Archiv für die Kategorie ‘Theater/Oper’

Es ist ein Märchen, wenn auch ein tiefgründiges, das sich Hugo von Hoffmannsthal, der das Libretto schrieb (und daraus auch eine Erzählung entwickelte) und Richard Strauss hier ausgedacht haben. Eingearbeitet sind jede Menge Sagen und andere Märchen, die den Stoff unendlich bereichern.

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Szenenbilder aus „Die Frau ohne Schatten“; in der Mitte: LIse Lindstrom als Färberein, die mit ihrer Stimme erneut tief beeindrucken konnte (vorher gesehen und gehört als Brünnhilde im „Ring des Nibelungen“. Die Bilder gefunden auf der Website der Staatsoper, Bildquelle ist sicher dort zu finden

Des Kaisers Frau, einst von diesem als Reh erjagt, hat ein Problem: Da sie aus der Geisterwelt stammt, wirft sie keinen Schatten, aber sollte sie dies nach Vollendung eines ganzen Jahres nicht tun, muss sie in die Geisterwelt zurückkehren, und der Kaiser soll sterben – schon in drei Tagen verstreicht diese Frist. Mit dem Schattenwurf fehlen ihr noch zwei weitere Eigenschaften: Ihr fehlt das Menschliche, und Kinderkriegen kann sie auch nicht. Also zieht die Amme, ebenfalls aus der Geisterwelt stammend, los, um einen Schatten zu besorgen. Der ließe sich vielleicht von der Frau des Färbers abkaufen, denn diese will, nachdem sie 2 ½ Jahre nach Eheschließung noch kinderlos ist, sowieso keine Kinder mehr – ihr gefiele es vielmehr, reich zu sein…

Andreas Kriegenburg hat daraus ein menschliches, allzumenschliches Drama gemacht: Beide Beziehungen, sowohl die aus der „High Society“, als auch die der Färber-Ehe, sind in der Krise. Der Färbersfrau wird alles zuviel, muss sie neben ihren Mann auch noch dessen behinderte Brüder versorgen. Der herzensgute Färber, für den nicht genug Menschen am Tisch sitzen können, nimmt die Überforderung seiner Frau nicht wahr, zudem wünscht er sich Nachkommenschaft. Die Frau des Kaisers hat bereits menschliche Fähigkeiten entwickelt, wie ich meine, denn sie liebt ihren Mann und wünscht sich nichts sehnlicher, als den Fluch, der auf den beiden lastet, abzuwenden.

Der Clou der Inszenierung ist, dass beide Handlungen auf vertikaler Ebene stattfinden, die sich ständig abwechseln: Ganz oben gibt es die Geisterwelt, oder vielleicht ist es auch die Traumwelt (Freud lässt grüßen); darunter liegt die Welt des Kaisers, und ganz unten befindet sich das Gemeine Volk. Der Traum überhaupt spielt eine wichtige Rolle, geht doch die Färbersfrau ganz zu Beginn dieser Inszenierung mit den Worten „Es ist zu viel“ zu Bett, und was nun folgt, könnte auch ihr Traum sein, in dem sich die verschiedenen Ebenen miteinander in Verbindung setzen. Diese Idee geht ganz gut auf.

Die Musik von Richard Strauss berührt mich immer sehr, sie dringt in tiefere Schichten meines Bewusstseins vor und kommt dabei zu Bereichen, die vielleicht schon lange nicht mehr angesprochen wurden. Oder wie ich es gerade in Haruki Murakamis „Die Ermordung des Commendatore“ lesen konnte (zwar in Bezug auf den „Rosenkavalier“, in diesem Punkte aber übertragbar auch auf andere Werke von Straus): „Als Oper ist natürlich seine Handlung von Bedeutung, doch auch wenn man sie nicht versteht und sich allein den Fluss der Musik überlässt, versinkt man an gewissen Stellen völlig in ihrer Welt“ (S. 147).

Es war ein besonderer, ganz wunderbarer Opernabend.

 

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Dieses Jahr ist mein „Ring“-Jahr. Nach ungefähr 20 Jahren hatte ich Lust, dieses Mammutwerk von Richard Wagner noch einmal zu schauen. Den „Vorabend“ zum Ring, „Rheingold“, hatte ich schon Frühjahr gesehen, die Rezension findest Du hier: https://kutabu.wordpress.com/2018/06/02/das-rheingold-oper-von-richard-wagner-inszenierung-von-claus-guth-an-der-hamburgischen-staatsoper/.

Foto von Monika Rittershaus, gefunden auf http://www.staatsoper-hamburg.de

Die Idee der Inszenierung war, alle Szenen in einem Haus stattfinden zu lassen – vielleicht befand sich die Schlafhalle der Walküren – alles in allem hatte ich bei diesen Szenen die Assoziation zu einem Mädchenpensionat mit schwer erziehbaren Kindern – in einem Nebengebäude. Aber sonst… So findet die Begegnung zwischen Siegmund und Sieglinde in einer spärlich ausgestatteten Küche mit einem Lichtboden und einem etwas allzu bewegten Schrank stand. Das Geschick dieser Begegnung wird aber durch die göttliche Hand von Papa Wotan geleitet, denn das Modell von dieser Küche befindet sich eine Szene später genau auf seinem Spieltisch. Hier muss er sich mit seiner Gattin Freya abmühen, die weder von der spontanen heißen Liebesnacht der Zwillinge Siegmund und Sieglinde angetan ist, noch von Sieglindes Ehebruch. Das, findet sie, darf ihr Gatte nicht zulassen, da sie schließlich die Hüterin der guten Ehe ist. Wotan findet das zwar nicht, aber trotzdem nimmt er den Auftrag an seine Lieblingstochter, der Walküre Brünnhilde, die beiden zu schützen, zurück und beauftragt sie damit, Siegmund zur Strecke bringen zu lassen und Sieglinde im Stich.

Brünnhilde weiß aber, dass ihr Vater in dieser Angelegenheit nicht seinem Herzen folgt, und schützt doch wenigstens Sieglinde, die schwanger vom Bruder ist. Dafür schickt Wotan sie in ein normales Frauenschicksal und entzieht ihr sämtliche göttliche Privilegien. Wenigstens darf Brünnhilde erstmal hinter einem Feuerring schlafen, bis ein außerordentlicher Held, z.B. der zukünftige Sohn Sieglindes (der ja immerhin Wotans Enkel sein wird) sie erweckt und zur Frau nehmen wird.

Jahre später: Siegfried haust zusammen mit dem Zwerg Mime in einem Raum, der irgendetwas zwischen Bastelkeller und Waschküche ist. Mime, der Siegfried aufgezogen hat, nachdem Sieglinde bei der Geburt gestorben ist, ist nämlich von Haus aus Schmied, auch wenn kein besonders erfolgreicher. Er weiß aber, das Siegfried, wenn er denn endlich dem Kindesalter entsprungen ist, als Held die Kraft besitzen wird, Fafner, der mittlerweile von einem Riesen zu einem Riesenwurm degeneriert ist und den Schatz des Nibelungen samt Ring und Tarnhelm bewacht, zu besiegen. Warum, wieso und weshalb sich Siegfried auf den Kampf wirklich einlassen soll, wird diesem aber nicht erzählt. Stattdessen soll er durch Fafner angeblich Furcht kennenlernen, etwas, das dem mittlerweile 16jährigen Halbstarken bislang abgeht. Dafür besitzt er die Fähigkeit, ein kaputtes Schwert, nämlich das von seinem Papa, wieder zusammenzuschmieden – etwas, das Mime nicht gelingt. Kaum ist das Schwert namens Notung wieder einsatzbereit, sieht Mime seine Stunde gekommen und zieht mit Siegfried ein Stockwerk tiefer zum Riesenterrarium. Vorher noch schnell einen Trank gebraut, mit dessen Hilfe er Siegfried beseitigen will, so bald er den Wurm erschlagen hat, und ab geht’s. Und tatsächlich: Siegfried besiegt Fafner. Dabei leckt er zufällig etwas Blut von dem Wurm, und das wunderbare Vogelgezwitscher, das ihn begleitet hatte, kann er nun verstehen, stecken doch eine Menge interessanter Botschaften in dem Gezwitscher seines neuen gefiederten Freundes. Zum Beispiel wird ihm geraten, außer Ring und Tarnhelm nichts weiter von dem Schatz zu nehmen, wenn auch unerwähnt bleibt, was es mit diesen Oden genau auf sich hat… Siegfried kann jetzt auch die wahren Beweggründe Mimes verstehen, weswegen er den Gifttrunk nicht anrührt, und schließlich und endlich erfährt er sein neues Ziel: Es gilt, eine Frau, die in einem Feuerring schläft, zu erwecken. Und dazu hat Siegfried ziemlich Lust… Tatsächlich findet er sie in dem verlassenen Mädchenpensionat, überwindet den Feuerring, erschreckt vor der weiblichen Gestalt und entbrennt sofort in Liebe zu Brünnhilde.

Nachdem Wotan vergeblich bei seiner Ex Erda, der Mutter Brünnhildes, um Rat und Trost gebeten hat – Erda verwaltet die Bibliothek und ist entsprechend schlau – trifft er zufällig auf Enkel Siegfried. Wotan wird klar: So langsam geht’s mit den Göttern zuende.

Siegfried und Brünnhilde wohnen mittlerweile zusammen, aber damit dem Halbstarken nicht langweilig wird, lässt Brünnhilde ihn zu neuen Taten aufbrechen. Der kommt bestimmt wieder, denn sonst hätte er ihr nicht den Ring als Liebespfand da gelassen. Er bricht also auf und lernt die Familie der Gibichungen kennen, deren Angehörige Gunter und Gutrune sind. Und Hagen, deren Halbbruder.

Diese wohnen in einer Lodge in einem anderen Teil des Gebäudes. Hagen spricht mit seinen Halbgeschwistern gerade ein ernstes Wörtchen: Die sollten doch bald mal heiraten, findet er. Für Gutrune wüsste er einen ganz tollen Typen, einen Helden wie aus dem Bilderbuch, mit Namen Siegfried. Zwar hätte der schon eine Freundin, aber durch einen Vergessenstrank ließe sich das irgendwie sicher korrigieren, und wenn er erstmal Gutrune kennt… Und für Gunter wüsste er auch eine Wahnsinnsfrau. Der Haken: Sie wohnt hinter einem Feuerring, und den kann nur ein wahrer Held durchdringen, Gunter würde das nicht schaffen, aber Siegfried… Deshalb hört den Plan: Wenn Siegfried Gutrune einen Heiratsantrag macht – und das wird er bestimmt – dann soll der ihm unter der Bedingung stattgegeben werden, dass Siegfried Brünnhilde für Gunter holt.

Kein schlechter Plan, finden die beiden, ohne weder zu wissen, dass Siegfrieds Freundin ja genau diese Brünnhilde ist, noch, dass Hagen mit dem Plan ganz eigene Interessen verfolgt. Und die wären? Hagen nämlich ist der leibliche Sohn von Alberich (im Gegensatz zu Gunter und Gutrune, die einen anderen Vater haben), der einst den Schatz aus dem Rhein holte, den Ring und Tarnhelm herstellte und schließlich von den Göttern geprellt wurde. Alberich also ist in Wahrheit der Drahtzieher, dem Hagen verpflichtet ist!

Der Plan geht tatsächlich genauso auf, wie beschrieben. Siegfried verliebt sich in Gutrune, erinnert sich nicht mehr an Brünnhilde, geht mithilfe des Tarnhelms in Gestalt von Gunter zu Brünnhilde, nimmt ihr das Liebespfand, den Ring, ab und bringt sie Gunter. Als er in eigener Gestalt als Bräutigam von Gutrune in deren Gemächern auftaucht, erkennt Brünnhilde den großen Verrat, dessen Opfer sie durch Siegfried (wie sie ja meint) wurde. Für sie besteht also guter Grund, Siegfrieds Tod zu wollen, nur zu dumm, dass sie ihn mit so vielen Schutzzaubern belegt hatte. Hagen würde ja beim Beseitigen helfen, verspricht dieser, aber Brünnhilde müsste ihr schon einen Tipp geben, wie das ginge… Brünnhilde fällt auch ein, dass eine Stelle am Rücken, just zwischen den Schulterblättern, ungeschützt wäre. Wenn Hagen dort mit einem Schwert zustechen würde… Und damit Gutrune nicht aufbegehrt, da sie ja den Verlobten verlieren würde, soll die ganze Sache nach einem Jagdunfall aussehen.

Auf der Jagd aber fängt Siegfried an, über sein Leben zu schwadronieren, und die Wirkung des Vergessenstrunks (von dem er in dieser Inszenierung übrigens kaum etwas zu sich genommen hatte) lässt auch nach. Und so erzählt Siegfried der Jagdgesellschaft den Schwank aus seinem Leben, wie er als junger Kerl einen Feuerring überwand und eine dolle Frau namens Brünnhilde fand… – sehr zum Entsetzen der Jagdgesellschaft, die erkennt, welchen Verrat er an Brünnhilde, aber damit ja auch an Gutrune begangen hat. – und also haben sie nicht viel zu entgegnen, als Hagen ihn hinterrücks ersticht…

Zurück in der Lodge, fordert Hagen den Ring, den ja Siegfried hat. Finden Gutrune und Gunter aber nicht richtig, er ist doch schließlich Gutrunes Erbe! Bei dieser Gelegenheit erschlägt Hagen seinen Halbbruder, doch bevor er den Ring nehmen kann, erscheint Brünnhilde, die jetzt die Intrige in ihrem vollen Ausmaß durchblickt. Sie sorgt dafür, dass die Rheintöchter den Ring zurückerhalten und lässt sich zusammen mit Siegfrieds Leiche verbrennen, wobei in dieser Inszenierung das ganze (Lügen-)gebäude ebenfalls Feuer fängt. Hagen überlebt das Ganze ebenfalls nicht. Dennoch: Am Ende geht die Weltherrschaft wieder den Bach, bzw. den Rhein runter, und auch wenn die Götter ihre Macht verloren haben, bleibt die große Katastrophe bis auf weiteres aus.

Sorry, nun habe ich den Ring nacherzählt, aber nur wenig über die Inszenierung gesagt… Diese Bühnenidee mit den Räumen war schlicht, ergreifend und genial. Sie hat mir von meinen mittlerweile drei Ring-Erlebnissen am besten gefallen, weil das Konzept sinnhaft aufging. Die Götter, die mit den Figuren wie in einem Puppenspiel umgehen, scheitern im Grunde genommen an ihren eigenen Hirngespinsten wie dem riesigen Götterbau Walhall  – das kommt hier klar zum Ausdruck.

Die Sänger und Sängerinnen waren überragend: Sowohl die schöne Lise Lindstrom als Bünnhilde als auch Andreas Schager als ein junger ungepflegter, antiheldischer Siegfried vermochten das komplette Opernhaus mit ihren schönen Stimmen vollkommen auszufüllen. Aber alle Rollen waren brillant besetzt – das war Professionalität auf höchstem Niveau! Kent Nagano hat das Orchester vorbildhaft geleitet. Es waren drei wunderbare Nachmittage/Abende, die mich inspiriert und berührt haben.

Günter Keils Literaturblog, den ich wegen der kompakten Buchvorstellungen sehr schätze, verfolge ich ja schon seit Jahren, deshalb war ich neugierig auf die Literaturshow, die er sich zusammen mit Karla Paul ausgedacht hat – und das war sehr unterhaltend! Die Veranstaltung war bereits Mitte September, aber aufgrund eines Hängers und anderer Turbulenzien musste ich meinen Blog etwas vernachlässigen. Ich gebe mir aber Mühe, alles möglichst lückenlos aufzuholen.

Dieser bunte Abend rund um die Literatur beleuchtete nicht nur viele Neuerscheinungen, er brachte auch neue Erkenntnisse, wenn es um innovative Lesepositionen – ich sage nur eines: Yoga und Lesen – oder um kreativ-komische Cover ging – oder um solche Themen wie die Auswahl der Bücher, die die beiden berufsmäßig rezensieren oder um die Quotenfrage.
Viele Rezensionen wurden dann mit Publikumsbeteiligung in einem „Battle“ vorgetragen: Abwechselnd hatten Günter Keil und Karla Paul jeweils eine Minute, um ein Buch vorzustellen, und das Publikum stimmte daraufhin ab, welches der beiden Bücher es lieber lesen würde. Das war knackig, kurzweilig und unterhaltsam. Zu weiteren Kurzinterviews, Buchvorstellungen und Quizes waren auch zwei interessante Gäste eingeladen, nämlich die beiden BuchautorInnen Til Raether und Anne Siegel, über deren Bücher sowohl gesprochen wurde als auch die selbst Bücher vorstellten. Das alles war in einem sehr persönlichen, beinahe famliären Stil gehalten, man hätte meinen können, dass sich der Hörsaal in der Hafencity in ein Wohnzimmer verwandelte, zuhause bei vier unglaublich sympathischen Menschen zu sein, die voller Begeisterung sehr lebendig, beinahe schon ausgelassen, über ihre Buchleidenschaft sprechen.

Das Publikum musste da gar nicht weiter angesteckt werden, das war ja selbst schon ziemlich Buch-affin, und konnte einiges an Lesetipps mitnehmen, dazu gute Laune, eine kleine Tüte mit Präsenten und dem Gefühl, den Abend ein Stück weit mitgestaltet zu haben. Was will man mehr? Nicht auszuschließen, dass ich wiederkomme, wenn die beiden sich wieder in die Stadt verirren.

Eine Wette soll zeigen, dass die Verlobten von Fernando und Guglielmo auch nicht besser sind als andere Frauen: keine sei treu, alle machen es so, behauptet Don Alfonso. Die beiden Männer glauben das nicht und lassen sich auf eine Wette ein – die zu einem Resultat führt, das nicht nur die Männer nicht für möglich gehalten hätten, sondern zudem eigentlich alles – Liebe, Treue, Ehe als gesellschaftliche Konstante – in Frage stellt.

Trailer Cosi fan tutte von der Hamburgischen Staatsoper

Nicht erst heute mutete die Geschichte seltsam an, auch zu Mozarts Zeiten war es ein seltsames Thema, das er sich da vorgenommen hatte, wenn auch aus ganz anderen Gründen als heute. Damals wurde Liebe in der Gesellschaft anders gesehen: Ein Ehepaar, das sich liebt? Sowas galt als unanständig. Es war sozusagen verpönt, sich diesbezüglich öffentlich zu outen.

Und heute: sicher kein Thema, eher im Gegenteil. Aber ein Treuetest, der ist heute so absurd wie damals.
Doch weil Mozart so wunderbare Musik zu der Handlung gefunden hat, wird all dies doch akzeptiert, damals wie heute.
Die Inszenierung setzt sich entsprechend über die psychologischen Aspekte hinweg – die „gab“ es zu Mozarts Zeiten schließlich sowieso noch gar nicht.

In Anklängen an die Commedia del’Arte findet Herbert Fritsch Kostüme, die bunt und witzig sind, und zum Einen den Zyniker Don Alfonso als solchen auch zeigt, wenn er mit weißen Handschuhen, die er wie ein Dirigent hin und her bewegt und damit bestätigt, was er erwartet, zum Anderen das Hausmädchen der beiden Schwestern, Despina, spinnenähnlich in Kostüm und Szene setzt, was äußerst passend ist, denn in der Tat spinnt sie fleißig an dem Netz der Intrige, das die beiden Schwestern nur so einfach hereinrasseln lässt in die Entlarvung ihrer vermeintlichen Treue.

Spannend ist, so erklärte es uns der Operndramaturg bei der Einführung, dass die vier Stimmen der beiden Paare in der Ausgangssituation  unkonventionell zusammenfanden: der Tenor liebt die Mezzosopranstimme, der Bariton den Sopran. Das Verkehrte wird durch den Partnertausch wieder „richtig“ und bleibt doch falsch…
Am Ende, als herauskommt, dass die beiden Verlobten ihre Liebsten einem Test unterzogen hatten, ist dennoch alles offen. Denkbar sind beide Kombis, warum auch nicht?

Die Aufführung bleibt ein buntes – und zwar quietschebuntes – Spektakel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Es ist eine grade, unkomplizierte und witzige Inszenierung, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Ich fand das so unterhaltsam wie tiefgründig.

patentoechterJulia Albrecht ist die kleine Schwester von Sabine Albrecht, die 1977 die Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar in das Haus von Jürgen Ponto einschleuste, was dessen Tod bedeutete. Jürgen Ponto und Hans Christian Albrecht, der Vater der Schwestern, waren sehr gute Jugendfreunde und Paten für Kinder des jeweils anderen: Jürgen Ponto war es für Julia Albrecht und Hans Christian Albrecht für Corinna Ponto. Nach dem Anschlag auf Jürgen Ponto brachen die Familien den Kontakt ab. Julia Albrecht, damals 13 Jahre alt, verlor durch die Untat ihrer Schwester ein Stück ihrer eigenen Identität, wurde sie doch nunmehr als „Schwester von …“ gesehen. Diese Tatsache, aber auch der Mord und dann der abgebrochene Kontakt zu der Familie Ponto, waren mehr als lähmend. Wie geht man mit diesem Ereignis um? Wer muss die Schuld tragen, die die Schwester ihrer Familie aufgebürdet  hat, und wie schwer ist es, erst recht in der Pubertät, wenn man als eigenständiges Individuum übersehen wird, weil die Schwester eine so große, zudem komplett negative Rolle spielt? Kann man dies alles überhaupt verarbeiten, aufbereiten, und wenn, wie, und wer hilft dabei? Das alles und noch viel mehr sind bitterschwere Fragen, die Julia Albrecht seit ihrem 13. Lebensjahr mit sich herumträgt und die zu erörtern alles andere als leicht sind. 30 Jahre später hat Julia Albrecht Kontakt zu Corinna Ponto aufgenommen, um das Schweigen endlich zu brechen. In einem Briefwechsel ist es ihnen endlich möglich, diese Bürde ein Stück weiter aufzuarbeiten, und durch das Buch über diesen Dialog können auch wir uns 30 Jahre später diesem Thema erneut annähern.

Darum also handelt dieses Theaterstück, das auf Basis des Buches entstand, echt harter Tobak. Auf der Bühne sehen wir zwei Wohnungen mit jeweils zwei identischen Räumen, die spiegelverkehrt  aufgebaut wurden, so dass wir im einen Teil das Wohnzimmer, in dem anderen die Küche im vorderen Bereich sehen. In diesen Räumen wuseln jeweils 3 gleich gekleidete Frauen verschiedenen Alters herum: es sind Julia Albrecht und Corinna Ponto in jeweils verschiedenen Altern. Und so wie das Bühnenbild und die Schauspielerinnen also verschiedene Aspekte der Geschichte beleuchten, geschieht dies in den Dialogen, die die verschiedenen Themen, aber auch den Ablauf der damaligen und der darauf folgenden Geschichte beleuchten. Da ist zum Beispiel der genaue Hergang: Wie Sabine Albrecht schon vor der Tat ab und zu wie zufällig bei der befreundeten Familie auftauchte, sodass kein Verdacht aufkommen sollte, als sie schließlich mit zwei vermeintlichen Freunden im Schlepptau vor der Tür steht. Aber wie geht es weiter? Wusste Sabine Albrecht, dass die beiden sofort Jürgen Ponto niederschießen würden? Sie war ja von einer Entführung ausgegangen, aber was war vorbereitet, damit Jürgen Ponto das Haus – gar freiwillig? – verlassen würde?? Fragen über Fragen. Oder auch: Die Eltern von Sabine Albrecht wussten, dass sie mit Personen in Kontakt gekommen ist, die radikale Ansichten hatten und waren froh, als Sabine in den Wochen vor der Tat vermeintlich Abstand genommen hatte. Radikale Ansichten: Wo fängt es an, und wo hört es auf? Ist davon auszugehen, dass jemand mehr oder weniger aus heiterem Himmel Verrat an den Jugendfreund des Vaters begeht? Hinterher erkennt man die Zeichen, aber wenn man mittendrin steckt? Ihr seht schon, es tun sich eine Menge, eine Unzahl von Fragen auf, eine schwerer zu beantworten als die nächste.

Auf der Bühne also wuseln die jeweils drei Frauen herum, einmal ist es die Situation unter den Geschwistern – Julia liebt ihre 13 Jahre ältere Schwester Sabine abgöttisch (während Sabine Albrecht, als sie 1990 in Berlin-Marzahn gefunden wurde, angab, sich kaum erinnert zu haben, dass sie überhaupt eine kleine Schwester hätte), dann wieder geht es um die Frauen 30 Jahre nach dem Vorfall, oder eben um Situationen innerhalb der Zeitspanne, und immer wieder werden Passagen beinahe wie ein Mantra wiederholt, ähnlich wie Gedanken, die ständig und immerzu um ein bestimmtes Thema kreisen. So wird auch das Publikum mitgerissen auf eine intensive Zeitreise und in die Gedankenwelt der beiden betroffenen Frauen, und zwar auf eindringliche und intensive Weise.

Es war ein intensives, konzentriertes Theatereignis, das hier stattfand, das uns noch einmal zu den Geschehnissen von vor 30 Jahren zurückführen, zur RAF und deren schrecklichen Taten und auch in die zynische Welt der DDR-Regierung, die diese Personen nach dem Anschlag aufhnahm und versteckte, sie vorher sogar entsprechend trainiert hatte, um solchen Anschlag auszuüben. Um es kurz zu sagen: Mitreißend, intensiv, bewegend. Wer kann, möge das Stück anschauen. Oder das Buch lesen. Oder beides.

Die Dreigroschenoper ist für mich beinahe so etwas wie die Initialzündung meiner Theaterbegeisterung, auch wenn sich diese in den letzten Jahren nicht mehr so recht zeigen wollte (scheint sich aber gerade wieder zu ändern, vielleicht). Und dies Stück wollte ich wirklich schon lange mal wieder sehen. Wohlwissend, dass dieser Film zwar nicht die Dreigroschenoper zeigt, sondern vielmehr Brechts Bemühungen einer Verfilmung zum Thema hat, war aber sonnenklar, dass ich ihn sehen wollte – unbedingt! Und ich habe es auch nicht bereut.

Das Boot am Ufer losgemacht: Filmszene aus Mackie Messer – der Dreigroschenfilm mit Hannah Herzsprung und Tobias Moretti; Bildquelle: Filmstarts.de

Wie gesagt, im Film geht es vielmehr um die Verfilmung des Stücks. Nachdem Berthold Brecht und Kurt Weill auf der Premiere gebibbert haben, ob das Publikum das Stück annehmen würde und sodann auf große Begeisterung stießen, gab es diesen Plan. Produzenten und Filmfirma fanden sich ebenfalls, jedoch bestand von dieser Seite die Meinung, dass an der ein oder anderen Stelle Modifizierungen vorgenommen werden müssten, sowohl aus Kostengründen als auch aus moralischen und gar politischen Gesichtspunkten betrachtet. Und so verhandeln der Filmproduzent  und Berthold Brecht (Lars Eidinger), und gehen das Stück einmal durch – was uns entsprechend vorgespielt wird. Wir sehen also das, was Brecht vielleicht so vorschwebte, und das ist ganz enorm gutes Theater mit mitreißendem Gesang. Die Besetzung war entsprechend toll: Der sehr charismatische Macheath wurde überzeugend von Tobias Moretti gegeben, Hannah Herzsprung war perfekt als Polly, Britta Hammerstein war ebenfalls überzeugend in der Rolle der Lotte Lenya bzw. „Seeräuber“ Jenny – ah! Wunderbar! (auch wenn ich schon als Kind die Single-Platte mit Lotte Lenya als Seeräuber-Jenny immer und immer wieder hörte, weil ich sie so liebte – die Darbietung in dem Film war ebenfalls klasse). Großartig und überraschend toll hat auch Joachim Król als Peachum gespielt und gesungen. Diese Ausführungen haben mir Riesenspaß gemacht. Grenzwertig waren die aufwendigen aber wie ich finde konventionellen (Ballett-)Tanzeinlagen. Das war mir persönlich etwas zu geleckt und ästhetisch und erinnerte mich eher an das Fernsehballett aus den achtziger Jahren (damals guckte ich noch fern, jetzt ja schon lang nicht mehr, deshalb weiß ich auch nicht, ob das immer noch so ist wie damals).

Der Film an sich kam nie zustande, letztendlich scheiterte alles sowohl am Geld als auch am aufkeimenden Nationalsozialismus.

Kurz gesagt: Wer die Dreigroschenoper liebt, kann unbehelligt in den Film gehen, denn man kommt auf seine Kosten: Tolle Gesangseinlagen und überzeugende SchauspielerInnen machen’s möglich! Manchmal vergisst man vielleicht sogar ein wenig, dass sich die eigentliche Handlung um die Filmproduktion und den damit verbundenen Schwierigkeiten dreht. Aber auch das war interessant, beleuchtet dies das Stück ebenfalls, beispielsweise um Fragen des Anstandes von 1930, die klare politische Ausrichtung des Stückes, aber auch finanzielle Aspekte.
Ich kann den Film auf jeden Fall empfehlen.

Dies ist eine sehr ungewöhnliche Weiterentwicklung von Tanztheater der New Yorkerin Elizabeth Streb, die mit ihrem Konzept Barrieren zwischen Tanz und Akrobatik spielend spielerisch aushebelt und ganz neue Aspekte von Körpererfahrung sichtbar macht wie zum Beispiel Fliegen – mit einer (oder vielen) Bauchklatscherlandung(en)…

streb

Bild von der Website http://www.kampnagel.de

Wenn man ihre Kunst sieht, kommt man nicht umhin zu überlegen, ob dies nicht viel eher Akrobatik sei, ich würde mal sagen, die Grenzen sind hier in der Tat verschwommen. Als akrobatische Leistungen taugen die Vorführungen allemal, doch das ist kein Zirkus, was wir hier sehen, dafür fehlt am Ende doch ein gewisser Kitzel. Nein, es ist ein Tanz, in dem die Tänzer wie Actionhelden – so wird der Vergleich gezogen – über das Normalmaß der menschlichen Fähigkeiten hinauswachsen. Die Körper fliegen tatsächlich, gehen steile Wände hoch, sind zu rasend schnellen Bewegungen fähig und erinnern damit tatsächlich an die Choreographie von Superman & Co. Hier wird etwas von der Erfahrung sichtbar, die die Künstler mit Zeit und Raum machen, und das ist hochspannend.

Wenn die TänzerInnen durch die Lüfte fliegen, wieder und wieder, verschwimmt beinahe das Bild von menschenmöglichen Bewegungen, eine Zirkulation liegt in der Luft, die Bewegungen und das Bild davon werden abstrakt und führen zu einer ganz neuen, ungesehenen Dimension. Choreographie wird Geometrie, Erfahrung von Körper und Raum. Die Menschen wachsen geradezu über sich hinaus und zeigen ein Stück weit etwas – Übermenschliches.

Ich hatte gleich doppelt Glück: Zum Einen habe ich die Karten gewonnen, zum Zweiten setzte sich im letzten Moment die Regisseurin genau neben mich (nicht dass wir ins Gespräch gekommen wären, dafür bin ich ja viel zu schüchtern), und dadurch konnte ich miterleben, wann sie mit der Action hochzufrieden war, und wann sie aber besonders zusammenzuckte, weil ein Moment vielleicht doch brennzliger war, als einstudiert – und einige Actions waren wirklich sehr gefährlich! Natürlich hat sie ansonsten die Zeit genutzt und sich fleißig Notizen gemacht.

Ich freue mich sehr, dass ich diese Veranstaltung besuchen konnte, auch wenn dies eher einem Zufall geschuldet war. Was lehrt mich das? Öfters zu Kampnagel gehen, experimentelles (Tanz-)Theater gucken!!!

Hier ein Youtube-Video mit Ausschnitten dieser Tanzeskunst: