Archiv für die Kategorie ‘Musik’

Konzerte und Gärten

Veröffentlicht: 25. Juni 2017 in Gedanken, Kultur, Kunst, Musik, Reisen

Was hat denn nun das miteinander zu tun? Vielleicht Musik im Garten? Nein, nein. Nur einfach, dass ich hier einmal etwas vorankommen will, und nun verbinde ich zwei kulturelle Themen, die mir beide sehr am Herzen liegen.

Das Hagen Quartett spielte am 29.3. in der kleinen Elphi
Ludwig van Beethoven: Streichquartett G-Dur op. 18/2
Bela Bartok: Streichquartett 3 Sz 85
Johannes Brahms: Streichquartett a-Moll op. 51/2

Und am 26.4. besuchte ich die Aufführung des Apollon Musaète Quartett in der kleinen Elphi, und gespielt haben sie
Crisantemi von Giacomo Puccini
Streichquartett a-Moll op. 35a von Anton Arensky
Andante festivo von Jean Sibelius
Streichquartett g-Moll op 27 von Edvard Grieg

Und nun soll ich nach so langer Zeit etwas über diese Konzerte schreiben und kann es gar nicht… Für mich ist Musik noch immer die flüchtigste aller Künste, zu der ich vermutlich auch den Zugang am schwierigsten finde. Deshalb fällt es mir auch sehr schwer, jetzt noch etwas darüber zu schreiben. An die Töne kann ich mich auch nicht mehr erinnern, und das Konzert am 29. März hat sich ohnehin sehr schnell verflüchtigt. Nur eines hat sich wieder gezeigt: Die modernen Streichquartette liebe ich mehr als die alten. Sie machen etwas in meinem Kopf, stoßen Gedanken an, lassen Assoziationen entstehen, tun mir gut, berühren mich. Das ganz andere System, mit dem ich mein Gehör, meinen Kopf in Berührung bringe, erfasst mich auf eine Weise, die in meinem Alltag sonst nicht vorkommt. Es erweitert meinen Horizont auf eine Art, die mir zu beschreiben kaum möglich ist.
Die Stücke der Komponisten aus dem 19. Jahrhundert haben bei mir diese Wirkung in nicht ganz so ausgeprägter Weise, jedenfalls nicht an jenem Abend. Sicherlich ist es auch immer stimmungsabhängig.

Besser erinnere ich das Konzert im April. Die gespielte Musik hatte fast durchgängig einen traurigen Grundtonus, vielleicht bis auf das Stück von Grieg, in das er, laut Programmheft, seine persönliches Liebestragödie  zum Thema machte. Es ist ein temperamentvolles Stück. Am meisten hatte mich an diesem Abend jedoch Puccinis Streichquartett beeindruckt, in der die Trauer so greifbar wurde.

Aber insgesamt muss ich meine Konzertimpressionen besser  unmittelbar nach den Konzertbesuchen  beschreiben – sonst ist wirklich alles weg!

Keukenhof  in Holland

Leichtere Kost ist dann doch ein Besuch in einem Garten zur Tulpenzeit, in der ich mich ja, wie bereits beschrieben, im schönen Noordwijk in Holland aufgehalten habe. Der Keukenhof liegt dort gleich um die Ecke, und so haben wir uns auf den Weg gemacht, die Tulpen zu entdecken. Der Keukenhof  hat wohl nur zur Tulpensaison geöffnet und stellt die neuen Tulpenzüchtungen vor. Und das sind schon ganz schön dolle Dinger.

 

Der Japanische Garten im Botanischen Garten im Hamburg

Aber um tolle Gartenerlebnisse zu finden, muss man nicht unbedingt weit weg fahren. Vor der eigenen Haustür liegen ebenfalls Paradiese, auch wenn sie klein sind. Nicht satt sehen kann ich mich an den leuchtenden Farben der Azaleen, wenn sie so schön blühen in dem japanischen Gartenstück in Hamburg-Klein Flottbek. Es hat uns entrückt in eine exotische, prachtvolle Welt, in der wir ganz schnell für einen Besuch lang alles andere vergessen konnten. Seht einfach selbst, wie schön er ist. Unser Besuch fand am 20. Mai statt. Und der nächste Mai kommt bestimmt!!!

 

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Franz Schubert: Streichquartett G-Dur D 887

Franz Schubert hatte mit dem Tod ein Ding am Laufen, viele seiner Musikstücke kreisen um dies Thema, so auch dieses Stück. Und „kreisen“ ist hier wörtlich gemeint, denn die Themen wiederholen sich eins ums andere Mal, werden variiert, sind wie Gedanken, die einen nicht loslassen und die einen immer wieder einholen, ob man nun will oder nicht. Ein leidenschaftliches Stück Musik ist das, das mich sehr berührt hat.

Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 15 es-Moll op. 144

Schwer zu fassen war für mich dieses Stück. Das Belcea Quartett ließ dazu das Licht dimmen, so dass es die Wirkung eines echten Nocturnos hatte, eines Nachtstückes. Dies hat die Wirkung des Stückes noch intensiviert, doch auch visuell war es für mich ein starkes Erlebnis: Diese schwierige, sehr ruhige und dennoch aufregende Musik, gespielt von drei Männern in dunklen Anzügen und einer Frau (Corina Belcea) in einem roten, ärmellosen Kleid; die weißen Arme, graziös die Violine haltend, nur beleuchtet von dem Display des Tablets, von dem sie die Noten ablas – das war schon ein intensiver, wunderschöner An- und Augenblick.

Ich habe das Konzert sehr genossen. Die MusikerInnen auch, denn ich glaube, auch sie waren berauscht von dem tollen Klang im kleinen Elphi-Saal, denn sonst hätten sie vielleicht nicht zwei Zugaben gemacht.

Lulu ist Projektionsfläche für die erotischen Wünsche der Männer; eine alte Geschichte eigentlich, die Frank Wedekind in zwei Theaterstücken aufgeschrieben hat und die Grundlage für diese Oper darstellen. Und so ist auch Lulu hier auf der Bühne wandel- und formbar, was sie in merkwürdigen Verrenkungen auch bildhaft darstellt. Auch wenn die Männer, die ihr reihenweise erliegen, zum Untergang verdammt sind, so ist doch Lulu nicht die Gewinnerin: Zu schnell dreht sich die Geschichte um, und aus der Königin wird eine Bettlerin, die am Ende einen ganz gemeinen Tod stirbt.

Christoph Marthaler hat zu der Oper seine ganz eigene Regiearbeit abgelegt, die mit Zeichen nicht spart und den SängerInnen neben den sicherlich schwierigen Gesangspartien zudem beinahe artistische Fähigkeiten abverlangt – was auch gelingt. So verkörpert Barbara Hannigan eine glaubhafte Lulu mit großartigen schauspielerischen und gesanglichen Fähigkeiten.

Alban Berg hat die Oper nicht beendet, und auch dies legt Christoph Marthaler offen, indem eine Pause eintritt, bevor die Musik, die Friedrich Cerha Bergs Musik hinzufügte, erklang. Doch auch hier formte Marthaler das Stück noch und ließ ein Violinkonzert von Alban Berg spielen, das der Komponist „Andenken eines Engels“ nannte und einen äußerst passenden Schluss bildete, wie ich finde. Gespielt hat Veronika Eberle die Violine leidenschaftlich und mitreißend, und setzte dadurch der Lulu-Figur ein ergreifendes musikalisches Denkmal. Alban Berg hatte dieses Violinkonzert zu Ehren Manon Gropius geschrieben, der Tochter von Walter Gropius und Alma Mahler-Werfel, die 18-jährig an einer Krankheit verstarb, und das passte sehr gut in diese Oper und war auch musikalisch noch ein weiteres Highlight.

Schwere Kost, die Oper, ganz sicherlich, aber absolut lohnenswert! Hier einige Impressionen:

Die Elbphilharmonie

Veröffentlicht: 25. Februar 2017 in Gedanken, Kultur, Kunst, Musik

Nun war ich schon kurz nach der Eröffnung sowohl in der kleinen als auch in der großen Elbphilharmonie, und das empfinde ich als ganz großes Glück. Denn die Karten sind rar, das Haus scheint mir chronisch ausverkauft zu sein, und so freue ich mich sehr, dass ich Gelegenheit hatte, das Haus schon so schnell kennen lernen zu können – von den großartigen Konzerten, die ich hier schon gehört (und vor kurzem berichtet) habe, ganz zu schweigen.

Was soll ich sagen: Mich freut dieser Bau, da er nun fertig ist, ganz ungemein! Auch wenn die Baugeschichte einem einzigen Desaster gleicht und der Stadt Hamburg viele (finanzielle) Opfer gekostet hat. Ob es ihn überhaupt jetzt gegeben hätte, wenn man vorher gewusst hätte, was der Bau kostet, und abzüglich der Fehler, die bei der Bauplanung passiert sind, ist mehr als fraglich. Doch was hier entstanden ist, ist ein künstlerisches und technisches Meisterwerk, eine Zierde und ein Glücksfall für Hamburg. Ich finde, jetzt im Nachhinein, dass sich der Aufwand absolut gelohnt hat, etwas Großes und hoffentlich (lange) Bleibendes ist entstanden, und wie so oft in der Geschichte, war dies nicht ohne Ungerechtigkeiten (beispielsweise weil in Hamburg wahrscheinlich andere wichtige zu finanzierende Projekte spät oder gar nicht realisiert wurden) und Ausbeutung möglich. Es wäre schön, wenn es diese Opfer nicht gekostet hätte, aber wäre dies machbar gewesen??

Nun jedenfalls ist sie da, unsere Elphi, und für mich waren es große und feierliche Momente, sie kennen zu lernen. Hier einige Impressionen (bitte verzeiht mir die schlechten Aufnahmen, die ich mit meinem Handy gemacht habe, ich hoffe, Ihr bekommt dennoch einen Eindruck vermittelt):

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Meine erste Annäherung (Blick von der Landseite)

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Auf der Plaza, dem öffentlich zugänglichen Bereich: Spiegelungen, schräge Säulen und gewelltes Glas

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Die Spiegelungseffekte und ein großartiger Blick über den Hamburger Hafen vom Außenbereich der Plaza aus

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Der kleine Saal der Elphilharmonie ist sehr flexibel gestaltbar: Zuschauertribüne und Bühne können komplett verschwinden, so dass man auch einen Ballsaal daraus machen kann – toll!

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Die Holzvertäfelung mit der kunstvoll gestalteten, unebenen Oberfläche soll die Akustik optimieren.

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Alles, alles voll toll: Sogar der Boden im Klo!

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Die große Elphi; hinter den Stäben verbirgt sich die Orgel

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Blick von den billigen Plätzen: Aug in Auge mit dem Dirigenten, und die Akustik ist super!

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Die berühmte „weiße Haut“: Jede dieser Platten ist individuell gestaltet und soll (zusammen mit anderen Elementen) für die gute Akustik sorgen.

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Die Orgelpfeifen

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Foyer und Treppenhaus: abwechselnd fühlt man sich geborgen wie in einem Schiffsbauch oder als Teil eines riesengroßen, dreidimonsionalen Kunstwerkes. Einfach toll!

Zwei Kritikpunkte habe ich aber doch: Sollte frau aufs Klo gehen wollen (Männer haben ja eine größere Blase oder wasweißich), sollte sie das im Foyer tun. Dort gibt es nämlich eine Toilette mit ca. 6 Klos. Bei den Zuschauerrängen sind nur 2 Klos, dafür aber riesenlange Schlangen davor, das nervt…

Was das Kartenbesorgen angeht, muss auch unbedingt noch was passieren. Die Karten sind insgesamt eigentlich nicht überteuert, aber nur, wenn man das Glück hat, am ersten Tag des Vorverkaufs eine Karte direkt von der Elphi (oder den VVK-Stellen) zu bekommen… Schon sehr schnell sind die Karten ausverkauft und finden sich umgehend bei Ebay zum Verkauf wieder, natürlich für das Doppelte und mehr… Das ist schlecht, und ich hoffe, die Verwaltung lässt sich schnell etwas einfallen, dies zu stoppen.

Doch sonst… ich freue mich über den Bau!!

Dies ist übrigens der 700. Blogbeitrag (seit Januar 2007). Und darauf bin ich ganz schön stolz!

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Und dies war das ganze Programm im großen Saal der Elbphilharmonie:

Charles Ives: The unanswered question / Two contemplations Nr. 1 (1906)
Anna Thorvaldsdóttir: Aeriality (2011)
Haukur Tómasson: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 (Uraufführung)
Igor Strawinsky: L’oiseau de feu (Der Feuervogel) / Ballett in zwei Bildern mit Introduktion (1910)

Es ist ganz selbstverständlich, dass solche Stücke wie das von Charles Yves in einem so wundervollen Raum wie dem großen Saal der Elbphilharmonie einfach gespielt werden muss: Die Musiker haben sich auf die verschiedenen Ebenen innerhalb des Publikums verteilt, um genau zu sein, die Trompete, die die Fragen stellt, sowie die Geigen, die dem Dialog zwischen der Trompete und den antwortenden Holzblasinstrumenten – als einzige mit dem Dirigenten auf der Bühne verbleibend – einen unerschütterlichen Rahmen geben. Und so klingt der Saal, ist voller Musik, die einzelnen Standorte der Streichinstrumente vermag ich nicht auszumachen, und doch ist alles deutlich und klar zu hören. Die Geigen bilden einen mystisch wirkenden Grundton, der aber Halt gibt, wenn die Trompete 7 mal fragt, und die Holzbläser sich in Antworten versuchen, die von mal zu mal dissonanter klingen. Und sie tun es nur 6 mal. Die siebte Frage bleibt unbeantwortet, bleibt im Raum stehen, während die Streichinstrumente weitermachen. Es sind acht Minuten Musik, die es absolut in sich haben. Charles Yves hat es dem Dirigenten überlassen, wann die einzelnen Fragen und ihre Antworten über die ewigen Streicher gesetzt werden. Nur sollten die Streicher am Ende allein spielen, so die Vorgabe. Ein intensives Stück, das viel Raum für Interpretation und philosophischer Betrachtung lässt – toll!

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Anna Thorvaldsdóttir und Haukur Tómasson beim Einführungsgespräch

Anna Thorvaldsdóttirs Stück „Aeriality“ hatte ich mir schon auf Youtube angehört, um nicht unvorbereitet zu sein – am Ende war ich es doch: Denn so klar und deutlich setzen sich die einzelnen Musikinstrumente in dem (Klang-)Raum durch, wie es auf einem Video am heimischen Bildschirm nicht möglich ist.
Es ist schon merkwürdig: Bei isländischen Künstlern denkt man doch allemal zuerst an die großartige Natur des Landes, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sehr viele isländische Künstler sich auch ihre Inspiration aus der Natur holen. Auch Anna kann davon nicht frei gewesen sein, wenn sie die Töne durch den Raum schickt wie eine bleierne Wolke, die doch bei näherem Hinhören gar nicht  homogen klingt – und die großartige Akustik setzt diesem Tribut: viele Einzelstimmen werden hörbar und transportieren sich. Die bleierne Wolke, die dann doch zu verfliegen und kurzfristig einem Sonnenstrahl Raum zu geben scheint… Der Titel Aeriality ist ein Wortspiel, vielleicht auch ein Hinweis, um diese Musik deuten zu können, die zunächst so düster daherkommt und sich dann ein Stück weit in Wohlgefallen auflöst. Anna Thorvaddottirs Musik hat mich so sehr an die großen Gemälde von Anna Gudjónsdóttir erinnert; ich sehe eine Verbindung zwischen der rätselhaften Verborgenheit einer Naturempfindung, die aber doch intensiv aus den Bildern spricht – und auch aus Anna Thorvaldsdóttirs Musik.

Das mit der Natur habe ich bei Haukur Tómassons 2. Klavierkonzert jedoch nicht in dem Maße herausgehört. Am Flügel saß übrigens Vigingur Olafsson (Jahrgang 1984!!), der sich in die hochabstrakte Gedankenwelt zeitgenössischer Musiker hineinzusetzen vermag – eine riesige Leistung! Die Töne zwischen Klavier und Orchester stehen in einem ständigen Dialog, bestehend aus vielen einzelnen Tönen und mehr oder eher weniger melodischen Versatzstücken, der mich eher an komplizierte mathematische Berechnungen erinnern lässt, als an Naturgewalten. Es ist ein toller Kontrast, der hier bei der Musikauswahl vorgenommen wurde: Die düster-bleierne Musik Annas gegenüber dem komplizierten und beinahe verspielten Gedankenspiel von Haukurs Komposition – beide großartig, beide so unterschiedlich! Auch dieses Stück habe ich sehr genossen.

Nach der Pause gibt es dann noch Strawinskys Feuervogel, der so ganz anders ist als das Stück von Charles Yves, obwohl doch beide im Abstand von drei Jahren – nämlich 1906 (Yves‘ Stück) – Yves war aber seinem Zeitgeist sehr weit voraus –  und 1910 – entstanden sind. Der Feuervogel ist ein tolles Stück, mit schillernden, beinahe verklärten Zügen, und dann wieder absolut wild und ungebändigt. Spätromantisch, halt. Herr Salonen hat auch dieses Stück mit viel Inspiration dirigiert, es war ganz großartig. Ich möchte so gern einmal diese Ballettmusik mit Tänzern sehen, ich muss mal schauen, vielleicht hat meine Hamburger Staatsoper das ja im Repertoire…

Im Anschluss an dieses unglaublich tolle Konzert, nach einiger Wartezeit und einem Freigetränk, um viertel vor 12 spielte im Rahmen des Island-Festivals, das ja diesen Februar in Hamburg stattfindet, noch Júníus Meyvant  aus seinem neuen Album »Floating Harmonies« auf. Es mag an vielerlei gelegen haben, dass mir dieses Konzert nicht zusagte. Zum einen war das andere Konzert mit diesen sehr ausdifferenzierten Tönen noch präsent. Wie soll da eine oder mehrere E-Gitarren gegenan kommen? Június ist ein Musiker der leisen Töne, mit seinen Brüdern und seinem Vater auf der Bühne kamen diese Jungs einfach nicht gegen die Aura eines ganzen Orchesters gegenan. Und ich will ja überhaupt nicht sagen, dass nicht auch Rock oder Pop in der Elphi gespielt werden sollten – aber diese Musik verlangte meiner Meinung nach nach einem anderen Rahmen, intimer, wo man dem Musiker nicht von hinten oben auf die ungekämmten Haare glotzt, sondern seine Mimik, überhaupt seine ganze Ausstrahlung viel näher mitbekommen kann. Ist meine Meinung. Und da ich eher gar nicht in Rockkonzerte gehe, ist es noch nicht mal eine fundierte…

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Eine dolle Bühnenschau, aber durch meine Perspektive von Bereich T1 auf der 16. Ebene hat sich die Musik nicht vermittelt

Spät ist es dadurch geworden, doch es war ein ganz besonderer Abend, von dem ich noch lange zehren werde. Tja, und die Elphi… die ist ein Thema für sich, die hier im Blog bald ihren eigenen Beitrag verdient.

Ich habe ja, da ich im letzten Jahr ein 3-Veranstaltungen-Abonnement hatte, schon vor langer, langer Zeit einen Brief von der Elbphilharmonie bekommen, ob ich nicht wieder… Naklar, und ob ich wollte! Der Preis war zudem sowas von unschlagbar, dass ‚Nein‘ zu sagen echt Sünde gewesen wäre.

Und so bin ich also in den Genuss eines der Eröffnungskonzerte der Elbphilharmonie gekommen, was mich aus verschiedenen Gründen ganz glücklich gemacht hat…. In einem anderen Artikel werde ich mich noch über das Gebäude ausmehren, das mir ausnehmend gut gefallen hat. Jetzt geht es aber um das Konzert.

Darüber zu schreiben, fällt mir wie immer schwer. Musik beschreiben, als blutige Laiin ist ein haariges Unterfangen, aber ich will es mal probieren.

Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquartett d-Moll KV 417b
Während man von Mozart eher leichte, fröhliche Musik kennt, kommt dieses Musikstück tragend und schwer daher: in Moll-Tönen eben. Die Umstände, unter denen es Mozart aufschrieb – meist hatte er die Kompositionen schon fertig im Kopf, bevor er ans Notieren ging – muten geradezu  exzentrisch an: Seine Frau Constanze liegt nämlich, sich in Wehen immer wieder vor Schmerzen krümmend, kurz vor der Geburt des ersten Sohnes. Mozart soll nun also daneben gesessen haben und seine Arbeit immer wieder unterbrochen haben, um seine Frau zu umsorgen oder ihre Hand zu halten. Sobald sich Constanzes Situation wieder ein wenig entspannt hat, soll er wieder an seine Arbeit zurückgekehrt sein. So erzählt Constanzes zweiter Ehemann. Will man dies Werk also autobiografisch betrachten, so wundern mich die Moll-Töne, und sie wundern mich nicht. Die Geburt ist doch eine riesig gefährliche Angelegenheit, zumal im Entstehungsjahr 1783, als Kaiserschnitte noch nicht gang und gäbe waren. Zugleich bedeutet die Geburt – zumal des ersten Kindes – so oder so einen starken biografischen Einschnitt. Vielleicht also ist auch ein Stück Abschied in dem Stück herauszulesen, von der eigenen Kindheit und ganz sicher von der Unabhängigkeit. Mag sein, dass Mozart genau solches mit zum Ausdruck bringen wollte. Ich fand es sehr schön. Doch so flüchtig wie Musik nun mal ist, ist mein Gehör ungeübt, und mehr kann ich leider nicht dazu schreiben.

Ludwig van Beethoven: Streichquartett f-Moll op. 95 »Quartetto serioso«
Beethoven muss ein Mann von recht launischer und eigener Natur gewesen sein, und so ist auch dieses Stück Gefühlswallung in Reinkultur. Wut stecken in den Noten, Heftigkeit und Unausgeglichenheit. Dieses Temperament wussten die vier Streicher des Quatuor Ebène bestens herauszuarbeiten. Schon lange möchte ich einmal mehr über Ludwig van Beethovens Biographie wissen. Laut Programmheft war Herr Beethoven oft verliebt und schien zur Entstehungszeit dieses Stücks gerade einmal mehr von einer Frau abgewiesen worden zu sein.

Maurice Ravel: Streichquartett F-Dur:
Das Stück von Ravel stellte für mich den Höhepunkt des Abends dar, die Streichinstrumente bildeten ein wunderbar harmonische Einheit, und so löste das Stück in mir eine Welle von ästhetischer Schwelgerei aus, denn so wunderbar war das Zusammenspiel der vier Instrumente, die zudem auf vielerlei Weisen gespielt wurden. Auf wohlklingende Einheiten folgten Pizzicati, und die Instrumente konnten auch durch die vieltönige Melodik ihre komplette Bandbreite demonstrieren. Zwischendurch entstanden in mir Bilder von Naturlandschaften von größter Harmonie. Es war toll.

Das Publikum raste am Schluss, und die temperamentvollen jungen Musiker, die ihren Emotionen schon beim Spiel der Instrumente deutlich zeigten (so dass sie öfters durch Aufstampfen des Fußes bei Tempowechsel den Stücken eigene Geräusche – natürlich sicher ungewollt – hinzufügten) zeigten in zwei Zugaben, wie groß ihre künstlerische Bandbreite ist. Von einer ohnehin obsoleten Unterscheidung zwischen E- und U-Musik halten die Jungs jedenfalls nichts! So spielten sie einen rasanten Tango von Astor Piazola, der uns echt vom Hocker riss, und dann noch ein Stück von Miles Davis (glaube ich).

Das Quatuor Ebène ist auf jeden Fall einen Konzertbesuch wert! Oder besser: nicht nur einen!

Die Handlung ist schnell erzählt: Daphne fühlt sich unter Menschen nicht so recht wohl; sie geht mehr auf inmitten der Natur. Ihr Jugendfreund Leukippos versteht das nicht so recht, und auf jeden Fall täte er sie sowieso am liebsten mit den menschlich-fleischlichen Wonnen vertraut machen. Doch das kommt bei Daphne nicht gut an. Als aber Apollo, getarnt als Hirte, auftaucht, ist sie hin und weg, was aber nicht heißt, dass sie seinem Werben nachgibt. Als es zu einer Eifersuchtsszene der beiden werbenden Männern kommt, tötet Apollo kurzfristig den Nebenbuhler. Doch das Entsetzen, das Daphne an den Tag legt, und auch ihre Schuldgefühle, die sie empfindet, da Leukippos ihretwegen gestorben ist, lassen Apollo seine Tat bereuen. Er bittet um Aufnahme des Leukippos in den Olymp. Daphne verwandelt er in einen Lorbeerbaum und eröffnet ihr damit endlich die Welt, zu der Daphne schon immer eine Seelenverwandtschaft hatte.

Christof Loy verlegt die Szenerie inmitten einer bayerischen Wirtschaft, in der die zünftgen Buabn sich vorm Dionysos-Fest erstmal waschen und auch sonst mit dem Präsentieren ihrer Männlichkeit nicht hinterm Berg halten. Daphne dazwischen passt nicht in diese illustre Runde, hängt lieber mit den Topfpflanzen ab, die vor der Wirtschaft stehen, als sich unter die bierseelige Gesellschaft zu mischen. Es ist ein altes Thema, das Inmitten-der Gesellschaft-sein-aber-sich nicht-zugehörig-fühlen, welches von Richard Strauß in eine innige, spätromantische Musik umgesetzt wurde und die Tiefe des Konflikts einmal mehr betont. In Christof Loys Inszenierung ist nicht Apollo der ausübende Mörder, vielmehr wird Daphne von dem Gott zu der Untat gezwungen. Und diese muss dann auch die Folgen ausbaden. Statt einer kompletten äußeren Verwandlung in einen Lorbeer sind es nur ein paar Blätter, mit denen sie sich schmückt; letztendlich wird sie abgeführt, um für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ja, die Götter! Was richten sie für Unheil an! Und im nächsten Moment haben die kleinen Menschen alles wieder auszubaden…

Im Grunde genommen, und das ist vielleicht eine gewagte Deutung, ist das Stück hochaktuell. Die Götter mischen sich unter unser Volk als Aufmischer, Psychopathen, die es, wie auch immer, schaffen, dass ihren kaputten Ideen andere Menschen folgen und sich zu Taten hinreißen lassen, die man einem einzelnen schwachen Menschen in dieser Heftigkeit kaum zutrauen kann. Mit idealistischem Unterbau aber ist dann so einiges möglich… Tja, und diese Götter entziehen sich der Strafe, denn ausgeübt wurden die Taten nicht von ihnen. Menschen, die nicht in der Lage sind, ihre Taten in ihrer Schwere zu erfassen, müssen – und das ist richtig so – dafür zur Rechenschaft gezogen werden…

Es war ein toller Abend mit wunderbaren Stimmen von Agneta Eichenholz als Daphne und Eric Cutler als charismatischer Apollo. Richard Strauß‘ Musik dazu war grandios!