Archiv für die Kategorie ‘Kino’

Dies ist mal wieder von hinten bis vorne, von oben bis unten, ein echter Wes-Anderson-Film – und damit witzig, ironisch und grandios verspielt!

Szenenbld aus „Isle of Dogs – Ataris Reise“; Bildquelle: Filmstarts.de

Gedreht wurde er wieder einmal in der Slow-Motion-Technik, in dieser Technik hatte Wes Anderson schon Erfahrungen, denn sein Film Der phantastische Mr. Fox wurde ebenfalls so hergestellt.

Diesmal geht es um einen kleinen Jungen, der seinen Hund sucht. Dies muss er auf der Insel Trash Island tun, auf die nicht nur aller Müll, sondern auch alle Hunde aus Japan verbannt wurden. Ausgerechnet sein Ziehvater, das Staatsoberhaupt, besitzt eine  ausgeprägte Aversion gegenüber Hunden. Merkwürdig, dass er doch dessen Ziehsohn einen Hund (ausgestattet mit einem speziellen Sender, mit dessen Hilfe die Verständigung zwischen Kind und Hund möglich wird) anschafft…

Atari begibt sich also auf die Insel und lernt andere Hunde kennen, vom Schoßhündchen bis zum Straßenköter, und alle helfen ihm bei seiner Suche.

Also schon ziemlich abgefahren, diese Geschichte, die in einer fernen  Zukunft in einem fernen Japan spielt. Doch bietet sie Grundlage für überbordende Phantasie und viele verrückte Einfälle, die, lässt man sich auf die Geschichte ein, viel Spaß machen. Hinzu werden Japan-Klischees hoch und runter zitiert, die in ihrer Dichte riesig Laune machen. Immer wieder werden auch Passagen auf Japanisch gesprochen, die dann untertitelt wurden, wenn überhaupt. Aber das hatte auch den Effekt, dass man immer wieder daran erinnert wird, wie schwer sich die Verständigung zwischen Mensch und Tier gestaltet  (ich kann ja auch nicht genau verstehen, was meine Katze meint, wenn sie mir miauend um die Beine streift, genauso wie sie dieselben Probleme plagt, wenn ich sie etwas frage). Das machte den Film einmal mehr exotisch…

Bestimmte Stilmittel, aber auch Themen kennen wir schon aus anderen Wes Anderson-Filmen, beispielsweise, wenn die Akteure frontal in die Kamera schauen und über das Geschehen reflektieren. Ein kleiner Junge war auch die Hauptfigur in Moonrise Kingdom, der b.a.w. mein Lieblingsfilm von Wes Anderson bleibt.

Wir haben uns köstlich amüsiert – es ist intelligentes, ironisches Kino. Wes Anderson – der auch das Drehbuch selber schrieb – versteht es meisterhaft, aus den verrücktesten Stoffen gute Unterhaltung zu zimmern.

 

Advertisements

‚3 Tage in Quiberon“ Film von Emily Atef

Veröffentlicht: 29. April 2018 in Filme, Kino, Kultur

Wenn ich an Romy Schneider denke, dann erinnere ich mich an eine schöne Frau und an eine Wahrhaftigkeit in ihrem schauspielerischen Ausdruck, die ihre überragende Ausstrahlung ausmachte. Meine Erinnerungen fußen auf die Kenntnis weniger Filme, die ich vor ewig langen Zeiten gesehen habe. Dennoch ist dies eben mein Mythos von Romy Schneider. Sissy, Erotik, unglücklich sein, tragische Lebensumstände, ein Gartenpfosten, der ein Kind aufgespießt hat…; eine zerbrochene Frau.

Charly Hübner und Marie Bäumer in ‚3TAge in Quiberon‘; Bildquelle: Filmstarts.de

Allein wegen dieser Erinnerungen war ich sehr neugierig auf diesen Film, eine kluge Wahl war es, ihn in Schwarweiß zu drehen, knüpft er doch an die Erinnerungen der 60er Jahre an, in denen wir die Sissy-Filme doch alle nur so an unseren heimischen Fernsehapparaten sahen. Das passte gut.

Romy Schneider (gespielt von Marie Bäumer) befindet sich 1981 in einem Kurhotel in Quiberon zur Entgiftung. Alkohol und Tabletten haben ihrer Gesundheit zugesetzt, ganz zu schweigen von ihren finanziellen Problemen und ihrer Zerrissenheit zwischen dem Beruf und ihren beiden Kindern. Immer kommt eines von beiden zu kurz, und das ist vielleicht auch das Motto ihres Lebens: Denn sie ist, was sie tut, und das  immer mit Haut und Haar. Spielt sie, wird sie zu der Figur; ist sie bei ihren Kindern, ist sie ganz Mutter.

Romy Schneider wird besucht von dem Stern-Reporter Michael Jürgs der sich schneidig, scharf und ehrgeizig gibt (Robert Gwisdek) und dem Fotograf Robert Lebeck, so ein lieber Kerl…(gespielt von Charly Hübner). Zweiteren kannte sie schon, und es verbindet sie eine innige Freundschaft. Ebenfalls reist Romys beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) an, um Romy beim Interview und überhaupt beizustehen, denn es geht ihr absolut lausig. Warum sie zu dem Interview bereit ist, habe ich nicht wirklich verstanden, am Ende war es vielleicht nur die Aussicht, den Fotografen wiederzusehen. Fakt ist, dass sie in diesen drei Tagen dem Reporter gegenüber sehr ehrlich ist und seine teilweise provokanten, übergriffigen Fragen mit einer beinahe bestürzenden Offenheit begegnet, so dass es Michael Jürgs selbst schon ganz mulmig wird und er ihr später das Interview vorlegt und absegnen lässt, bevor es in die Veröffentlichung geht. Diese Interview-Situation ist eine von vielen in dem Film. Denn abends kommen die vier ganz privat zusammen, um in einer Kneipe ausgelassen zu feiern, natürlich fließt der Chamapgner an diesem Abend, doch es ist in jeder Hinsicht ein berauschender Abend, in dem sich Romy entspannt und ansteckend fröhlich zeigt – nur um in den frühen Morgenstunden fertig und zerknirscht im Hotel anzukommen, und übermannt von schlechtem Gewissen ihrer Kinder gegenüber diese morgens um vier Uhr oder so anrufen will… Hilde, während des Interviews zum Anstandswauwau avanciert, hält sie am Ende davon ab. Überhaupt Hilde: Mit wachen Augen versucht sie, Romy vor sich selbst zu schützen, redet ihr Tabletten, welche genommen werden wollen oder Alkohol, der getrunken werden wil, aus, mit wenig Erfolg.

Es sind wunderbare Szenen, die diesen atmosphärisch dichten Film ausmachen und das wunderbare Schauspiel aller Darsteller, aber allen voran das Spiel von der wunderschönen Marie Bäumer (der eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Romy Schneider von jeher nachgesagt wird). Sie spielt Romy derart überzeugend, dass ich zwischendurch glatt vergessen habe, dass Marie Bäumer gar nicht Romy Schneider ist, sondern sie nur spielt. Irgendwie war ich versetzt, entrückt in einen Film mit Romy Schneider, und nicht über sie. Das war faszinierend. Im Übrigen ist es ein leidenschaftlicher Film, ein Plädoyer fürs satte, ungebremste Leben, ohne zu verheimlichen, dass es eine Schattenseite gibt, die genau so schwer auszuhalten ist, wie der Gegenpol. Gleichzeitig ist es ein poetischer Film, romantisch auch, wenn wir sehen, wie Romy beim Fotoshooting über die bretonischen Steine am Strand springt oder mit einem vagabundischen Künstler in der Kneipe feiert. Ich freue mich, dass der Film gerade so tolle Auszeichnungen bekommen hat und gehe damit ganz d’accord. Es ist ein unbedingt sehenswerter Film.

Eine Klasse, 1956, irgendwo in der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland, unweit von Berlin: Zwei Schüler hatten bei einem Abstecher nach Berlin im Kino die Wochenschau gesehen, in der vom Volksaufstand in Ungarn gegen die sowjetische Besatzung erzählt wurde. Zurück in ihrem Dorf, hören sie bei einem Großonkel eines Klassenkameraden heimlich im RIAS vom blutigen Ende dieses Ausftandes und beschließen spontan in der nächsten Geschichstsstunde, eine Schweigeminute einzulegen. Dies wird ihnen als politischer Akt ausgelegt (welcher es ja auch ist), und nun wird alles daran gesetzt, herauszufinden, wer der Anstifter war – und dafür wird in Kauf genommen, jede Seele des Dorfes in seiner Würde herabzusetzen, wenn sie nicht ganz und gar linientreu ist…

Szenen aus „Das schweigende Klassenzimmer mit Jonas Dassler und Jördis Triebel; Bildquelle: Filmstarts.de

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, was ihn noch viel unverdaulicher macht. Wie mit den Menschen umgesprungen wird, wie abgrundtief menschenverachtend und brutal, ist unglaublich schmerzhaft. Selbst wenn wir doch eigentlich wissen, wie diese unmenschlichen Zeiten innerhalb Deutschlands – begonnen mit Hitlers Machtergreifung und dann eine Fortsetzung erfahrend durch den Umgang mit den Menschen in den nunmehr neuen Bundesländern – abgelaufen sind, ist es nach wie vor schwer zu verknusern, wie man damals gegängelt wurde. Einmal mehr führt uns dieser Film deutlich vor Augen, wie wichtig freie Meinungsäußerung ist. Ein Recht, das uns hier in Deutschland hoffentlich für immer erhalten bleibt…

Der Film hat mich sehr berührt, die Repressionen, denen die Schüler ausgesetzt sind, um sie zu spalten und den Schuldigen herauszufinden, sind grässlich, die Lügen, Vertuschungen und Heucheleien der Menschen ebenso. So muss der Großonkel des Schülers, ein Außenseiter, bitter dafür büßen, dass er in seinem Haus den RIAS hört  (der übrigens auch nicht ganz bei der Wahrheit in seiner Berichterstattung geblieben ist, vielleicht, um die Menschen in der „Zone“ aufzustacheln?), und als vermeintlich schwuler ist es einmal mehr lebensgefährlich, in Untersuchungshaft zu kommen… Eine Schülerin wird erpresst, dass ihre sehbhinderte Oma ihren Job verlieren wird, wenn sie nicht die Wahrheit sagt, und die anderen Dramen sind noch viel entsetzlicher… Die führe ich hier nicht aus, sondern empfehle vielmehr, diesen Film zu sehen. Es ist hart, aber es lohnt sich.

Der Film handelt von der Zeitungskrise der Washington Post Anfang der 1970er Jahre: Die Verlegerin Katharine „Kay“ Graham (toll gespielt von Meryl Streep) steht vor der Entscheidung, einen Börsengang zu versuchen, um ihre Zeitung vor dem Ruin zu retten. Zeitgleich kommen geheime Papiere ans Licht, die nicht nur den amtierenden Präsident Nixon als Lügner entlarven: Entgegen der Aussage der Regierung ist schon länger bekannt, dass der Vietnamkrieg von Amerika nicht zu gewinnen ist. Dennoch werden immer weiter Soldaten in den Vietkong geschickt und verheizt. Wird Kay trotz Androhung gerichtlicher Konsequenzen einer Veröffentlichung stattgeben? Und wenn ja, wie wirkt sich das auf die Probezeit an der Börse aus?

Krisensitzung im Hause Graham; Szenenbild aus „Die Verlegerin“ mit Tom Hanks, Meryl Streep und anderen; Bildquelle: Filmstarts.de

Dies sind die Fragen, die in diesem Drama bewegen. Dabei stammt Kay zwar aus der Familie, die einst diese Zeitung ins Leben gerufen hat, doch war sie bis zum Tod ihres Mannes, der die Leitung von ihrem Vater übertragen bekam, nicht in die geschäftlichen Prozesse involviert. Nun aber muss sie als einzige Frau „ihren Mann stehen“ – was teils belächelt wird, teils auf große Skepsis stößt. Daneben ist sie noch Mutter und bleibt auch Teil der repräsentativen Öffentlichkeit. Viele ihrer Freunde sind Politiker und stecken nicht nur aktuell in den Ämtern, sondern sie decken zudem den Verrat ans Volk. Nichts also liegt näher, als sich dem gesellschaftlichen Druck zu fügen – und zu schweigen.

Dann steigt auch noch der juristische Druck, und jetzt geht sogar dem mutigen Chefredakteur Ben Bradlee (Prima Rolle für Tom Hanks) der Arsch gehörig auf Grundeis – steht doch zu befürchten, für eine Veröffentlichung ins Gefängnis zu wandern…

Steven Spielberg hat wieder einmal sämtliche Register für ein spannungsgeladenes Kino-Ereignis gezogen, zudem, wie es bei ihm ja nicht anders zu erwarten ist, mit einem aktuellen Thema, das den derzeit amtierenenden Präsidenten sicherlich nicht amüsiert. Und so ist dieser Film nicht nur brillant von den SchauspielerInnen umgesetzt worden, sondern gleicht dabei einem Thriller. Nur mit dem Unterschied, dass diese Geschichte auf Tatsachen beruht.

Und es wird auch in diesem Film einmal mehr das Licht auf eine äußerst mutige Frau in der Geschichte geworfen, die Beachtliches geleistet hat. Es bleibt nur zu vermuten, wie beispielsweise ein Mann sich in diesem Moment verhalten hätte – und in der Tat, wer weiß, wie sich bei einer andersartigen Entscheidung die Politik entwickelt hätte…

Insofern ist auch dieser Spielberg-Film wieder einmal ein wichtiger Film, der bewegt. Das Einzige, was ich ihm vielleicht vorwerfen könnte (wenn ich wollte), wäre, dass er einfach absolut perfekt gemacht ist: Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und wurden perfekt gespielt, und auch der zeitliche Rahmen fand ausgiebig Berücksichtigung. Szenische Elemente wurden überaus geschickt eingesetzt, so dass beispielsweise sogar der Druckmaschine eine eigene tragende Rolle zukommt, oder eine einfache Pappschachtel eine geradezu dramatische Aufwertung erfährt. Das alles war vielleicht – ganz vielleicht – eine Spur zu perfekt. Aber das ist natürlich nur eine Mäkel-Kritik an einem makellosen, politsch korrekten Film.

Eine stumme Putzfrau und ein Wassermonster in einer Romanze zu Zeiten des kalten Krieges – na, wenn das nicht Stoff für einen gelungenen Film abgibt! Und das hat es auch!

Szenenbild aus „Shape of Water“ mit Sally Hawkins und Octavia Spencer; Bildquelle: Filmstarts.de

Die Hauptfiguren haben alle aus gesellschaftlicher Sicht ein gewisses Makel: Elisa, die Reinigungskraft, ist stumm. Ihr Nachbar und Freund ist erfolgloser Grafiker, dessen Angebote nicht ankommen – vielleicht, weil er schwul ist (was Anfang der 60er Jahre noch verpönt war), und Zelda, Elisas Kollegin, ist afro-amerikanischer Herkunft. Streng genommen besteht gar kein großer Unterschied zu dem Wasserwesen, das eines Tages ins Institut geliefert wird. Mit dem kann man auch nicht reden, und es wird als aggressiv wahrgenommen – was kein Wunder ist, wenn man mit Elektroschocks gequält wird…

Elisa schafft es heimlich, mit dem Wesen Kontakt aufzunehmen. Da erfährt sie, wie mit dem Wassermonster verfahren werden soll, was sie zum Agieren bringt… Und so bewegt sich die Handlung in der schönsten 60er Jahre-Kulisse zwischen Fieslingen, russischen Agenten, konspirativen Kollaborateuren, den anstehenden Weltraumerkundungstouren und eben Außenseitern, die in dem Amerika der damaligen Zeit nichts zu suchen haben…

Die Ausstattung des Films ist märchenhaft detailreich und so liebe- wie phantasievoll. Allein die Wohnungen von Elisa und ihrem Nachbarn liegen über einem Kino, und man hat fast den Eindruck, dass Requisiten aus den Filmen zusammen mit deren Geräuschen in die Wohnungen dringen. Irgendwann dreht sich die Verhältnis jedoch um, als etwas aus der obigen Wohnung in den Kinosaal sickert…

Die vielen Nominierungen (u.a. für die besten Haupt- und NebendarstellerInnen, wirklich alle SchauspielerInnen haben bestens gezeigt, was sie können) für den Oscar finde ich sehr gerechtfertigt, und auch mit drei von vier Oscars (bester Film, beste Regie, beste Ausstattung, bester Filmmusik) bin ich sehr einverstanden, denn dieser Film ist wirklich ein wundervolles, phantastisches, kuscheliges Kinoerlebnis, Wohlfühlkino erster Sorte. Allein: für mich ist es nicht der beste Film 2017. Obwohl er mir wirklich gut gefallen hat, sind Kino-Erlebnisse wie „Der seidene Faden„, „Die Verlegerin“ (Besprechung folgt in Kürze), „Aus dem Nichts“ oder „The Square“ deutlich interessanter und anspruchsvoller als dieser Film. Doch will ich damit die Güte dieses Films mitnichten schmälern – der Kinobesuch lohnt sich!

 

Der erfolgreiche Damenschneider Reynolds Woodcock hat einen recht hohen Frauenverschleiß und wechselt seine Freundinnen schnell. Liegt es an seinem stressigen Job als Modeschöpfer? An seiner exzentrischen Art? Oder ist sein enges Verhältnis zu seiner Schwester der eigentliche Hemmschuh für eine lang anhaltende Beziehung? Nachdem seine Schwester Cyril  einmal wieder seiner Freundin mitgeteilt hat, dass sie nunmehr zu der Menge der „Ex“ zählt, lernt Reynolds bei einem Landurlaub Alma kennen, die dort als trampelige Bedienung durch ihre zwar burschikose, doch auch unmittelbare Art Eindruck auf ihn macht. Und Alma, die vielleicht nicht den intelligentesten Eindruck macht, verlässt das Schema der verletzten Freundinnen, und ihr gelingt, wovon andere Frauen vielleicht nur träumen…

Filmszene aus „Der seidene Faden“ mit Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps; Quelle: Filmstarts.de

Mehr will ich über die Handlung des Films nicht verraten. Auf jeden Fall entfaltet sich die Handlung in wunderschönen, stimmig durchkomponierten Bildern und breitet eine psychische Studie vor uns aus, um den komplizierten Charakteren und ihren wahren Handlungsmotiven gerecht zu werden. Die Wendung der Geschichte ist dabei überraschend und originell zugleich.

Die Figuren Reynolds (toll gespielt von Daniel Day-Lewis), Cyril (ebenfalls grandios: Leslie Manville) und Alma (verwirrend bodenständig: Vicky Krieps) sind wahrhaft interessante Charaktere, die allesamt ihr eigenes Geheimnis hüten, und denen nachzuspüren sehr aufschlussreich ist. So denke ich auch nach zwei Tagen oft an den Film und an die ausgefallenen Persönlichkeiten zurück. Auch die Musik, geschrieben und arrangiert von John Greenwood, hat mir sehr gefallen.

Was kann ich noch schreiben, um nicht mehr zu verraten? Wie auch immer: ich empfehle den Besuch dieses Filmes dringend, er ist ein weiteres Highlight für das Filmjahr 2018 – und das will etwas heißen, nachdem ich „Three Billbords…“ und „Loving Vincent“ doch schon überragend fand!

Wenn man diesen Titel ins Deutsche und nach Deutschland  übersetzen wollte, würde er vermutlich ungefähr so heißen:  „3 Reklametafeln in Hausen, irgendwo in Deutschland“… Mitten in irgendeiner Kleinstadt inmitten eines der ländlich-langweiligen Bundesstaaten in Amerika versucht eine verzweifelte Mutter, wieder den Fokus auf ein Verbrechen zu werfen, das vor 7 Monaten geschah, und in dem ihrer Meinung nach zu wenig Zeit für Ermittlungen investiert wurde: Vor sieben Monaten nämlich wurde ihre Tochter vergewaltigt und ermordet, und die ortsansässige Polizei bemüht sich kaum darum, diesen Fall aufzuklären, da es so gut wie keine Anhaltspunkte gibt.

Filmszene aus „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ mit Frances McDormand; Quelle: Filmstarts.de

So kommt Mildred Hayes (überragend gespielt von der grandiosen Frances McDormand) auf den Gedanken, drei Werbetafeln, die aus alter Zeit an einer ehemaligen Ausfallstraße vor sich hingammeln, für die sie bewegende Frage zu benutzen: Wie kommt denn das, Polizeichef Willoughby? Und diese Frage, die sich auf drei 2,50m hohen und 4 m breiten Werbetafeln unübersehbar breit macht, bestimmt von nun an das Dorfleben…

Und so lernen wir einige der Dorfbewohner kennen: natürlich den Polizeichef Willoughby, den das Schicksal von Mildreds Tochter sicher nicht kaltlässt, der aber auch nicht weiter weiß und zudem sein ganz eigenes schweres Päcklein zu tragen hat, sein gewaltbereiter Untergebener Dickson, dem nachgesagt wird, dass er auf der Wache schon mal einen Afro-Amerikaner gefoltert hat oder auch Mildreds Ex-Mann mit seiner 19jährigen neuen Freundin. Alle reagieren unterschiedlich auf diese Plakate, doch was ihnen gemeinsam ist: Sie reagieren alle menschlich, und menschlich heißt ja nun: mit allen menschlichen Schwächen. Kann man dem Polizeichef verübeln, dass er in dem Fall Hayes nicht vorankommt? Ist es hilfreich, dass Dickson bei seiner Mutter wohnt, einer verhärteten alten Frau? Warum sollte der Kleinwüchsige des Ortes nicht auch einmal Glück in der Liebe haben? Und wäre es sinnvoll, einem armen Kerl, der mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus kommt, noch weiter Schaden zuzufügen, „nur“ weil man selbst von ihm völlig zu Unrecht vertrimmt wurde? Wer ist gut, wer schlecht? Aber was hat diese Fragestellung mitten in der amerikanischen Provinz mit der Kirche zu tun?

Das ist sicher die Stärke des Filmes, denn jeder Mensch lädt Schuld auf sich, doch die meisten haben am Ende vielleicht ja doch einen guten Kern. Mildred, schwer mitgenommen durch den Verlust der Tochter, ist nicht allein ein Opfer, wenn sie sich an den vielleicht letzten Streit mit ihrer Tochter erinnert, in dem sich die Mutterliebe nicht wirklich vermittelte… Auch sie ist Täterin beim Zündeln mit dem Thema Gewalt, und dies ist gern wörtlich zu nehmen. Man kann sich bei keiner Figur sicher sein, wie sie letztendlich tickt – dies ist kein Film der Schwarzweißmalerei, vielmehr werden die Facetten der Einzelnen akribisch herausgearbeitet, und am Ende bahnt sich so etwas wie ein prosaisches Bild der Normalität heraus.

Das ist meistens wohltuend, obwohl ich die vielen teilweise sehr brutalen Szenen weitaus übertrieben fand und im Ton auch falsch. Auch gab es einige Figuren, die denn doch vom Regisseur denunziert wurden wie beispielsweise die blutjunge Freundin des Ex oder der Kleinwüchsige, der am Ende im wahrsten Sinne des Wortes dumm da steht: Hier rutscht der Film ab ins Klischeehafte, was ihm nicht gut ansteht. Dennoch war es insgesamt nicht der schlechteste Kinoabend.