Archiv für die Kategorie ‘Kultur’

Franz Grillparzer wird nicht oft auf den Bühnen gespielt, und auch hier wurde sein Stück, ich sag mal, modifiziert. Aktuell wäre es vermutlich sogar in der Originalfassung, aber einiges wurde durch die Bearbeitung noch stärker herausgearbeitet, denn an diesem Abend im Hamburger Thalia Theater geht es um solche Themen wie Fremdheit, Vertriebensein, Asyl und letztendlich um Menschenwürde.

Szene aus „Medea und Jason“ im Hamburger Thalia Theater. Bildquelle: s. hier

Medea, die einst ihrem Geliebten Jason half, ihrem Vater das goldene Vlies abzuluchsen, ist überall in Ungnade gefallen. Nach jahrelanger Odyssee hat Jason nun die Möglichkeit, Fuß zu fassen, aber unter einer Bedingung: Medea muss vor den Stadttoren bleiben, die gemeinsamen Kinder aber dürfen mit Jason einziehen, und er soll eine schöne Frau heiraten. Jason, trotz der Liebe zu Medea, ist durch die lange Irrfahrt müde geworden und vielleicht Medea auch überdrüssig. Medea steckt in einer grässlichen, menschenunwürdigen Situation, denn es wird von ihr verlangt, alles loszulassen, was ihr lieb und teuer ist, ohne dass sie dafür auch nur irgend etwas bekommt….

Das alles wird nun auf einer Bühne ausgebreitet, die außer aus einer riesigen Menge von zusammengepressten Klamottenquadern nur noch aus der Anwesenheit zweier Musiker besteht, die, ganz wie in einer klassischen griechischen Tragödie der Chor, die Geschehnisse auf der Bühne musikalisch kommentieren. Die Klamottenquader formieren sich mal zur Wand, dann zum Bett, schließlich zum Tor und lassen jede Menge Spielraum für Assoziationen. Wo kommen die Kleidungsstücke her, unter welchen Bedingungen sind sie entstanden? Wohin reisen sie, wenn sie weggeworfen wurden, und wie viele Menschen haben all diese Klamotten getragen…?

Bewegend spielen Maja Schöne und André Szymanski die beiden Titelhelden und schlüpfen in immer andere Rollen, um die Geschichte, die die sie nun vor jene Stadttore und in diese menschenunwürdige Situation getrieben hat, nachzuspielen, und geben dabei alles. Es ist hochassoziatives Vollblut-Theater, das hier stattfindet, es werden neue Zeichen gefunden, um den Konflikt, in dem die Protagonisten stecken, zu illustrieren. Ein Wahnsinn! Aber solcher, der sich anzusehen unbedingt lohnt.

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Es sind und bleiben große Rätsel für mich, diese Gemälde von Vincent van Gogh, die mich so tief berühren können. Ihre Schönheit, der eigene Stil, die brennenden Farben, es ist ein Wunder, wie jemand seine Welt um sich herum so tief empfinden und sich so eng damit verbinden kann. Und obwohl  er zu Lebzeiten keinerlei  Erfolg hatte, wenige Freunde (dann aber sehr gute!), in dem Ort Arles auch noch nicht mal gern gesehen war, weil er mit seinen seltsamen Verhalten unangenehm auffiel, hat er es doch geschafft, an sich und seine Kunst zu glauben. Wie recht er damit hatte, sehen wir ja heute. Dieser Mensch mit seiner tragischen Lebensgeschichte berührt mich jedenfalls auch, und da ist es kein Wunder, dass ich in diesen Film gehen wollte, zumal er von dem Künstler Julian Schnabel gemacht wurde, von dem ich schon den Film „Schmetterling und Taucherglocke“  gesehen habe, den ich ebenfalls sehr mochte…

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Filmszene aus „Van Gogh – an der Schwelle zur Ewigkeit“ mit Willem Dafoe. Bildquelle: Filmstarts.de

Der Film bemüht sich nicht um einen objektiven Blick – vielmehr wird versucht, der kippeligen Gemütslage des Künstlers nachzuspüren, was zugegeben etwas anstrengend ist. Denn das Mittel der Wahl fiel auf eine Handkamera, die konsequent alle Szenen aus der wackeligen Perspektive eines z.B  gehenden Menschen aufgenommen hat. In manchen Szenen war die Linse zu einem Teil am unteren Bildrand zudem eingetrübt, was uns einmal mehr bewusst macht, wie anders ein anderer Mensch seine Umwelt wahrnimmt, und das erst recht, wenn er in psychische Zustände gerät, die auf eine seelische Krise schließen lassen. Das war wie gesagt nicht ganz einfach zu ertragen, aber dennoch passend.

Schwieriger fand ich einige der geführten Dialoge oder auch Begegnungen, die mir nicht so richtig einleuchtenden – zum Beispiel, als Kinder einer Schulklasse bei einem Ausflug in die Natur den Künstler  bei seiner Arbeit entdecken und dann belagern – das kann ich ja noch nachvollziehen. Aber wieso die Lehrerin in dieser Situation zwar einerseits versucht, ihre Kinder zurückzuhalten, andererseits den Maler aufs Wüsteste beschimpft, sodass dieser beginnt, sich gegen die tatsächlich auch ungezogenen Kinder handgreiflich zur Wehr zu setzen, fand ich aufgesetzt und unecht, oder auch, dass er eine Schäferin bittet, sich auf die ein oder andere Weise in der Landschaft zu drapieren… Warum? Warum hätte van Gogh, dessen Motive durchaus auch ohne Menschen bestens funktionieren, sich so gestört verhalten sollen? Aber vielleicht beruhen diese Ereignisse ja auch auf wahre Begebenheiten…

Abgesehen davon ist es ein berührender Film mit wunderschönen Bildern der Landschaft um Arles, und auch einige Dialoge waren gut, wie beispielsweise der mit dem Pastor (klasse gespielt von Mads Mikkelsen).  Auch die Begegnungen mit seinem Bruder Theo (Rupert Friend) waren berührend. Und nicht zu vergessen: Willem Dafoe ist hier in seiner wie ich finde besten Rolle zu sehen. Hier hat auch die Maske ganze Arbeit geleistet, denn er und der Vincent, wie wir ihn aus seinen Selbstporträts kennen, sehen sich in diesem Film unglaublich ähnlich. Willem Dafoe spielt zum Niederknien gut… Allein ihn zu sehen macht den Film sehenswert.

Bummel durchs Kontorhausviertel, Hamburg

Veröffentlicht: 19. Mai 2019 in Kultur, Kunst, Reisen

Es ist immer das Gleiche: Da muss erst lieber Besuch aus der Ferne kommen, damit man mal seine eigene Stadt kennenlernt – wie doof das ist! Aber egal – einmal damit angefangen, habe ich mich nicht davon abhalten lassen, einen zweiten Spaziergang, diesmal nicht nur mit einer anderen Freundin von auswärts, sondern dazu unter fachkundiger Führung, vorzunehmen. Ziel: Das spannende Kontorhausviertel in Hamburg in der Innenstadt, unweit des Hauptbahnhofs. Außerdem passte das wegen der zeitlichen Nähe zu der gerade besuchten Ausstellung der 20er Jahre.

Um 1900 herum wurde mit der Neugestaltung dieser Gegend begonnen. Vorher, nämlich 1892, war in den engen Gängen und Gassen des Viertels die Cholera ausgebrochen, und damit war klar, dass etwas getan werden musste, um die Lebens-  und auch die hygienischen Bedingungen zu verbessern – aber bitte nicht hier! Man hatte anderes damit vor, als neue Wohnhäuser entstehen zu lassen. Vielmehr sollten hier die Menschen künftig zur Arbeit gehen, aber nicht mehr wohnen – diese Aufteilung war damals ein ganz neuer Gedanke. Aus diesem Grunde entstanden einige große Kontorhäuser, die in der Gestaltung der Innenräume größtmögliche Freiheit ließ. Deshalb waren die Fenster möglichst gleichmäßig angeordnet, um dann die Innenräume frei nach den Bedürfnissen zu gestalten, mit (nicht tragenden) Wänden, die sich von daher leicht versetzen ließen. Innenhöfe sollten zudem dafür sorgen, dass genügend Licht und Luft in die Räume konnte.

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Der Sprinkenhof von außen…

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Innenhof

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Treppenhaus Sprinkenhof

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Treppenknauf Sprinkenhof

 

Als Architekt konnte unter anderem Fritz Höger (dessen Namen ich schon aus Worpswede kannte)  gewonnen werden – der hat den Sprinkenhof und das Chilehaus geschaffen, zwei wunderschöne Werke im expressionistischen Stil, die auch heute noch so schön wie beeindruckend sind. Der Sprinkenhof ist über eine kleine Gasse, die auch heute noch (für Fußgänger) passierbar ist,  gebaut worden. Mit den Klinkersteinen (das sind bei hohen Temperaturen gebrannte und dadurch besonders haltbare und wasserabweisende Ziegelsteine) wurde nicht nur besonders nachhaltig gebaut, sondern zudem sehr kreativ umgegangen, indem Muster in die Fassaden eingearbeitet wurden, vor allem im Chilehaus. Der Sprinkenhof wurde mit unterschiedlich gemusterten Keramikelementen verziert, dies aber in einer derart strengen Weise, dass es nicht verspielt wirkt, sondern sachlich, wenn auch alles andere als nüchtern.

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Das Chilehaus

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Das Chilehaus liegt an zwei Straßen, die spitz aufeinander zulaufen. Und dieser Straßenarchitektur ist das Chilehaus gefolgt, indem es ebenfalls spitz zuläuft – und wie spitz!! Das ganze Gebäude ist einem riesigen Schiff nachempfunden, was natürlich gut passte, denn Auftraggeber war ein Reeder. Hinzu kommt, dass das Haus elegant jede Straßenrundung – oder Schiffsrundung – nachempfindet und sich dem scheinbar mühelos  anpasst. Ich könnte stundenlang den verschiedenen Perspektiven nachgehen, die sich an diesem Gebäude dabei auftun und empfehle allen, mir gleichzutun, es lohnt sich!

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Die Steine hatte übrigens der Auftraggeber  in großem Schnäppchenstil vollzogen, indem er Steine dritter Wahl kaufte. Der Architekt war zunächst nicht davon begeistert, doch als die Steine, die doch recht individuell ausfielen, aufeinander saßen, ergab sich ein hochästhetisches Spiel von Formen und Farben, so dass dies am Ende doch eine gute Entscheidung war.

Der Spaziergang führte uns dann noch in die Speicherstadt, zu den alten Speichern und dann zu den neuen Bauwerken, die sich stark voneinander unterscheiden, auch wenn sie doch zur gleichen Zeit hochgezogen wurden. Dies ist durchaus so gewollt, und es sind in der Tat sehr interessante Gebäude, die gerade dadurch zur Geltung kommen, als dass sie sich von den anderen umgebenden unterscheiden. Eine ziemlich gelungene Planung ist das, wie ich finde, deren Idee vielleicht erst entstanden ist, als der erste Neubauabschnitt abgeschlossen war und hier die Häuser alle gleich sind, was eher eintönig ist.

Es ist ein richtig toller Stadtbummel gewesen, den ich jeder/m empfehle, der/die nicht die Shoppingmall Hamburgs entdecken will, sondern das, was Hamburg, der am Hafen liegenden Weltstadt, wirklich ausmacht.

Die 20er Jahre sind in der Tat eine bewegte Zeit gewesen. Zum Einen steckte den Menschen noch der erste Weltkrieg in den Knochen, zum anderen fehlte vielleicht auch der Halt, sich nun zurechtzufinden. Dekadenz und Arbeitslosigkeit sind die beiden Schlagworte, die mir als erstes zu dieser Zeit einfallen, später kommt dann noch die Verdunkelung durch den aufsteigenden Nationalsozialismus hinzu, der so schleichend durch die verfallenden Gassen schlich und am Ende so hart zugeschlagen hat – wir wissen das alles ja, was dann kam. Mir kommt die Zeit so vor, als hätten die Menschen nicht mehr klar zwischen Wahn und Wahrheit unterscheiden können, sie lebten in  Realitäten, die sie gleichzeitig nicht sehen wollten, schielten auf Ideale oder falschverstandene Ziele, zu deren Erreichung sie gleichzeitig missbraucht wurden. Dazu kam eine ungebremste Lebensfreude, die sich gleichzeitig in die Entwicklung utopischer – auch gesellschaftlicher – Ziele steigerte.

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Ausstellungsplakat

Es sind also jede Menge Strömungen und Ideen, die sich in dieser Zeit in der Kunst wiederspiegeln, und davon sind einige in dieser Ausstellung zu finden. Neben vielen Gemälden finden auch Fotografien ihren festen künstlerischen Platz, und tatsächlich eignen sich Fotos sehr gut dazu, ein großes Thema zu reflektieren, nämlich die scheinbar objektive Wahrnehung der realen Welt und gleichzeitig deren Trugschluss. Beispielsweise wurden einige Fotos von dem sehr interessanten Fotograf Umbo gezeigt, der in immer neuen Perspektiven auch neue Sichtweisen auf die Dinge entdeckt – in einem Foto hat er eine Straßenszene aus der Vogelperspektive aufgenommen, aus dieser Perspektive waren die Menschen zwar kaum zu sehen, doch ihre durch die tiefstehende Sonne erzeugten überdimensionalen Schlagschatten umso besser.

Natürlich sind auch weitere Bauhaus-KünstlerInnen hier vertreten, und ich finde, dass gerade diese einen umwerfend innovativen Blickwinkel auf die Welt zeigten. Die Utopien von damals empfinde ich heute noch als exotisch (wobei Utopien auszusprechen heutzutage ja immer noch beinahe ein Tabu sind, wie sich an den Reaktionen auf die jüngsten Äußerungen von Kevin Kühnert ablesen lässt – und auch wenn die utopisch anmutende Friday for Future-Bewegung zwar gesellschaftlich einigermaßen gebilligt wird, ist noch lang nicht sicher, dass sie deswegen auch ernstgenommen wird, hieße dies doch eine Änderung des Lebensstils eines jeden einzelnen.).

Doch neben diesem Hang zu Utopien besteht ganz deutlich auch das Bedürfnis, die Dinge als das zu sehen, als was sie sind – und so sind die Motive der Gemälde oft so bodenständig wie banal, wie z.B, der Putzeimer oder die Kakteen auf dem Fensterbrett. Es scheint so, als müsse man sich dieser realen Gegenstände einmal mehr versichern, was ein Merkmal der „Neuen Sachlichkeit“ ist, einer Kunstströmung, aus der hier einige Gemälde zu sehen sind. Auch in der Fotografie ist der Blick auf den Menschen, wie er ist, ein wichtigiges Thema der 20er Jahre; einige Fotos von August Sander aus seiner Reihe „Menschen des 20. Jahrunderts“ sind ebenfalls in der Ausstellung zu finden.

Diese Ausstellung lohnt sich zu besuchen, viel Zeit ist nicht mehr, sie endet nämlich morgen, am 19. Mai.

Also ich werde noch ein Fan von Richard Wagners Opern, wenn ich es nicht schon längst bin… Dieses gewaltige Musikwerk habe ich mir passend am Karfreitag gegönnt, und es wurde ein feierlicher, ein ganz besonderer Abend…

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Szenenbild aus „Parsifal“ in der Inszenierung von Achim Freyer, Foto auf der Website der Hamburgischen Staatsoper, Bildquelle siehe dort

Ich mochte ja schon sehr Achim Freyers Inszenierung der Zauberflöte, die lange, lange Zeit auf dem Spielplan der Hamburger Oper zu finden war (und jetzt ja durch wie ich finde eine  Inszenierung von Jette Steckel – die mir ganz und gar nicht gefallen hat – abgelöst wurde), und auch diese Bühnenbild- und Regiearbeit hat mich restlos überzeugt: Das Bühnenbild bestand aus einer malerisch angelegten Spirale, in der sich die Protagonisten bewegten, wie in einem großzügig angelegten Treppenhaus. Eine Menge von Zahlen und Zeichen waren dazu angebracht, manche leichter zu entschlüsseln wie beispielsweise die Kreidezeichnung eines Osterhasen, an die Wand gemalt, manche weniger leicht wie Zahlen, wieder andere waren vielleicht nicht einfach, vielleicht auch gar nicht zu verstehen.

Die Protagonisten agierten beinahe statisch, was sehr gut zu der Musik passte, die ich sehr tragend, sehr feierlich empfand, und die auch absolut nicht dazu einlud, sie mit einer schnellen Bewegung zu kombinieren. Alle Symbole, alle Figuren schienen aus dem Reich der Zeichen zu kommen, so zum Beispiel der ewig leidende Gralsritter Amfortas, der hier ähnlich wie Christus am Kreuz Qualen leiden muss durch die Wunde, die ihm durch seine eigene heilige Lanze zugefügt wurde, nachdem er auf Abwege geraten war, und die sich nicht schließt. Vielmehr bricht sie immer dann auf, wenn der heilige Gral hervorgeholt wird, um das Abendmahl abzuhalten. Oder Kundry, die Frau, die nicht sterben kann, seit sie Jesus beim Kreuzgang verspottet hatte und mittlerweile zu einem verrohten, männerverführenden Ungeheuer verkommen ist und einfach allzu garstig aussieht. Erlösen kann sie nur ein tugendhafter, unschuldiger Mann, ein „reiner Tor“, genauso wie auch Amfortas nur durch ebensolchen von seinem Leiden erlöst werden kann, der dazu seine Wunde mit der heiligen Lanze streifen muss. Parsifal, ein Junge, der versehentlich einen der heiligen Schwäne erjagt, so unwissend und naiv ist er, könnte vielleicht der Retter sein…

Das Bühnenbild passte ganz genau zu dieser tragenden Musik, den langen statischen Passagen, die von den Sängern hervorragend bewältigt wurden, und war dabei doch alles andere als statisch. Durch raffinierte Projektionen wirkte die Bühne teilweise wie eine komplette Spirale, das Licht wurde geschickt und effektvoll eingesetzt, um die feierliche Stimmung, beispielsweise beim Abendmahl zu unterstreichen, und langsam, aber stetig entwickelten sich Handlung und Musik in einem tragenden Tempo – sehr eindrucksvoll. Der Opernbesuch liegt ja nun schon eine Weile zurück, aber noch immer ziehen Bilder daraus an meinem geistigen Auge vorbei.

Es ist eine tolle Inszenierung, die mich sehr berührt hat, ein wirklich besonderer Abend, und auch wenn er nicht zu verwechseln ist mit einer Andacht, so war es doch ein Innehalten am Karfreitag, das einmal mehr die Bedeutung dieses Tages vor Augen geführt hat.

Ich behaupte ja, dass ich mich nicht vor die Glotze knalle und meinen Verstand beiseite lege. Faktisch haben wir ja auch keinen Fernsehempfang, irgendwie weiß ich gar nicht genau, wie ich das anschließen müsste. Mir fehlt aber deshalb noch lange nichts, denn die Mediathek hält die Sendungen ja noch eine Weile bereit, und ehrlich gesagt nutze ich die ja auch nur „in Notfällen“. Nein, ich finde es nach wie vor gut, eine Blu-ray oder eine DVD in einen entsprechenden Player zu schieben, gucken, was geguckt werden will, und dann aus die Maus. Mein Sohn kennt es sowieso nicht anders.  Es ist aber trotzdem beinahe ein beinahe allabendliches Ritual, etwas zu gucken.

Wir hatten gerade angefangen, nochmal die Star Trek-Filme anzuschauen, wobei wir uns hier nur auf die guten konzentriert haben, sprich überwiegend die „geraden Zahlen“: Star Trek II („Der Zorn des Khan“), III („Auf der Suche nach Mr Spock“), IV („Zurück in die Gegenwart“ – für mich immer noch einer der besten Filme) und VI („Das unentdeckte Land“).  Und dann kam noch Star Trek XI, Captain Kirk, Mr Spock und Co in der neuen Besetzung, die wirklich etwas taugt, wie ich finde. Es lebe Science Fiction! Hier ist wirklich alles möglich!

Bevor ich jetzt aber in unhaltbares Retro-Schwärmen verfalle, muss ich mal ganz gehörig nachdenklich werden. Aufmerksame Follower meines Blogs (und, danke, dass Ihr bis hier durchgehalten habt, diesen Artikel zu lesen, ich liebe Euch und werfe Euch tausend Kusshände zu) werden ja wissen, dass ich keine Freundin von Krimis bin. Dieses Genre fasse ich nach wie vor nach Möglichkeit nicht an, oder wenn, mit Glaceehandschuhen. Ich weiß, ich weiß, ich verpasse dadurch sicherlich auch literarisch einiges, aber damit muss ich eben leben. Ich mag den Umgang mit dem Tod nicht. Zu viele Leichen pflastern gedanklich meinen Weg, würde ich Krimis lesen oder anschauen, und das gefällt mir nicht. Ein Mord, kaltblütigste aller Taten, und die Welt fällt nicht auseinander? Das gibt es für mich nicht.

Bild gefunden auf miss.at

Nur wenn ich schon eine derart strenge Einstellung zu Krimis habe, wieso in aller Welt schaue ich mir eins ums andere Mal die Folgen von Game Of Thrones an? Hier wird ja nun gemeuchelt, gelogen, gehurt, hintergangen und was noch alles am laufenden Band. Wieso kann ich das aber akzeptieren, irgendwie? Ehrlich gesagt stehe ich vor einem Rätsel. Es ist mit Abstand das Brutalste und Herzloseste, was ich je gesehen habe, und doch fesselt mich diese Serie, und ich will immer wissen, wie es weitergeht, selbst wenn die Brutalität auf die perfideste und überraschendste Weise in mein Fernsehzimmer hereinbricht. Es sieht mir echt nicht ähnlich, dass ich ausgerechnet diese Serie gucke, aber ich tue es. Die Gründe sind mit Sicherheit nicht darin zu suchen, dass es mich antörnt, wenn die Leute reihenweise sterben müssen. Aber ich kann nicht anders als zu sagen, dass diese Serie verdammich gut gemacht ist. Ich finde ja, sie bedient sich der cineastischen Dimension. Jedes Bild ist trotz der Brutalität genauestens in Szene gesetzt und dazu hochästhetisch (sogar die Leute nach einem Kampf sehen noch einigermaßen brauchbar aus :-)). Der Wechsel der verschiedenen Regionen in den sieben Königslanden und dem Exil ist reizvoll, auch die verschiedenen kulturellen Aspekte sind interessant. Fantasy hat mich persönlich ja noch nie gestört, und hier zeigt sich einmal mehr, was für Höhenflüge dabei genommen werden können, und das fasziniert mich sehr. Hinzu kommt, dass die Charaktere stark und facettenreich sind, interessant, und die Handlungsweisen der ProtagonistInnen sind überwiegend überraschend und wenig vorhersehbar (jedenfalls für mich, die ich keiner Fliege was zuleide tun kann). Das bringt die überraschendsten Wendungen mit sich, die mich unweigerlich in Bann ziehen.

Also gucke ich weiter. Die ersten vier Staffeln haben wir schon in einem ziemlich kurzen Zeitraum geguckt, was gut ist, da die Handlungen derart komplex sind und es wirklich viele Protagonisten verschiedenster Lager gibt, sodass wir dadurch den Faden nicht so schnell verlieren. Noch vier Staffeln. Puh. Wollen wir mal hoffen, dass ich nicht vollkommen verroht auf diese Welt zurückkehre, nachdem ich alles gesehen habe. Aber in Anbetracht der relativen Friedfertigkeit der Menschen um mich herum, von denen sicher auch einige dieser Serie verfallen sind, wie ich annehme, wird’s wohl irgendwie gehen.

 

Vor einiger Zeit hatte ich ja in einem phantastischen Konzert ein Stück von George Benjamin gehört, das mich genauso fasziniert hat wie die Information, dass George Benjamins Stücke die Meistgespielten zeitgenössischer Musik seien. Ich lasse das mal so stehen. Ich kannte ihn jedenfalls vorher überhaupt nicht, und als diese „Wanderaufführung“ in Hamburg weilte, habe ich die Gelegenheit am Schopfe gepackt und bin hingegangen – und habe es nicht bereut!

Foto und Bildrechte: siehe Staatsoper-Hamburg.de

Die Geschichte beruht auf die historische  Person Edward II, bzw. vielmehr ist es angeregt durch ein Stück von Christofer Marlowe und durch ein weiteres von Shakespeare. Keine Ahnung, wieviel dann noch von der historischen Person übrigbleibt, aber das ist auch nicht so wichtig.
König Edward ist ganz verliebt in seinen Gespielen Gaveston, mit dem er nicht nur das Bett, sondern auch Kunstgenuss teilt. Währenddessen mosert im Hintergrund der Ratgeber Mortimer, dass es dem Volk nicht gut ginge, es würde hungern. Gleichzeitig versucht Mortimer, Edwards Frau Isabelle auf seine Seite zu ziehen – und in sein Bett. Der ist aber das Volk schnuppe, der Gatte vielleicht auch, von dessen Liebhaber ganz zu schweigen.
Mortimer versucht, den Thronfolger, also Edwards und Isabells Sohn, auf die Aufgabe des Regierens vorzubereiten, indem er von ihm fordert, ein Verhör mit einem deutlich verwirrten, irre gewordenen Mann zu führen; nach dem Verhör lässt er den Mann töten, im Namen des Jungen. Als nächstes nimmt Mortimer sich Gaveston vor und schafft ihn aus dem Weg, und schließlich stirbt auch der König. Nun hat Mortimer freie Bahn für die Liebschaft mit Isabell und kann den jungen Thronfolger vielleicht nach seinen Vorstellungen lenken. Aber dann kommt es doch alles ganz anders…

Die Inszenierung bediente sich eines bemerkenswerten Tricks: Die beiden Kinder des Königspaars – die jüngere Tochter hat eine stumme Rolle – sind in jeder Szene anwesend und schauen den Intrigen und Grausamkeiten, die in den Handlungen jedes einzelnen Erwachsenen steckt, zu – und ziehen ihre Lehren daraus, was am Ende des Stückes zu einer eindringlichen Wendung, die doch keine ist, führt. Das Stück, so kurz es ist (knappe eineinhalb  Stunden), zeichnet ein von Egoismus und Kaltblütigkeit geprägtes Sittengemälde, das komplett aktuell ist, oder vielleicht gar zeitlos. Die Menschen (in der Führungsspitze) sind allesamt verdorben und auf ihren eigenen Vorteil bedacht, Liebe – selbst die zwischen den beiden Männern – existiert in dieser Welt nicht, bzw. nur in Zusammenhang mit einem gewissen Zweck. Das war durchaus erschütternd und auf den Punkt gebracht. Dazu die Musik, die ich als emotional empfand und vielleicht auch die Gefühlswelt der beiden Kinder wiederspiegelt, die ja jede Szene mit anschauen. Die Inszenierung war hervorragend, Bühnenbild ebenfalls, das eigentlich nur aus einem Bühnenraum besteht, der für die verschiedenen Szenen gedreht und mehr oder weniger stark verändert wird.

Ich finde es zwar irgendwie komisch, dass diese Inszenierung ihren Ausgangspunkt im Royal Opera House hat und nun durch einige Städte in Europa tingelt – mich erinnert das ein ganz klein wenig an das Musical-Konzept, das  keine eigene Inszenierung zulässt – aber da vermutlich deutlich weniger Interessenten für diese neue Oper zu finden sind, ist dies zumindest eine Idee, um Kosten zu sparen und die Oper an verschiedenen Orten trotzdem zeigen zu können. Und da es eine sehr gute, packende Inszenierung ist, geht das von mir aus klar. Für Interessierte: Die Oper (in dieser Inszenierung mit minimal anderer Besetzung) findet sich derzeit in der Arte-Mediathek (noch bis 21.6.).