Archiv für die Kategorie ‘Kunst’

Hätten mich nicht gleich zwei Freundinnen unabhängig voneinander auf diese grandiose Ausstellung aufmerksam gemacht, ich hätte sie wohl versäumt. Und ich bin so froh, dass ich sie gesehen habe!

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Foto in der Ausstellung mit Alice Neel inmitten einiger ihrer Werke

Alice Neel, 1900 geboren, ist eine amerikanische Künstlerin. Den Namen hatte ich zuvor nie gehört, was ich im Nachhinein eigentlich nicht verstehe – aber hierzulande scheint mir diese Künstlerin wohl eher unbekannt … Vielleicht hat sie eher im Stillen gewirkt, denn während Jackson Pollock großformatig und gekonnt  kleckste, Andy Warhol seine Pop Art entwickelte und Robert Rauschenberg mit Gegenständen, Farben und Aktionen herumexperimentierte, tat Alice Neel nur eines: Sie malte, vor allem Portraits. Aber das tat sie mit Inbrunst und  Herzblut, und so floss nicht nur ihr handwerkliches Können in ihre Werke ein, sondern zudem ist jedes ihrer Bilder zugleich eine persönliche Stellungnahme. Ich habe selten in einem Portrait so viel Subjektivität gesehen, wie bei dieser Künstlerin: Nicht nur zeigen ihre Bilder die Menschen, sie zeigen auch ihre aktuelle Verfassung, und man sieht den Bildern auch an, welches Verhältnis die Künstlerin zu den Portraitierten hatte. Deutlich lässt sich in manchen Bildern eine gewisse Ablehnung herauslesen, beispielsweise auf den Gemälden, auf denen GaleristInnen portraitiert wurden. So hat sie eine Galeristin zahnlos und vergrämt gemalt, einer anderen malte sie einen unglaublichen Busen – man könnte sich vorstellen, dass Alice Neel schon vor diesen unvorteilhaften Portraits von den Galeristinnen abgeurteilt worden ist… Henry Geldzahler, Kurator für zeitgenössische Kunst und Freund von Andy Warhol, schaut uns aus dem Portrait so skeptisch an, als seien wir Zuschauer gleich mit auf dem Prüfstand, nicht nur Alice Neel, die sich ja vielleicht Anerkennung von dem Objekt ihrer künstlerischen Begierde versprach…

Ihre Portraits sind aufrichtig und authentisch, beispielsweise von Müttern mit ihren Babys, die alles andere als niedlich dargestellt sind, sondern unglaubliche Bullerköppe haben und ganz offensichtlich auf den Nerven der liebenden Mütter mit ihren tapsigen Füßen herumtrampeln. Nein, man kann nicht sagen, dass Alice Neel in ihren Gemälden etwas beschönigt; vielmehr sind ihre Bilder Dokumentationen der Stimmungen, und zwar ihrer eigenen UND der der Portraitierten.

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Alice Neels Sohn, erschöpft von der Arbeit. Foto: S.G.

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Zur Entstehungszeit dieses Gemäldes galten Pärchen, deren Hautfarbe sich voneinander unterschieden, als ungewöhnlich… In ihrem Atelier galten Konventionen jedoch nicht viel. Foto: U.D.

Noch etwas ist mir aufgefallen: Anita Rée (1885-1933), deren Werke ich neulich in der Hamburger Kunsthalle gesehen habe,  und Alice Neel (1900-1984) sind ja mehr oder weniger Zeitgenossinnen, doch während Anita Rée vergleichsweise sehr in der europäischen Maltradition verhaftet war (was keine Herabsetzung ihrer Kunst bedeutet), scheint mir Alice Neel viel unbelasteter und freier an ihre Kunst herangegangen zu sein. Natürlich sind die 15 Jahre Unterschied zwischen beiden Geburtsjahren entscheidend, da in der Welt Anfang des 20. Jahrhunderts  gravierende Umbrüche und  ein Weltkrieg herrschten. Dennoch, interessant, wie groß die Unterschiede sind…

Die Ausstellung  dieser bewegenden Bilder war absolut sehenswert. Hatte ich schon gesagt, dass ich froh bin, sie nicht verpasst zu haben? Leider endete die Ausstellung am 14. Januar. Hoffentlich kommen Alice Neels Werke bald mal wieder her, ich habe jetzt schon Sehnsucht nach ihnen.

 

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Die kleine, feine Ausstellung im tollen Hamburger Museum für Völkerkunde stellt zwei historische Abschnitte Koreas nebeneinander – und das ergibt einen megakrassen Einblick in die Entwicklung dieses traditionsreichen und technikaffinen Landes.

Koreas frühe Entwicklung ist geprägt von Konfuzius‘ Lehren – ein Philosoph, der um 500 v. Chr. lebte und wirkte. Seine Lehren zielten grob gesagt auf einen Lebensstil ab, der moralisch einwandfrei und strebsam war. Noch heute sind diese Lehren in Korea greifbar, wenn auch andererseits etwas verformt, wie mir scheint.

Die Abteilung über die alte Zeit umfasst Hüte, Kimonos, Fächer und anderen Zubehör. Uralt und einigermaßen beeindruckend zeugen sie von einer ausgeprägten Hofkultur und auch von Behördentum.

Die neuere Abteilung hingegen bietet einen Einblick in das heutige Korea, in dem die alten Traditionen fortbestehen – so sind Fotos von einem Markt in Korea zu sehen, die durchaus zeigen, wie altertümlich es dort noch immer zugeht, wenn Bauern ihre Waren auf dem Boden präsentieren, gleich neben den Auspüffen von Autos… Die Ausstattungen der Wohnungen sind dagegen ähnlich wie hier, auch wenn die Gewohnheiten und Geschmäcker der KoreanerInnen sich von den unseren unterscheiden. Faszinierend war z.B. ein spezieller Kühlschrank, der so eingerichtet ist, dass darin das beliebte und weitverbreitete Kimchi – das ist speziell eingelegtes Gemüse, sehr gesund – darin Platz findet. Mhm. Ich stand davor, und man hatte dort „Muster-Kimchi“ in den Kühlschrank gelegt, so sah es jedenfalls aus. Dennoch verbreitete sich der typische Kimchi-Geruch – ob sie den Kühlschrank entsprechend „einparfümiert“ hatten?

Auch andere Dinge schienen mir so fremd zu sein wie von einem anderen Stern: Da gab es beispielsweise auch eine Karaoke-Kiste zu sehen, in die man an öffentlichen Orten hineingehen kann. Gegen Münzeinwurf kommt dann Musik aus dem Kasten, zu dem man nach Herzenslust trällern kann. Merkwürdig… Als wir die Ausstellung besuchten, war diese Kiste hochfrequentiert: drei Koreaner(?) hatten sich dort hineingequetscht und unterhielten lautstark alle Ausstellungsbesucher…

Gruselig fand ich die Popkultur der koreanischen Jugend. Die Boygroup, von der Fotos an der Wand hingen, schien mir viel eher aus Stricherjungen zu bestehen. Sind jedoch Idole. Natürlich fanden sich in der Ausstellung auch Stücke mobiler Endgeräte, was uns drastisch vor Augen führt, wo viele unserer Handys und Smartphones herkommen. Daneben fanden sich brav gehandwerkelte Überdecken für einen geordneten Haushalt.

Einiges fand ich wirklich sehr fremd, beispielsweise die vielen Sorten von „Medizin“, um einen Kater nach einer feuchtfröhlichen Nacht zu bekämpfen, oder auch die Instant-Fertigsuppen, die man freilich auch mittlerweile bei uns im Supermarkt kaufen kann. Auch ist Korea mit seiner unglaublichen wirtschaftlichen Entwicklung ein Paradebeispiel für Ehrgeiz und Leistungsdenken, das mir etwas unheimlich ist…

Korea ist eine Welt zwischen Fast Food, Technikbegeisterung, Ehrgeiz und strengen Traditionen. Ein spannendes Land! Es ist eine spannende, übersichtliche Ausstellung, die Einblick in ein modernes und für mich ziemlich exotisches Land gibt.

Weitere Impressionen findest Du bei Facebook: https://www.facebook.com/VoelkerkundemuseumHH/posts/10155969868676823

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Wer in den 20er, 30er Jahren etwas von sich hielt, besuchte in Wien Madame d‘Oras (1881-1963) Fotostudio, um sich dort von ihr fotografieren zu lassen. So entstanden in der aufregenden Zeit der 20er Jahre viele Portraits von der Wiener Upper Class und auch der Künstlerbohéme, aber auch von vielen Schauspielern und Modemacherinnen. Die Fotos sind in den gewählten Ausschnitten und den sorgfältig herausgearbeiteten Graustufen ästhetische Meisterwerke, die die Menschen vorteilhaft in Szene setzten – bis zum aufkeimenden Nationalsozialismus. Das heile Weltbild, auch das von Madame d’Ora, geriet ins Wanken. Hatte sie zuvor die Menschen in ihrem Prunk gezeigt, in wunderbaren Kleidern und in voller Schmuckmontur, hinterlässt diese Zeit ihre Spuren auch in ihrer Arbeit. Durch ihre notwendige Flucht – sie war Jüdin – kommt sie in Berührung mit Leid und Elend, das ihre Arbeit aus den tollen 20ern ad absurdum zu führen scheint. Konsequent wendet sie sich auch fotografisch anderen Motiven zu: Sie fotografiert in Flüchtlingsunterkünften und dokumentiert damit die Kehrseite von Reichtum und Wohlstand.

Auch Portraits erhalten einen neuen Aspekt: Statt den ewigen Glanz zu zeigen, bezieht sie bildlich auch den körperlichen Verfall mit ein, macht die Vergänglichkeit und das Altern spürbar, zeigt nun auch das, was sie in den Bildern vor dem Krieg kategorisch ausgeklammert hatte. Jetzt sind es nicht mehr die glatten Gesichter von jungen Menschen, vielmehr das Aufdecken von Alterungsprozessen, das sie auf manchen Bildern noch drastisch unterstreicht, indem sie Tierkadaver mit ins Motiv hinzunimmt, bilden den neu gesetzten inhaltlichen Schwerpunkt.

Und dann, schließlich, mündet ihre Arbeit in zwei Serien, die sie in einem Pariser Schlachthof aufgenommen hat: Tote Kälberaugen, abgezogene Schafe, gehäutetes, mit weißen Sehnen durchzogenes Pferdefleisch sind ihre drastischen Motive, die trotz der Grässlichkeit des Themas – man fragt sich, ob das normal ist, wie die Tiere hier ums Leben gekommen sind, oder ob Tierquälerei ein weiterer Kritikpunkt ist – durchaus auch eine ganz eigene Ästhetik besitzen.

Von der schönen Welt des Scheins bis zum blutigen Schluss reicht das Spektrum von Madame d’Oras Fotokunst. Das ist eine unglaubliche Entwicklung, die die Künstlerin durchgemacht hat! Betrachtet man ihr Werk in der Gänze – und das erlaubt diese Ausstellung ja, wenn sie nicht geradezu dazu auffordert – entsteht ein verstörendes Verständnis von Ästhetik, und es drängt sich die Frage nach der Endlichkeit aller Wesen gegenüber einer unmenschlichen Verdrängung des Eigentlichen auf. Diese Ausstellung, die mich, da chronologisch angeschaut, zunächst im Ästhetischen der Motive und der formalen Bildaufteilung hat schwelgen lassen und mich sodann durch den Kontrapunkt nachdenklich werden ließ, hat mich tief berührt.

 

Anita Rée: Selbsportrait, 1930 (Bildquelle. Hamburger Kunsthalle)

Anita Ree wurde 1885 geboren und stammte aus begütertenm Elternhaus. Sie wollte unbedingt Malerin werden, was zu ihrer Zeit gesellschaftlich nicht nur nicht anerkannt, an akademischen Institutionen für Frauen sogar unmöglich war. Dennoch gelang es ihr, eine entsprechende Ausbildung über Privatunterricht zu absolvieren. Mit ihren Portraits, die sie in jungen Jahren malte, hatte sie sogar einigen Erfolg. Zu Recht: Es sind wunderschöne Bilder, die nicht nur die Auftraggeberinnen pointiert darstellten (während die männlichen Portraits einen leichten Schlag ins Karikaturhafte erhielten), sondern auch in ihrer Farbigkeit und Komposition sehr eigene und ästhetisch überzeugende Bilder sind. Zwei ihrer Hauptwerke neben anderen gehören in die Hamburger Kunsthalle und sind uns HamburgerInnenn schon lange bekannt: Es ist zum einen ihr Selbstportrait, das in gelb gehalten ist, und zum anderen eine erotische Darstellung von eine Frau mit bloßem Oberkörper, die vor einem Busch mit Feigen steht. Es sind beides ungewöhnliche Bilder: der auffordernde, direkte Blick von Anita Rée in ihrem Selbstportrait spricht uns BetrachterInnen mit seiner Direktheit beinahe auffordernd an. Das andere Gemälde von der halbnackten Frau ist sinnlich und zugleich ungewöhnlich: das Bild, eine gewisse Komik, aber auch Derbheit beinhaltend, spricht eine ganz eigene Sprache, mit keinem anderen Künstler vergleichbar (ich wüsste nicht, mit wem).

Es ist ein großes Glück, dass die Hamburger Kunsthalle zur Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus einen Hausmeister beschäftigte, der über Kunstverstand verfügte: Wilhelm Werner war es nämlich, der zusammen mit weiteren auch einige von Anita Rées Werken vor dem Abtransport ‚entarteter Kunst‘ versteckte. So ist es allein ihm zu verdanken, dass diese Werke heute noch erhalten sind.

Verirrtes Schaf in verschneiten Dünen, 1932/33; Bildquelle: Hamburger Kunsthalle

Mit dem Nationalsozialismus wurde auch Anita Ree als Halbjüdin angefeindet. Sie reagierte mit innerer Emigration und zog sich auf die Insel Sylt zurück. Hier malte sie keine Portraits mehr, sondern Winterlandschaften, auf manchen sind verirrte Tiere zu sehen. Es sind berührende Bilder, die von einer desorientierten Lebenssituation sprechen.
1933 nahm sich Anita Rée auf Sylt das Leben.

Die Ausstellung umfasst neben einigen Zeichnungen und vielen gemalten Portraits und Landschaften (darunter auch das damals viel diskutierte Gemälde „Weiße Nussbäume“  von 1922–1925, über das ihre Verbundenheit mit der Künstlervereinigung der Hamburgischen Sezession ernsthafte Risse bekam) auch einige bemalte Möbelstücke sowie Bilder, die sie ihren Freunden schenkte. Es waren Gemälde, die sie ihnen überließ, weil sie beispielsweise bei ihnen wohnen konnte. Auch ein Puppenspiel hat sie gestaltet. Es ist eine gar nicht so kleine und sehr feine Ausstellung, deren Besuch sich sehr gelohnt hat.

 

jane-der-fuchs-und-ichAufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch meine Bloggerkollegin Klappentexterin, und die Rezension hat mich derart neugierig gemacht, dass ich sofort losgezogen bin, um mir dies Buch zu besorgen. Zudem habe ich noch nie meine Nase in eine Graphic Novel gesteckt, war also auch deswegen neugierig. Und was soll ich sagen: Ich bin schwer begeistert…!!!

Helène wird in der Schule gemobbt – niemand will mehr etwas mit ihr zu tun haben. Wie es dazu kam, wird nur in Ansätzen geschildert. Irgendwie hat es etwas mit dem Pettycoat-Kleid zu tun, das ihre Mutter ihr liebevoll genäht hat. Doch genaueres wird nicht gesagt – so ist genug Raum vorhanden, sich die Geschichte selbst zusammen zu reimen. Helène übersteht diese schwere Zeit der Einsamkeit, indem sie sich in ein Buch vertieft: „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë. Wie Helène muss sich auch die Hauptfigur des Romans durch eine schwere und einsame Kindheit bewegen, und es ist tröstlich, dass Jane es tatsächlich schafft zu überleben.

Helènes Lage spitzt sich noch zu, als die Kinder zu einer Klassenreise genötigt werden…

 

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Das Buch besteht aus wunderbaren Zeichnungen, die nicht nur in sensiblen Schwarzweiß-Bildern Helènes Lebensgefühl festhalten, sondern auch die Bedeutung des Brontë-Romans vor Augen führt. Denn wie ein lebensrettender Anker erscheinen hier Farbtupfer in verschiedenen Orangetönen. Diese treten immer auf, wenn Helène etwas erfährt, das ihren Erlebnishorizont um ein positives, tröstendes Element bereichert, und so wird für uns sichtbar, wie und warum Helène es schafft, diese schwierige Zeit zu überstehen. Die Zeichnungen, egal ob schwarzweiß oder mit dem Farbtupfer, sind dabei so wunderbar, dass es eine Augenweide ist, das Buch durchzugehen. Kaum hatte ich es durch, musste ich deshalb von vorne beginnen (und jetzt könnte ich es auch schon wieder zur Hand nehmen…).

Dieses Buch schildert sehr gelungen das schwierige Lebensgefühl einer Fünftklässlerin und fängt auf beeindruckende Weise ein, wie sich vieles ändern kann – und das auch zum Besseren. Ich fand es einfach toll.

 

Im 17. Jahrhundert erfuhr die Kunst in den Niederlanden einen riesigen Aufschwung: Die Nachfrage nach Gemälden stieg, die Menschen verlangten nach Kunst, um ihr eigenes Heim zu schmücken. Die Künstler mussten sich etwas einfallen lassen, um den Kunstmarkt zu bedienen und den verschiedenen Geschmäckern – und Geldbeuteln – gerecht zu werden. Manchen Kunden ging es um flüchtige Alltagsszenen, andere wollten filigran gemalte Bilder haben, die natürlich in der Herstellung teurer waren. Wieder andere verlangte es nach Naturszenen oder aber nach ausgefalleneren Motiven. Portraits standen hoch im Kurs, aber auch die günstigeren Tronies, das sind portraitähnliche Charakterstudien von oft anonymen Personen, wurden zu begehrten Kunstobjekten. Die Beliebtheit dieser Bilder ging sogar so weit, dass man sie in einer Lotterie gewinnen konnte.

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Ausschnitt von der Website des Bucerius Kunstforum http://www.buceriuskunstforum.de

Damit die Künstler schnell produzieren konnten, gab es Spezialisierungen: Einer konzentrierte sich darauf, Kühe zu malen, der nächste war ein Meister im Malen von Wirtshausszenen; ein Spezi hatte sich auf das Wiedergeben von Szenen mit Feuer konzentriert, und so weiter. Durch diese Herangehensweise entstanden Bilder von sehr unterschiedlicher Qualität. Sicher, sie waren filigran und gut gemalt, doch neben beeindruckenden Portraits gab es auch Gemälde mit vergleichsweise wenig starker Aussagekraft.  Ich mochte die Bilder zwar, aber eine gewisse Tiefe entbehrten einige am Ende doch. Sicher werde ich den Gemälden nicht gerecht, wenn ich das Wort ‚Kitsch‘ einwerfe – und es ist auch nicht für jedes Bild bezeichnend – doch ganz wegdenken lässt es sich nicht.

Trotzdem war es eine aufschlussreiche und interessante Ausstellung zu einem ausgefallenen kunsthistorischen Thema.

Von dem Hamburger Künstler Carl Lohse (1895-1965) hatte ich vor Besuch der Ausstellung nie gehört. Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass er eine relativ kurze Schaffenszeit hatte, bzw. eine sehr kurze und später noch eine, über die ich nichts sagen kann, weil ich keine Bilder von ihm aus der Zeit kenne. Den Aussagen innerhalb der Ausstellung nach war es aber die kurze Schaffenszeit 1919-21, in der er Herausragendes geleistet hatte. Wie so oft, blieb der Erfolg damals aber aus, und frustriert ergriff Carl Lohse zunächst einen bürgerlichen Beruf und ließ das Malen in der Zeit vielleicht sogar ganz bleiben – obwohl Alfred Lichtwark versuchte, ihn zu fördern.

Es sind wilde Bilder, ursprünglich, der Mann muss in diesen zwei Jahren gemalt haben wie verrückt, denn verrückt sind die Gemälde auch. Sowohl farblich, als auch vom Malduktus hat er auf der Leinwand herumexperimentiert, und so ist in dieser Zeit ein beeindruckendes Oeuvre entstanden, fern aller Konventionen und auch Traditionen – wiewohl sich Lohse durchaus zeitgemäß zu den Expressionisten zählen lässt.

Lohses Darstellung von Orten erinnern an die apokalyptischen Landschaften von Ludwig Meidner (die sind allerdings früher entstanden), und zeichnen sich wie dessen Bilder durch einen wilden Malstil aus:

Das Heftige und Freie in seinen Bildern hat mich besonders beeindruckt. Ganz ungebremst hat er sich den Farben und Formen hingegeben:

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Hier im Detail lässt sich noch besser erkennen, wie der Künstler Lohse auf der Leinwand gewütet hat:

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Die Portraits nehmen ebenfalls einen großen Raum in Lohses Werk ein, und auch sie bestechen durch Originalität. Fast meint man sich an Andy Warhol erinnert zu fühlen, was natürlich komplett anachronistisch ist, doch in gewisser Weise scheint mir Maler Lohse durchaus ein Wegbereiter der Pop-Art zu sein:

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Mich haben die Bilder durchaus in ihren Bann gezogen. Eine tolle Entdeckung, die ich dank des Ernst Barlach Hauses machen konnte (die Ausstellung endet heute)!