Archiv für die Kategorie ‘Theater/Oper’

Es liegt ja nun schon gut 20 Jahre zurück, dass ich mir den „Ring des Nibelungen“ angeschaut habe, da dachte ich, dass ich mir dies einmal wieder gönnen könnte (nachdem diese Inszenierung ja auch schon 10 Jahre auf dem Buckel hat). Und: das war gar nicht mal so eine schlechte Idee…

Bild gefunden auf der Seite der Hamburgischen Staatsoper, Copyright s. dort

Ein großes Haus dient hier als Spielplatz: Während die drei Rheintöchter mehr schlecht als recht über den Schatz, das Rheingold, wachen – was sich schon daran zeigt, dass sie sich in einem riesigen Bett tummeln – holt sich Alberich nach erfolgreichem Raub das Rheingold in den Heizungskeller, wo er das Gold zu einem Ring zusammenschmiedet: Dadurch sind , wie die Sage vom Rheingold erzählt, die Voraussetzungen erfüllt, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Seinen Bruder Mime weist er an, einen Tarnhelm herzustellen, mit dessen Magie es ihm gelingen könnte, die Macht zu erlangen und zu halten.  Dies alles geschieht in den Tiefen dieses Hauses, während sich die Götter auf dem Dachboden neben ihrem Modellbauwerk beraten, wie sie den Riesen Fasolt und Fafner (die sahen aus wie zwei Hamburger Kiezgrößen – köstlich! – und treffend) die Göttin Freia wieder abluchsen können – war es doch von Wotan, dem Chefgott, etwas vorschnell gewesen, gerade sie den Erbauern als Lohn für den Bau Walhalls zu versprechen, denn Freia wird dringend gebraucht. Nur sie ist nämlich in der Lage, den Göttern die Äpfel zu ernten, die sie brauchen, um weiterhin alles unter Kontrolle zu behalten… Loge, ein Halbgott und Lebemann, pfiffig, weltgewandt und aalglatt, schmiedet einen Plan: Wenn man Alberich das Rheingold abnimmt, wäre dieser gar nicht mal so schnöde Mammon sicher etwas, mit dem man Freia angemessen frei kaufen könnte…

Das Bühnenbild passte perfekt, es erinnert an ein großes Spielhaus, in dem so ein Kinderkram bestens aufgehoben ist, denn eigentlich ist es nichts anderes, was da abgeht. Die Rheintöchter sind zu verspielt und die Götter unterm Dach juchhe zu verkopft, um den Ernst der Lage zu begreifen, während die arbeitende Bevölkerung – nämlich die Zwerge im Heizungskeller und die Riesen auf der Baustelle – von der „High Society“ nach Strich und Faden verarscht werden. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Am Ende, egal ob man es gut oder schlecht nennen will, da dies variiert, je nachdem welcher Partei man angehört, stehen die Götter am riesengroßen Fenster, genießen Sekt und Aussicht, während die Rheintöchter den Raub des Schatzes in der Ferne beklagen. Unter dem Fenster befindet sich nach bester Wohnzimmermanier ein laaaanger Heizkörper, Symbol nicht nur einer gutbürgerlichen, gemütlichen Wohnsituation, sondern dazu Zeichen der Präsenz der Außenstehenden, der geächteten Zwerge, die die Hoheit in den Tiefen besitzen… – wenn auch nicht mehr die Weltherrschaft. Wer hat die überhaupt? Fasolt hat seinen Bruder Fafner ja bereits erschlagen, was dem Fluch geschuldet ist, der auf dem Ring liegt…

Die Stimmen waren alle brillant, alle auf hohem Niveau, deshalb fällt es mir schwer, hier jemand besonders Herausragenden zu nennen. Ganz sicher hilft es auch den SängerInnen bei der Ausgestaltung der Rollen, wenn die Inszenierung derart in sich stimmig ist – und das war hier der Fall.

Es war ein kurzweiliger, ein inspirierender Opernabend, der ganz sicher neugierig auf mehr gemacht hat – nicht zuletzt auf den zweiten Teil des „Ring“. Der läuft aber erst wieder im November, wenn die Tage empfindlich kurz und die Temperaturen auch nicht mehr das Gelbe vom Ei sind. Könnte ein Trost werden, dort hinzugehen. Mal sehen. Vermutlich tue ich das auch.

Advertisements

Bild gefunden auf der Website der Hamburgischen Stattsoper, Copyright s. dort

„Die Zauberflöte“ zählt zu einer meiner Lieblingsopern, und deshalb habe ich mich besonders auf diesen Abend gefreut. Ich wollte die Inszenierung ganz bestimmt richtig gut finden, doch leiderleider muss ich gestehen, dass sich meine Begeisterung mit dieser Inszenierung gar nicht verstanden haben…

Zu Beginn musste erstmal Rettungspersonal kommen, um jemanden aus dem Publikum zu holen, der einen Schwächeanfall erlitt, und das vorm ersten Ton. Ich litt mit dem armen alten Mann, ich meine, wie doof ist das denn, vom Abend nichts zu haben außer der Mühen der Anreise. Doch als das Rettungspersonal dann in Richtung Bühne verschwand, war es ja klar: Die Tränchen in meinen Augen waren verfrüht vergossen. Nagut. Ein uralter Mann in roter Kleidung wird abtransportiert, und dann endlich erklingen die ersten Töne, und ein Baby in roter Montur liegt auf der Bühne und wird von drei Nonnen vor einem unsichtbaren Tier in Sicherheit gebracht.

Und dann geht alles ganz schnell, mindestens jedoch das Altern von Tamino, der war nämlich das Baby, genauso, wie er der uralte Mann gewesen sein soll. Als Kinder spielen schon Papageno und er zusammen, und als Tamino das Bildnis der schönen Pamina erblickt, ist er in bestem Teenager-Alter. So weit, so rätselhaft. Was wurde denn hier bemüht? Ein Regieeinfall, wie er im Buche stehen kann und besser auch nur sollte. Ich habe das nicht verstanden. Warum ist Tamino schon weit über 50, wenn er endlich den Prüfungen unterzogen wird, wieso ist das Liebespaar kurz vorm Rentenalter, als es sich endlich „kriegt“, und warum, ja warum??? Wird Papageno plötzlich wieder jünger, wenn er und Papagena von der Zeugung ihrer zukünftigen Kinder singen?

Mir scheint, hier musste ein Konzept her, um zu überdecken, dass der Regisseurin und ihren Dramaturgen nichts dazu eingefallen ist. Ich fand diese Einfälle denn tatsächlich weniger phantasievoll als vielmehr kopfig, belanglos und ins Leere führend. Es hat mich weder amüsiert noch inspiriert.

Verschenkt waren denn auch die schönsten Momente  wie zum Beispiel, wenn Tamino das Bildnis von Pamina zum ersten Mal erblickt. Man weiß gar nicht, warum er überhaupt anfängt zu singen, da singt er schon von einem Bildnis, das bezaubernd schön sein soll. Ich sehe auf der Bühne weder einen Tamino, der etwas Zauberhaftes entdeckt hat noch das Zauberhafte selber. Erst nach einem Drittel der Arie setzen sich die schwirrenden LED-Lichtpunkte zu den Schemen einer Jungmädchensilhouette zusammen, die irgendwie ganz nett aussieht. Verschenkt, sowohl musikalisch als auch szenisch war das.

Genauso später der böse Bedienstete der Mohr Monostratos: Zu ihm fiel den MacherInnen wohl auch nichts ein, weswegen man ihn in Mickymauskleidung steckte und in die Nebensächlichkeit verbannte. Dass wiederum sowohl die Königin der Nacht als auch Sarastro aus dem Orchestergraben sangen und ihr Gesicht als Lichtpunkte über den Vorhang gezeigt wurde, hat mich nicht gestört, wenn auch leider nicht tangiert.

Die Sänger trifft jedoch keine Schuld, die haben ihre Sache gut gemacht, wenn auch nicht überragend. Weder die komplizierten Arien der Königin der Nacht (Jessica Pratt)  gingen an die Nieren, noch Sarastros Bass (Wilhelm Schwinghammer) ans Herz. Tamino (Daviet Nurgeldieyev) hat wirklich toll gesungen, aber rührte mich nicht an, einzig Papagenos Faxen (Zak Karithi) machten mir Spaß.

Schade. Wie gesagt, ich wollte diese Aufführung wirklich, wirklich unbedingt gut finden. Aber das wollte mir bei dieser Inszenierung  leider nicht gelingen, auch wenn ich die alte Inszenierung von Achim Freyer, die über einen riesenlangen Zeitraum in Hamburg gezeigt wurde und die witzig, einfallsreich und märchenhaft daherkam, nicht als Maßstab angelegt habe.

achte-lebenEigentlich stehe ich nicht auf Umsetzungen von Romanen im Theater, weil ich mich immer fragen muss: Wozu? Ist man nicht besser dran, wenn man das Buch liest? Was bringt eine szenische Übersetzung? Für mich ist Theater eine Kunstform, in der viele Experimente möglich sein sollten, aber dann doch bitte auf der Grundlage von Theaterstücken. Gleichzeitig bildet das eine Einschränkung, die ja vielleicht unnötig ist… Genug Grund, immer mal wieder zu überprüfen, ob ich meine Meinung nicht doch ändern sollte, erst recht, wenn so ein Mammut-Projekt, wie „Das achte Leben“ angegangen wird. Eine Freundin hatte den Theaterbesuch empfohlen, drum bin auch ich hingegangen.

Das 1275 Seiten starke Buch hatte ich vor einiger Zeit gelesen (dazu hier mein Blogbeitrag), es hatte mich beeindruckt und mir zunehmend gefallen. Wie kann man nun die 7 georgischen Lebensgeschichten der weiblichen Linie der Vorfahrinnen von Brilka, ablaufend in über 100 Jahren, auf die Bühne transferieren? Das bedeutet: Kürzen und Komprimieren ohne Ende, Zeichen finden, um umfangreiche Gedankengänge und Geschichten – und die Geschichte Georgiens – auf den Punkt zu bringen, gleichzeitig szenisch extrem verdichten. Keine einfache Sache, das… Den Dramaturginnen Julia Lochte und Emilie Heinrich zusammen mit Jette Steckel ist das aber gelungen, und Jette Steckel hat einige sehr gute Ideen bei der szenischen Umsetzung gehabt, so dass sich die Handlung sehr lebendig und deutlich vermittelte. Ein Teppich, der mal auf dem Boden liegt, meist aber von der Decke als Wandteppich hängt und als Leinwand für die Filmprojektionen dient, die originale Filmaufnahmen aus der georgischen Geschichte zeigen, dient als szenisch-dramaturgischer Kniff: Er ist das Familieneigentum, und die Urgroßmutter will ihn säubern, um ihn weiter zu benutzen. Und schon ist die Verbindung zwischen der eigenen Geschichte und der Georgiens hergestellt – eine tolle Idee!

Die Bühne war sparsam ausgestattet, so dass wir uns ganz auf das Spiel der SchauspielerInnen (Chapeau für deren Leistung!) konzentrieren konnten. Ich kann nicht sagen, wieviel von dem Stück verstanden werden konnte, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Ich glaube, viel (sonst wären vermutlich mehr Leute in der Pause gegangen, zumal die Aufführung gute 5 Stunden dauerte), wenn auch nicht alles. Ob sich die Bedeutung der Schokolade vermittelt hat, kann ich mir nicht vorstellen. Manche Figuren wurde in nur einem Satz oder einer Szene eingeführt, und wenn man versäumt hat, dies aufzunehmen, könnte es schwierig sein, das Nachfolgende zu verstehen. Aber das ist bloß eine Vermutung. Ich für meinen Teil war froh, das Buch zu kennen, auch wenn es vermutlich nicht wirklich nötig ist, um der Aufführung zu folgen.

Es war ein spannender Theaterabend – und am Ende waren wir ganz angefüllt mit den vielen, vielen Geschichten und Biografien der Menschen aus einer langen Reihe von Generationen – das hat mir sehr gefallen – auch wenn ich fand, dass sich der zweite Teil nach der Pause teilweise doch arg in die Länge gezogen hat. Ich glaube, eine Kürzung hätte hier gut getan. Dennoch war es insgesamt gesehen wenn zwar ein langer, jedoch kurzweiliger Abend, der uns sehr bereichert hat. Ich finde jedoch nicht, dass der Theaterabend ein Ersatz für das Buch ist – das sollte gerne dennoch – oder gerade deshalb – gelesen werden, weil die Geschichte(n) spannend erzählt wurden. Die Aufführung ist  etwas ganz eigenes geworden.

Der Einakter Senza Sangue (übersetzt „Ohne Blut“, nach der gleichnamigen Novelle von Alessandro Baricco, 2002) hat der Ungar Péter Eötvös dem Bartok-Einakter voran gestellt. Die Besetzung, ein Mann (Bariton) und eine Frau (Mezzospran) ist dabei die Gleiche, denn die beiden Stücke verschmelzen an diesem Opernabend zu einem, die jeweiligen Handlungen haben bei aller Unterschiedlichkeit doch einige Gemeinsamkeiten, und in dieser Zusammenstellung beziehen sie sich aufeinander….

Bild gefunden auf der Seite der Hamburgischen Staatsoper, Copyright s. dort

Eine Frau, die ihre Familie in ihrer Kindheit durch einen Anschlag auf ihren Vater verloren hat, sucht den dritten der drei damaligen Täter auf. Er ist zugleich derjenige, der sie in ihrem damaligen Versteck gefunden, aber verschont hatte. Den Mann trifft die Begegnung nicht ganz unvorbereitet, weil er weiß, dass seine damaligen Mitstreiter unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sind, und er sich schon dachte, dass die Überlebende dahinter steckte. Doch was sie von dem Mann jetzt will, ist nicht Blut, vielmehr ist es die Hoffnung, für ihre Taten eine Art Absolution von ihm zu erhalten. Die Oper von Eötvös endet damit, dass die beiden ein Hotel aufsuchen, um zusammen zu schlafen.

Und hier kippt die Handlung, denn nun sind wir in Herzogs Blaubarts Burg. Die Frau, Judith, hat ihre Familie und ihren Verlobten verlassen, um mit Blaubart zu leben. Erschreckt stellt sie fest, dass es in seiner Burg düster und kalt ist, doch sieben Türen verheißen die Möglichkeit, das Klima zu verändern. Hinter jeder Tür lauert eines von Herzog Blaubarts blutigen Geheimnissen, doch Judith will sie alle erfahren. Und so öffnet sich eine Tür nach der anderen, häufig nach großer Überredungskunst. Auch die letzten beiden Türen will Judith geöffnet haben, obwohl Herzog Blaubart darum fleht, diese wenigstens geschlossen zu halten… Am Ende werden aber auch sie geöffnet: Ein Tränenweiher verbirgt sich hinter der sechsten Tür, es sind die Tränen von Herzogs Blaubarts ehemaligen Frauen. Und diese sind hinter der siebten Tür verborgen. Jetzt sind alle Geheimnisse gelüftet, was zur Folge hat, dass sich nun auch Judith einreihen muss in den Reigen der verstorbenen Frauen…

Eine unblutige und eine blutige Oper stehen sich gegenüber: Eine Frau, die durch ihr Kindheitstrauma zur Täterin wurde, wie auch der Mittäter, der das Trauma mitverursachte und dann eine Frau, die das blutige Geheimnis von Herzog Blaubart entdeckt und sodann ein weiteres Opfer wird… Eng verknüpft sind die Themen Täter/in und Opfer, und wie schnell sich das Verhältnis umdrehen kann. Ist es überhaupt möglich, die Schuld eines einzelnen zu vergessen oder zu verzeihen? Oder auch möglich, sie zu ignorieren? Judith kann es nicht, doch die Aufdeckung von Herzog Blaubarts Schuld ist ihr Verhängnis. Und wie steht es mit der Frau, die ihren Kindernamen Nina durch den Anschlag verlor, und was hilft ihr Besuch dem Mann Tito, der schwer an dem Vergehen, das er als junger Mann beging, zu tragen hat? Diese Themen sind eingebunden in eine Musik, die die Gefühlswelt der Figuren wiederspiegelt. Das war mitreißend, und gleichzeitig hat es uns eine Menge Denk-Stoff aufgegeben. Ein ganz besonderer, ergreifender und anregender Opernabend war das!

 

 

 

Es ist Mitte Dezember. Das Wetter schmuddelt, gebastelte Papier-Weihnachtssternchen brechen aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit in sich zusammen wie auch die Vorweihnachtsstimmung, falls diese überhaupt schon aufgekommen ist bei diesen warmen Temperaturen und dem ewigen Grau.…  Da leuchtet selbst das Gold in der Einkaufszone nicht ganz so helle.

Vielleicht lässt sich das ändern durch den Besuch eines A Capella-Weihnachtskonzertes: MaybeBop, ein Gesangsquartett, bestehend aus 4 herrlichen Herrenstimmen, schwingt sich stimmlich hoch hinauf in sphärische Höhen eines beleuchteten Weihnachtsbaumes und begibt sich tief hinab in den Keller zu den Weihnachtskartoffeln, die da auf ihre Veredelung warten – metaphorisch gesprochen.

Neben der Aufforderung, das eine oder andere Liedchen mit dem geneigten Publikum gemeinsam zu trällern, statten sie auch, gesangtechnisch ganz in der Tradition des Barbershops  bleibend, unseren Freunden, den Türken von nebenan einen Besuch ab und lassen deren Gummibaum auch gleich im weihnachtlichen Glanz erstrahlen. Und so ist es ein bewegter musikalischer Querschnitt, den die vier sympathischen Jungs hier bieten, und dies verbunden mit einer tollen Beleuchtungsshow, die sie zudem perfekt in Szene setzt.

Hier eine gummibäumliche Kostprobe (lässt sich ganzjährig gut hören):

Improvisieren können die vier auch: aus einigen Begriffen, die das Publikum ihnen zuruft, setzen sie stante pede einen Musiktext zusammen und singen ihn sogleich – keine Ahnung, woher sie diesen Zauber nehmen – und das Ganze passt zudem zu dem weihnachtlichen Motto.

Falls bis kurz vor Schluss noch immer keine Weihnachtsstimmung aufgekommen sein sollte, wenden sie am Ende eine bezaubernde Gehirnwäsche an und singen mit uns allen zusammen „Stille Nacht, heilige Nacht“… Danach hatte sogar das immer noch herrschende Schmuddelwetter draußen einen kleinen Silberschweif bekommen – Weihnachten jedenfalls kann kommen!

Ich muss zugeben: Eigentlich hätte ich ein anderes Stück sehen wollen, das aber leider wegen der Erkrankung einer Schauspielerin nicht statt fand. Als Lückenbüßer wurde nun dies Stück eingesetzt, in das ich nie gegangen wäre. Die Karten waren besorgt, ein Ersatz fand sich nicht, nagut, dann sollte es wohl so sein. Beste Voraussetzungen also, um das Theater komplett begeistert zu verlassen! Denn so war es bei mir.

Ich hatte ehrlich gesagt etwas vergessen, wie unterhaltsam Bertold Brechts Stücke trotz ihrer politischen Aussage doch sind, zumal die Musik von Paul Dessau das ihrige dazu beisteuert! Die Bühne war etwas dunkel, die Kostüme überaus dezent grau in grau oder pastellfarben, was einen sehr gedämpften Eindruck vermittelt. Das passt zur Situation, wir sind inmitten des dreißigjährigen Krieges. Mutter Courage besteht darauf, Profit aus dem Krieg zu ziehen und verliert dabei doch eigentlich alles und merkt es nicht… So ist dies Stück gerade in diesen Zeiten hochaktuell!

Das schwarz gehaltene Bühnenbild war mehr als schlicht, bestand eigentlich nur aus einer Art Manege, oberhalb saßen die Musiker, gerade so, als wären wir in einer Zirkusvorstellung. Es war nur etwas sehr dunkel was etwas ermüdend wirkte (wobei an Schlaf bei dieser schauspielerischen Leistung ganz sicher nicht zu denken war). Die Kostüme hatte ich schon erwähnt, sie ergaben in all ihrer Gedämpftheit eine ganz sinnhafte Ästhetik. Highlights waren die Auftritte des Chores, der ganz wunderbar seine Lieder sang, während die zerstreute Yvette (Victoria Trauttmannsdorff) zwischen den Menschen umherirrte. Ein wunderschönes Bild ergab das!

Gabriela Maria Schmeide gab die Mutter Courage, und das konnte sie, sowohl in leiseren Tönen als auch ziemlich schrillen, aber immer in den richtigen. Dieser Theaterbesuch hat sich sehr gelohnt!

Ich traue mich nicht recht, ein Bild von der Website des Thalia Theaters zu posten (will keine Urheberrechte verletzen), aber schau Dir gern, um einen Eindruck von der Inszenierung zu bekommen, den kleinen Film an (oben rechts).

 

Zarina und ihre Schwester sind die erwachsenen Töchter pakistanischer Auswanderer und wurden mitten im heutigen Amerika muslimisch erzogen. Nach dem Tod der Mutter ist die größte Sorge des Vaters, der sich ein ansehnliches Geschäft aufbauen konnte, dass seine Töchter nun Ehemänner finden, die seinen muslimischen Vorstellungen entsprechen. Bei der jüngeren Tochter scheint dies auch gelungen, sie ist bereits verlobt. Doch die ältere, Zarina, hat wenig Interesse an einer Eheschließung, wurde doch ihre erste, eigene Wahl vom Vater verworfen. Stattdessen hat sie sich nun dem Schreiben eines Buches gewidmet, in dem sie versucht, den Menschen in dem Propheten zu entdecken, womit sie sich auf sehr dünnes Eis begibt.

Währenddessen datet der Vater mit potentiellen muslimischen Männern, um schon  mal eine Vorauswahl für Zarina zu treffen. Und tatsächlich: Er wird fündig, und Zarina selbst ist dem Mann trotz aller Befremdung ob der Aktionen ihres Vaters nicht abgeneigt.

Als jedoch der Vater durch Zufall das Manuskript liest, kommt es zu einem Eklat, der zum Bruch der Familie führt…

Dieses kurze Stück erzählt vielschichtig von den kulturellen Unterschieden zwischen der amerikanischen Gesellschaft und dem muslimischen Glauben, aber es erzählt auch von der unverbrüchlichen Liebe innerhalb einer Familie sowie der Auslegung von Glauben im Wandel der Kulturen und Zeiten. Allein der in Pakistan aufgewachsene Vater kann nicht begreifen, was die Töchter wegen  ihrer streng religiösen Wurzeln in Amerika durchzumachen haben, und unter welchen enormen Anpassungsschwierigkeiten sie leiden. Zarina ist das Bild einer starken, eigensinnig denkenden Frau, das dem Islam trotz ihres Glaubens  – oder gerade deswegen – gehörig  – oder, nach des Vaters Meinung,  ungehörig – auf den Zahn fühlt.

Dieses Vier-Personen-Stück wurde perfekt besetzt von Lina Beckmann, Paul Herwig, Josefine Israel und Ernst Stötzner, die sich einem intensiven Spiel hingaben. Der Abend war äußerst gelungen, es ist ein tolles Stück und eine adäquate Inszenierung.