Archiv für die Kategorie ‘Kino’

Dies ist die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Hape Kerkeling: Im Fokus steht seine Kindheit, in der er einen harten Schicksalsschlag erleiden musste. Ich hatte den Trailer gesehen und war neugierig geworden auf den Jungen, der Hans Peter im Alter von vielleicht 9 Jahren spielte…

Filmszene mit Eva Verena Müller als eine Tante von Hape, und Julius Weckauf in „Der Junge muss an die frische Luft“; Bildquelle: Filmstarts.de

Was soll ich sagen… Dieser Film ist durch das phantastische Spiel von Julius Weckauf atmosphärisch dicht, beglückend und bei allem berührend! Er zeigt, was es heißt, eine depressive Mutter zu haben, aber dennoch nicht den Lebensmut zu verlieren, und auch nicht die Fröhlichkeit, wenn diese auch zeitweise auf der Strecke bleiben muss. Der Film zeigt aber auch eine liebevolle, große Familie, die zusammenhält wie Pech und Schwefel, und in der jedes Familienmitglied mit seinen jeweiligen Eigenheiten einen Platz hat. Diese Familie wird derart lebendig und liebevoll bei gleichzeitiger ruhrpöttischer Feierwütigkeit gezeichnet, dass es eine Freude ist. Und dann Julius Weckauf, der mit seinen 11 Jahren eine reife schauspielerische Leistung hingelegt hat, dass es nur so eine Freude ist! Dies ist ein Ausnahmetalent, und ich hoffe sehr, dass er auf dem Boden bleiben kann…

Doch bei aller Fröhlichkeit, die der Film ausstrahlt, kommt auch der Tiefgang nicht zu kurz, denn Hape hatte es als pummeliges Kind, das sich gerne auch mal als Prinzessin verkleidet hat, sicherlich nicht ganz leicht. Durch seine einnehmende Art aber hat er am Ende doch immer die Kurve bekommen. Großes Kino, unbedingt sehenswert!

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Aaach – Weihnachten! Was gibt es schöneres, als sich im Kino in eine andere Welt entführen zu lassen? Dieser Film jedenfalls konnte das trefflich!

Gellert Grindelwald (Johnnie Depp), den Newt Scamander (was kann Eddie Redmayne eigentlich nicht spielen??) im letzten Tierwesen-Film ja hinter Gittern bringen konnte, gelingt die Flucht. Es treibt ihn nach Paris, um Credence ausfindig zu machen, da dieser über eine bestimmte Macht verfügt. Credence wiederum treibt die Frage nach seiner wahren Herkunft um, und diese Frage führte ihn nach Paris… Eigentlich könnte nur Albus Dumbledore (den ich, verkörpert von Jude Law, etwas zu glatt fand) besiegen, aber dieser kann es eben doch nicht tun, weil ein Blutschwur ihn davon abhält. Deshalb bittet er Newt, sich auf die Suche nach Grindelwald zu machen, und Newt reist nun mal nicht ohne seinen Koffer, in dem er seine komplette Menagerie von magischen Geschöpfen mit sich führt…

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Filmszene aus „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ mit Eddie Redmayne als Newt Scamander; Bildquelle: Filmstarts.de

Und das alles – Zauberstäbe, magische Tierwesen, Zauberwesen wie Nagini, die mal Frau, mal Schlange ist, und einige weitere verrückte Charaktere – bieten schon genügend Stoff für einen unterhaltsamen Kinoabend, erst recht, wenn dieser von David Yates angerichtet wurde, der uns ja auch schon die letzten 4 Harry-Potter-Filme bescherte (und den ersten Teil von „Phantastische Tierwesen“).

Ich muss allerdings zugeben: Der Film war ab und an doch etwas wirr, so dass es mir nicht immer leicht fiel, zu folgen. Letztendlich aber ging das Drehbuch auf, und die Handlung war stimmig. Und auch das ist uns Harry-Potter-Fans ja nicht neu, dass wir Joanne K. Rowlings ganz eigener Magie durchaus vertrauen können, die uns durch Wirren und Abwege am Ende aber doch zielsicher zum Finale leitet, das sowohl in dem Film als auch bestimmt nochmal am Ende der Filmreihe stattfinden wird. Ich glaube daran – und freue mich schon auf die nächsten Teile. So wie es sich mir darstellt, hat Joanne K. Rowling diesmal „nur“ die Drehbücher verfasst und keinen Roman aus dieser Geschichte gemacht, was ich eigentlich etwas schade finde.

 

5bcd9a911fb20965a6c68c20_MFPLDer Film folgt einer Roma-Familie, die über Nacht Deutschland durch eine Zwangsabschiebung verlassen muss, und wie es ihr in Mazedonien dann ergeht.

Mitglied dieser Familie ist auch der 13-jährige Zijush, der aus seiner Schule in Deutschland gerissen wird. Da er hier aufgewachsen ist, kennt er die Sprache in Mazedonien gar nicht, und überhaupt: zunächst kann er dort nicht zur Schule gehen, vielleicht aus organisatorischen Gründen, wer weiß. Die Klassenlehrerin in Bremerhaven, Frau Carstens, holt ihn deshalb kurzerhand übers Smartphone zum Unterricht in Deutschland dazu, denn hier hat er Freunde gefunden, die ihn vermissen. Auch macht sich Frau Carstens in den Ferien auf, um Zijush und seine Familie in Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, zu besuchen – und bringt Zijushs besten Freund gleich mit.

Der Film, und also wir, folgen ihr dorthin. Man ahnt es ja schon: Wie kann es einer Familie, die jahrelang in Deutschland geduldet wurde und also hier gelebt hat, in Mazedonien schon gehen? Nicht gut – und zwar, weil die Roma dort nicht nur aus finanziellen Gründen in sozialen Brennpunkten leben. Eine weitere Tatsache ist, dass sie mit rassistischen Anfeindungen leben müssen, denn auch in Mazedonien werden sie lediglich geduldet. Der Anblick der schlecht ausgestatteten Schulen lässt Frau Carstens weinen, denn ihr ist sofort klar, dass hier die SchülerInnen überhaupt nicht gefördert werden. Hinzu kommt, dass viele nicht einmal eine Schule besuchen, warum, habe ich nicht ganz verstanden, aber da manche Familien in Wohnwagen oder einige Kinder auf der Straße leben, ist es vermutlich auch eine Frage des festen Wohnsitzes. Eine gute Frage – denn gerade wenn eine Familie aus Deutschland zwangsausgewiesen wird, ist nicht davon auszugehen, dass sie sofort einen festen Wohnsitz haben wird. In Zujishs Fall gab es einen Verwandten, der die Familie wenigstens bei sich aufnehmen konnte.

Wir erfahren von diesem grässlichen Kreislauf: Hier in Deutschland wird eine Roma-Familie geduldet, so lange es einen Arbeits- oder Ausbildungsvertrag gibt (so habe ich es verstanden). Aber eine Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden ist natürlich schwierig, wenn man über keine besondere Schulbildung verfügt. Eine durchgängige Schullaufbahn ist aber nicht gewährleistet, wie in Zijushs Fall deutlich wird. In Deutschland lediglich bis zu einem bestimmten Maß geduldet, in Mazedonien teilweise sogar verfolgt – Zijush wurde beispielsweise einmal auf dem Nachhauseweg von der Schule von Nachbarn verprügelt – können Roma kein beständiges Leben führen und sind verbannt, am Rande des sozialen Abgrundes zu leben – ohne Aussicht auf Besserung.

Im Anschluss des Films kamen noch weitere Betroffene zu Wort, z.B. ein Roma, dessen Familie in einer Nacht-und-Nebel-Abschiebe-Aktion ins Flugzeug gesetzt wurde in ein Land, das diese kaum kennt. Obwohl die Mutter ohnmächtig auf der Straße zusammengebrochen ist, wurde darauf keine Rücksicht genommen (und wer wollte ihr oder ihrer Familie schon glauben???), und obwohl die Familie im Ankunftsland niemanden kennt und erstmal in ein Hotel gehen musste, um überhaupt ein Dach über den Kopf zu haben, fand die Abschiebung statt. Eine Juristin, die sich für die Roma einsetzt meinte, dass viele der EntscheiderInnen in den Ämtern diese Einzelheiten nicht klar wären. Leider machte sie uns Publikum klar, dass es hier in Deutschland Menschen gibt, die diese Positionen dennoch einnehmen, ich meine, man kann sich auch als Beamte/r sicherlich woanders hin versetzen lassen, wenn man eine bestimmte Arbeit nicht machen will. Insofern sind diese Menschen in gewisser Weise nicht erreichbar, um auf den Missstand aufmerksam zu machen, der durch diese Abschiebungen entstehen. Dringend müsste also etwas passieren, damit die Roma ein Leben in Würde führen könnten, egal ob hüben oder drüben.

Es war ein bewegender Film und Abend, der zur Aufklärung über Zwangsabschiebung beiträgt, aber auch schwer zum Nachdenken anregt, was hier in Deutschland fürchterlich schief läuft. Und der natürlich die Problematik aufzeigt, mit der die Roma zu leben haben – sowohl hier in Deutschland, als auch in den Ländern, in die sie abgeschoben werden. Ich hoffe, dass der Film viel, viel Publikum findet, damit möglichst viele davon erfahren, was es heißt, ein Roma zu sein.

Hiermit rufe ich einen neuen Filmpreis ins Leben, der so subjektiv und eigen ist wie mein Blog, der doch nichts anderes ist als eine Chronik meiner kulturellen Unternehmungen: Ich nenne ihn:

Das goldene Kutabu

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Und dies ist meine Auswahl aus ungefähr 18-20 Filmen, die ich – und das war hierbei eine Bedingung – im Kino gesehen habe:

Bester Film:Werk ohne Autor“ – Der Film hat mich nachhaltig beeindruckt. Das Thema, wie jemand zu seinem künstlerischen, ganz persönlichen Ausdruck findet, geht mich sehr an. Einen Film, der diese Thematik derart intensiv aufgreift, habe ich zuvor nicht gesehen (oder ich erinnere mich nicht).

Bestes Drehbuch:Der seidene Faden“ – Eigentlich ist es nicht nur das Drehbuch, das mich hierbei überzeugte. Interessante Thematik in einem Drehbuch hervorragend ausgearbeitet, tolle, tolle SchauspielerInnen, wunderbare Bilder – bei diesem Film stimmte einfach alles!

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Filmszene aus „Der seidene Faden“ mit Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps; Quelle: Filmstarts.de

Bester Hauptdarsteller: Alexander Scheer in „Gundermann“. Ich finde es unglaublich, wenn Schauspieler zudem noch so gut singen können – so wie Alexander Scheer.

Beste Hauptdarstellerin: Marie Bäumer in „3 Tage in Quiberon“ hat mich absolut umgehauen. Sie hat Romy Schneider nicht einfach nur gespielt, sie war Romy Schneider! Absolut toll! Sie konnte an dieser Stelle sogar Alba August als „Astrid“ toppen – auch sie hat mich mit ihrem Spiel zutiefst beeindruckt.

Bester Nebendarsteller: Micheal Shannon als böser Sicherheitschef Strickland  in „Shape of Water“, Tobias Moretti als Maceath und Joachim Król als Peachum in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ – auch für beide letztere gilt: Was können diese Schauspieler denn nicht?

Beste Nebendarstellerin: Saoirse Ronan in „Am Strand“ – Saoirse Ronan ist und bleibt eine Ausnahmeschauspielerin!

Beste Ausstattung:  „Loving Vincent“ für die Idee und Umsetzung im Stil von van Goghs Malerei – das hat mich restlos überzeugt, „Isle of dogs – Ataris Reise“ mochte ich sehr wegen der Verspieltheit. Ich habe den Eindruck, was auch Wes Anderson anpackt: es gelingt!

Bester Film, gesehen auf DVD/BluRay: Von den rund 32 Filmen, die ich im Heimkino gesehen habe, fällt es mir doch sehr schwer, einen Film zu küren. Wenn ich dann anfangen wollte mit mehreren, würde ich vielleicht gleich ein Drittel dieser Perlen auswählen müssen. Deshalb küre ich diesmal einen Filmemacher, mit dem ich mich in 2018 (und auch schon davor) beschäftigt habe, nämlich Darren Aronofsky, dessen Filme immer interessant und psychologisch derart geschickt gemacht sind, dass sie einem wie unter die Haut gespritzt nahe gehen. Allen voran war „Requiem for a Dream“ ein unglaublich intensiver Film. Ich schätze an Aronofsky, dass seine Filme experimentellen Charakter haben und mir Bilder und Gefühle lange in Erinnerung bleiben.

Der Film ist eine freie Interpretation über die Jugendjahre von Astrid Lindgren in den 20er Jahren, betrachtet wird die Zeit zwischen vielleicht 15 und 23 Jahren – das war, bevor sie ihre Laufbahn als Kinderbuchautorin begann.

Ansatzweise selber Pipi Langstrumpf? Filmszene aus „Astrid“ mit Alba August; Bildquelle: Filmstarts.de

Astrid wird als lebenslustiges, aber sehr eigenes Mädchen gezeigt, das sich seine eigenen Gedanken macht – zu Vorschriften, aber auch in Bezug auf Glaube und die Kirche, von der ihre Familie – der Vater war Kirchenvorsteher – abhängig war. Als sie die Möglichkeit bekommt, für die örtliche Tageszeitung zu arbeiten, ergreift sie diese – und beginnt eine Affäre mit dem deutlich älteren Redakteur, der ihr Vater sein könnte. Dann wird sie schwanger, und ein Spießrutenlauf zwischen Anklagen moralischer und juristischer Art beginnt, dazu ein Kampf um Selbstbestimmtheit…

Vielleicht darf man die wirkliche Biographie von Astrid Lindgren und das hier Gezeigte nicht gleichsetzen, aber ganz sicher hatte es die junge Astrid Ericsson als sehr junge Mutter, deren Wunsch es ist, mit ihrem Kind, aber nicht unbedingt in einer Ehe zu leben – und das in den 1920er Jahren -, schwer. Das vermittelt uns dieser Film auf sehr einfühlsame Art und Weise. Und das genau ist der Fokus des Films: Wie lässt sich solch eine schwere Zeit überstehen, nicht wissend, ob das je ein Ende haben wird, ohne unterzugehen? Wie geht man damit um, wenn das eigene Kind entfremdet von der Mutter von dieser nichts wissen will? Was bedeutet es, zu kämpfen gegen all die Widerstände, erst recht gegen all jene, die aus Vorbehalten gegen ihre Person und Handlungen bestehen? Was das angeht, kann die Astrid aus dem Film uns ein leuchtendes Beispiel geben, vermutlich, nein: ganz sicher auch die Autorin Astrid Lindgren. Auch wenn in dieser Zeit von ihr als Autorin nicht die Rede ist: wenn man will, falls man das will, ließen sich vermutlich einige Parallelen an Grundhaltung ihrer starken, eigenwilligen Figuren wie Pipi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter finden. Wie toll überhaupt, dass es diese Figuren nun gibt, sind sie doch ein leuchtendes Beispiel an selbstbestimmten Mädchen, die kraft ihres Willens nicht nur Pferde heben, sondern auch gesellschaftliche Normen sprengen können (ich sollte dringend einmal Astrid Lindgrens Kinderbücher wieder lesen).

Alba August spielt Astrid nicht nur, sie lebt diese Rolle. Sie zeigt uns eine intelligente junge Frau, deren Willen bärenstark ist, und die uns zeigt, dass etwas gelingen kann, wenn man es nur will und daran festhält, allen Widerständen zum Trotz. Ganz toll! Ich hoffe, dass wir künftig mehr von dieser Ausnahmeschauspielerin zu sehen bekommen.

„Der Vorname“ – Film von Sönke Wortmann

Veröffentlicht: 8. Dezember 2018 in Filme, Kino, Kultur

Kommt mir schon ewig lang vor, dass ich den Film gesehen habe – vermutlich nicht nur deswegen, weil es auch schon etwas her ist, sondern auch, weil er mich nicht sonderlich beeindruckt hat.

Filmszene mit Florian David Fitz und Justus von Dohnányi aus „Der Vorname“; BIldquelle: Filmstarts.de

Ein Essen unter Familie/Freunden ist der Ausgangspunkt. Aus der provokativen Behauptung, dass einer der Gäste sein Kind Adolf nennen wird, so bald es in Kürze auf die Welt kommt, entwickelt sich ein Disput, in dem lang verborgene Animositäten auf den Tisch kommen. Jede/r schießt hier scharf und wird tief getroffen von den Bemerkungen anderer. Es kommen Spannungen zutage, die mitunter schon lange unter der harmonischen Oberfläche schlummerten – bis auch unglaubliche Wahrheiten ans Tageslicht kommen….

Aber genau das ist der Knackpunkt des Films bzw. der Vorlage, die auf einem Theaterstück beruht: Die Wahrheiten sind zum Teil derart überzogen, dass ich sie allzu unglaubwürdig fand und dann auch nicht mehr wirklich witzig. Und zum Lachen war ich doch schließlich ins Kino gekommen. Hat zuerst ganz gut geklappt mit dem Kichern, aber am Ende blieb doch eher ein schaler Nachgeschmack. Schade.

Dieser Film lehnt sich an biografische Begebenheiten des Malers Gerhard Richter an – Grund genug, mein Interesse zu wecken. Herausgekommen ist ein Epos über ungefähr drei Jahrzehnte und dazu über drei verschiedene Epochen Deutschlands – und es wird dazu über künstlerisches Schaffen reflektiert. Mit anderen Worten: Der Film erzählt viel, und das überwiegend gekonnt, spannend und interessant.

Filmszene aus „Werk ohne Autor“ mit Tom Schilling, der sehr einfühlsam den Hauptprotagonisten verkörpert. Bildquelle: Filmstarts.de

Der Film zeigt die politischen Raffinessen, aber auch Kunstansätze, mit denen sich Kurt Barnert (der einige Parallelen zu Gerhard Richters Biografie aufweist) im Laufe seines Lebens konfrontiert sieht. So beginnt die Geschichte mit dem Besuch der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in Dresden, und der Guide, der durch die Ausstellung führt (prägnant und überzeugend: Lars Eidinger), erklärt, warum diese Kunst als entartet anzusehen ist. Als Kurt dann nach dem Krieg die Dresdener Kunsthochschule besuchen kann, herrscht dort eine andere Meinung über das, was als Kunst zu bezeichnen ist, vor: Das Kollektive soll betont werden, die Solidarität mit der Arbeiterklasse, keinesfalls wäre das „Ich Ich Ich“ wichtig oder gewünscht. Kurt Barnert passt sich dem an und beginnt eine erfolgreiche Karriere mit dem Malen von riesengroßen Wandtafeln im Dienste der DDR. Doch befriedigt ihn dies auf Dauer nicht. Als er schließlich mit seiner mittlerweile geehelichten Frau 1962 in den Westen flieht, beginnt er mit seiner Kunst von vorn – denn hier wird wieder eine ganz andere Auffassung von Kunst vertreten.

Davor, dazwischen und danach geht es um die biografischen und sehr berührenden Erlebnisse dieses Kurt Barnert. Beispielsweise das Schicksal der jungen Tante, bei der von einem NS-regimetreuen Arzt Schizophrenie diagnostiziert wird. Oder auch das Schicksal seines Vaters, der als Lehrer zwar nicht für die Nazis stimmt, aber als Mitläufer dann doch das Parteibuch annimmt, um nicht als Gegner enttarnt zu werden, und der mit den Folgen dieses Verhaltens nach dem Krieg leben muss.

Es werden viele Geschichten erzählt, teilweise sind es beinahe Miniaturen oder Marginalien, die es aber wert gewesen wären, in einem eigenen Film ausführlich behandelt zu werden, und das ist vielleicht etwas, das man diesem Film vorwerfen könnte. Aber dennoch gibt es einen roten Faden, der zu verfolgen sich unbedingt lohnt und uns durch drei grundverschiedene Weltanschauungen führt, denen die Menschen – man könnte fast sagen: ausgesetzt – sind. Das ist spannend und interessant. Für mich war der Höhepunkt des Filmes die künstlerische Entwicklung von Kurt, der an der Kunsthochschule mit anderen Künstlern zusammentrifft. Während viele der Künstler durch eine gewisse Ich-Bezogenheit Erfolg haben, proklamiert sein Lehrmeister, der mit Fett und Filz arbeitet, eine unbedingte Authentizität, die die Kunst beinhalten muss, um ganz stimmig zu sein. Der Weg genau dorthin ist der vermutlich am schwierigsten zu gehende, doch genau dorthin treibt es Kurt, der die Nase voll hat von einem politisch geprägten Kunstverständnis. Wie er diesen seinen Weg findet, hat mich fasziniert und sehr berührt. Dies ist auch das, was den Film einzigartig macht, wie ich finde: das Aufzeigen einer inneren Entwicklung in Bezug auf Kunst.

Durch die Anlehnung an Gerhard Richters Biografie (im Gegensatz zur Nacherzählung) erlangt Henkel von Donnersmarck eine große Freiheit, da er sich nicht nur respektvoll gegenüber dem Leben dieses Künstlers verhält, sondern Sachverhalte nach seinem Belieben so verändern kann, um das herauszuarbeiten, was ihm wichtig ist. Wirklich ein gelungener Film, den anzusehen sich sehr lohnt, erst recht, wenn man sich für Kunst interessiert.