Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

dietotenseelenIn einem kleinen Städtchen irgendwo in Russland taucht eines Tages ein gewisser Herr namens Pawel Iwanowitsch Tschitschikow auf. Schnell findet er Zugang zu den Bewohnern des Örtchens, und auch zu denen im Umland, denn er ist angenehm, unterhaltend, kurz: riesig sympathisch. Und solche Menschen braucht die Provinz, bevor sie vor Langeweile vergeht!

Tschitschikow verfolgt jedoch ein Ziel, und wir LeserInnen sind ebenso vor den Kopf gestoßen, wie die Figuren, denen er sein Anliegen vorträgt. Und um das zu verstehen, muss ich erstmal ausholen:
Russische Gutsbesitzer verfügten über Leibeigene, also Bauern, die den Gutsherren dessen Felder bestellen. Diese Leibeigenen werden natürlich auch in den Büchern aufgeführt, denn die Gutsbesitzer haben für sie wiederum Steuern zu zahlen. Die Personenzahl steht dann für einen gewissen Zeitraum fest. Erst bei einer Revision wird geschaut, was sich daran geändert hat. Ist jemand gestorben, wird er erst dann aus der Steuerschuld entfernt, ist jemand hinzugekommen, muss erst ab dann für ihn bezahlt werden.

Auf die gestorbenen Leibeigenen nun hat Tschitschikow es abgesehen: Diese versucht er, seinen neu gewonnenen Freunden für ’nen Appel und’n Ei abzuluchsen. Doch wozu? Das ist dabei niemandem klar. Was soll das?
Und so zieht Tschitschikow zusammen mit seinem Kutscher, einem übelriechenden Diener und drei recht eigenwilligen Pferden durch das Land und stattet verschiedensten Gutsbesitzern seinen Besuch ab, um sein Anliegen vorzutragen… und die Menschen reagieren auf die verschiedenste Weise, was durchaus unterhaltsam zu lesen ist…

Gogol ist hier ein fabelhafter, ausufernd fabulierter Roman gelungen, der nicht nur einen Querschnitt durch die russische Gesellschaft zeigt; es sind zugleich bezeichnende Karikaturen entstanden und unglaublich witzige Szenen, die lebhaft beschrieben sind, was einen großen Lesegenuss mit sich bringt. Doch in diesem Buch spielt ebenso der Autor eine große Rolle, denn er beschränkt diese nicht nur auf die als auktorialer Erzähler, der die Geschichte wiedergibt – er hält auch mit Kommentaren über seine Figuren oder zur russischen Gesellschaft oder zu sich selbst nicht hinterm Berg! Das alles ist höchst amüsant und lustig, so dass ich die Lektüre des ersten Teils sehr genoss.

Doch dann habe ich das Nachwort gelesen… Und in dem erfuhr ich, dass dieser Roman von Gogol als Trilogie geplant war . Den ersten Teil hat er abgeschlossen, und vom zweiten Teil ist ein einigermaßen umfangreiches Fragment erhalten, welches jedoch wohl nicht der erste Wurf ist (den hat Gogol vernichtet). Einen dritten Teil gibt es nicht (mehr?). Ich sage das deshalb, weil ich tatsächlich das Buch nicht zuende gelesen habe, was ganz gegen meine Gewohnheit ist – und damit habe ich ganz persönlich ein Problem, da ich meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werde. Andererseits war es so, dass ich zwar den ersten Teil sehr genossen habe zu lesen, doch dann uferte die Handlung weiter und weiter aus. Und da ich ja schon wusste, dass der zweite Teil ein Fragment ist, verließ mich die Lust… Was ist, wenn Gogol nicht zum Punkt kommt? Vielleicht lese ich ja nochmal weiter, aber fürs Erste nicht. Trotzdem: Es sollte niemanden von der Lektüre abhalten!! Denn die hat sich trotzdem sehr gelohnt.

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Aus-Lese 2017

Veröffentlicht: 31. Dezember 2017 in Bücher, Kultur, Kulturplan, Literatur

Auch dieses Jahr werfe ich einen Blick auf meinen Bücherberg zurück, der so hoch nicht war. Aber was bedeutet schon Quantität? Für manche Bücher braucht man nun einmal länger, um sie zu lesen, und das ist auch o.k. so. Lesen ist für mich ein Stück meines Lebens, ich habe immer ein Buch in Reichweite, ohne Lesen fehlt mir etwas.
Dieses Jahr hat Petzi erneut die Ausrichtung der 9. Blog-Parade übernommen, danke dafür! Hier kommen nun die Antworten zu den altbekannten Fragen:

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Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat? (und Begründung)

Ich versuche ja, möglichst erwartungsfrei an meine Literatur heranzugehen, und ganz oft habe ich, bevor ich angefangen habe zu lesen, noch nicht mal einen Blick hineingeworfen. Entweder lese ich das Buch  – oder eben nicht. Basta. Also beantworte ich viel eher die Frage nach meinem literarischen Highlight in 2017. Und das war, von den ungefähr 19 gelesenen Büchern: (………………Trommelwirbel………..) war es: …. Wartmal, ich überlege immer noch……….. Es war: Ja.

meinherzEs war „Mein Herz so weiß“ von Xavier Mariás. Hier war es dann aber doch so, dass ich hohe Erwartungen in das Wiederlesen dieses Buches gehegt hatte und zunächst enttäuscht war: Ich hatte es nicht ganz so sperrig in Erinnerung. Doch nachdem ich mich in Mariás‘ Stil eingelesen hatte, war es doch wirklich ein sehr genussvolles, aber auch anspruchsvolles Lesevergnügen. Mich beeindruckte der Stil und der Aufbau sehr, zum Einen durch den Sprachduktus, der an manchen Stellen durch die Aneinanderreihung von Nebensätzen, nur durch Kommata getrennt  wie ein überaus kunstvolles Stottern wirkte. Zum Anderen war das ständige Wiederholen und das Kreisen um eine Handvoll von Themen sehr interessant. Dies erinnerte beinahe an ein Musikstück, in dem die Themen immer und immer wiederholt und dabei variiert werden. Das war ein wirklich großartige literarische Lesefreude, dies Buch lege ich jeder/jedem ans Herz.

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Dann hätte ich beinahe noch „Die Katze des Dalai Lama“ und „Die Kunst des Schnurrens“ von David Mitchie erwähnen wollen, auch hier hatte ich zwei sehr berührende Leseerlebnisse, und auch diese Bücher (es gibt wohl drei, von denen ich jedoch bislang nur diese zwei gelesen habe) empfehle ich vorbehaltlos, wenn man sich für die buddhistische Lehre interessiert. Obwohl die Bücher durchaus auch eine literarische Qualität besitzen, habe ich sie eher als Fachbücher, als Einführung in die buddhistische Lehre, die in gewollt unterhaltsamem Stil der Vermittlung von Wissen dienen, aufgefasst. Ich mochte die Bücher sehr.

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat? (und Begründung)

Hier muss ich „Rasmussens letzte Reise“ von Carsten Jensen nennen, obwohl ich das Buch gern gelesen habe, literarisch solide geschrieben, spannende Geschichte, gut herausgearbeiteter innerer Konflikt. Doch leider hinterließ das Buch einen schalen Nachgeschmack. Den dänischen Maler Rasmussen gab es wirklich, und auch er hat die beschriebene Schiffsreise nach Grönland unternommen. Die Eckpunkte im Roman stimmen mit den biographischen Carl Rasmussens überein. Aber ob dies auch für den inneren Konflikt, der dem Künstler in dem Roman untergejubelt wird, gilt – das ist nicht historisch belegt. Auch wenn ich die Ausführungen sehr spannend fand, die inneren Konflikte zum Teil eine gewisse Komik  in sich bargen und dies wirklich gut beschrieben wurde, so frage ich mich doch, inwieweit der Roman der historischen Persönlichkeit gerecht wird. Unter diesem Gesichtspunkt konnte ich die Komik nicht so recht genießen, wenn dadurch vielleicht eine andere Person beleidigt wird… Warum konnte Carsten Jensen nicht einfach eine fiktive Figur erfinden, die sozusagen analog zu dem wirklichen Künstler ihren Platz in der Kunst und der Gesellschaft suchte? Das wäre mir persönlich ungemein lieber gewesen…

Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Das war die katalanische Schriftstellerin  Mercè Rodoreda. Von dieser Autorin hatte ich vorher nie gehört. Das Buch wurde mir geschenkt, und es war für mich eine ganz besondere Lektüre. Oberflächlich betrachtet war es eher handlungsarm. Ein Gärtner beobachtet seine Herrschaften – na und? Und doch verbirgt sich hinter der Handlung eine große Tiefe, die den Roman „Der Garten über dem Meer“ zu etwas ganz Besonderem macht.

Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?

jane-der-fuchs-und-ichGanz klar ist mein Favorit eine weitere Neuentdeckung und zwar sogar von einem relativ neuen Literaturzweig: Die Graphic novel „Jane, der Fuchs und ich“ von Fanny Britt und Isabelle Arsenault. Es ist vielleicht weniger die Cover-Gestaltung, streng genommen, sondern eher der gezeichnete Inhalt, der mich sehr fasziniert und den ich sehr ästhetisch finde. Auf alle Fälle ist es das Buch, das ich in diesem Jahr als Buch am Ästhetischsten fand – wo ich doch eigentlich gar nicht so sehr an der Aufmachung interessiert bin… Ein Fehler, wie ich dann empfinde, wenn ich ein solch gelungenes, liebevoll gestaltetes Buch in den Händen halte…

Noch zu erwähnen sind die Cover von den Büchern von der Katze des Dalai Lama, siehe weiter oben. Katzen sind einfach sehr lohnenswerte Motive für Cover, wenn es passt, finde ich.

Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2017 lesen und warum?

Momentan lese ich mit großem Vergnügen „Die toten Seelen“ von Nicolai Gogol, und niemand wird mich davon abhalten dies großartige Buch zuende zu lesen (außer die Tatsache, dass es von den geplanten drei Teilen nur einen fertigen gibt und ein Fragment des zweiten). Ansonsten lasse ich mich wie immer überraschen, welches Buch den Weg auf meinen Nachtisch findet. Sollte aber gerade keines mich anfliegen, dann greife ich mir eines aus dem Regal mit den dort vorhandenen Büchern von z.B. Haruki Murakami, Thomas Mann, Hanns-Joseph Ortheil, Guðmundur Andri Thorsson, Uwe Timm und Klaus Modick. Oder andere.

jugendohneKürzlich hatte ich ja die neue Verfilmung dieses Buches gesehen, und nun war ich doch neugierig, inwieweit das Filmdrehbuch dem Original gefolgt ist.

Der Lehrer – namenlos wie alle Gestalten in diesem Buch, wenn auch der eine oder andere einen charakterisierenden Spitznamen erhalten hat – beklagt sich über die stetig abnehmende Empathie, die unter den Schülern herrscht, seitdem die politischen Machtverhältnisse sich verschieben (man steht kurz vor Hitlers Machtergreifung) . Seine Versuche, diesen Tendenzen entgegen zu wirken, werden nicht nur von den Schülern, sondern  auch von den Eltern abgelehnt. Beim Besuch der Klasse eines Ferienlagers lernt  der Schüler Z ein Mädchen kennen, mit der er sich nachts heimlich trifft. Doch nicht nur der Lehrer beobachtet dies. Er ist es aber, der Zs Tagebuch heimlich liest. Durch diese Tat, die später entdeckt wird, spitzt sich die Stimmung im Lager zu, und als Schüler N tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht zunächst auf Z, der ihn verdächtigt hat, sein Tagebuch gelesen zu haben. Ausgerechnet der Lehrer ist es, der durch seine überraschende Aussage vor Gericht, er hätte die Schatulle geknackt, in der das Tagebuch lag und dieses gelesen,  die Wahrheitsfindung entscheidend voranbringt…

Für mich war es ein deutliches Plädoyer für Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten, und dass es lohnenswert ist, Charakterstärke zu zeigen und den unmenschlichen Einflüssen der aufkommenden politischen Strömungen entgegenzuwirken. Allerdings zahlt der Lehrer am Ende einen hohen Preis dafür, und man kann den Ausgang des Romans wohl kaum als siegreich bezeichnen.

Dieses Buch, so fürchte ich, wird auch nach den historischen Ereignissen, auf die von Horváth Bezug genommen hat, seine Aktualität niemals ganz verlieren. Denn dort, wo politische (oder wirtschaftliche) Belange über die der allgemeinmenschlichen gestellt werden, greift seine Kritik noch immer. Da muss man (auch wenn man es gut kann, wie die Verfilmung unlängst zeigte) gar nicht unbedingt durch den Entwurf einer düsteren Zukunftswelt schwarz malen, das ist jetzt noch alles schlimm genug. Leider.

jane-der-fuchs-und-ichAufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch meine Bloggerkollegin Klappentexterin, und die Rezension hat mich derart neugierig gemacht, dass ich sofort losgezogen bin, um mir dies Buch zu besorgen. Zudem habe ich noch nie meine Nase in eine Graphic Novel gesteckt, war also auch deswegen neugierig. Und was soll ich sagen: Ich bin schwer begeistert…!!!

Helène wird in der Schule gemobbt – niemand will mehr etwas mit ihr zu tun haben. Wie es dazu kam, wird nur in Ansätzen geschildert. Irgendwie hat es etwas mit dem Pettycoat-Kleid zu tun, das ihre Mutter ihr liebevoll genäht hat. Doch genaueres wird nicht gesagt – so ist genug Raum vorhanden, sich die Geschichte selbst zusammen zu reimen. Helène übersteht diese schwere Zeit der Einsamkeit, indem sie sich in ein Buch vertieft: „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë. Wie Helène muss sich auch die Hauptfigur des Romans durch eine schwere und einsame Kindheit bewegen, und es ist tröstlich, dass Jane es tatsächlich schafft zu überleben.

Helènes Lage spitzt sich noch zu, als die Kinder zu einer Klassenreise genötigt werden…

 

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Das Buch besteht aus wunderbaren Zeichnungen, die nicht nur in sensiblen Schwarzweiß-Bildern Helènes Lebensgefühl festhalten, sondern auch die Bedeutung des Brontë-Romans vor Augen führt. Denn wie ein lebensrettender Anker erscheinen hier Farbtupfer in verschiedenen Orangetönen. Diese treten immer auf, wenn Helène etwas erfährt, das ihren Erlebnishorizont um ein positives, tröstendes Element bereichert, und so wird für uns sichtbar, wie und warum Helène es schafft, diese schwierige Zeit zu überstehen. Die Zeichnungen, egal ob schwarzweiß oder mit dem Farbtupfer, sind dabei so wunderbar, dass es eine Augenweide ist, das Buch durchzugehen. Kaum hatte ich es durch, musste ich deshalb von vorne beginnen (und jetzt könnte ich es auch schon wieder zur Hand nehmen…).

Dieses Buch schildert sehr gelungen das schwierige Lebensgefühl einer Fünftklässlerin und fängt auf beeindruckende Weise ein, wie sich vieles ändern kann – und das auch zum Besseren. Ich fand es einfach toll.

 

hesse_maerchenMärchen – allein das Wort lässt mich an gemütliche Leseabende am (nicht vorhandenen) Kamin denken – und auch wenn Hesses Märchen nicht im eigentlichen Sinne Gemütlichkeit in sich tragen, war es doch eine spannende Lektüre, die folgende Märchen beinhaltete: Der Zwerg, Merkwürdige Nachricht von einem andern Stern, Faldum, Iris, Die Stadt, Der Europäer und Vogel.

Schon „Der Zwerg“ ist ein Märchen, das sich brutal mit den miesesten menschlichen Eigenschaften wie Niedertracht und Rachsucht auseinandersetzt – und das Ende ließ mich geradezu um Atem ringen! Auch „Die Reise zu einem andern Stern“ ist nicht gerade gemütlich zu nennen und brachte mich doch recht schnell aus der Komfortzone heraus: Als ein junger Bote loszieht, um für die durch ein Erdbeben umgekommenen Menschen Grabblumen zu besorgen, muss er feststellen, dass – aber ‚auf einem andern Stern‘ – durchaus Schlimmeres als Naturkatastrophen vorkommen… „Faldum“ wiederum hat mich ebenso berührt: Die Besucher einer Kirmes treffen auf einen Wunscherfüller; jede/r bekommt den geäußerten Wunsch erfüllt, doch ist letztendlich nur ein einziger dabei, der die Zeiten (wenn auch nicht die Gestirne) deutlich überdauert. Und „Iris“ handelt von der Unfähigkeit der Hauptfigur Anselm, die Grundwerte wie Verbindlichkeit, Liebe und Wahrhaftigkeit für sich zu erhalten.

Es sind neuromantische Märchen, die teilweise schmerzhaft sind, denn sie befassen sich nicht nur mit den grundlegenden Bedürfnissen und Werten der Menschen, sondern auch mit menschlichen Eigenschaften wie Naivität, Niedertracht, Ignoranz und anderen mehr oder weniger gearteten Bösartigkeiten, um nicht zu sagen: mit den menschlichen Abgründen. Schwer fassbar sind die Ideale, wie in „Vogel“ vor Augen geführt wird: Hier ist der sagenumworbene und höchstelten gesichtete Vogel Objekt aufkommender Begierde. Und wie versucht wird, den Vogel zur Strecke zu bringen, wirft ein düsteres Bild auf die Menschheit.

Mich haben die Märchen berührt und bereichert, nicht zuletzt durch die feinsinnige Sprache Hermann Hesses. Empfehlenswerte Literatur, wenn auch nicht ganz gemütlich!

 

meinherzDas Buch, das sich mit den Rätseln der Beziehung zwischen Mann und Frau auseinandersetzt, habe ich nun zum zweiten Mal gelesen – und viele neue Gedanken dazu entwickelt…

Der Ich-Erzähler Juan hat soeben geheiratet, und sein Vater fragt ihn, wie es denn jetzt weitergehen solle. Sein Vater selbst hatte nicht nur, wie sein Sohn dachte, zwei, sondern drei Ehen geschlossen – das erfährt er beinahe nebenbei von einem Bekannten. Sein rätselhafter Rat zur Eheschließung seines Sohnes, dass es besser sei, Geheimnisse, so man denn welche habe, in der Ehe für sich zu behalten, verwirrt den Jungvermählten zunächst. Er weiß nicht viel über seinen Vater Ranz, nur soviel: bevor er die Ehe mit seiner Mutter schloss, hatte er deren Schwester geheiratet. Diese hatte sich aber sofort nach der Hochzeitsreise das Leben genommen. Über das Warum wurde niemals gesprochen.

Nun reflektiert Juan jedoch über die Beziehung zwischen Mann und Frau; er betrachtet seine Umgebung unter diesen Gesichtspunkten – und macht interessante Beobachtungen.

Die Geschichten, die in diesem Roman erzählt werden, sind kunstvoll ineinander verwoben und erfahren durch das Ansehen unterschiedlichster Perspektiven eine tiefere Betrachtung. Wie ein Nachhall wirkt die flüchtige Begegnung mit einer Frau in Havanna immer und immer wieder: Juan, auf einem Hotelbalkon stehend, beobachtet in der Ferne eine Frau, die auf jemanden zu warten scheint. Dann erblickt sie den Betrachter und kommt wütend auf ihn zu: eine Verwechslung – denn sie hatte auf den Mann aus dem Nachbarappartement gewartet und meinte nun, ihn entdeckt zu haben. Die Verwechslung klärt sich auf, und die Frau verschwindet bei dem Mann im Nebenzimmer. Der folgende Dialog der beiden aus dem Nachbarraum erfährt verschiedene Parallelen mit anderen Geschichten, die in dem Buch erzählt werden, und den Gedanken Juans, der sich über seine neue Situation als Ehemann erst einmal im Klaren werden will. Weitere Parallelen mit anderen Begegnungen und Geschichten werden gefunden, gerade so, als sei man in einem Spiegelkabinett, und man sieht die selben Reflektionen immer wieder….

So ist ein meisterhaft komponierter Roman entstanden, der nicht nur eine Geschichte zu erzählen hat und viele Gedanken über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen beinhaltet, sondern zudem ein kunstvoll verwobenes literarisches Konstrukt darstellt. Ich hatte zunächst Schwierigkeiten, den Roman für mich zu entschlüsseln, doch nachdem es mir so einigermaßen gelungen ist, empfand ich dies Buch auch zum zweiten Mal als absolut bereichernd. Eine dritte Lektüre schließe ich nicht aus.

‚Der Pfau‘ – Roman von Isabel Bogdan

Veröffentlicht: 12. November 2017 in Bücher, Kultur, Literatur

9783462048001Ein uralter Landsitz mit netten Eigentümern, eine Gruppe von 5 Bankern auf der Suche nach Gruppen-Erleuchtung, ein Hund, eine Gans und ein verrückter Pfau – das scheint das Geheimrezept dieses unterhaltsamen Romans zu sein…

Eine Gruppe von Bankangestellten hat sich für ein Teambuilding samt Coach und Köchin in die alten Gemäuer eingemietet, was an sich schon ziemlich skurril ist. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die in aller Heimlichkeit (wissend sind nur die Gastgeber und deren Personal) ein Pfau macht, der alles zerreißt, was blau schimmert – und damit ist das Chaos schon mal vorprogrammiert. So spielen die Gastgeber mit den Gästen ein Vertuschungsspiel, das durch vermeintliche Un- und vielleicht vermeidbare Zufälle zu einer Art Katz- und Maus-Spiel zwischen den Bankern, der Köchin, der Coacherin, dem Gastgeberpaar und ihren Hausangestellten wird und im Verlauf immer mehr Verwicklungen erfährt, sodass am Ende nicht nur der Gasthund, sondern auch noch die Hausgans darin verwickelt werden.

Stört es dabei, dass die Autorin immer und immer wieder aufzählt, wer wovon weiß und wer was annimmt und wer dies oder jenes tut, versehentlich oder absichtlich? Vielleicht ein wenig, obwohl gerade diese Aufzählungen besonders launig sind. Wunderbar konstruiert ist die Geschichte, und als solches leicht als unglaubwürdig zu entlarven (wenn man so will, aber will man?), aber macht das etwas, wenn sie doch so viel Spaß macht?

Wie auch immer, dies Buch hat jede Menge Charme und Temperament, auf alle Fälle, bei allen Fallen, die sich die Geschichte von Anfang an selbst stellt. Doch zum Lesen mit Spaß dabei ist es eine leichte und nette Lektüre, die nicht mehr aufträgt als ein kleines Festmahl mit einem Pfau in der Hauptrolle, äh, Bratröhre – oder ist es doch die Gans gewesen? Das möge doch der/die geneigte LeserIn selbst herausfinden! 🙂