass der Garten um ihn herum nicht nur aus den Pflanzen besteht, sondern auch aus dessen menschlicher Bevölkerung, die ebenfalls gepflegt werden muss und den Tieren, die teilweise in ihre Grenzen gewiesen werden müssen, wie beispielsweise der kleine Affe, der zum Amüsement der feinen Gesellschaft an- und abgeschafft wurde. In besonderem Blickpunkt steht die Senyoreta Rosamaria: Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und ist durch ihre Heirat zu den „oberen Zehntausend“ gestoßen. Doch bleibt sie abseits, distanziert und kühl, selbst als sie eine Fehlgeburt erfährt, oder ihr Gatte fremd geht. Doch ganz unbeteiligt kann sie nicht bleiben, als im Nachbaranwesen ein Jugendfreund einzieht. Da wir aber immer alles nur durch den distanzierten Blick des Gärtners erfahren, gilt es, sich die Geschichte selbst zusammen zu reimen und aus den Versatzstücken zu erschließen, was sehr reizvoll ist und einiges an Interpretationen zulässt.

Dieser Roman ist ein kleines Juwel. Er scheint handlungsarm und ist doch allumfassend. Er scheint simpel und handelt doch von den kompliziertesten Dingen, die das Leben zu bieten hat, allem voran die Liebe und dem Verlust geliebter Menschen. Es ist ein Roman, den man im Sommer, in einem schönen Garten sitzend am besten lesen kann – oder aber, wenn man es gerade nötig hat, sich in eine solche Welt hineinzuträumen.

chines_verangenheitEs waren praktische Beweggründe (handlich, leicht), die mich zu diesem Buch aus dem Stapel ungelesener Bücher greifen ließ – es sollte auf einem Kurztrip das Folgebuch sein. Zudem hatte ich es einmal verschenkt, ohne es vorher selbst gelesen zu haben – etwas, das ich mir nur aus guten Gründen erlaube, die in diesem Fall aber nicht vorlagen…

Ein Mandarin aus dem Jahr 1000 reist per Zeitmaschine in das Jahr um 1983 und kommt zudem nicht wie erwartet in China an, sondern in „Min-chen“, sprich, München. Entsetzt stellt er fest, dass in dieser Welt eigentlich nichts mehr so ist, wie er es kennt. Es ist laut durch die fremdartigen ‚Ao-tos‘, in denen sich die ‚Großnasen‘ durch die Stadt bewegen, und es stinkt. Doch da das Ziel seiner zeitlich begrenzten Zeitreise ist, die Zukunft zu erforschen, blickt er mit äußerst fremdartigem Blick auf das Hier und Jetzt. Seine Beobachtungen teilt er einem Freund im zeitlich und räumlich fernen China mit, die Übertragung findet an einem speziellen Platz statt, und auch das Papier dafür ist speziell. Kao-Tai schließt Freundschaft mit einem Historiker, und schon sehr bald findet er auch eine Geliebte. Zudem lernt er einen Förster auf Weiterbildung kennen sowie einen Richter. Und so bekommt er Zugriff auf verschiedenste Lebensbereiche und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus… Der Clou ist, dass er über die Ao-tos (Autos) genauso ins Staunen kommt, wie über die Rechtsprechung, die er für viel zu lasch hält (keine Todesstrafe oder Verstümmelungen mehr nach Straftaten), über die Anti-Baby-Pille oder über Zaubertricks in einem Stripperladen. Er wundert sich über die entfremdete Arbeit in einer Fabrik und entsetzt sich über den sauren Regen, der die Wälder zerstört.

Dieses Büchlein, das sich wunderbar leicht herunterlesen lässt, ist durch den gefilterten Blick eines Mandarins des 1000. Jahrhunderts sehr vielschichtig, zeigt es uns doch den Spiegel vor das, was besser geworden ist, wie z.B. Demokratie, die der Mandarin nicht kennt und auch befremdet gegenüber tritt, Rechtsprechung oder Gleichberechtigung der Frau, oder das, was schlechter geworden ist, wie die Naturzerstörung. Oder was perverser geworden ist wie entfremdete Arbeit, Fabriken, Industrie, worauf aber gleichzeitig die Annehmlichkeiten des Lebens aufbauen, die der Mandarin aber gerne in Anspruch nimmt. Das Buch hat großen Spaß gemacht zu lesen, zudem ist es eine originelle Idee, die Welt um 1980 aus großer Distanz zu betrachten.