Genau gesagt stand dies auf dem Programm:
Wolfgang Amadeus Mozart:
Streichquartett B-Dur KV 458 »Jagdquartett«
Claude Debussy: Streichquartett g-Moll op. 10
Antonín Dvořák: Streichquartett Nr. 13 G-Dur op. 106

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Im Programmheft stand, dass Mozarts Streichquartett den Namen „Jagdquartett“ aus Marketingzwecken erhalten hatte, es war kein Titel, den Mozart seinem Stück selbst gegeben hatte, sondern dessen Manager. Wie dem auch sei, der Titel passt sehr gut zu dem Stück – oder habe ich deswegen Wald gerochen, Rascheln im Unterholz gehört, ausgespähtes Wild geahnt, und später bei einem Kaminfeuer Jagderlebnisse mit Jägern geteilt? Ich weiß es nicht. Tatsächlich hatte ich aber diese oder ähnliche Jagdphantasien beim Hören, ob wegen des Titels, das kann ich nicht sagen.

Die Stücke von Debussy und auch von Dvorak fand ich temperamentvoll, schmissig und originell, und es hat mir zwar geholfen, dass ich sie mir vorher angehört hatte (ja! Ich bin vorbereitet ins Konzert gegangen! Wenn auch nicht so gründlich, wie ich es gerne getan hätte, aber immerhin), dennoch kann ich nur mein Wohlgefühl beim Hören wiedergeben und keine einzelnen Eindrücke. Es waren dennoch intensive Hörmomente, die mir dies Konzert bescherte.

Das Jerusalem Quartett habe ich übrigens schon einmal genießen können, noch in der kleinen Musikhalle, damals gaben sie Bela Bartok an drei Abenden, wovon ich wenigstens zwei besuchen konnte. Mehr dazu hier.

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Nachdem ich ja neulich den Film über Romy Schneider (‚3 Tage in Quiberon‘) gesehen hatte, überkam mich das Bedürfnis, einen Film mit ihr zu sehen, sind meine Romy-Schneider-Filmerlebnisse doch einfach schon allzu lange her… und auf diesen Film war ich schon ganz lange neugierig.

Filmszene aus „Der Swimmingpool“ mit Alain Delon und Romy Schneider; Bildquelle: Filmstarts.de

In einer Villa in Südfrankreich macht das Pärchen Marianne (Romy Schneider) und Jean-Paul (Alain Delon) in aller Abgeschiedenheit Urlaub. Sie pflegen ihre Beziehung und ihr Sexleben, genießen die Hitze der Tage und Nächte faul bis lasziv am Highlight der Villa von Freunden: dem Swimmingpool. Ein Anruf vom Freund Jean-Pauls und Ex-Lover Mariannes – der Anruf war an Marianne gerichtet(!) – kündigt ihn, Harry (Maurice Ronet) zusammen mit seiner Tochter Penelope (Jane Birkin) an – und bringt jede Menge Zündstoff in die ohnehin mit Sex und sonstigem hochexplosiven Zeugs aufgeladene Atmosphäre mit…

Die Unzufriedenheit und Zerrissenheit Jean-Pauls, der seine schriftstellerischen Versuche gesteckt hat und nun vielleicht Frust in seinem Beruf schiebt, vermischt sich mit Eifersucht auf den erfolgreichen Harry, der nicht nur mit seinem Auto angibt, sondern auch noch mit einer bildschönen Tochter aufwartet, von deren Existenz die beiden Freunde bislang nichts wussten. Und nun, so scheint es zumindest, baggert er seine alte Flamme Marianne wieder an, während Jean-Paul dadurch einen zweiten Grund wittert, auf seinen Freund eifersüchtig sein zu können, da zwischen Marianne und ihm durchaus ein leichter Zug von Verachtung mitschwingt – vielleicht. Dazu die blutjunge, bildschöne und sich unabhängig gebende Penelope, an der er zunehmend Gefallen findet, und sie zunehmend auch an ihn, denn Jean-Paul ist ein gutaussehender Mann, aus dessen Poren das Testosteron nur so herausquillt…

Und so nimmt die Geschichte zwischen den vier Leuten am Pool ihren Lauf, bis zur Katastrophe…

Es ist ein hochpsychologisches Kammerspiel, gegeben von vier Schauspielern erster Sahne – hervorragendes, dichtes, intensives Schauspiel von allen vieren und dazu ein phantastisches Aussehen – das macht den Film so besonders, und ließt ihn zum Klassiker werden. Romy Schneider spielt die launenhafte, zwischen Anziehung und Abstoßung hin- und herpendelnde Marianne komplett überzeugend, während Alain Delon den ebenfalls ambivalenten Charakter zwischen charismatischem Männerideal und dem in aller Tragik Gescheiterten überzeugend gibt. Maurice Ronet überzeugt als Prahler und Intrigant – wo er ist, muss immer was los sein, nur kein Friede – während Jane Birkin das Mädchen im Zwischenstadium zwischen verträumtem Kind und junger, lebenshungriger Frau beeindruckend interpretiert hat. Es ist ein absolut sehenswerter Film, der seine Gültigkeit auch nach fast 50 Jahren nicht verloren hat.
Einzig: der Schluss, die letzte Szene war für mich nicht stimmig, das ist dann doch ein Dämpfer an diesem sonst wirklich tollen Film.

Nun bin ich aber auch neugierig auf die Neuverfilmung „A bigger Splash“ mit Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Dakota Johnson und Matthias Schoenarts geworden, ebenfalls Schauspieler der Spitzenklasse. Aber: wollen die wirklich diesen Film in den Schatten stellen? Wäre irgendwie schön blöd. Aber: Ich werde sehen. Und das steht fest!

Gemischtes aus der Kino-Retorte

Veröffentlicht: 30. April 2018 in Filme, Kultur

In den letzten Wochen habe ich ganz unterschiedliche Filme gesehen, so dass ich mich fast ein wenig scheue, sie in einem Beitrag zusammenzuziehen…

‚Unsere Ozeane‘ – Film von Jacques Perrin und Jacques Cluzaud (2010)

Ich hatte mir letzten Sommer schon vorgenommen, mir diesen Film noch einmal anzuschauen, zusammen mit einer Freundin, die so wie ich auch nicht aufhören kann, über die Wunder der Natur zu staunen. Und auch beim zweiten Mal – trotz des kleinen Bildschirms im Gegensatz zur großen Leinwand – konnten mich die Aufnahmen in den Bann ziehen. Es ist ein wirklich sehenswertes Kinoerlebnis. Damals habe ich dies darüber geschrieben.

‚Valerian – die Stadt der tausend Planeten‘ – Film von Luc Besson (2017)

Als der Film in die Kinos kam, hatten wir ‚Das fünfte Element‘, ebenfalls ein Sci-Fi-Film von Luc Besson noch nicht gesehen, außerdem waren die Kritiken gemischt. Nun haben wir das aber auf der heimischen Glotze nachgeholt.

Szenenbild aus ‚Valerian‘ mit Cara Delevingne, Dane DeHaan; Bildquelle: Filmstarts.de

Die Geschichte war so richtig schön vollmundig hanebüchen, die Bilder dafür um so farbiger und phantasievoller. Insofern hat der Film richtig viel Spaß gemacht. Irritiert war ich von dem Darsteller des Valerian Dane deHaan: ich fand ihn blass und auch etwas zu jugendlich. Ich fand, es fehlte ihm an Ausstrahlung. Seine Liebe zu Laurelie (Cara Delevingne) habe ich ihm keinen Moment abgenommen. Aber als amüsanter Unterhaltungsfilm taugte er.

‚Frida‘ – Film von Julie Taymor (2003)

Filmszene und zugleich Bildzitat mit Alfred Molina und Salma Hayek aus ‚Frida‘; Bildquelle: Filmstarts.de

Irgendwie habe ich den Film damals im Kino verpasst, obwohl ich doch uneingeschränkter Fan von Frida Kahlos Bildern bin! 1982 waren ihre Bilder im Hamburger Kunstverein zu sehen, es war eine Ausstellung, die mich nachhaltig beeindruckt hat. 2006 soll es auch eine Ausstellung im Bucerius Kunstforum gegeben haben, die ich vermutlich – wie konnte mir DAS passieren??? – versäumt habe. Nun also dieser Film… Ich muss ihn leider mit dem Film ‚Frida Kahlo – Es lebe das Leben‘  des mexikanischen Regisseurs Paul Leduc von 1984 vergleichen, denn den habe ich seinerzeit mindestens zweimal im Kino gesehen. Und da muss ich gestehen, konnte diese Hollywood-Verfilmung trotz der sehr überzeugenden Selma Hayek als Frida Kahlo einfach nicht mithalten. Während der neue Film versucht, das Leben von Frida Kahlo zu erzählen, wurde es in dem alten Film sprunghaft und assoziativ, dafür aber auf ursprüngliche Weise ganz lebensnah aufgefächert. Das hatte mich damals sehr berührt.

Dennoch: Viel falsch kann man natürlich nicht machen bei einem Film über Frida Kahlo, denn ist sie nicht nur eine der herausragendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, sondern sie hatte zudem eine  Biographie mit vielen Höhen und Tiefen und scheint mir eine unglaublich lebendige, temperamentvolle Frau gewesen zu sein. So war dieser Film schön und anregend und hatte eine Besoderheit: Manche ihrer Motive wurden zunächst wie ihre Gemälde dargestellt und gingen dann in Filmszenen über. Dieser Kunstgriff hat mir sehr gefallen. Durch diesen Film gerieten Frida Kahlos Bilder erneut in den Focus – und das ist super!

‚3 Tage in Quiberon“ Film von Emily Atef

Veröffentlicht: 29. April 2018 in Filme, Kino, Kultur

Wenn ich an Romy Schneider denke, dann erinnere ich mich an eine schöne Frau und an eine Wahrhaftigkeit in ihrem schauspielerischen Ausdruck, die ihre überragende Ausstrahlung ausmachte. Meine Erinnerungen fußen auf die Kenntnis weniger Filme, die ich vor ewig langen Zeiten gesehen habe. Dennoch ist dies eben mein Mythos von Romy Schneider. Sissy, Erotik, unglücklich sein, tragische Lebensumstände, ein Gartenpfosten, der ein Kind aufgespießt hat…; eine zerbrochene Frau.

Charly Hübner und Marie Bäumer in ‚3TAge in Quiberon‘; Bildquelle: Filmstarts.de

Allein wegen dieser Erinnerungen war ich sehr neugierig auf diesen Film, eine kluge Wahl war es, ihn in Schwarweiß zu drehen, knüpft er doch an die Erinnerungen der 60er Jahre an, in denen wir die Sissy-Filme doch alle nur so an unseren heimischen Fernsehapparaten sahen. Das passte gut.

Romy Schneider (gespielt von Marie Bäumer) befindet sich 1981 in einem Kurhotel in Quiberon zur Entgiftung. Alkohol und Tabletten haben ihrer Gesundheit zugesetzt, ganz zu schweigen von ihren finanziellen Problemen und ihrer Zerrissenheit zwischen dem Beruf und ihren beiden Kindern. Immer kommt eines von beiden zu kurz, und das ist vielleicht auch das Motto ihres Lebens: Denn sie ist, was sie tut, und das  immer mit Haut und Haar. Spielt sie, wird sie zu der Figur; ist sie bei ihren Kindern, ist sie ganz Mutter.

Romy Schneider wird besucht von dem Stern-Reporter Michael Jürgs der sich schneidig, scharf und ehrgeizig gibt (Robert Gwisdek) und dem Fotograf Robert Lebeck, so ein lieber Kerl…(gespielt von Charly Hübner). Zweiteren kannte sie schon, und es verbindet sie eine innige Freundschaft. Ebenfalls reist Romys beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) an, um Romy beim Interview und überhaupt beizustehen, denn es geht ihr absolut lausig. Warum sie zu dem Interview bereit ist, habe ich nicht wirklich verstanden, am Ende war es vielleicht nur die Aussicht, den Fotografen wiederzusehen. Fakt ist, dass sie in diesen drei Tagen dem Reporter gegenüber sehr ehrlich ist und seine teilweise provokanten, übergriffigen Fragen mit einer beinahe bestürzenden Offenheit begegnet, so dass es Michael Jürgs selbst schon ganz mulmig wird und er ihr später das Interview vorlegt und absegnen lässt, bevor es in die Veröffentlichung geht. Diese Interview-Situation ist eine von vielen in dem Film. Denn abends kommen die vier ganz privat zusammen, um in einer Kneipe ausgelassen zu feiern, natürlich fließt der Chamapgner an diesem Abend, doch es ist in jeder Hinsicht ein berauschender Abend, in dem sich Romy entspannt und ansteckend fröhlich zeigt – nur um in den frühen Morgenstunden fertig und zerknirscht im Hotel anzukommen, und übermannt von schlechtem Gewissen ihrer Kinder gegenüber diese morgens um vier Uhr oder so anrufen will… Hilde, während des Interviews zum Anstandswauwau avanciert, hält sie am Ende davon ab. Überhaupt Hilde: Mit wachen Augen versucht sie, Romy vor sich selbst zu schützen, redet ihr Tabletten, welche genommen werden wollen oder Alkohol, der getrunken werden wil, aus, mit wenig Erfolg.

Es sind wunderbare Szenen, die diesen atmosphärisch dichten Film ausmachen und das wunderbare Schauspiel aller Darsteller, aber allen voran das Spiel von der wunderschönen Marie Bäumer (der eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Romy Schneider von jeher nachgesagt wird). Sie spielt Romy derart überzeugend, dass ich zwischendurch glatt vergessen habe, dass Marie Bäumer gar nicht Romy Schneider ist, sondern sie nur spielt. Irgendwie war ich versetzt, entrückt in einen Film mit Romy Schneider, und nicht über sie. Das war faszinierend. Im Übrigen ist es ein leidenschaftlicher Film, ein Plädoyer fürs satte, ungebremste Leben, ohne zu verheimlichen, dass es eine Schattenseite gibt, die genau so schwer auszuhalten ist, wie der Gegenpol. Gleichzeitig ist es ein poetischer Film, romantisch auch, wenn wir sehen, wie Romy beim Fotoshooting über die bretonischen Steine am Strand springt oder mit einem vagabundischen Künstler in der Kneipe feiert. Ich freue mich, dass der Film gerade so tolle Auszeichnungen bekommen hat und gehe damit ganz d’accord. Es ist ein unbedingt sehenswerter Film.

Nicht nur viele tolle Ölgemälde, einige Aquarelle und Holzschnittdrucke waren in der Ausstellung zu sehen – auch einige Masken und Skulpturen aus Karl Schmidt-Rottluffs Privatsammlung waren mit von der Partie, denn diese haben sein Werk nachhaltig beeinflusst und wurden oft zu seinem Motiv.

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Motiv von der Website des Bucerius Kunstforums. Die Ausstellung läuft noch bis zum 21.5.18. Mehr unter https://www.buceriuskunstforum.de

 

Seine Gemälde sind bestimmt durch eine große Farbigkeit und Reduktion der Formen auf das Wesentliche. Beinahe könnte man seinen Malstil als grob bezeichnen, und unschwer lässt sich erkennen, dass Schmidt-Rottluff ein der Künstlervereinigung „Die Brücke“ zugehöriger Maler ist (sogar Gründungsmitglied), denn auch bei anderen Künstlern dieser Gruppe sind die starke Farbigkeit und formale Reduktion der Motive zu finden.

Aus der Wahl der Motive und der Farben spricht, so finde ich, eine große Sehnsucht nach einer anderen Welt, die mit der im Deutschland vor und zwischen den beiden Weltkriegen nicht viel zu tun hat. Mir kommt es so vor, als wäre er auf der (Welt-)Flucht gewesen nach einer Idylle irgendwo an einem anderen Ende der Welt. Auch die vielen Bilder, die an seinen abgelegenen Urlaubsorten in der Nähe der Ostsee entstanden, sprechen von der Suche nach Ruhe und Idyll. Das kann natürlich täuschen, da sich die Ausstellung im Bucerius Kunstforum auf den Aspekt der Einflussnahme außereuropäischer Kunstwerke auf das Œuvre Schmitt-Rottluffs konzentriert und zudem einige Ölgemälde mit Landschaftsdarstellungen aus seinen Aufenthalten an der Ostsee hinzu genommen hat.

Die Original-Masken zu sehen neben den Bildern, in denen sie gemalt wurden, war jedenfalls sehr interessant, denn in den Gemälden erfuhren die Masken eine weitere Verfremdung; also entstand ein Kunstwerk aus einem anderen, der subjektive Blick auf einen subjektiven Blick trifft auf den subjektiven Blick der Betrachter und macht einmal mehr klar, dass es das Objektive vielleicht gar nicht geben kann.

Mich hat vor allem die Farbwahl erfreut, denn die Bilder sind unglaublich bunt, die Farben kühn nebeneinander gesetzt, krasse Kontraste erzeugend. So mutig und radikal sein zu können, ist an sich schon eine riesige Kunst. Es ist beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die ersten Ausstellungen der „Brücke“-Maler riesige Misserfolge waren. So etwas hatte die Welt zuvor noch nicht gesehen…

Heute mutet das Werk dann teilweise schon wieder ein wenig überholt an. Wir sind mit den Masken aus Afrika und Ozeanien weitestgehend vertraut (nicht zuletzt durch die Werke der Expressionisten; Schmidt-Rottluff ist nicht der einzige Künstler, der von den Masken und Skulpturen fasziniert war und diese gemalt hat). Sogar ich habe einige Skulpturen billig in Afrika gekauft, es sind heutzutage gängige Souvenirs, hierzulande findet man sowas sicherlich auf fast jedem Flohmarkt.

Jedenfalls hatten für mich einige der Bilder einen merkwürdigen Beigeschmack, wurden die Masken auf den Gemälden doch zum Teil neben Topfpflanzen gesetzt. Rebellion auf dem Fensterbrett (Sturm im Wasserglas?) sozusagen – von heute aus betrachtet… Dennoch ist dies auf jeden Fall eine sehr bunte, sehr lohnenswerte Ausstellung. Nur nach Berlin-Zehlendorf ins Brücke-Museum (aber erst, wenn die Bilder aus der Ausstellung zurückgehängt wurden!!!)  zu gehen wäre besser.

Ja, ich bin auf dem Aronofsky-Trip… Und diesen Film hatte ich im Kino verpasst. Zum Glück gibt’s BlueRay!

Szenenbild aus „Mother!“ mit Javier Bardem, Jennifer Lawrence. Bildquelle: Filmstarts

Die Handlung scheint einfach: Ein Pärchen wohnt in einem einsam gelegenen Haus. Es ist das Elternhaus des Mannes, seines Zeichens Schriftsteller – mit Schreibblockade. Seine junge (und vermutlich neue) Frau versucht, es nach einem Brand wieder schön zu machen, und das ist ihr auch weitestgehend schon gelungen. So weit, so normal…

Doch dann beginnen Merkwürdigkeiten: Eines Tages klingelt ein älterer Mann an der Tür, er hätte gedacht, hier könne er sich einmieten… Der Hausherr nimmt ihn trotzdem freundlich auf, ist der Mann doch ein Fan seiner Bücher und freut sich, so unvermittelt vor dem Autor höchstselbst zu stehen. Und dann kommt auch noch die Frau des Mannes, die deutlichst ihre Abneigung der jungen Hausherrin zeigt und sich komplett übergriffig benimmt, indem sie in Räume vordringt, die ihr verboten wurden und äußerst taktlose Bemerkungen fallen lässt. Während der jungen Frau die Spucke wegbleibt, bleibt ihr Mann der freundliche und offene Gastgeber, der die Frechheiten überhaupt nicht wahrnimmt. Und dann halten noch mehr Menschen Einzug, erst die Familie der beiden uneingeladenen Gäste, dann weitere, die sich aus der Geschichte ergeben, und mit den vielen Menschen kommen auch weitere Geschichten hinzu, kleine und große Dramen, Biografien, bizarres Verhalten.

Und mittendrin die mittlerweile hochschwangere junge Frau, die der offenen Freundlichkeit ihres Mannes gegenüber der Bevölkerung ihres Hauses sprachlos gegenübersteht. Ihr bleibt nur die Reaktion auf die vielen kleinen Unglücke, die den Gästen passieren, wenn diese sich auf die wackelige Spüle setzen, die daraufhin abbricht, oder wenn der Weg zum Klo gezeigt werden will.

Die Dramen steigern sich mehr und mehr, und die ganze Situation wirkt surreal, kafkaesk. Immer mehr gerät das frisch renovierte Haus durch die Besucher aus den Fugen…

Jennifer Lawrence wird durch ihren Wegen durch das Haus auf Schritt und Tritt verfolgt, und wenn man nicht wüsste, dass dies ein Aronofsky-Film ist, könnte man denken, man wäre in einer schlechten Version von etwas zwischen „Shining“ und „Rosemary’s Baby“ gelandet (ich kann verstehen, warum Jennifer Lawrence für die „Goldene Himbeere“ nominiert wurde, auch wenn ich im Nachhinein denke, dass sie ihre Rolle ganz angemessen gestaltet hat – nichtsdestotrotz spielt Michelle Pfeiffer sie in einer größeren Nebenrolle an die Wand). Aber so ist es nicht: Was ihr in dem Film widerfährt, ist letztendlich gar nicht der Dreh- und Angelpunkt. Das macht den Film dann wieder äußerst raffiniert, aber auch amüsant. Ich fand ihn sehenswert.

 

achte-lebenEigentlich stehe ich nicht auf Umsetzungen von Romanen im Theater, weil ich mich immer fragen muss: Wozu? Ist man nicht besser dran, wenn man das Buch liest? Was bringt eine szenische Übersetzung? Für mich ist Theater eine Kunstform, in der viele Experimente möglich sein sollten, aber dann doch bitte auf der Grundlage von Theaterstücken. Gleichzeitig bildet das eine Einschränkung, die ja vielleicht unnötig ist… Genug Grund, immer mal wieder zu überprüfen, ob ich meine Meinung nicht doch ändern sollte, erst recht, wenn so ein Mammut-Projekt, wie „Das achte Leben“ angegangen wird. Eine Freundin hatte den Theaterbesuch empfohlen, drum bin auch ich hingegangen.

Das 1275 Seiten starke Buch hatte ich vor einiger Zeit gelesen (dazu hier mein Blogbeitrag), es hatte mich beeindruckt und mir zunehmend gefallen. Wie kann man nun die 7 georgischen Lebensgeschichten der weiblichen Linie der Vorfahrinnen von Brilka, ablaufend in über 100 Jahren, auf die Bühne transferieren? Das bedeutet: Kürzen und Komprimieren ohne Ende, Zeichen finden, um umfangreiche Gedankengänge und Geschichten – und die Geschichte Georgiens – auf den Punkt zu bringen, gleichzeitig szenisch extrem verdichten. Keine einfache Sache, das… Den Dramaturginnen Julia Lochte und Emilie Heinrich zusammen mit Jette Steckel ist das aber gelungen, und Jette Steckel hat einige sehr gute Ideen bei der szenischen Umsetzung gehabt, so dass sich die Handlung sehr lebendig und deutlich vermittelte. Ein Teppich, der mal auf dem Boden liegt, meist aber von der Decke als Wandteppich hängt und als Leinwand für die Filmprojektionen dient, die originale Filmaufnahmen aus der georgischen Geschichte zeigen, dient als szenisch-dramaturgischer Kniff: Er ist das Familieneigentum, und die Urgroßmutter will ihn säubern, um ihn weiter zu benutzen. Und schon ist die Verbindung zwischen der eigenen Geschichte und der Georgiens hergestellt – eine tolle Idee!

Die Bühne war sparsam ausgestattet, so dass wir uns ganz auf das Spiel der SchauspielerInnen (Chapeau für deren Leistung!) konzentrieren konnten. Ich kann nicht sagen, wieviel von dem Stück verstanden werden konnte, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Ich glaube, viel (sonst wären vermutlich mehr Leute in der Pause gegangen, zumal die Aufführung gute 5 Stunden dauerte), wenn auch nicht alles. Ob sich die Bedeutung der Schokolade vermittelt hat, kann ich mir nicht vorstellen. Manche Figuren wurde in nur einem Satz oder einer Szene eingeführt, und wenn man versäumt hat, dies aufzunehmen, könnte es schwierig sein, das Nachfolgende zu verstehen. Aber das ist bloß eine Vermutung. Ich für meinen Teil war froh, das Buch zu kennen, auch wenn es vermutlich nicht wirklich nötig ist, um der Aufführung zu folgen.

Es war ein spannender Theaterabend – und am Ende waren wir ganz angefüllt mit den vielen, vielen Geschichten und Biografien der Menschen aus einer langen Reihe von Generationen – das hat mir sehr gefallen – auch wenn ich fand, dass sich der zweite Teil nach der Pause teilweise doch arg in die Länge gezogen hat. Ich glaube, eine Kürzung hätte hier gut getan. Dennoch war es insgesamt gesehen wenn zwar ein langer, jedoch kurzweiliger Abend, der uns sehr bereichert hat. Ich finde jedoch nicht, dass der Theaterabend ein Ersatz für das Buch ist – das sollte gerne dennoch – oder gerade deshalb – gelesen werden, weil die Geschichte(n) spannend erzählt wurden. Die Aufführung ist  etwas ganz eigenes geworden.