Archiv für die Kategorie ‘Kunst’

Von dem Hamburger Künstler Carl Lohse (1895-1965) hatte ich vor Besuch der Ausstellung nie gehört. Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass er eine relativ kurze Schaffenszeit hatte, bzw. eine sehr kurze und später noch eine, über die ich nichts sagen kann, weil ich keine Bilder von ihm aus der Zeit kenne. Den Aussagen innerhalb der Ausstellung nach war es aber die kurze Schaffenszeit 1919-21, in der er Herausragendes geleistet hatte. Wie so oft, blieb der Erfolg damals aber aus, und frustriert ergriff Carl Lohse zunächst einen bürgerlichen Beruf und ließ das Malen in der Zeit vielleicht sogar ganz bleiben – obwohl Alfred Lichtwark versuchte, ihn zu fördern.

Es sind wilde Bilder, ursprünglich, der Mann muss in diesen zwei Jahren gemalt haben wie verrückt, denn verrückt sind die Gemälde auch. Sowohl farblich, als auch vom Malduktus hat er auf der Leinwand herumexperimentiert, und so ist in dieser Zeit ein beeindruckendes Oeuvre entstanden, fern aller Konventionen und auch Traditionen – wiewohl sich Lohse durchaus zeitgemäß zu den Expressionisten zählen lässt.

Lohses Darstellung von Orten erinnern an die apokalyptischen Landschaften von Ludwig Meidner (die sind allerdings früher entstanden), und zeichnen sich wie dessen Bilder durch einen wilden Malstil aus:

Das Heftige und Freie in seinen Bildern hat mich besonders beeindruckt. Ganz ungebremst hat er sich den Farben und Formen hingegeben:

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Hier im Detail lässt sich noch besser erkennen, wie der Künstler Lohse auf der Leinwand gewütet hat:

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Die Portraits nehmen ebenfalls einen großen Raum in Lohses Werk ein, und auch sie bestechen durch Originalität. Fast meint man sich an Andy Warhol erinnert zu fühlen, was natürlich komplett anachronistisch ist, doch in gewisser Weise scheint mir Maler Lohse durchaus ein Wegbereiter der Pop-Art zu sein:

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Mich haben die Bilder durchaus in ihren Bann gezogen. Eine tolle Entdeckung, die ich dank des Ernst Barlach Hauses machen konnte (die Ausstellung endet heute)!

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Von Ernst Eitner hatte ich noch nie etwas gehört, warum eigentlich nicht? Er war ein Künstler um 1900 und lebte und arbeitete in Hamburg im Stile des Impressionismus.
Nun könnte man böse die Frage stellen, was seine Originalität eigentlich ausmachte. Den Impressionismus hatte er nicht erfunden, das waren ja die Künstler in Frankreich. Dennoch war es zu seinen Lebzeiten nicht einfach, sich mit der impressionistischen Malweise zu behaupten. Damals empfand das Publikum die Gemälde, in denen Licht und Luft einzufangen versucht wurde, als Kleckserei – „Spinat mit Ei“ wurde ein Gemälde von Ernst Eitner in einer vernichtenden Kritik benannt. Heute können wir das nicht mehr finden und erfreuen uns vielmehr an diesen wunderschön gemalten Bildern, die, wie ich finde, vom Stil her durchaus mit den Franzosen seiner Zeit mithalten können.

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Aquarell von Ernst Eitner

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Ölgemälde von Ernst Eitner

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Interieur, vermutlich in Öl (ich erinnere mich nicht genau)

Mal gerade, dass er den impressionistischen Stil nicht weiterentwickelt hat, mag man ihm vorwerfen. Aber Ernst Eitner stand zu dem Stil, organisierte sich in Hamburg mit anderen Künstlern im „Hamburgischen Künstlerklub“, und wurde von Alfred Lichtwark, dem damaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle, gefördert. Eitners Motive waren jedoch nicht auf lichtdurchrflutete Natur beschränkt; auch Menschen oder gar Maschinen bei der Arbeit gehörten zu seinen Themen, was das Publikum ebenfalls eher befremdlich anmutete. Irgendwie war Ernst Eitner letztendlich doch ein Mitglied des Bürgertums – und damit doch in guter Gesellschaft, wenn man daran denkt, dass auch Thomas Mann sich dazu rechnete (wenn auch mit einer gewissen Ambivalenz).

Mehr über die Arbeit von Ernst Eitner und die Ausstellung im Jenisch-Haus (bis 12. November) findest Du hier.

 

Diesen Manga-Film über die Tochter des berühmten Künstlers Hokusai ist uns ausschnittweise schon in der Manga-Ausstellung über den Weg gelaufen – das hatte mich neugierig gemacht, und dank Tauschticket habe ich die DVD günstig geschossen.

Die Geschichte ist eigentlich kaum eine; vielmehr ist es ein Portrait der Persönlichkeit der jungen Tochter, die ihrem Vater zum Teil bei der Fertigstellung der Auftragsarbeiten half, da sie mindestens so begabt war, wie ihr Vater. Ihr Schwachpunkt war vielleicht nur die Darstellung erotischer Szenen, die einer gewissen Tiefgründigkeit entbehrt haben soll.

Szene aus ‚Miss Hokusai‘; Bildquelle: AV Visionen (gefunden bei Filmstarts.de)

Doch der Film gibt zudem einen Einblick in die japanische Kultur und deren ganz alltäglichen Umgang mit verschiedenen Geistern und anderen Phänomenen. So bekommen Vater und Tochter beispielsweise von einem Künstlerkollegen die Anleitung zum Drachenmalen. Dabei hatte man eben darauf zu warten, dass sich der Drache aus windigen Höhen zum Künstler hinab begibt, um endlich auf dem Papier zu landen. Miss Hokusai versucht es – und am nächsten Morgen schon ist das riesige und beeindruckende Bild des Drachens fertig, eine Arbeit, die sonst mehrere Tage braucht!
Auch mit geisterhaften Phänomenen wird umgegangen, als handele es sich um einen ganz alltäglichen Vorgang. Beispielsweise möchte der Maler Hokusai beobachten, wie der Hals einer Kurtisane des Nachts während des Schlafes immer länger wird. Völlig abgefahren!

Auch die Geschichte – und die Darstellung dazu – vom Künstler, von seinen Händen, die sich nachts auf den Weg machen, länger und länger werden und zu verschwinden drohen, ist durch das Phantasievolle an sich schon ungemein spannend. Dass sich die Mangakultur hervorragend dazu eignet, diese Ideen szenisch umzusetzen, versteht sich von selbst, auch wenn die Figuren stark vereinfacht dargestellt sind.

Es ist ganz besonderer Film, reich an Phantastischem, aber auch atmosphärisch dicht, vielleicht gerade wegen seiner Episodenhaftigkeit. Dass er einen Preis abgesahnt hat, scheint mir jedenfalls nachvollziehbar. Und gerechtfertigt!

Hier kannst Du Dir den Trailer zu Miss Hokusai anschauen.

 

baselitz1Diese kleine und wie immer in diesem Hause feine Ausstellung widmet sich ganz dem druckgrafischen Werk dieses einstmals rebellischen Künstlers. Georg Baselitz bediente sich ja bekanntermaßen mit einem Trick, um die Sehgewohnheiten des Publikums zu brechen und so neue Aspekte entdecken zu lassen: Er drehte die Motive teilweise einfach auf den Kopf. Interessanterweise ist es dann wirklich nicht mehr ganz einfach, sich auf dem Bild zurechtzufinden, denn das Auge sucht nach Anhaltspunkten und findet sie schließlich mit dem auf den Kopf gestellten Motiv. Und dennoch verändert sich die Sicht dadurch: Einiges zu erfassen wird schwierig zugunsten anderer Feinheiten, die sonst vielleicht nicht wahrgenommen worden wären.

Die riesigen Holz- und Linolschnitte leben jedoch auch von ihrer Monumentalität. Teilweise sind die Bilder mindestens 1,50 m breit und vielleicht 2 m hoch. Auch das macht, neben der zum Teil rein verarbeiteten Farben, einen großen Reiz aus.
Was mir sehr gefallen hat, waren die persönlichen, ja privaten Stellungnahmen. Ganz eigene Positionen fand Baselitz, beispielsweise in einer Bilderreihe, in der er sich selbst als alternden Mann darstellt.

Auch haben mich die ungewöhnlichen Perspektiven beeindruckt, wie bei dem Bild „Spaziergang“. Am schönsten fand ich jedoch die Reihe „Sing Sang BDM“, in der sich bei dieser feinen Strichätzung menschliche Körper auf dem Papier abzeichnen.

 

Dennoch, bei allem muss ich zugeben, dass ich zunächst keinen Zugang zu Baselitz‘ Werk gefunden habe. Ein „Aha“- oder „Oh“-Erlebnis hatte ich bei dieser Ausstellung nicht wirklich. Jetzt aber, mit Abstand – denn leider – oder vielleicht ja auch gücklicherweise – habe ich es schon wieder nicht zeitnah geschafft, über meinen Besuch zu schreiben – gefallen mir die Bilder besser und besser. Interessant, dass sich mein Eindruck nun nochmal geändert hat. Bloggen ist eben eine wirklich gute Möglichkeit, die Dinge erneut Revue passieren zu lassen und nochmal die eigene Meinung zu überdenken.

Skulpturenausstellung Münster

Veröffentlicht: 23. September 2017 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Alle zehn Jahre, immer im Documenta-Jahr, werden auf Münsters öffentlichen Straßen und Plätzen Skulpturen von Gegenwartskünstlern ausgestellt – Grund genug, einen Abstecher in diese schöne Stadt zu machen!

Dieses Mal empfand ich die ausgestellte Kunst etwas arg sperrig, doch auch das hatte unbedingt was. Die Kunst war irgendwie auf dem Sprung, wollte verschwinden, schien die Betrachter zu beobachten – oder schien sich auf andere Weise zu zieren, (wohlwollend oder auch nicht ) rezipiert zu werden. Jedenfalls einige Kunstwerke…

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Da steht beispielsweise ein Schwertransporter vorm Museum (aufgestellt wurde er von Cosima von Bonin und Tom Burr), auf seiner Ladefläche steht ein Kasten, genau in der Größe der Skulptur von Henry Moore (die dort aber schon lange steht). Man könnte meinen, die Kunst würde von hier wegtransportiert werden…

Mit auf dem Foto ist eine Zeichnung an der Wand, und in diesem Stile gibt es noch mehr von dieser Art Wandschmuck. So weit ich es erinnere, sind immer fallende Figuren dargestellt. Irgendwie haben die Zeichnungen, angebracht vom Künstler namens Sany, etwas Heiteres an sich, und doch wirken sie fremd, und das Fallen an sich assoziiert eine plötzliche Bewegung, dazu tragisch. Ist das Kunst oder kann das weg? Gute Frage. Und ich glaube, tatsächlich es ist diese Frage, die sich hier tiefgründig auftut.

muenster_steinblockEbenso rätselhaft und dazu irgendwie falsch ist die Skulptur, aufgestellt von Lara Favaretto, die vis a vis dem sogenannten Traindenkmal gegenübersteht. Sie ist aber gar nicht das, was sie zu sein scheint: sie sieht zwar aus wie ein grob behauener Steinblock, ist es aber nicht. Vielmehr ist der vermeintliche Steinklotz innen hohl, ein Fake, sozusagen.

Und dann war da noch der fiese Kringel von Nairy Baghramian. Beinahe trotzig liegt er da im Vorhof des Erbdrostenhofes, und er erinnert an eine schnell gezeichnete Markierung in einer Landkarte. So spröde dieser Kringel auch wirken mag, so scheint er doch einer höheren Macht entsprungen, die vielleicht eine Ordnung verfolgt, die nicht im Sinne von uns Bürgern ist… Das wiederum finde ich beinahe unheimlich, gerade zu diesen Zeiten, wo der eine oder andere Politiker (oder auch gleich mehrere) durchzudrehen scheint und Dinge beschließt – vielleicht vor einer Landkarte -die an und für sich schon gruselig sind…

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Noch ein weiteres Werk will ich nennen, um meine vorangestellte These zu stützen: die freche Installation von Michael Dean. Der Künstler hat den Innenhof des Museums mit Folie abgehängt. Nur durch einige Gucklöcher kann man Ausschnitte auf die Installation werfen, was neugierig macht. Doch man kann sie auch durch einen Eingang begehen. Und steht dann zwischen rätselhaft angeordnetem Schrott mit Betonfüßen… Angeblich sollen die Teile der Installation in Form eines f in Schreibschrift angeordnet sein, ich konnte das nicht erkennen. Auch dieses Werk entzog sich mir und ließ mich weder an einer Ästhetik noch an einem Bedeutungsansatz teilhaben.

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Ich muss zugeben, dass ich mich besser einer Führung angeschlossen hätte, ohne dies blieb mir der Zugang zu vielen der Werke verschlossen, wenn sie nicht genau dies bewirken sollten. Trotzdem habe ich den Tag in Münster sehr genossen, die Stadt ist entzückend und macht auf mich einen weltoffenen Eindruck, nicht zuletzt, weil man hier an allen Ecken und Enden Kunst sieht, denn viele Werke sind aus den vorangegangenen Skulpturenausstellungen ins Stadtbild integriert worden.

Besuch der Documenta 14

Veröffentlicht: 9. September 2017 in Ausstellungen, Gedanken, Kultur, Kunst

Ich maße mir nicht an, dass ich in den 1 ½ Tagen in Kassel wirklich einen Überblick über die gesamte Documenta bekommen habe, zumal ich bei weitem nicht alle Ausstellungsorte besucht habe. Es ist bei einer Auswahl geblieben, mehr oder weniger willkürlich. Da uns schon vorher klar war, das wir nicht alles „schaffen“ werden, haben wir uns das auch gar nicht vorgenommen, sondern wir versuchten, den kleinen Ausschnitt auf uns in Ruhe wirken zu lassen und zu genießen.

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Der Parthenon der Bücher

Unser Rundgang begann klassischerweise am Friedrichsplatz, wo die argentinische Künstlerin Marta Minujín den Parthenon aus Athen nachbauen ließ und den „Parthenon der Bücher“ aufbaute, indem sie an Metallgestellen lauter Bücher festband, die irgendwo auf der Welt schon mal verboten waren. Um die Bücher zu schützen, hat sie sie mit Plastik umwickeln lassen. Und um den Parthenon wirklich voll zu machen, waren Mehrfachhängungen unumgänglich. Vom nahen betrachtet ergab sich für mich kein besonders beeindruckendes Bild. Die Materialien wirkten billig, und die Auswahl finde ich persönlich zu willkürlich, da findest Du Bücher von Solschenizyn neben Brecht, aber da findest Du auch Bücher von Goethe und jede Menge Harry Potter. Mir schien das zu willkürlich; kann man vielleicht sagen, dass sehr, sehr viele Bücher aus den verschiedensten Gründen irgendwo auf der Welt mal verboten waren? In der Abendsonne ergab sich später dann doch noch ein einigermaßen ästhetischer Anblick, was mich ein wenig versöhnte. Aus welchen Gründen auch immer, habe ich den Anblick bei Dunkelheit – durch eine spezielle Beleuchtung sollte das dann sehr schön aussehen – verpasst.

In den Karlsauen war diesmal nicht viel zu sehen. Die „Blutmühle“, ein großes Holzkonstrukt, in das einstmals Sklaven festgebunden wurden, die durch ein ständiges Im-Kreis-Laufen dafür sorgten, dass Münzen geprägt wurden, war nicht in Bewegung, und der schmale Streifen, in dem der Künstler Lois Weinberger verschiedene Wildpflanzen sich ansiedeln lässt, musste vermutlich noch erst in Gang kommen, aber die Fragestellung ist interessant: Wem gehört die Erde, auf der sich die Pflanzen ansiedeln, auch wenn sie von weit her kommen…?

Und das ist sicherlich ein Schwerpunkt, ein Thema, das von vielen Künstlern auf dieser Mammutveranstaltung aufgegriffen wurde: Was bedeutet Identität, was ist Heimat, was ist die Fremde? So gab es viele Installationen, die sich auch mit der Frage beschäftigten, was es bedeutet, dass viele Urvölker durch die Globalisierung oder durch den Eingriff des Staates ihre Kultur und Tradition verlieren. Nachdenklich gemacht hat mich das Werk von Susan Hiller („Lost and Found“): Hier wurden in einem dunklen Raum Tonspulen von Sprachen abgespielt, die vom Aussterben bedroht sind (oder mittlerweile ausgestorben sind), dazu gab es eine Aufzeichnung ihrer Schallwellen. Es macht mich traurig, zu erfahren, wie viel an Kultur anderer Völker einfach verschwindet…

Abgesehen von der sehr interessanten Dauerausstellung des Museums für Nekromantik gab es auch dort interessante Exponate. Das Künstlerduo Prinz Gholam beispielsweise stellt in seinen Videos Posen alter griechischer Statuen nach, was sich auf einem Friedhof, am Rande eines Amphitheaters oder vor einem Säulenarrangement merkwürdig ausnimmt, zumal die beiden Alltagskleidung tragen. Besonders spannend fand ich eine Fotoreihe von Thomas Dick mit Bildern australischer Ureinwohner, die beim Fischen und Jagen gezeigt wurden. Es sind Szenen, die man heute in dieser Form ganz sicher nicht mehr sehen kann…

Foto von Thomas Dick

Viele Exponate in der Documentahalle greifen dieses Thema wieder auf: Da gibt es gleich zwei Räume, die Fotos, Dokumente, Kleidungsstücke und Musikinstrumente des Musikers Ali Farka Touré aus Mali zeigen. Was ich davon mitnehme, ist der Stolz auf sein Heimatland, seine Identifizierung mit Mali als Ausgangspunkt seiner Kreativität. Allerdings ist Touré hier nicht der Künstler, sondern Ingo Diarra, der meiner Meinung nach genau dies zeigen wollte. Berührend fand ich auch den hinteren Teil der Documentahalle, mit Werken des afrkanischen Künstlers El Hadji Sy, der mit den Füßen seine Bilder auf grobes Sackleinen malte und zum Teil Seile als zusätzliches Gestaltungselement hinzunahm. Dazu wurde leise afrikanische Musik gespielt, und so entstand eine besondere Stimmung.

Ausschnitt aus einem Stickwerk von Britta Marakatt-Labba

Mit großem Interesse habe ich die vielleicht 15 Meter lange Stickerei der Samin Britta Marakatt-Labba angeschaut, die auf ihrem Exponat von dem Leben hoch oben in Lappland erzählt (und tatsächlich befinde ich mich, während ich diesen Text geschrieben habe, in Lappland, aber das nur nebenbei). Die Samen leben im hohen Norden, in Lappland über Norwegen, Schweden, Finnland und Russland verteilt und in jedem der Länder bilden sie eine Minderheit, die sich durch die Staatenteilung nur schlecht zusammenschließen kann, um für ihre Rechte und Lebensweise einzutreten. Diese einzige Urbevölkerung Europas hat also kaum ein Organ, um gehört zu werden. Und da sie in einem Gebiet lebt, das voller Bodenschätze steckt, lässt sich leicht ausmalen, was mit dieser Kultur in Zukunft zu geschehen droht…

Wie ein riesig großes Mobile hängen in verschiedenen Blautönen Stoffe von der Decke – dies ist die Demonstration von Ergebnissen aus alten Färbetechniken, für die der Künstler Aboubakar Fofane einsteht. Auch hier ist eine Stück Kultur vom Aussterben bedroht, denn das industrielle Einfärben von Stoffen ist natürlich effektiver… Es sind übrigens ganz besonders schöne Blautöne, und viele verschiedene…

Das Friedericianum ist auf dieser Documenta der Ort für einen Museumstausch: Zu Gast ist das Athener Museum für Gegenwartskunst, das mit beeindruckenden Kunstwerken aufwartet, in denen häufig auf die Kultur der griechischen Antike zurückgegriffen wird: Teilweise auf Mythen, teilweise aber auch auf die Philosophie oder Politik. In einer Videoinstallation wurden Stellungnahmen zu der Frage, was Demokratie sei, aus verschiedensten Ländern zusammengestellt. Die Künstlerin Janine Antoni geht ganz anders vor: Sie hat nächtelang ihre Augenbewegungen während des Schlafens aufgezeichnet und das entstandene Muster in einen riesenlangen Teppich verwebt. Da muss einiges passiert sein, in ihren Träumen! Und wer sagt, dass nicht auch Odysseus seine Abenteuer nur (oder wenigenstens) geträumt habe?

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Webteppich von Marielou Schultz

Die Abstecher in die Neue Galerie und in die Neue neue Galerie waren ebenfalls sehr lohnenswert. In der neuen Galerie geht es im Untergeschoss auch nochmal um die Wurzeln, die Identität, beispielsweise, wenn die alte Webkunst irgendwo in Südamerika verloren gegangen ist, weil eine Fabrik für Mikrochips die Arbeiterinnen angeworben hatte. Nun sehen wir hier wunderbar handgewebte Teppiche, die aber nicht die alten Muster zeigen, sondern vielmehr riesengroße Muster der Mikrochips. Die afrikanische Künstlerin Otobong Nkanga hat Seife hergestellt, die neben ausgewählten Ölen auch einen beträchtlichen Anteil an Kohle beinhaltet, was sie schwarz macht – ein vielschichtiges Werk, da es auf die Ausbeutung der Menschen im Kohlebergbau hinweist und die Frage, ob man sich mit dieser Seife wohl die Hände in Unschuld waschen könne?

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Auschnitt aus einem bearbeiteten Foto von Gauri Gill und Rajesh Vangad

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Ebenfalls von Gauri Gill und Rajesh Vangad

Ich habe hier längst nicht alle Ausstellungsorte angerissen und erst recht nicht alle Werke, das geht auch nicht. Aber es waren zwei tolle Tage auf der Documenta, schwer verdauliche Kost, wie eigentlich üblich, und mir scheint, dass die Exponate in eine bestimmte Richtig zielten, nämlich in die nach der Frage der Identität, dem Anderssein und -denken, und nach der Frage, was es bedeuten wird, wenn die Vielfalt von Kulturen immer mehr und für immer verloren geht.

Natürlich kannte ich Max Pechstein schon, er ist einer der Brücke-Maler, und im sehr lohnenswerten Berliner Brücke-Museum  habe ich einige seiner Bilder auch schon gesehen. Doch dort war er einer von vielen, und damit kann man ihm nicht so ganz gerecht werden. Um so schöner, dass das Bucerius Kunstforum ihm eine eigene Ausstellung gewidmet hat.

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Bildcollage, gefunden auf der Website des Bucerium Kunstforums

Die Farben sind sicherlich das Auffälligste an Pechsteins Werk, denn die Bilder – vor allem die früheren – sind wunderbar bunt und vermitteln eine zumeist fröhliche Stimmung. Sie sind geprägt von einer lebensbejahenden Grundstimmung, immer auf der Suche nach Harmonie und Natürlichkeit, was man von den Brücke-Malern im Allgemeinen auch kennt. Pechstein Lebensfreude lässt sich vor allem an der Farbe Gelb ablesen; diese Farbe setzte er oft kräftig ein – und es scheint mir seine Vitalität und seiner Lebens- und Schaffensfreude zum Ausdruck zu bringen. Beispielsweise in einem Selbstporträt, das er nach dem Krieg  (und einiger Zeit der Mal-Abstinenz) malte, und in dem seine Aura  förmlich gelb vor neu erwachtem Schöpfungsdrang erstrahlt.

Pechsteins Schlachtruf war „Zurück zur Natur“ – in der unberührten Natur und einem ursprünglichen Verhältnis zur eigenen Natürlichkeit und Sexualität suchte er die Erlösung von gesellschaftlichen Zwängen und von den Erlebnissen im ersten Weltkrieg. Auch dies spiegelt sich zumeist in seinen Ölgemälden wieder. Seine Gefühle, die Zwänge, denen er durch die Kriegszeit ausgesetzt war, zeigt er aber auch in einigen Gemälden: beispielsweise in der Darstellung seines etwas verkniffen aussehenden Schwagers  Harry Kaprolat, der in Hut und Mantel neben einer fest verkorkten Weinflasche sitzt. Friert er? Vielleicht. Die angenehmen Seiten des Lebens scheinen ihm verwehrt, obwohl die Farben eine andere Sprache sprechen. Das Bildnis seines kleinen Sohnes, der verstockt inmitten von Spielzeug sitzt, welches sich ganz offensichtlich nicht zu einem Spiel hinreißen lässt, spricht ebenfalls Bände, wenn man weiß, dass Max Pechstein das Bild 1916 gemalt hat und also auf einen Urlaub vom Kriegsalltag (an der Front vielleicht) keinen Zugang zu seiner Familie findet…

Das für mich aufregendste Bild ist das einer kleinen Dompteurin, die sich den engen Käfig mit 7 Raubkatzen teilt (Die Löwenbändigerin, 1920). Die Dompteurin hat Ähnlichkeit mit den 7 Löwen um sie herum und trägt ein knallrotes Kleid. Auch die Hocker, auf denen die Tiere sitzen, sind knallrot sowie der untere Teil des Bildes. Das Bild strahlt Gefahr, aber auch große Anmut aus, gleichzeitig aber auch etwas Animalisches, das jedoch im sicheren (???) Käfig verwahrt bleibt… So ist es ein ungezwungenes Bild, das gleichwohl auf die Zwänge verweist.

Die späteren Werke fand ich dann nicht ganz so spannend. Max Pechsteins Utopie versuchte er in Pallau (wo er zu Beginn des zweiten Weltkrieges hinreisen konnte, allerdings musste er die Reise wegen des Kriegsbeginns jäh abbrechen)  zu finden, doch das Exotische, das Natürliche, vielleicht die Erfüllung seines Traumes ließ für meinen Geschmack seine Gemälde zu tendenziös wirken. Für mich fehlte dort doch eher das Ursprüngliche – eigentlich merkwürdig.

Es war ein gelungener Ausstellungsbesuch, ich kann ihn nur empfehlen! Bis 3. September ist sie noch zu sehen.