Archiv für die Kategorie ‘Kultur’

Erst im Januar diesen Jahres habe ich „Blade Runner“, den fantastischen Film von Ridley Scott von 1982 gesehen, wie ich dachte und immer noch denke, eine Voraussetzung für diese Fortsetzung, auch wenn es vielleicht nicht wirklich eine Fortsetzung ist. Oder doch. Aber keine Voraussetzung, um diesen Film zu verstehen. Oder doch. Mindestens hilft es, sich in diesem Film zurechtzufinden…
Das war nämlich in der Tat nicht ganz einfach.

Am Fuße des toten Baumes verbirgt sich ein Geheimnis… Szenenbild mit Ryan Gosling aus „Balde Runner 2049“; Bildquelle: Filmstarts.de

30 Jahre sind vergangen, Replikanten sind nun überall unterwegs, wenn auch weiterentwickelt und „gut“ – bis auf einige Exemplare aus einer alten Serie, die es zu beseitigen gilt (da diese Replikanten fehlerhaft waren), was wiederum Replikanten übernehmen. Noch immer stellt sich die Frage, wer ist ein echter Mensch, wer nicht? Kann man seinen eigenen Erinnerungen aus der Kindheit trauen, oder sind sie einem nur eingepflanzt worden? Was macht einen Menschen aus, was einen Replikanten – und was machen die Unterschiede aus? Ein gravierender Unterschied ist, dass sich Replikanten nicht fortpflanzen können, heißt es. Doch in einem Fall ist genau dies geschehen, nämlich vor 30 Jahren. Damals gelang eine Verbindung zwischen dem damaligen Replikanten-Jäger Rick Deckard (der nun hier wieder auftauchte und erneut von dem sogar um 35 Jahre gealterten Harrison Ford gespielt wurde) und einer Replikantin, in die er sich einst verliebte und die, wie wir nun in diesem Film erfahren, ein Kind bekam. Doch wer ist dieses Kind? Nicht nur der Balde Runner K (gespielt von Ryan Gosling) wähnt sich, es zu sein, würde es doch einige Erinnerungen aus seiner Kindheit erklären…

Der Film knüpft durchaus an die dystopische Szenerie der ge-, wenn nicht  zerstörten Welt von 2019 (also an den Film von 1982) an und bietet ein breites Spielfeld von phantastisch phantasievollen Bildern. Doch verlief die Handlung für meine Begriffe etwas wirr, so dass es nicht ganz einfach war, ihr zu folgen.  Dennoch verliefen letztendlich die dramaturgischen Wendungen immer sauber. Ein sehenswerter Film ist das, und ganz sicherlich einer, bei dem man beim 2. oder 3. mal Schauen noch neue Aspekte entdecken kann.

 

Advertisements

Dieser englische Maler aus dem 18. Jahrhundert war mir kaum bekannt. Da wurde es doch nun mal Zeit hinzugucken. Und das hat sich sehr gelohnt!

gainsborough_mr-and_mrs-andrew

Ausschnitt aus dem Gemälde „Mr und Mrs. Andrews“, 1750; Quelle: Hamburger Kunsthalle

Thomas Gainsboroughs lebte überwiegend von Auftragswerken, Darstellungen Adliger, die er lieber vor einen ländlichen Hintergrund setzte, als in statische Umgebung. Davon also lebte er. Seine Landschaftsbilder, in früheren Jahren zunächst Kopien oder Anlehnungen an die Holländischen Landschaftsmalereien des 17. Jahrhunderts, jedoch in späteren Jahren eigene Motive, sind denn vielmehr das, wofür sein Herz schlug. Einige davon konnten wir in dieser Ausstellung sehen, und die Geschichten, die in den Bildern erzählt wurden, waren tatsächlich sehr eigen, zum Teil erzählten sie von den Veränderungen der politischen Gegebenheiten, die gerade für die Landbevölkerung fatal waren.

Beispielsweise war ein Gemälde ausgestellt, in der eine Familie an einem Weiher steht, im Schatten neben ihnen grasende und ruhende Kühe, im Hintergrund die Hütte, und irgendwo im Schatten ein Mann, der Holz sammelt. Auf den ersten Blick ist es ein ruhiges Idyll. Doch der Schein trügt: Das Haus im Hintergrund ist sehr klein, wenn man die Menge der Menschen betrachtet, die dort alle am Weiher stehen – sollen sie dort alle wohnen? Der Mann, der das Holz sammelt, begeht gerade damit eine Straftat, denn dies wurde nach einer Umverteilung verboten:  Man sollte, nein, musste das Holz kaufen! Die Kühe, die dort idyllisch grasen,  sind ebenfalls fehl am Platze, denn auch dies war nicht gewünscht. Und so verwandelt sich das Idyll in die politische Darstellung von ärmlichen, rechtlosen Bauern, die als Leibeigene den adligen Grundbesitzern ein gutes Stück weit ausgeliefert waren.

Abgesehen von solchen – meisterhaften – Darstellungen war Thomas Gainsborough sehr experimentierfreudig und versuchte durch verschiedene Techniken neue Effekte zu erzielen. Bis heute zählt er zu den wichtigsten Künstlern des 18. Jahrhunderts in England. Schön, dass die Kunsthalle einige tolle Bilder hergeholt und uns gezeigt hat!

Es liegt ja nun schon gut 20 Jahre zurück, dass ich mir den „Ring des Nibelungen“ angeschaut habe, da dachte ich, dass ich mir dies einmal wieder gönnen könnte (nachdem diese Inszenierung ja auch schon 10 Jahre auf dem Buckel hat). Und: das war gar nicht mal so eine schlechte Idee…

Bild gefunden auf der Seite der Hamburgischen Staatsoper, Copyright s. dort

Ein großes Haus dient hier als Spielplatz: Während die drei Rheintöchter mehr schlecht als recht über den Schatz, das Rheingold, wachen – was sich schon daran zeigt, dass sie sich in einem riesigen Bett tummeln – holt sich Alberich nach erfolgreichem Raub das Rheingold in den Heizungskeller, wo er das Gold zu einem Ring zusammenschmiedet: Dadurch sind , wie die Sage vom Rheingold erzählt, die Voraussetzungen erfüllt, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Seinen Bruder Mime weist er an, einen Tarnhelm herzustellen, mit dessen Magie es ihm gelingen könnte, die Macht zu erlangen und zu halten.  Dies alles geschieht in den Tiefen dieses Hauses, während sich die Götter auf dem Dachboden neben ihrem Modellbauwerk beraten, wie sie den Riesen Fasolt und Fafner (die sahen aus wie zwei Hamburger Kiezgrößen – köstlich! – und treffend) die Göttin Freia wieder abluchsen können – war es doch von Wotan, dem Chefgott, etwas vorschnell gewesen, gerade sie den Erbauern als Lohn für den Bau Walhalls zu versprechen, denn Freia wird dringend gebraucht. Nur sie ist nämlich in der Lage, den Göttern die Äpfel zu ernten, die sie brauchen, um weiterhin alles unter Kontrolle zu behalten… Loge, ein Halbgott und Lebemann, pfiffig, weltgewandt und aalglatt, schmiedet einen Plan: Wenn man Alberich das Rheingold abnimmt, wäre dieser gar nicht mal so schnöde Mammon sicher etwas, mit dem man Freia angemessen frei kaufen könnte…

Das Bühnenbild passte perfekt, es erinnert an ein großes Spielhaus, in dem so ein Kinderkram bestens aufgehoben ist, denn eigentlich ist es nichts anderes, was da abgeht. Die Rheintöchter sind zu verspielt und die Götter unterm Dach juchhe zu verkopft, um den Ernst der Lage zu begreifen, während die arbeitende Bevölkerung – nämlich die Zwerge im Heizungskeller und die Riesen auf der Baustelle – von der „High Society“ nach Strich und Faden verarscht werden. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Am Ende, egal ob man es gut oder schlecht nennen will, da dies variiert, je nachdem welcher Partei man angehört, stehen die Götter am riesengroßen Fenster, genießen Sekt und Aussicht, während die Rheintöchter den Raub des Schatzes in der Ferne beklagen. Unter dem Fenster befindet sich nach bester Wohnzimmermanier ein laaaanger Heizkörper, Symbol nicht nur einer gutbürgerlichen, gemütlichen Wohnsituation, sondern dazu Zeichen der Präsenz der Außenstehenden, der geächteten Zwerge, die die Hoheit in den Tiefen besitzen… – wenn auch nicht mehr die Weltherrschaft. Wer hat die überhaupt? Fasolt hat seinen Bruder Fafner ja bereits erschlagen, was dem Fluch geschuldet ist, der auf dem Ring liegt…

Die Stimmen waren alle brillant, alle auf hohem Niveau, deshalb fällt es mir schwer, hier jemand besonders Herausragenden zu nennen. Ganz sicher hilft es auch den SängerInnen bei der Ausgestaltung der Rollen, wenn die Inszenierung derart in sich stimmig ist – und das war hier der Fall.

Es war ein kurzweiliger, ein inspirierender Opernabend, der ganz sicher neugierig auf mehr gemacht hat – nicht zuletzt auf den zweiten Teil des „Ring“. Der läuft aber erst wieder im November, wenn die Tage empfindlich kurz und die Temperaturen auch nicht mehr das Gelbe vom Ei sind. Könnte ein Trost werden, dort hinzugehen. Mal sehen. Vermutlich tue ich das auch.

Dies ist mal wieder von hinten bis vorne, von oben bis unten, ein echter Wes-Anderson-Film – und damit witzig, ironisch und grandios verspielt!

Szenenbld aus „Isle of Dogs – Ataris Reise“; Bildquelle: Filmstarts.de

Gedreht wurde er wieder einmal in der Slow-Motion-Technik, in dieser Technik hatte Wes Anderson schon Erfahrungen, denn sein Film Der phantastische Mr. Fox wurde ebenfalls so hergestellt.

Diesmal geht es um einen kleinen Jungen, der seinen Hund sucht. Dies muss er auf der Insel Trash Island tun, auf die nicht nur aller Müll, sondern auch alle Hunde aus Japan verbannt wurden. Ausgerechnet sein Ziehvater, das Staatsoberhaupt, besitzt eine  ausgeprägte Aversion gegenüber Hunden. Merkwürdig, dass er doch dessen Ziehsohn einen Hund (ausgestattet mit einem speziellen Sender, mit dessen Hilfe die Verständigung zwischen Kind und Hund möglich wird) anschafft…

Atari begibt sich also auf die Insel und lernt andere Hunde kennen, vom Schoßhündchen bis zum Straßenköter, und alle helfen ihm bei seiner Suche.

Also schon ziemlich abgefahren, diese Geschichte, die in einer fernen  Zukunft in einem fernen Japan spielt. Doch bietet sie Grundlage für überbordende Phantasie und viele verrückte Einfälle, die, lässt man sich auf die Geschichte ein, viel Spaß machen. Hinzu werden Japan-Klischees hoch und runter zitiert, die in ihrer Dichte riesig Laune machen. Immer wieder werden auch Passagen auf Japanisch gesprochen, die dann untertitelt wurden, wenn überhaupt. Aber das hatte auch den Effekt, dass man immer wieder daran erinnert wird, wie schwer sich die Verständigung zwischen Mensch und Tier gestaltet  (ich kann ja auch nicht genau verstehen, was meine Katze meint, wenn sie mir miauend um die Beine streift, genauso wie sie dieselben Probleme plagt, wenn ich sie etwas frage). Das machte den Film einmal mehr exotisch…

Bestimmte Stilmittel, aber auch Themen kennen wir schon aus anderen Wes Anderson-Filmen, beispielsweise, wenn die Akteure frontal in die Kamera schauen und über das Geschehen reflektieren. Ein kleiner Junge war auch die Hauptfigur in Moonrise Kingdom, der b.a.w. mein Lieblingsfilm von Wes Anderson bleibt.

Wir haben uns köstlich amüsiert – es ist intelligentes, ironisches Kino. Wes Anderson – der auch das Drehbuch selber schrieb – versteht es meisterhaft, aus den verrücktesten Stoffen gute Unterhaltung zu zimmern.

 

torederweltWenn man mal etwas Weltflucht begehen muss, sich aus dem Alltag herausziehen oder abschalten will, um mal auf ganz andere Gedanken zu kommen, ist man mit dieser Lektüre ganz gut dran, würde ich sagen. Ich war es jedenfalls.

Die Nachfahren von „Die Säulen der Erde“ sind nun, im 14. Jahrhundert, also 200 Jahre nach den damaligen Geschehnissen am Rödeln, um die Geschicke der Stadt Kingsbridge zum Besten zu wenden. Aber natürlich erlangen sie zunächst nicht die einflussreichen Positionen, denn diese wurden besetzt von eigennützigen, machthungrigen Männern, die auf traditionelle, konservative Wertvorstellungen aufbauen. Für sie sollte alles so bleiben, wie es war. Doch die Pest und politische Unruhen stellen die Menschen vor neue Aufgaben, die mit den alten Mustern nicht lösbar sind.

Zum Teil hat mir diese schwere Literatur – das Buch hat beinahe das Gewicht eines  Ziegelsteins! – sehr gut gefallen, beispielsweise, wie der Mönch Godwyn durch clevere mehr oder weniger diplomatische Tricks geschickt seine Konkurrenten bei der Bewerbung um das Amt des Priors ausschaltet. Auch interessant war, wie  kräuterkundige Frauen schnell in den Verdacht geraten konnten, eine Hexe zu sein.

Es gab also durchaus einen ganz guten Einblick in die Sorgen und Nöte innerhalb der verschiedenen Stände: Bauern, die durch die Bindung an den Adel nicht nur nicht frei agieren können, sondern auch den Launen ihrer Vorgesetzten völlig wehrlos ausgeliefert sind, die Edelleute, die wiederum die politischen Querelen ihrer Könige ausbaden müssen und auf Gedeih und Verderb in den Krieg zu ziehen haben, wenn es der Obrigkeit so passt, die freien Bürger, die durch die Kirche geknechtet werden, wenn sie hohe Abgaben zu zahlen haben, und auch die Kirchenleute selbst, die sich im Kampf um Macht und Einfluss voll in alles einmischen.

Das fand ich so weit ganz interessant. Ansonsten gab es ein sehr ähnliches Schema wie in den „Säulen“: Es spielen mit: Ein ehrgeiziger Baumeister, eine intelligente Frau, die zu Einfluss kommt (halte ich für gar nicht realistisch, fand ich schon in den Säulen der Erde befremdlich), ein intriganter Geistlicher, ein böser Edelmann mit treuem Diener und noch so einigen anderen Figuren mehr. Irgendwie das selbe Strickmuster, „nur in grün“ (oder besser: in scharlachrot, dem neuen Farbton, der in diesem Buch in dem fiktiven Kingsbridge kreiert wurde und als Stoffarbe Furore macht). Und da gab es denn auch viele Handlungen, die ich als unrealistisch empfand, zumal sich das Blatt am Ende in jeder Hinsicht in ein happy end verkehrte. Das hat dem Buch dann doch eine arg triviale Note gegeben. Dennoch: Der Roman verhalf für einige Momente zur Weltflucht, und da ich das gerade brauchte, passte es ja. Aber ein weiteres Buch von Ken Follett – und ich habe hier noch mindestens eines zu stehen – könnte ich jetzt gerade nicht ertragen, ehrlich gesagt.

Bild gefunden auf der Website der Hamburgischen Stattsoper, Copyright s. dort

„Die Zauberflöte“ zählt zu einer meiner Lieblingsopern, und deshalb habe ich mich besonders auf diesen Abend gefreut. Ich wollte die Inszenierung ganz bestimmt richtig gut finden, doch leiderleider muss ich gestehen, dass sich meine Begeisterung mit dieser Inszenierung gar nicht verstanden haben…

Zu Beginn musste erstmal Rettungspersonal kommen, um jemanden aus dem Publikum zu holen, der einen Schwächeanfall erlitt, und das vorm ersten Ton. Ich litt mit dem armen alten Mann, ich meine, wie doof ist das denn, vom Abend nichts zu haben außer der Mühen der Anreise. Doch als das Rettungspersonal dann in Richtung Bühne verschwand, war es ja klar: Die Tränchen in meinen Augen waren verfrüht vergossen. Nagut. Ein uralter Mann in roter Kleidung wird abtransportiert, und dann endlich erklingen die ersten Töne, und ein Baby in roter Montur liegt auf der Bühne und wird von drei Nonnen vor einem unsichtbaren Tier in Sicherheit gebracht.

Und dann geht alles ganz schnell, mindestens jedoch das Altern von Tamino, der war nämlich das Baby, genauso, wie er der uralte Mann gewesen sein soll. Als Kinder spielen schon Papageno und er zusammen, und als Tamino das Bildnis der schönen Pamina erblickt, ist er in bestem Teenager-Alter. So weit, so rätselhaft. Was wurde denn hier bemüht? Ein Regieeinfall, wie er im Buche stehen kann und besser auch nur sollte. Ich habe das nicht verstanden. Warum ist Tamino schon weit über 50, wenn er endlich den Prüfungen unterzogen wird, wieso ist das Liebespaar kurz vorm Rentenalter, als es sich endlich „kriegt“, und warum, ja warum??? Wird Papageno plötzlich wieder jünger, wenn er und Papagena von der Zeugung ihrer zukünftigen Kinder singen?

Mir scheint, hier musste ein Konzept her, um zu überdecken, dass der Regisseurin und ihren Dramaturgen nichts dazu eingefallen ist. Ich fand diese Einfälle denn tatsächlich weniger phantasievoll als vielmehr kopfig, belanglos und ins Leere führend. Es hat mich weder amüsiert noch inspiriert.

Verschenkt waren denn auch die schönsten Momente  wie zum Beispiel, wenn Tamino das Bildnis von Pamina zum ersten Mal erblickt. Man weiß gar nicht, warum er überhaupt anfängt zu singen, da singt er schon von einem Bildnis, das bezaubernd schön sein soll. Ich sehe auf der Bühne weder einen Tamino, der etwas Zauberhaftes entdeckt hat noch das Zauberhafte selber. Erst nach einem Drittel der Arie setzen sich die schwirrenden LED-Lichtpunkte zu den Schemen einer Jungmädchensilhouette zusammen, die irgendwie ganz nett aussieht. Verschenkt, sowohl musikalisch als auch szenisch war das.

Genauso später der böse Bedienstete der Mohr Monostratos: Zu ihm fiel den MacherInnen wohl auch nichts ein, weswegen man ihn in Mickymauskleidung steckte und in die Nebensächlichkeit verbannte. Dass wiederum sowohl die Königin der Nacht als auch Sarastro aus dem Orchestergraben sangen und ihr Gesicht als Lichtpunkte über den Vorhang gezeigt wurde, hat mich nicht gestört, wenn auch leider nicht tangiert.

Die Sänger trifft jedoch keine Schuld, die haben ihre Sache gut gemacht, wenn auch nicht überragend. Weder die komplizierten Arien der Königin der Nacht (Jessica Pratt)  gingen an die Nieren, noch Sarastros Bass (Wilhelm Schwinghammer) ans Herz. Tamino (Daviet Nurgeldieyev) hat wirklich toll gesungen, aber rührte mich nicht an, einzig Papagenos Faxen (Zak Karithi) machten mir Spaß.

Schade. Wie gesagt, ich wollte diese Aufführung wirklich, wirklich unbedingt gut finden. Aber das wollte mir bei dieser Inszenierung  leider nicht gelingen, auch wenn ich die alte Inszenierung von Achim Freyer, die über einen riesenlangen Zeitraum in Hamburg gezeigt wurde und die witzig, einfallsreich und märchenhaft daherkam, nicht als Maßstab angelegt habe.

Drei Künstler aus unterschiedlichen Zeiten, aus verschiedenen Regionen der Welt, die unterschiedlich gearbeitet und dazu unterschiedliche Materialien und Medien genutzt haben, deren Werke in dieser Ausstellung  alle in Schwarzweiß gefertigt wurden, wurden hier konzeptionell  verbunden.

Während Francisco Goyas ausgestelltes Druckwerk – es handelt sich um die Radierungen aus den „Caprichos“ und den „Schrecken des Krieges“  ein für ihn zeitgemäßes Medium nutzt, um seine Grafiken zu vervielfachen, und Sergej Eisenstein mit dem Medium Film ebenfalls seine Kunst einer breiten Masse vorstellen konnte, setzt Robert Longo auf riesige Bilder, die in aufwändiger Technik hergestellt wurden, deren Motive jedoch teilweise aus anderen Medien wie Fernsehen oder Fotos stammen – Unikate also, die sich der massenhaften Vervielfältigung stringent verweigern. Und das, obwohl die Motive bereits verbreitet sind, jedenfalls teilweise.

Die Arbeiten von Robert Longo dominierten ganz klar diese Ausstellung, sowohl durch ihre Größe als auch durch die aufwändige Herstellung: Es sind riesige Bilder, die in Kohle gemalt wurden. Hierbei wurde die Kohle mit dem Pinsel aufgetragen.  Das erkennt man jedoch nicht, so genau und filigran wurde gearbeitet, dass sich der Eindruck einstellt, man stünde vor riesigen Fotos.

Die Motive sind dabei scheinbar willkürlich gewählt: Transformer, Teletubbies, Flüchtlingsboot oder andere hochpolitische Motive wurden in akribischer Feinarbeit großformatig hergestellt. Einige der Bilder bereiteten mir echtes Zähneklappern, wie beispielsweise ein ca. 2×1,5 m großes Bild von einem Einschlussloch einer Fensterscheibe der Redaktion Charlie Hebdo:

longo1.jpg

Robert Longo, 2015

Ein anderes Werk ist mehrdimensional zu sehen, indem zwei Bilder sich gegenüber stehen: Zum einen die Darstellung von farbigen Footballspielern, die aus Protest gegen die Ungleichbehandlung von farbigen Personen durch die Polizei mit erhobenen Händen das Stadion betreten, zum anderen – genau gegenüber aufgehängt, das Bild einer Gruppe von Polizisten mit aufgestellten Schilden.

longo2

longo3

Robert Longo, 2016

Insofern sind Robert Longos Bilder zumeist politische Statements, auch wenn uns überdimensionale Teletubbies entgegenlachen, in die Darstellung miteinbezogen die pixelige TV-Qualiät.

Inspiriert haben ihn zudem Röntgenbilder berühmter Gemälde wie beispielsweise eines von Rembrandts „Bathseba im Bade“:  Es wurde deutlich, dass Rembrandt das Gemälde zunächst komplett anders anlegte: Fast keck schaute Bathseba aus dem Bild, doch übermalte Rembrandt diese Fassung, und nun hat Bathseba eine beinahe demütige, melancholische Haltung. Die Röntgenbilder holen die Geschichte der Fassung wieder her, machen sie gleichwertig, und dadurch, dass Longo beide Fassungen gemalt hat, erzählt er auch von Entscheidungsprozessen und Konflikten Rembrandts bei der Wahl von Aussage und letztendlich auch der Wirkung. Das fand ich sehr interessant.

longo4.jpg

Robert Longo: als Vorlage diente die Röntgenaufnahme von Rembrandts Gemälde „Bathseba im Bade“, 2015-2016

goya-schlaf.jpg

Francisco Goya: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, 1799

Goyas phantastische Druckwerke gingen neben diesen raumeinnehmenden Bildern von Robert Longo dagegen beinahe unter – etwas, was sie sicher nicht verdient haben.  Mit den Caprichos – hier setzte er z.B. Sprichworte bildlich um, oder er zeigte freche, auch anstößige Motive – riskierte Goya einiges: Entstanden sie doch zu Beginn der Inquisition. Erst nach Goyas Lebzeit wurde die Bilderreihe „Schrecken des Krieges“  veröffentlich, möglicherweise, weil die politischen Umstände es vorher nicht hergaben? Jedenfalls wird Goyas kritische Haltung zu Krieg überdeutlich und ist daher ebenso politisch wie die Caprichos, in denen die Karikaturen eine freie Meinungsäußerung voraussetzen.

Auf einer riesigen Längsseite wurden Filme von Sergej Eisenstein gezeigt, und zwar in sehr, sehr langsamen Tempo, so dass man genau studieren kann, wie durchkomponiert die einzelnen Szenenbilder sind. Dazu wurden Skizzen von Eisenstein gezeigt, aus denen ebenfalls zu schließen ist, dass Eisenstein in seinen Filmen nichts dem Zufall überließ.

Mit Sergej Eisenstein werde ich mich noch an anderer Stelle befassen: Ich habe seine Filme „Ivan der Schreckliche“ (Teil 1+2) hier schon liegen.

Die Ausstellung geht nur noch bis zum 27. Mai 18 – es ist also noch etwas Zeit, sie zu besuchen, ich fand, es hat sich sehr gelohnt.