Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

torederweltWenn man mal etwas Weltflucht begehen muss, sich aus dem Alltag herausziehen oder abschalten will, um mal auf ganz andere Gedanken zu kommen, ist man mit dieser Lektüre ganz gut dran, würde ich sagen. Ich war es jedenfalls.

Die Nachfahren von „Die Säulen der Erde“ sind nun, im 14. Jahrhundert, also 200 Jahre nach den damaligen Geschehnissen am Rödeln, um die Geschicke der Stadt Kingsbridge zum Besten zu wenden. Aber natürlich erlangen sie zunächst nicht die einflussreichen Positionen, denn diese wurden besetzt von eigennützigen, machthungrigen Männern, die auf traditionelle, konservative Wertvorstellungen aufbauen. Für sie sollte alles so bleiben, wie es war. Doch die Pest und politische Unruhen stellen die Menschen vor neue Aufgaben, die mit den alten Mustern nicht lösbar sind.

Zum Teil hat mir diese schwere Literatur – das Buch hat beinahe das Gewicht eines  Ziegelsteins! – sehr gut gefallen, beispielsweise, wie der Mönch Godwyn durch clevere mehr oder weniger diplomatische Tricks geschickt seine Konkurrenten bei der Bewerbung um das Amt des Priors ausschaltet. Auch interessant war, wie  kräuterkundige Frauen schnell in den Verdacht geraten konnten, eine Hexe zu sein.

Es gab also durchaus einen ganz guten Einblick in die Sorgen und Nöte innerhalb der verschiedenen Stände: Bauern, die durch die Bindung an den Adel nicht nur nicht frei agieren können, sondern auch den Launen ihrer Vorgesetzten völlig wehrlos ausgeliefert sind, die Edelleute, die wiederum die politischen Querelen ihrer Könige ausbaden müssen und auf Gedeih und Verderb in den Krieg zu ziehen haben, wenn es der Obrigkeit so passt, die freien Bürger, die durch die Kirche geknechtet werden, wenn sie hohe Abgaben zu zahlen haben, und auch die Kirchenleute selbst, die sich im Kampf um Macht und Einfluss voll in alles einmischen.

Das fand ich so weit ganz interessant. Ansonsten gab es ein sehr ähnliches Schema wie in den „Säulen“: Es spielen mit: Ein ehrgeiziger Baumeister, eine intelligente Frau, die zu Einfluss kommt (halte ich für gar nicht realistisch, fand ich schon in den Säulen der Erde befremdlich), ein intriganter Geistlicher, ein böser Edelmann mit treuem Diener und noch so einigen anderen Figuren mehr. Irgendwie das selbe Strickmuster, „nur in grün“ (oder besser: in scharlachrot, dem neuen Farbton, der in diesem Buch in dem fiktiven Kingsbridge kreiert wurde und als Stoffarbe Furore macht). Und da gab es denn auch viele Handlungen, die ich als unrealistisch empfand, zumal sich das Blatt am Ende in jeder Hinsicht in ein happy end verkehrte. Das hat dem Buch dann doch eine arg triviale Note gegeben. Dennoch: Der Roman verhalf für einige Momente zur Weltflucht, und da ich das gerade brauchte, passte es ja. Aber ein weiteres Buch von Ken Follett – und ich habe hier noch mindestens eines zu stehen – könnte ich jetzt gerade nicht ertragen, ehrlich gesagt.

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csm_produkt-12443_570badec99_spiegelbestseller-210px_796eb3604fHendrik Groen ist nun nach einem bewegten Leben in einem Altersheim gelandet. Hier muss er sich von den anderen Alten, deren Hauptbeschäftigung es ist, zwischen den Mahlzeiten über Krankheiten oder liebe verstorbene Freunde und Verwandte zu sprechen und ansonsten mehr oder minder dahin zu vegetieren, deutlich abgrenzen, wenn er seinen Lebensmut nicht verlieren will. Hendrik Groen, ausgestattet mit einer gesunden Prise anarchistischen Handeln und Denkens, fühlt sich zu jung dazu und beginnt nicht nur, ein Tagebuch zu führen, sondern mit einigen anderen mehr oder weniger rebellischen Alten den Club „Alt aber nicht tod“, kurz: Alanito, zu gründen. Mit Hilfe des Clubs und Ausflugsplanungen versuchen sich die Alten, ihren Lebensabend zu verschönen und auch Abenteuern, so klein sie auch sein mögen, aufgeschlossen zu bleiben.

Denn viel geht in dem Alter nicht mehr. Und so stellen sich auch bei dem einen oder anderen Clubmitglied Gebrechen ein, die nicht erfreulich sind, sogar geradezu unerfreulich. Aber wie hilfreich ist es, darüber zu sinnieren? Oder ist es nicht viel besser, unbeirrt, wenn auch nicht unberührt von den Schicksalen um einen herum „weiterzumachen“?

Mit Hendrik, „Henk“ konnte ich mich freuen über die teure – aber was soll’s? – Anschaffung eines Elektrogefährts, das er sich noch auf 25 Stundenkilometer hochfrisieren lässt, und mit dessen Hilfe er seine Ausflüge in die Umgebung durch einen Stadtteil Amsterdams noch deutlich ausweiten kann. Oder über die kleinen, gelungenen Ausflüge des Alanito-Clubs. Oder über seine Versuche, die Pläne des Altenheims auszuspionieren, denn dieses scheint mit der Verwaltung (der Alten) mehr beschäftigt zu sein, als mit deren Betreuung, und folgt Vorschriften, die völlig undurchsichtig sind.

Alt werden ist kein Zuckerschlecken, auch das vermittelt dies Buch überdeutlich. Auch wenn man sich, wie Henk, im hohen Alter durchaus noch verlieben kann und es auch tut – natürlich, warum auch nicht? Die Kunst besteht auch darin, das lehrte mich dies Buch, nicht zu beklagen, was nicht mehr geht, sondern sich darüber zu freuen, was noch geht, so schwer das Henk auch gemacht wird, wenn Demenz, Schlaganfälle oder Amputationen um ihn herum versuchen, die eigene  Lebensfreude einzudämmen.

Eigentlich passiert auch gar nicht viel in diesem geheimen Tagebuch, der dramaturgische Faden verläuft eigentlich nur linear, ohne Höhepunkte, wohl aber mit einigen Tiefen, dafür aber immer voller Sarkasmus und (Selbst-)ironie, die unbedingt ein großes Lesevergnügen mit sich bringen. Aber ist es nicht auch so? Ereignislosigkeit im Altenheim? Es sind bedrückende Zustände, und umso erfrischender ist es, mit welchem Sarkasmus (aber nie Zynismus) Henk Groen der Langeweile begegnet.
Wer das Buch letztendlich geschrieben hat, sprich, wer hinter dem Pseudonym Hendrik Groen steckt, ist wohl umstritten. Auf jeden Fall muss es eine Person sein, die sich mit dem Themen Altern und  Altenheime gut auskennt.

Ein gutes Buch ist dies, das sich flott lesen lässt und amüsiert – und das mich dennoch gleichzeitig tieftraurig gestimmt hat, denn letztendlich geht es darum, seine eigene Würde zu erhalten, auch wenn das am Ende des Lebens in einem Altenheim wie ein hartes Stück Arbeit anmutet. Es gibt bereits eine Fortsetzung mit dem dynamischen Titel „Tanztee“. Denn man los!

6087890Dieser Roman von Jón Kalman Stefánsson ist schon etwas älter und mir nicht neu. Dennoch ist er mir besonders in Erinnerung geblieben, denn durch ihn habe ich mich in die Bücher dieses Ausnahme-Autors verliebt… Und diese Liebe hat sich durch die erneute Lektüre nur einmal mehr verfestigt.

Ein Junge muss den Verlust der Mutter verschmerzen. Und nun taucht plötzlich eine Stiefmutter auf, eines Morgens kommt sie einfach aus dem Schlafzimmer des Vaters und kocht einen grässlichen Haferbrei – und dies ab jetzt jeden Morgen! Auch seine Klassenkameraden befinden: Du hast nun eine Schwiegermutter – Du bist erledigt…!

Doch geht es nicht nur um den kleinen Jungen. Auch seine Vorfahren, allen voran sein Urgroßvater, ein unsteter Mann, dessen Erfolge und Misserfolge sich in der Waage hielten, wird unter die Lupe genommen, und sein menschliches, allzu menschliches Verhalten wird ebenfalls in wunderbaren Bilder voller Sehnsucht und anderen Leidenschaften  beschrieben. So wird die Geschichte der Urgroßeltern erzählt, einer leidenschaftlichen Liebe mit einer Menge Aufs und Abs, mit Seitensprüngen, möglichen Liebschaften und der spanischen Grippe.

Jón Kalman Stefansson bedient sich einer atemberaubenden Sprache, die mit waghalsigen, aber unglaublich schlüssigen Vergleichen ein originelles Bildwerk entwirft, das tief, tief unter die Haut geht und von den wirklich wichtigen Dingen im Leben handelt wie Liebe, Trauer, Träume und den Tod.

Viele der Themen sind mir auch aus anderen Büchern schon bekannt, gerade in dem letzten zweiteiligen Roman tauchen einige Elemente wieder auf.

In Jón Kalmans Romanen knistert es, gerade so, wie in den Sternen. Unbedingt lesenswert! Auch zum zweiten mal!

 

Nun hatte ich so einiges über dies Buch im Vorfeld gelesen; die FAZ feiert es als „Entdeckung“, und auch innerhalb der Blogszene wurde es oft positiv besprochen. Bin ich also neugierig geworden – und zunächst enttäuscht, jedenfalls teilweise. Doch jetzt, da ich mit Abstand über das Buch nachdenke, komme ich zu einem viel besseren Urteil, als zunächst angenommen!

Aus drei verschiedenen Perspektiven wird die Geschichte einer (süd)koreanischen Frau erzählt, die von einem auf den anderen Tag aufhört, Fleisch essen zu wollen. Ihr Ehemann, der in ihr weniger eine heiße Liebe suchte, sondern vielmehr eine bodenständige Begleitung, ist davon genauso wenig begeistert, wie ihre Schwester und ihre Eltern. Nur ihren Schwager, ein Künstler, berührt das Verhalten der jungen Frau. Ihre Schwester ist am Ende die einzige, die vielleicht wirklich versteht, was in ihr vorgeht… Es sind genau diese drei Figuren: Ehemann, Schwager und Schwester, aus deren Sicht die Handlung erzählt wird.

Han Kang ist es gelungen, beeindruckende Bilder zu entwerfen, die tatsächlich bewegen: beispielsweise, wenn sie alles Fleisch aus dem Kühlschrank entsorgt und zunächst auf dem Küchenboden auslegt, so dass der Mann, als er nachts die Küche barfuß betritt, gar nicht anders kann, als auf sie zu treten. Oder wenn der Schwager ihren Körper mit rankenden Pflanzen und Blüten bemalt. Oder auch, wenn die junge Frau völlig abgemagert bei Regen inmitten eines Waldes steht, bewegungslos, als wäre sie ein Baum… Das sind durchaus Bilder, die gelungen sind und stark. Ebenso interessant sind die Reaktionen ihres Umfeldes, das überwiegend Unverständnis an den Tag legt.

Der Roman ist unbeirrt gradlinig erzählt, das kann ich jetzt, mit Abstand zur Lektüre besser sehen. Es gibt vielleicht einige irritierende Abschweifungen, die der Geschichte nicht gut tun, wie ich finde, wie beispielsweise, wenn die junge Frau in kursiv gedruckten Passagen selbst zu Wort kommt und ihren Traum erzählt, durch den sie sich verändert hat. Aber insgesamt gesehen ist die Geschichte an sich brutal konsequent: die junge Frau bezieht lediglich durch ihr Schweigen und ihre Verweigerung Stellung, und das provoziert ihr Umfeld aufs Äußerste. Nur der Schwester gelingt es ganz am Ende des Buches, wirkliches Verständnis aufzubringen, und der Schluss, den sie daraus zieht, ist eigentlich niederschmetternd: Es ist die Geschichte vom Entzug aus den Fängen des familiären Drucks, der sich in der Ehe in gewisser Weise fortgesetzt hat. Auch eine Art Liebschaft ändert nichts an der Tatsache, dass die Frau lediglich als Projektionsfläche dient. Niemals aber geht es um sie selbst, sie verschwindet in und hinter den Bildern, in denen sie eine Rolle spielt – aber eben nur das: eine Rolle. Wer aber ist sie selbst?

Sehr gelungen finde ich das Cover des Buches, das mir mit jedem Blick darauf neue Dinge offenbarte, die ich zunächst nicht gesehen hatte. Toll gemacht!

dietotenseelenIn einem kleinen Städtchen irgendwo in Russland taucht eines Tages ein gewisser Herr namens Pawel Iwanowitsch Tschitschikow auf. Schnell findet er Zugang zu den Bewohnern des Örtchens, und auch zu denen im Umland, denn er ist angenehm, unterhaltend, kurz: riesig sympathisch. Und solche Menschen braucht die Provinz, bevor sie vor Langeweile vergeht!

Tschitschikow verfolgt jedoch ein Ziel, und wir LeserInnen sind ebenso vor den Kopf gestoßen, wie die Figuren, denen er sein Anliegen vorträgt. Und um das zu verstehen, muss ich erstmal ausholen:
Russische Gutsbesitzer verfügten über Leibeigene, also Bauern, die den Gutsherren dessen Felder bestellen. Diese Leibeigenen werden natürlich auch in den Büchern aufgeführt, denn die Gutsbesitzer haben für sie wiederum Steuern zu zahlen. Die Personenzahl steht dann für einen gewissen Zeitraum fest. Erst bei einer Revision wird geschaut, was sich daran geändert hat. Ist jemand gestorben, wird er erst dann aus der Steuerschuld entfernt, ist jemand hinzugekommen, muss erst ab dann für ihn bezahlt werden.

Auf die gestorbenen Leibeigenen nun hat Tschitschikow es abgesehen: Diese versucht er, seinen neu gewonnenen Freunden für ’nen Appel und’n Ei abzuluchsen. Doch wozu? Das ist dabei niemandem klar. Was soll das?
Und so zieht Tschitschikow zusammen mit seinem Kutscher, einem übelriechenden Diener und drei recht eigenwilligen Pferden durch das Land und stattet verschiedensten Gutsbesitzern seinen Besuch ab, um sein Anliegen vorzutragen… und die Menschen reagieren auf die verschiedenste Weise, was durchaus unterhaltsam zu lesen ist…

Gogol ist hier ein fabelhafter, ausufernd fabulierter Roman gelungen, der nicht nur einen Querschnitt durch die russische Gesellschaft zeigt; es sind zugleich bezeichnende Karikaturen entstanden und unglaublich witzige Szenen, die lebhaft beschrieben sind, was einen großen Lesegenuss mit sich bringt. Doch in diesem Buch spielt ebenso der Autor eine große Rolle, denn er beschränkt diese nicht nur auf die als auktorialer Erzähler, der die Geschichte wiedergibt – er hält auch mit Kommentaren über seine Figuren oder zur russischen Gesellschaft oder zu sich selbst nicht hinterm Berg! Das alles ist höchst amüsant und lustig, so dass ich die Lektüre des ersten Teils sehr genoss.

Doch dann habe ich das Nachwort gelesen… Und in dem erfuhr ich, dass dieser Roman von Gogol als Trilogie geplant war . Den ersten Teil hat er abgeschlossen, und vom zweiten Teil ist ein einigermaßen umfangreiches Fragment erhalten, welches jedoch wohl nicht der erste Wurf ist (den hat Gogol vernichtet). Einen dritten Teil gibt es nicht (mehr?). Ich sage das deshalb, weil ich tatsächlich das Buch nicht zuende gelesen habe, was ganz gegen meine Gewohnheit ist – und damit habe ich ganz persönlich ein Problem, da ich meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werde. Andererseits war es so, dass ich zwar den ersten Teil sehr genossen habe zu lesen, doch dann uferte die Handlung weiter und weiter aus. Und da ich ja schon wusste, dass der zweite Teil ein Fragment ist, verließ mich die Lust… Was ist, wenn Gogol nicht zum Punkt kommt? Vielleicht lese ich ja nochmal weiter, aber fürs Erste nicht. Trotzdem: Es sollte niemanden von der Lektüre abhalten!! Denn die hat sich trotzdem sehr gelohnt.

Aus-Lese 2017

Veröffentlicht: 31. Dezember 2017 in Bücher, Kultur, Kulturplan, Literatur

Auch dieses Jahr werfe ich einen Blick auf meinen Bücherberg zurück, der so hoch nicht war. Aber was bedeutet schon Quantität? Für manche Bücher braucht man nun einmal länger, um sie zu lesen, und das ist auch o.k. so. Lesen ist für mich ein Stück meines Lebens, ich habe immer ein Buch in Reichweite, ohne Lesen fehlt mir etwas.
Dieses Jahr hat Petzi erneut die Ausrichtung der 9. Blog-Parade übernommen, danke dafür! Hier kommen nun die Antworten zu den altbekannten Fragen:

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Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat? (und Begründung)

Ich versuche ja, möglichst erwartungsfrei an meine Literatur heranzugehen, und ganz oft habe ich, bevor ich angefangen habe zu lesen, noch nicht mal einen Blick hineingeworfen. Entweder lese ich das Buch  – oder eben nicht. Basta. Also beantworte ich viel eher die Frage nach meinem literarischen Highlight in 2017. Und das war, von den ungefähr 19 gelesenen Büchern: (………………Trommelwirbel………..) war es: …. Wartmal, ich überlege immer noch……….. Es war: Ja.

meinherzEs war „Mein Herz so weiß“ von Xavier Mariás. Hier war es dann aber doch so, dass ich hohe Erwartungen in das Wiederlesen dieses Buches gehegt hatte und zunächst enttäuscht war: Ich hatte es nicht ganz so sperrig in Erinnerung. Doch nachdem ich mich in Mariás‘ Stil eingelesen hatte, war es doch wirklich ein sehr genussvolles, aber auch anspruchsvolles Lesevergnügen. Mich beeindruckte der Stil und der Aufbau sehr, zum Einen durch den Sprachduktus, der an manchen Stellen durch die Aneinanderreihung von Nebensätzen, nur durch Kommata getrennt  wie ein überaus kunstvolles Stottern wirkte. Zum Anderen war das ständige Wiederholen und das Kreisen um eine Handvoll von Themen sehr interessant. Dies erinnerte beinahe an ein Musikstück, in dem die Themen immer und immer wiederholt und dabei variiert werden. Das war ein wirklich großartige literarische Lesefreude, dies Buch lege ich jeder/jedem ans Herz.

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Dann hätte ich beinahe noch „Die Katze des Dalai Lama“ und „Die Kunst des Schnurrens“ von David Mitchie erwähnen wollen, auch hier hatte ich zwei sehr berührende Leseerlebnisse, und auch diese Bücher (es gibt wohl drei, von denen ich jedoch bislang nur diese zwei gelesen habe) empfehle ich vorbehaltlos, wenn man sich für die buddhistische Lehre interessiert. Obwohl die Bücher durchaus auch eine literarische Qualität besitzen, habe ich sie eher als Fachbücher, als Einführung in die buddhistische Lehre, die in gewollt unterhaltsamem Stil der Vermittlung von Wissen dienen, aufgefasst. Ich mochte die Bücher sehr.

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat? (und Begründung)

Hier muss ich „Rasmussens letzte Reise“ von Carsten Jensen nennen, obwohl ich das Buch gern gelesen habe, literarisch solide geschrieben, spannende Geschichte, gut herausgearbeiteter innerer Konflikt. Doch leider hinterließ das Buch einen schalen Nachgeschmack. Den dänischen Maler Rasmussen gab es wirklich, und auch er hat die beschriebene Schiffsreise nach Grönland unternommen. Die Eckpunkte im Roman stimmen mit den biographischen Carl Rasmussens überein. Aber ob dies auch für den inneren Konflikt, der dem Künstler in dem Roman untergejubelt wird, gilt – das ist nicht historisch belegt. Auch wenn ich die Ausführungen sehr spannend fand, die inneren Konflikte zum Teil eine gewisse Komik  in sich bargen und dies wirklich gut beschrieben wurde, so frage ich mich doch, inwieweit der Roman der historischen Persönlichkeit gerecht wird. Unter diesem Gesichtspunkt konnte ich die Komik nicht so recht genießen, wenn dadurch vielleicht eine andere Person beleidigt wird… Warum konnte Carsten Jensen nicht einfach eine fiktive Figur erfinden, die sozusagen analog zu dem wirklichen Künstler ihren Platz in der Kunst und der Gesellschaft suchte? Das wäre mir persönlich ungemein lieber gewesen…

Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Das war die katalanische Schriftstellerin  Mercè Rodoreda. Von dieser Autorin hatte ich vorher nie gehört. Das Buch wurde mir geschenkt, und es war für mich eine ganz besondere Lektüre. Oberflächlich betrachtet war es eher handlungsarm. Ein Gärtner beobachtet seine Herrschaften – na und? Und doch verbirgt sich hinter der Handlung eine große Tiefe, die den Roman „Der Garten über dem Meer“ zu etwas ganz Besonderem macht.

Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?

jane-der-fuchs-und-ichGanz klar ist mein Favorit eine weitere Neuentdeckung und zwar sogar von einem relativ neuen Literaturzweig: Die Graphic novel „Jane, der Fuchs und ich“ von Fanny Britt und Isabelle Arsenault. Es ist vielleicht weniger die Cover-Gestaltung, streng genommen, sondern eher der gezeichnete Inhalt, der mich sehr fasziniert und den ich sehr ästhetisch finde. Auf alle Fälle ist es das Buch, das ich in diesem Jahr als Buch am Ästhetischsten fand – wo ich doch eigentlich gar nicht so sehr an der Aufmachung interessiert bin… Ein Fehler, wie ich dann empfinde, wenn ich ein solch gelungenes, liebevoll gestaltetes Buch in den Händen halte…

Noch zu erwähnen sind die Cover von den Büchern von der Katze des Dalai Lama, siehe weiter oben. Katzen sind einfach sehr lohnenswerte Motive für Cover, wenn es passt, finde ich.

Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2017 lesen und warum?

Momentan lese ich mit großem Vergnügen „Die toten Seelen“ von Nicolai Gogol, und niemand wird mich davon abhalten dies großartige Buch zuende zu lesen (außer die Tatsache, dass es von den geplanten drei Teilen nur einen fertigen gibt und ein Fragment des zweiten). Ansonsten lasse ich mich wie immer überraschen, welches Buch den Weg auf meinen Nachtisch findet. Sollte aber gerade keines mich anfliegen, dann greife ich mir eines aus dem Regal mit den dort vorhandenen Büchern von z.B. Haruki Murakami, Thomas Mann, Hanns-Joseph Ortheil, Guðmundur Andri Thorsson, Uwe Timm und Klaus Modick. Oder andere.

jugendohneKürzlich hatte ich ja die neue Verfilmung dieses Buches gesehen, und nun war ich doch neugierig, inwieweit das Filmdrehbuch dem Original gefolgt ist.

Der Lehrer – namenlos wie alle Gestalten in diesem Buch, wenn auch der eine oder andere einen charakterisierenden Spitznamen erhalten hat – beklagt sich über die stetig abnehmende Empathie, die unter den Schülern herrscht, seitdem die politischen Machtverhältnisse sich verschieben (man steht kurz vor Hitlers Machtergreifung) . Seine Versuche, diesen Tendenzen entgegen zu wirken, werden nicht nur von den Schülern, sondern  auch von den Eltern abgelehnt. Beim Besuch der Klasse eines Ferienlagers lernt  der Schüler Z ein Mädchen kennen, mit der er sich nachts heimlich trifft. Doch nicht nur der Lehrer beobachtet dies. Er ist es aber, der Zs Tagebuch heimlich liest. Durch diese Tat, die später entdeckt wird, spitzt sich die Stimmung im Lager zu, und als Schüler N tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht zunächst auf Z, der ihn verdächtigt hat, sein Tagebuch gelesen zu haben. Ausgerechnet der Lehrer ist es, der durch seine überraschende Aussage vor Gericht, er hätte die Schatulle geknackt, in der das Tagebuch lag und dieses gelesen,  die Wahrheitsfindung entscheidend voranbringt…

Für mich war es ein deutliches Plädoyer für Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten, und dass es lohnenswert ist, Charakterstärke zu zeigen und den unmenschlichen Einflüssen der aufkommenden politischen Strömungen entgegenzuwirken. Allerdings zahlt der Lehrer am Ende einen hohen Preis dafür, und man kann den Ausgang des Romans wohl kaum als siegreich bezeichnen.

Dieses Buch, so fürchte ich, wird auch nach den historischen Ereignissen, auf die von Horváth Bezug genommen hat, seine Aktualität niemals ganz verlieren. Denn dort, wo politische (oder wirtschaftliche) Belange über die der allgemeinmenschlichen gestellt werden, greift seine Kritik noch immer. Da muss man (auch wenn man es gut kann, wie die Verfilmung unlängst zeigte) gar nicht unbedingt durch den Entwurf einer düsteren Zukunftswelt schwarz malen, das ist jetzt noch alles schlimm genug. Leider.