Archiv für die Kategorie ‘Theater/Oper’

Franz Grillparzer wird nicht oft auf den Bühnen gespielt, und auch hier wurde sein Stück, ich sag mal, modifiziert. Aktuell wäre es vermutlich sogar in der Originalfassung, aber einiges wurde durch die Bearbeitung noch stärker herausgearbeitet, denn an diesem Abend im Hamburger Thalia Theater geht es um solche Themen wie Fremdheit, Vertriebensein, Asyl und letztendlich um Menschenwürde.

Szene aus „Medea und Jason“ im Hamburger Thalia Theater. Bildquelle: s. hier

Medea, die einst ihrem Geliebten Jason half, ihrem Vater das goldene Vlies abzuluchsen, ist überall in Ungnade gefallen. Nach jahrelanger Odyssee hat Jason nun die Möglichkeit, Fuß zu fassen, aber unter einer Bedingung: Medea muss vor den Stadttoren bleiben, die gemeinsamen Kinder aber dürfen mit Jason einziehen, und er soll eine schöne Frau heiraten. Jason, trotz der Liebe zu Medea, ist durch die lange Irrfahrt müde geworden und vielleicht Medea auch überdrüssig. Medea steckt in einer grässlichen, menschenunwürdigen Situation, denn es wird von ihr verlangt, alles loszulassen, was ihr lieb und teuer ist, ohne dass sie dafür auch nur irgend etwas bekommt….

Das alles wird nun auf einer Bühne ausgebreitet, die außer aus einer riesigen Menge von zusammengepressten Klamottenquadern nur noch aus der Anwesenheit zweier Musiker besteht, die, ganz wie in einer klassischen griechischen Tragödie der Chor, die Geschehnisse auf der Bühne musikalisch kommentieren. Die Klamottenquader formieren sich mal zur Wand, dann zum Bett, schließlich zum Tor und lassen jede Menge Spielraum für Assoziationen. Wo kommen die Kleidungsstücke her, unter welchen Bedingungen sind sie entstanden? Wohin reisen sie, wenn sie weggeworfen wurden, und wie viele Menschen haben all diese Klamotten getragen…?

Bewegend spielen Maja Schöne und André Szymanski die beiden Titelhelden und schlüpfen in immer andere Rollen, um die Geschichte, die die sie nun vor jene Stadttore und in diese menschenunwürdige Situation getrieben hat, nachzuspielen, und geben dabei alles. Es ist hochassoziatives Vollblut-Theater, das hier stattfindet, es werden neue Zeichen gefunden, um den Konflikt, in dem die Protagonisten stecken, zu illustrieren. Ein Wahnsinn! Aber solcher, der sich anzusehen unbedingt lohnt.

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Also ich werde noch ein Fan von Richard Wagners Opern, wenn ich es nicht schon längst bin… Dieses gewaltige Musikwerk habe ich mir passend am Karfreitag gegönnt, und es wurde ein feierlicher, ein ganz besonderer Abend…

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Szenenbild aus „Parsifal“ in der Inszenierung von Achim Freyer, Foto auf der Website der Hamburgischen Staatsoper, Bildquelle siehe dort

Ich mochte ja schon sehr Achim Freyers Inszenierung der Zauberflöte, die lange, lange Zeit auf dem Spielplan der Hamburger Oper zu finden war (und jetzt ja durch wie ich finde eine  Inszenierung von Jette Steckel – die mir ganz und gar nicht gefallen hat – abgelöst wurde), und auch diese Bühnenbild- und Regiearbeit hat mich restlos überzeugt: Das Bühnenbild bestand aus einer malerisch angelegten Spirale, in der sich die Protagonisten bewegten, wie in einem großzügig angelegten Treppenhaus. Eine Menge von Zahlen und Zeichen waren dazu angebracht, manche leichter zu entschlüsseln wie beispielsweise die Kreidezeichnung eines Osterhasen, an die Wand gemalt, manche weniger leicht wie Zahlen, wieder andere waren vielleicht nicht einfach, vielleicht auch gar nicht zu verstehen.

Die Protagonisten agierten beinahe statisch, was sehr gut zu der Musik passte, die ich sehr tragend, sehr feierlich empfand, und die auch absolut nicht dazu einlud, sie mit einer schnellen Bewegung zu kombinieren. Alle Symbole, alle Figuren schienen aus dem Reich der Zeichen zu kommen, so zum Beispiel der ewig leidende Gralsritter Amfortas, der hier ähnlich wie Christus am Kreuz Qualen leiden muss durch die Wunde, die ihm durch seine eigene heilige Lanze zugefügt wurde, nachdem er auf Abwege geraten war, und die sich nicht schließt. Vielmehr bricht sie immer dann auf, wenn der heilige Gral hervorgeholt wird, um das Abendmahl abzuhalten. Oder Kundry, die Frau, die nicht sterben kann, seit sie Jesus beim Kreuzgang verspottet hatte und mittlerweile zu einem verrohten, männerverführenden Ungeheuer verkommen ist und einfach allzu garstig aussieht. Erlösen kann sie nur ein tugendhafter, unschuldiger Mann, ein „reiner Tor“, genauso wie auch Amfortas nur durch ebensolchen von seinem Leiden erlöst werden kann, der dazu seine Wunde mit der heiligen Lanze streifen muss. Parsifal, ein Junge, der versehentlich einen der heiligen Schwäne erjagt, so unwissend und naiv ist er, könnte vielleicht der Retter sein…

Das Bühnenbild passte ganz genau zu dieser tragenden Musik, den langen statischen Passagen, die von den Sängern hervorragend bewältigt wurden, und war dabei doch alles andere als statisch. Durch raffinierte Projektionen wirkte die Bühne teilweise wie eine komplette Spirale, das Licht wurde geschickt und effektvoll eingesetzt, um die feierliche Stimmung, beispielsweise beim Abendmahl zu unterstreichen, und langsam, aber stetig entwickelten sich Handlung und Musik in einem tragenden Tempo – sehr eindrucksvoll. Der Opernbesuch liegt ja nun schon eine Weile zurück, aber noch immer ziehen Bilder daraus an meinem geistigen Auge vorbei.

Es ist eine tolle Inszenierung, die mich sehr berührt hat, ein wirklich besonderer Abend, und auch wenn er nicht zu verwechseln ist mit einer Andacht, so war es doch ein Innehalten am Karfreitag, das einmal mehr die Bedeutung dieses Tages vor Augen geführt hat.

Vor einiger Zeit hatte ich ja in einem phantastischen Konzert ein Stück von George Benjamin gehört, das mich genauso fasziniert hat wie die Information, dass George Benjamins Stücke die Meistgespielten zeitgenössischer Musik seien. Ich lasse das mal so stehen. Ich kannte ihn jedenfalls vorher überhaupt nicht, und als diese „Wanderaufführung“ in Hamburg weilte, habe ich die Gelegenheit am Schopfe gepackt und bin hingegangen – und habe es nicht bereut!

Foto und Bildrechte: siehe Staatsoper-Hamburg.de

Die Geschichte beruht auf die historische  Person Edward II, bzw. vielmehr ist es angeregt durch ein Stück von Christofer Marlowe und durch ein weiteres von Shakespeare. Keine Ahnung, wieviel dann noch von der historischen Person übrigbleibt, aber das ist auch nicht so wichtig.
König Edward ist ganz verliebt in seinen Gespielen Gaveston, mit dem er nicht nur das Bett, sondern auch Kunstgenuss teilt. Währenddessen mosert im Hintergrund der Ratgeber Mortimer, dass es dem Volk nicht gut ginge, es würde hungern. Gleichzeitig versucht Mortimer, Edwards Frau Isabelle auf seine Seite zu ziehen – und in sein Bett. Der ist aber das Volk schnuppe, der Gatte vielleicht auch, von dessen Liebhaber ganz zu schweigen.
Mortimer versucht, den Thronfolger, also Edwards und Isabells Sohn, auf die Aufgabe des Regierens vorzubereiten, indem er von ihm fordert, ein Verhör mit einem deutlich verwirrten, irre gewordenen Mann zu führen; nach dem Verhör lässt er den Mann töten, im Namen des Jungen. Als nächstes nimmt Mortimer sich Gaveston vor und schafft ihn aus dem Weg, und schließlich stirbt auch der König. Nun hat Mortimer freie Bahn für die Liebschaft mit Isabell und kann den jungen Thronfolger vielleicht nach seinen Vorstellungen lenken. Aber dann kommt es doch alles ganz anders…

Die Inszenierung bediente sich eines bemerkenswerten Tricks: Die beiden Kinder des Königspaars – die jüngere Tochter hat eine stumme Rolle – sind in jeder Szene anwesend und schauen den Intrigen und Grausamkeiten, die in den Handlungen jedes einzelnen Erwachsenen steckt, zu – und ziehen ihre Lehren daraus, was am Ende des Stückes zu einer eindringlichen Wendung, die doch keine ist, führt. Das Stück, so kurz es ist (knappe eineinhalb  Stunden), zeichnet ein von Egoismus und Kaltblütigkeit geprägtes Sittengemälde, das komplett aktuell ist, oder vielleicht gar zeitlos. Die Menschen (in der Führungsspitze) sind allesamt verdorben und auf ihren eigenen Vorteil bedacht, Liebe – selbst die zwischen den beiden Männern – existiert in dieser Welt nicht, bzw. nur in Zusammenhang mit einem gewissen Zweck. Das war durchaus erschütternd und auf den Punkt gebracht. Dazu die Musik, die ich als emotional empfand und vielleicht auch die Gefühlswelt der beiden Kinder wiederspiegelt, die ja jede Szene mit anschauen. Die Inszenierung war hervorragend, Bühnenbild ebenfalls, das eigentlich nur aus einem Bühnenraum besteht, der für die verschiedenen Szenen gedreht und mehr oder weniger stark verändert wird.

Ich finde es zwar irgendwie komisch, dass diese Inszenierung ihren Ausgangspunkt im Royal Opera House hat und nun durch einige Städte in Europa tingelt – mich erinnert das ein ganz klein wenig an das Musical-Konzept, das  keine eigene Inszenierung zulässt – aber da vermutlich deutlich weniger Interessenten für diese neue Oper zu finden sind, ist dies zumindest eine Idee, um Kosten zu sparen und die Oper an verschiedenen Orten trotzdem zeigen zu können. Und da es eine sehr gute, packende Inszenierung ist, geht das von mir aus klar. Für Interessierte: Die Oper (in dieser Inszenierung mit minimal anderer Besetzung) findet sich derzeit in der Arte-Mediathek (noch bis 21.6.).

Die Oper hatte ich schon mal gesehen, da hieß sie aber „Der Geburtstag der Infantin“ (wahrscheinlich, weil das Stück von Adolf Dresen für die Hamburgische Staatsoper bearbeitet worden war oder so) – und so heißt auch die Erzählung von Oscar Wilde, an deren Handlung sich die Oper orientiert.

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Zum 18. Geburtstag der Infantin treffen jede Menge Geschenke ein, unter anderem auch ein Zwerg. Er ist von Gestalt hässlich, doch kann er die Infantin, in die sich der Zwerg sogleich verguckt, durch seinen wunderbaren Gesang berühren. So ist die Thronfolgerin einerseits angezogen von seinem musikalischen Können, andererseits aber abgestoßen durch seine äußere Gestalt. Der Zwerg, der gar nicht weiß, wie sehr er sich von der Hofgesellschaft äußerlich unterscheidet, deutet die Bemerkungen und Gesten falsch, er glaubt ganz sicher, dass seine Zuneigung erwidert wird.

Erst als auf Geheiß der Infantin von der Bediensteten ein Spiegel herbeigeholt wird, erkennt der Zwerg die Wahrheit – und stirbt.

Es ist eine kurze Oper mit wunderbarer, vielklingender  Musik, die wie selbstvergessen die Schönheit wiederspiegelt, die der Zwerg empfindet, doch gleichzeitig wohnt ihr bereits der innere Zerfall inne. Spätromantisch halt.

Ergreifend war diese Inszenierung! Regiesseur Tobias Kratzer teilte die Person des Zwerges nämlich auf: Während Mick Morris Mehnert als kleinwüchsiger Schauspieler den Zwerg spielte, wurde der Gesang von David Butt Philipp übernommen. Dadurch ergab sich eine psychologische Teilung von Eigen- und Fremdwahrnehmung des Zwerges. Er selbst  nimmt sich ja nicht als hässlich wahr, sondern als absolut gleichwertig, während doch alle außer ihm sehen, was er äußerlich betrachtet wirklich ist. Die Szene, in der der Zwerg mit dem Spiegel konfrontiert wird und feststellen muss, wie er wirklich aussieht – sehr geschickt inszeniert übrigens – war nicht nur für die Figur des Zwerges geradezu schockierend. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Es ist eine wunderbare Inszenierung, wunderbare Musik, ein absolut gelungener Opernabend, dazu knackig kurz.

Ergänzend und der Oper vorangestellt war ein kurzes Stück von Arnold Schönberg: „Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene für Orchester op. 34“. Eine Lichtspielszene wurde dann auch gespielt: Ein Mann und eine Frau rangeln um Liebe am Klavier, kurz gesagt. Es ist der Komponist Alexander von Zemlinsky, der hier dargestellt wurde – und der übrigens wenn nicht kleinwüchsig, aber doch nur knappe 1,60 m groß war – mit der jungen Alma Schindler (spätere Ehefrau und Geliebte anderer diverser Künstler, u.a. Gustav Mahler und Franz Werfel), denn auch die beiden hatten eine kurze, heftige Affäre, auf die hier angespielt wurde. War echt gut gemacht.

Und auch erwähnen möchte ich die Ausstellung im Foyer mit Bildern von Christoph Niemann, der anhand von großen Bildtafeln erklärt, wie sich ihm der kreative Prozess darstellt – was launig und hochinteressant ist. Gern zeige ich ein paar Bilder von ihm:

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Mehr kannst Du über ihn hier erfahren, denn die Ausstellung vor ein paar Jahren im Museum für Kunst und Gewerbe mit vielen seiner Werke habe ich auch besucht.

Fazit: Ein Besuch in der Deutschen Oper lohnt sich auf jeden Fall, und die Pause (wenn es denn eine gibt, „Der Zwerg“ hatte leider keine, war eh ein kurzer, knackiger Abend von eineinhalb Stunden) wird kurzweilig.

Die Musik von „Carmen“ ist für mich gleichwohl die Erinnerung an eine frühere Zeit in meinem Leben, nämlich der, in der ich mein Abitur über den zweiten Bildungsweg nachholte und dann in Berlin studierte. In dieser Zeit muss ich die Musik sehr oft gehört haben, ich habe in meinen Beständen noch eine ganz abgenudelte Kassette mit dieser Oper, die ich damals viel gehört habe. Habe ich „Camen“ überhaupt mal in der Oper gesehen? Ich kann mich konkret nicht daran erinnern… Wie dem auch sei: Nach den letzten Opernbesuchen, die nicht ganz unanstrengend waren, wollte ich einmal wieder schwelgen – was sicherlich gelungen ist.

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Impressionen aus „Carmen“ in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog, Bühnenbild und Kostüme: Mathis Neidhardt; Bildquelle: siehe Staatsoper Hamburg

Carmen, die Lokalschönheit unter den Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik, ist berüchtigt dafür, dass sie die Männer anzieht – doch beherrschen lassen will sie sich von niemandem. Sie ordnet sich niemandem unter und tut, was sie will, ist launisch, aggressiv und freiheitsliebend in einer Radikalität, die sie unfassbar macht. Damit ist sie beinahe der komplette Gegenentwurf zu Don José, einem einfältigen Hitzkopf, der sich zwar an der Normalität orientiert, diese aber nicht leben kann – denn sonst hätte er sich nicht so rasend in Carmen verguckt… Beiden ist gemein, dass sie Außenseiter sind. Während Carmen sich keiner gesellschaftlichen Ordnung beugen will, gelingt es Don José einfach nicht. So musste er aus seiner Heimat, dem Baskenland, fliehen, weil er dort durch seine Hitzköpfigkeit in Konflikt mit der Polizei geraten ist. Und auch wenn er eigentlich dem Wunsch seiner Mutter folgen will und Micaela, seine Ziehschwester, heiraten will, so schafft er es nicht, sich anzupassen und verliebt sich Hals über Kopf in Carmen, die ihm haushoch überlegen ist und dazu auch viel zu sexy und kriminell veranlagt.

Carmen wurde von der wunderschönen Nadezhda Karyazina gegeben, und das ist ihr ausgezeichnet gelungen. Verführerisch-lasziv wickelt sie den etwas einfältigen Don José (Teodor Ilincai) um den Finger, nur ganz verstehe ich nicht, warum sie sich ausgerechnet für diesen Burschen (zeitweise) so erwärmt. Was habe ich verpasst wahrzunehmen? Ebenso schwierig fand ich die Darstellung von Escamillo, dem Torero (Gábor Betz), dessen Ausstrahlung meiner Meinung nicht ausreichte und dessen (wie ich fand lächerliches)  Kostüm, ein glitzernder Satin-Ganzkörperanzug mit Kapuze in Gold, extrem gestört hat.

Gesungen hingegen haben sie alle sehr überzeugend, und die Musik war an diesem Abend der absolute Höhepunkt. Eine wunderbare Oper!

Der Abend beginnt mit einer Modenschau von Männerslips – achja, modernes Theater ist das hier, alles klar. Na klar, warum nicht die Männerkörper hier einmal mehr ausstellen, so schlecht sehen sie wirklich nicht aus, wiewohl ich über die Aussage noch immer rätsele…

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Joachim Meyerhoff als Shylock – Szenenbild aus „Der Kaufmann von Venedig“; Bild gefunden auf der Website des Deutschen Schaupielhauses, Bildrechte siehe dort

Das Thema ist so alt wie der Brass auf die Juden: Shylock, der immer spürt, dass er abgelehnt wird, kommt in die Situation, dem Kaufmann Antonio Geld zu leihen (was des Juden Job ist). Da er weiß, dass Antonio Shylock aufgrund seines Glaubens verachtet, denkt er sich ein teuflisches Pfand aus: Sollte Antonio nicht in der Lage sein, fristgerecht zurückzuzahlen, fordert er ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper. Darauf lässt sich dieser ein, denn es scheint recht unwahrscheinlich, dass ihm die Rückzahlung nicht möglich wäre.

Als aber Shylocks Heim zerstört wird und seine geliebte Tochter – auch noch mit einem Christen! – durchbrennt, und als Antonio nun doch in finanziellen Engpass gerät, pocht Shylock auf seine Fleischesforderung und lehnt ab, das Geld von jemand anderem anzunehmen.

Bei soviel Hass – entstanden durch gesäten Hass freilich – gerät die Geschichte auf der Schauspielhaus-Bühne ins Stocken. Mit einer List gelingt es, den Juden einmal mehr auszutricksen, wenn man so will, doch geschieht dies mit einer Nachdenklichkeit, die an Fassungslosigkeit grenzt. Eines ist klar, hier wird nichts gut am Ende sein! Vielleicht mag der Jude mit seiner unbotmäßigen Forderung nicht durchkommen, aber an Verständigung zwischen verschiedenen Religionen ist bei weitem nicht zu denken. Vielmehr wird die Schlucht zu einem Abgrund menschlicher Handlungsweisen, was ja gar nicht verkehrt gedacht ist, wenn man bedenkt, wieviel Rassismus, wieviel Vorurteile in der heutigen Gesellschaft immer noch herrschen. Am Ende sehen wir Shylocks Tochter über die Bühne toben, wanken, sich (in Form eines schweren Tisches) mit einer Bürde abrackern, die ihrer Herkunft geschuldet ist – ein Ende ist nicht in Sicht.

Toll gespielt hat Joachim Meyerhoff als Shylock, er hat eine Bühnenpräsenz, eine Persönlichkeit, die in keinster Weise übersehen werden kann, aber auch Gala Othero Winter als Tochter Shylocks, die mit ihrem Spiel die Aussichtslosigkeit einer Änderung deutlich macht, hat mich überzeugt.

 

Es ist ein Märchen, wenn auch ein tiefgründiges, das sich Hugo von Hoffmannsthal, der das Libretto schrieb (und daraus auch eine Erzählung entwickelte) und Richard Strauss hier ausgedacht haben. Eingearbeitet sind jede Menge Sagen und andere Märchen, die den Stoff unendlich bereichern.

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Szenenbilder aus „Die Frau ohne Schatten“; in der Mitte: LIse Lindstrom als Färberein, die mit ihrer Stimme erneut tief beeindrucken konnte (vorher gesehen und gehört als Brünnhilde im „Ring des Nibelungen“. Die Bilder gefunden auf der Website der Staatsoper, Bildquelle ist sicher dort zu finden

Des Kaisers Frau, einst von diesem als Reh erjagt, hat ein Problem: Da sie aus der Geisterwelt stammt, wirft sie keinen Schatten, aber sollte sie dies nach Vollendung eines ganzen Jahres nicht tun, muss sie in die Geisterwelt zurückkehren, und der Kaiser soll sterben – schon in drei Tagen verstreicht diese Frist. Mit dem Schattenwurf fehlen ihr noch zwei weitere Eigenschaften: Ihr fehlt das Menschliche, und Kinderkriegen kann sie auch nicht. Also zieht die Amme, ebenfalls aus der Geisterwelt stammend, los, um einen Schatten zu besorgen. Der ließe sich vielleicht von der Frau des Färbers abkaufen, denn diese will, nachdem sie 2 ½ Jahre nach Eheschließung noch kinderlos ist, sowieso keine Kinder mehr – ihr gefiele es vielmehr, reich zu sein…

Andreas Kriegenburg hat daraus ein menschliches, allzumenschliches Drama gemacht: Beide Beziehungen, sowohl die aus der „High Society“, als auch die der Färber-Ehe, sind in der Krise. Der Färbersfrau wird alles zuviel, muss sie neben ihren Mann auch noch dessen behinderte Brüder versorgen. Der herzensgute Färber, für den nicht genug Menschen am Tisch sitzen können, nimmt die Überforderung seiner Frau nicht wahr, zudem wünscht er sich Nachkommenschaft. Die Frau des Kaisers hat bereits menschliche Fähigkeiten entwickelt, wie ich meine, denn sie liebt ihren Mann und wünscht sich nichts sehnlicher, als den Fluch, der auf den beiden lastet, abzuwenden.

Der Clou der Inszenierung ist, dass beide Handlungen auf vertikaler Ebene stattfinden, die sich ständig abwechseln: Ganz oben gibt es die Geisterwelt, oder vielleicht ist es auch die Traumwelt (Freud lässt grüßen); darunter liegt die Welt des Kaisers, und ganz unten befindet sich das Gemeine Volk. Der Traum überhaupt spielt eine wichtige Rolle, geht doch die Färbersfrau ganz zu Beginn dieser Inszenierung mit den Worten „Es ist zu viel“ zu Bett, und was nun folgt, könnte auch ihr Traum sein, in dem sich die verschiedenen Ebenen miteinander in Verbindung setzen. Diese Idee geht ganz gut auf.

Die Musik von Richard Strauss berührt mich immer sehr, sie dringt in tiefere Schichten meines Bewusstseins vor und kommt dabei zu Bereichen, die vielleicht schon lange nicht mehr angesprochen wurden. Oder wie ich es gerade in Haruki Murakamis „Die Ermordung des Commendatore“ lesen konnte (zwar in Bezug auf den „Rosenkavalier“, in diesem Punkte aber übertragbar auch auf andere Werke von Straus): „Als Oper ist natürlich seine Handlung von Bedeutung, doch auch wenn man sie nicht versteht und sich allein den Fluss der Musik überlässt, versinkt man an gewissen Stellen völlig in ihrer Welt“ (S. 147).

Es war ein besonderer, ganz wunderbarer Opernabend.