Dieser Film lehnt sich an biografische Begebenheiten des Malers Gerhard Richter an – Grund genug, mein Interesse zu wecken. Herausgekommen ist ein Epos über ungefähr drei Jahrzehnte und dazu über drei verschiedene Epochen Deutschlands – und es wird dazu über künstlerisches Schaffen reflektiert. Mit anderen Worten: Der Film erzählt viel, und das überwiegend gekonnt, spannend und interessant.

Filmszene aus „Werk ohne Autor“ mit Tom Schilling, der sehr einfühlsam den Hauptprotagonisten verkörpert. Bildquelle: Filmstarts.de

Der Film zeigt die politischen Raffinessen, aber auch Kunstansätze, mit denen sich Kurt Barnert (der einige Parallelen zu Gerhard Richters Biografie aufweist) im Laufe seines Lebens konfrontiert sieht. So beginnt die Geschichte mit dem Besuch der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in Dresden, und der Guide, der durch die Ausstellung führt (prägnant und überzeugend: Lars Eidinger), erklärt, warum diese Kunst als entartet anzusehen ist. Als Kurt dann nach dem Krieg die Dresdener Kunsthochschule besuchen kann, herrscht dort eine andere Meinung über das, was als Kunst zu bezeichnen ist, vor: Das Kollektive soll betont werden, die Solidarität mit der Arbeiterklasse, keinesfalls wäre das „Ich Ich Ich“ wichtig oder gewünscht. Kurt Barnert passt sich dem an und beginnt eine erfolgreiche Karriere mit dem Malen von riesengroßen Wandtafeln im Dienste der DDR. Doch befriedigt ihn dies auf Dauer nicht. Als er schließlich mit seiner mittlerweile geehelichten Frau 1962 in den Westen flieht, beginnt er mit seiner Kunst von vorn – denn hier wird wieder eine ganz andere Auffassung von Kunst vertreten.

Davor, dazwischen und danach geht es um die biografischen und sehr berührenden Erlebnisse dieses Kurt Barnert. Beispielsweise das Schicksal der jungen Tante, bei der von einem NS-regimetreuen Arzt Schizophrenie diagnostiziert wird. Oder auch das Schicksal seines Vaters, der als Lehrer zwar nicht für die Nazis stimmt, aber als Mitläufer dann doch das Parteibuch annimmt, um nicht als Gegner enttarnt zu werden, und der mit den Folgen dieses Verhaltens nach dem Krieg leben muss.

Es werden viele Geschichten erzählt, teilweise sind es beinahe Miniaturen oder Marginalien, die es aber wert gewesen wären, in einem eigenen Film ausführlich behandelt zu werden, und das ist vielleicht etwas, das man diesem Film vorwerfen könnte. Aber dennoch gibt es einen roten Faden, der zu verfolgen sich unbedingt lohnt und uns durch drei grundverschiedene Weltanschauungen führt, denen die Menschen – man könnte fast sagen: ausgesetzt – sind. Das ist spannend und interessant. Für mich war der Höhepunkt des Filmes die künstlerische Entwicklung von Kurt, der an der Kunsthochschule mit anderen Künstlern zusammentrifft. Während viele der Künstler durch eine gewisse Ich-Bezogenheit Erfolg haben, proklamiert sein Lehrmeister, der mit Fett und Filz arbeitet, eine unbedingte Authentizität, die die Kunst beinhalten muss, um ganz stimmig zu sein. Der Weg genau dorthin ist der vermutlich am schwierigsten zu gehende, doch genau dorthin treibt es Kurt, der die Nase voll hat von einem politisch geprägten Kunstverständnis. Wie er diesen seinen Weg findet, hat mich fasziniert und sehr berührt. Dies ist auch das, was den Film einzigartig macht, wie ich finde: das Aufzeigen einer inneren Entwicklung in Bezug auf Kunst.

Durch die Anlehnung an Gerhard Richters Biografie (im Gegensatz zur Nacherzählung) erlangt Henkel von Donnersmarck eine große Freiheit, da er sich nicht nur respektvoll gegenüber dem Leben dieses Künstlers verhält, sondern Sachverhalte nach seinem Belieben so verändern kann, um das herauszuarbeiten, was ihm wichtig ist. Wirklich ein gelungener Film, den anzusehen sich sehr lohnt, erst recht, wenn man sich für Kunst interessiert.

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Die Geschichte handelt von einem Großvater, einem Vater und dessen Sohn, die aus Mailand aufbrechen in das kleine Dorf Barletta in Apulien, um die Wohnung des Großvaters, die dort nach seinem Umzug nach Mailand seit Jahrzehnten leer steht, endlich zu verkaufen.

Nicht einfach ist das Verhältnis der drei Männer. Nicola, der Sohn bzw. Enkel, zieht mit seinen sechsundzwanzig Jahren als arbeitsloser Lehrer den Unmut seines Vaters Riccardo auf sich. Dieser war aus Apulien schon mit 15 Jahren aufgebrochen nach Mailand, ging zur Schule, später zur Abendschule, gründete früh eine Familie und machte Karriere. Glücklich ist er dennoch nicht. Großvater Leonardo, Analphabet, ist weder mit seinem ältesten Sohn Riccardo noch mit seinen anderen drei Kindern zufrieden. Zwar sind alle nach Mailand gezogen und besuchen die Großeltern regelmäßig, doch sie vernachlässigen ihre eigene Heimat, das Dorf Barletta, aber auch ihre Familie, da sie kaum Kontakt zu den Geschwistern pflegen.“ Bestien“ nennt er alle vier. Die Familie droht zu zerfallen, der ursprüngliche Ankerpunkt, die Wohnung in Barletta, verwahrlost und wird nicht mehr genutzt.

Auf dem langen Weg nach Apulien kommen sich die drei Männer ein klitzekleines Stück näher, doch der Hauch einer schwer zu fassenden Verachtung umgibt die beiden Älteren. Großvater Leonardo will die Wohnung verkaufen, letztendlich, um Fakten zu schaffen, mit etwas abzuschließen, das weit hinter ihm zu liegen scheint, aber dennoch einen Ankerpunkt in seinem Leben darstellt: der unerreichbare Weg zurück zu dem, was man Heimat nennen könnte, wenn man sie denn nur noch bewohnen könnte. Doch der Schritt zurück hieße fern der eigenen Kinder wohnen, und da die Wohnung zudem im obersten Stockwerk liegt, kann weder der asthmakranke Leonardo noch seine übergewichtige Frau Anna dort ernsthaft den Umzug dorthin in Erwägung ziehen. Doch Bitterkeit und auch Groll ob der Vernachlässigung des Heimatortes durch seine Kinder liegen in der Luft.

Alle drei Männer sind auf der Suche nach etwas, das ihnen fehlt. Leonardo begibt sich gedanklich in eine Vergangenheit, indem er in Barletta alte Freunde aufsucht, so weit es sie noch gibt. Riccardo kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück, mit der er durch den Verkauf ein weiteres Stück abschließt, und Nicola erinnert sich an unbeschwerte Urlaube, die in dem Ort verbracht wurden und reflektiert darüber, was die Entwurzelung bedeutet, die sein Großvater sowohl schwer belastet als auch diese Belastung in die Familie trägt, die dadurch zu zerfallen droht.

Das Buch habe ich mehr oder weniger verschlungen. Gedankenvoll und sorgfältig aufgebaut entstehen die Szenarien, in denen sich die Protagonisten bewegen. Gewichtige Themen schwingen mit: Was bedeutet Heimat, Entwurzelung, und welche Auswirkungen werden zu einem schweren Familienerbe? Leicht lesbar, aber mit erheblichem Tiefgang ist dies Buch, das ich ohne Einschränkungen empfehlen kann.

Günter Keils Literaturblog, den ich wegen der kompakten Buchvorstellungen sehr schätze, verfolge ich ja schon seit Jahren, deshalb war ich neugierig auf die Literaturshow, die er sich zusammen mit Karla Paul ausgedacht hat – und das war sehr unterhaltend! Die Veranstaltung war bereits Mitte September, aber aufgrund eines Hängers und anderer Turbulenzien musste ich meinen Blog etwas vernachlässigen. Ich gebe mir aber Mühe, alles möglichst lückenlos aufzuholen.

Dieser bunte Abend rund um die Literatur beleuchtete nicht nur viele Neuerscheinungen, er brachte auch neue Erkenntnisse, wenn es um innovative Lesepositionen – ich sage nur eines: Yoga und Lesen – oder um kreativ-komische Cover ging – oder um solche Themen wie die Auswahl der Bücher, die die beiden berufsmäßig rezensieren oder um die Quotenfrage.
Viele Rezensionen wurden dann mit Publikumsbeteiligung in einem „Battle“ vorgetragen: Abwechselnd hatten Günter Keil und Karla Paul jeweils eine Minute, um ein Buch vorzustellen, und das Publikum stimmte daraufhin ab, welches der beiden Bücher es lieber lesen würde. Das war knackig, kurzweilig und unterhaltsam. Zu weiteren Kurzinterviews, Buchvorstellungen und Quizes waren auch zwei interessante Gäste eingeladen, nämlich die beiden BuchautorInnen Til Raether und Anne Siegel, über deren Bücher sowohl gesprochen wurde als auch die selbst Bücher vorstellten. Das alles war in einem sehr persönlichen, beinahe famliären Stil gehalten, man hätte meinen können, dass sich der Hörsaal in der Hafencity in ein Wohnzimmer verwandelte, zuhause bei vier unglaublich sympathischen Menschen zu sein, die voller Begeisterung sehr lebendig, beinahe schon ausgelassen, über ihre Buchleidenschaft sprechen.

Das Publikum musste da gar nicht weiter angesteckt werden, das war ja selbst schon ziemlich Buch-affin, und konnte einiges an Lesetipps mitnehmen, dazu gute Laune, eine kleine Tüte mit Präsenten und dem Gefühl, den Abend ein Stück weit mitgestaltet zu haben. Was will man mehr? Nicht auszuschließen, dass ich wiederkomme, wenn die beiden sich wieder in die Stadt verirren.

Wie nur bin ich zu diesem Buch gekommen? Ich kann es nicht mehr sagen. Es war beim Internetsurfen, ein Gedanke, der sich festgehakt hat und mich dann zu diesem Buch brachte, das ich wie in Trance bestellte und dann auch sofort las.

Lilian Too erklärt darin, dass wir wie in unserem Haus, aus dessen Anwendung Feng Shui ja bekannt ist, auch in unserer Seele Ordnung halten können. Es liegt auf der Hand, dass wir, und nur wir selbst dafür verantwortlich sind, was wir denken und wie wir uns verhalten. Wir könnten alles sein und alles haben, was wir uns erträumen, so lange wir uns selbst nicht dabei im Weg stehen, behauptet sie. Es sind immer die miesen Gedanken, unsere Glaubenssätze, die uns blockieren, daran zu glauben, dass wir dies oder jenes schaffen. Und es ist gar nicht einfach, diesen Gedanken überhaupt anzunehmen und daran wirklich zu glauben, weil sich schon wieder eine Wolke aus Skepsis und Resignation darüber legt. So jedenfalls geht es mir. Dennoch: Der Gedanke, dass man alles ändern könnte, wenn man nur seine fest verankerten, schädlichen Glaubenssätze einmal loslassen könnte, ist verlockend und, wie ich finde, logisch.

Lilian Toos Weg ist der der Meditation: Diesen ewig und ständig vor sich hin plappernden Geist für Momente zum Schweigen zu bringen und ganz bei sich anzukommen, ist das Ziel. Dafür gibt sie in dem Buch eine Menge Anregungen zur Meditation, in die es gilt, tief im eigenen Bewusstsein neue, bessere Glaubenssätze zu verankern. Zwar war ich mit denen, die sie im Buch vorschlägt, nicht in jedem Punkt einverstanden, sie erschienen mir dann doch zu radikal, aber das muss ich ja auch gar nicht. Es ist ja meine Sache, wie ich das Buch als Anregung nutze, um mehr und mehr zur inneren Ruhe zu kommen und Mut zu sammeln für das, was in der Zukunft kommen möge, denn da steht für mich einiges an.

Das Buch lässt mich noch nicht los, und das sollte es auch nicht. Meditation, an der ich mich seit der Lektüre versuche, ist schließlich ein Projekt, das u.U. lebenslang weiterentwickelt wird. Wenn es zu mehr innerer Klarheit und sogar zu einem glücklicheren Leben führt, umso lieber! Selbst wenn ich mit Meditation und der damit verbundenen Entspannung endlich meine Migräne eindämmen könnte, hätte ich was gewonnen.

Eine Wette soll zeigen, dass die Verlobten von Fernando und Guglielmo auch nicht besser sind als andere Frauen: keine sei treu, alle machen es so, behauptet Don Alfonso. Die beiden Männer glauben das nicht und lassen sich auf eine Wette ein – die zu einem Resultat führt, das nicht nur die Männer nicht für möglich gehalten hätten, sondern zudem eigentlich alles – Liebe, Treue, Ehe als gesellschaftliche Konstante – in Frage stellt.

Trailer Cosi fan tutte von der Hamburgischen Staatsoper

Nicht erst heute mutete die Geschichte seltsam an, auch zu Mozarts Zeiten war es ein seltsames Thema, das er sich da vorgenommen hatte, wenn auch aus ganz anderen Gründen als heute. Damals wurde Liebe in der Gesellschaft anders gesehen: Ein Ehepaar, das sich liebt? Sowas galt als unanständig. Es war sozusagen verpönt, sich diesbezüglich öffentlich zu outen.

Und heute: sicher kein Thema, eher im Gegenteil. Aber ein Treuetest, der ist heute so absurd wie damals.
Doch weil Mozart so wunderbare Musik zu der Handlung gefunden hat, wird all dies doch akzeptiert, damals wie heute.
Die Inszenierung setzt sich entsprechend über die psychologischen Aspekte hinweg – die „gab“ es zu Mozarts Zeiten schließlich sowieso noch gar nicht.

In Anklängen an die Commedia del’Arte findet Herbert Fritsch Kostüme, die bunt und witzig sind, und zum Einen den Zyniker Don Alfonso als solchen auch zeigt, wenn er mit weißen Handschuhen, die er wie ein Dirigent hin und her bewegt und damit bestätigt, was er erwartet, zum Anderen das Hausmädchen der beiden Schwestern, Despina, spinnenähnlich in Kostüm und Szene setzt, was äußerst passend ist, denn in der Tat spinnt sie fleißig an dem Netz der Intrige, das die beiden Schwestern nur so einfach hereinrasseln lässt in die Entlarvung ihrer vermeintlichen Treue.

Spannend ist, so erklärte es uns der Operndramaturg bei der Einführung, dass die vier Stimmen der beiden Paare in der Ausgangssituation  unkonventionell zusammenfanden: der Tenor liebt die Mezzosopranstimme, der Bariton den Sopran. Das Verkehrte wird durch den Partnertausch wieder „richtig“ und bleibt doch falsch…
Am Ende, als herauskommt, dass die beiden Verlobten ihre Liebsten einem Test unterzogen hatten, ist dennoch alles offen. Denkbar sind beide Kombis, warum auch nicht?

Die Aufführung bleibt ein buntes – und zwar quietschebuntes – Spektakel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Es ist eine grade, unkomplizierte und witzige Inszenierung, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Ich fand das so unterhaltsam wie tiefgründig.

patentoechterJulia Albrecht ist die kleine Schwester von Sabine Albrecht, die 1977 die Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar in das Haus von Jürgen Ponto einschleuste, was dessen Tod bedeutete. Jürgen Ponto und Hans Christian Albrecht, der Vater der Schwestern, waren sehr gute Jugendfreunde und Paten für Kinder des jeweils anderen: Jürgen Ponto war es für Julia Albrecht und Hans Christian Albrecht für Corinna Ponto. Nach dem Anschlag auf Jürgen Ponto brachen die Familien den Kontakt ab. Julia Albrecht, damals 13 Jahre alt, verlor durch die Untat ihrer Schwester ein Stück ihrer eigenen Identität, wurde sie doch nunmehr als „Schwester von …“ gesehen. Diese Tatsache, aber auch der Mord und dann der abgebrochene Kontakt zu der Familie Ponto, waren mehr als lähmend. Wie geht man mit diesem Ereignis um? Wer muss die Schuld tragen, die die Schwester ihrer Familie aufgebürdet  hat, und wie schwer ist es, erst recht in der Pubertät, wenn man als eigenständiges Individuum übersehen wird, weil die Schwester eine so große, zudem komplett negative Rolle spielt? Kann man dies alles überhaupt verarbeiten, aufbereiten, und wenn, wie, und wer hilft dabei? Das alles und noch viel mehr sind bitterschwere Fragen, die Julia Albrecht seit ihrem 13. Lebensjahr mit sich herumträgt und die zu erörtern alles andere als leicht sind. 30 Jahre später hat Julia Albrecht Kontakt zu Corinna Ponto aufgenommen, um das Schweigen endlich zu brechen. In einem Briefwechsel ist es ihnen endlich möglich, diese Bürde ein Stück weiter aufzuarbeiten, und durch das Buch über diesen Dialog können auch wir uns 30 Jahre später diesem Thema erneut annähern.

Darum also handelt dieses Theaterstück, das auf Basis des Buches entstand, echt harter Tobak. Auf der Bühne sehen wir zwei Wohnungen mit jeweils zwei identischen Räumen, die spiegelverkehrt  aufgebaut wurden, so dass wir im einen Teil das Wohnzimmer, in dem anderen die Küche im vorderen Bereich sehen. In diesen Räumen wuseln jeweils 3 gleich gekleidete Frauen verschiedenen Alters herum: es sind Julia Albrecht und Corinna Ponto in jeweils verschiedenen Altern. Und so wie das Bühnenbild und die Schauspielerinnen also verschiedene Aspekte der Geschichte beleuchten, geschieht dies in den Dialogen, die die verschiedenen Themen, aber auch den Ablauf der damaligen und der darauf folgenden Geschichte beleuchten. Da ist zum Beispiel der genaue Hergang: Wie Sabine Albrecht schon vor der Tat ab und zu wie zufällig bei der befreundeten Familie auftauchte, sodass kein Verdacht aufkommen sollte, als sie schließlich mit zwei vermeintlichen Freunden im Schlepptau vor der Tür steht. Aber wie geht es weiter? Wusste Sabine Albrecht, dass die beiden sofort Jürgen Ponto niederschießen würden? Sie war ja von einer Entführung ausgegangen, aber was war vorbereitet, damit Jürgen Ponto das Haus – gar freiwillig? – verlassen würde?? Fragen über Fragen. Oder auch: Die Eltern von Sabine Albrecht wussten, dass sie mit Personen in Kontakt gekommen ist, die radikale Ansichten hatten und waren froh, als Sabine in den Wochen vor der Tat vermeintlich Abstand genommen hatte. Radikale Ansichten: Wo fängt es an, und wo hört es auf? Ist davon auszugehen, dass jemand mehr oder weniger aus heiterem Himmel Verrat an den Jugendfreund des Vaters begeht? Hinterher erkennt man die Zeichen, aber wenn man mittendrin steckt? Ihr seht schon, es tun sich eine Menge, eine Unzahl von Fragen auf, eine schwerer zu beantworten als die nächste.

Auf der Bühne also wuseln die jeweils drei Frauen herum, einmal ist es die Situation unter den Geschwistern – Julia liebt ihre 13 Jahre ältere Schwester Sabine abgöttisch (während Sabine Albrecht, als sie 1990 in Berlin-Marzahn gefunden wurde, angab, sich kaum erinnert zu haben, dass sie überhaupt eine kleine Schwester hätte), dann wieder geht es um die Frauen 30 Jahre nach dem Vorfall, oder eben um Situationen innerhalb der Zeitspanne, und immer wieder werden Passagen beinahe wie ein Mantra wiederholt, ähnlich wie Gedanken, die ständig und immerzu um ein bestimmtes Thema kreisen. So wird auch das Publikum mitgerissen auf eine intensive Zeitreise und in die Gedankenwelt der beiden betroffenen Frauen, und zwar auf eindringliche und intensive Weise.

Es war ein intensives, konzentriertes Theatereignis, das hier stattfand, das uns noch einmal zu den Geschehnissen von vor 30 Jahren zurückführen, zur RAF und deren schrecklichen Taten und auch in die zynische Welt der DDR-Regierung, die diese Personen nach dem Anschlag aufhnahm und versteckte, sie vorher sogar entsprechend trainiert hatte, um solchen Anschlag auszuüben. Um es kurz zu sagen: Mitreißend, intensiv, bewegend. Wer kann, möge das Stück anschauen. Oder das Buch lesen. Oder beides.

Die Dreigroschenoper ist für mich beinahe so etwas wie die Initialzündung meiner Theaterbegeisterung, auch wenn sich diese in den letzten Jahren nicht mehr so recht zeigen wollte (scheint sich aber gerade wieder zu ändern, vielleicht). Und dies Stück wollte ich wirklich schon lange mal wieder sehen. Wohlwissend, dass dieser Film zwar nicht die Dreigroschenoper zeigt, sondern vielmehr Brechts Bemühungen einer Verfilmung zum Thema hat, war aber sonnenklar, dass ich ihn sehen wollte – unbedingt! Und ich habe es auch nicht bereut.

Das Boot am Ufer losgemacht: Filmszene aus Mackie Messer – der Dreigroschenfilm mit Hannah Herzsprung und Tobias Moretti; Bildquelle: Filmstarts.de

Wie gesagt, im Film geht es vielmehr um die Verfilmung des Stücks. Nachdem Berthold Brecht und Kurt Weill auf der Premiere gebibbert haben, ob das Publikum das Stück annehmen würde und sodann auf große Begeisterung stießen, gab es diesen Plan. Produzenten und Filmfirma fanden sich ebenfalls, jedoch bestand von dieser Seite die Meinung, dass an der ein oder anderen Stelle Modifizierungen vorgenommen werden müssten, sowohl aus Kostengründen als auch aus moralischen und gar politischen Gesichtspunkten betrachtet. Und so verhandeln der Filmproduzent  und Berthold Brecht (Lars Eidinger), und gehen das Stück einmal durch – was uns entsprechend vorgespielt wird. Wir sehen also das, was Brecht vielleicht so vorschwebte, und das ist ganz enorm gutes Theater mit mitreißendem Gesang. Die Besetzung war entsprechend toll: Der sehr charismatische Macheath wurde überzeugend von Tobias Moretti gegeben, Hannah Herzsprung war perfekt als Polly, Britta Hammerstein war ebenfalls überzeugend in der Rolle der Lotte Lenya bzw. „Seeräuber“ Jenny – ah! Wunderbar! (auch wenn ich schon als Kind die Single-Platte mit Lotte Lenya als Seeräuber-Jenny immer und immer wieder hörte, weil ich sie so liebte – die Darbietung in dem Film war ebenfalls klasse). Großartig und überraschend toll hat auch Joachim Król als Peachum gespielt und gesungen. Diese Ausführungen haben mir Riesenspaß gemacht. Grenzwertig waren die aufwendigen aber wie ich finde konventionellen (Ballett-)Tanzeinlagen. Das war mir persönlich etwas zu geleckt und ästhetisch und erinnerte mich eher an das Fernsehballett aus den achtziger Jahren (damals guckte ich noch fern, jetzt ja schon lang nicht mehr, deshalb weiß ich auch nicht, ob das immer noch so ist wie damals).

Der Film an sich kam nie zustande, letztendlich scheiterte alles sowohl am Geld als auch am aufkeimenden Nationalsozialismus.

Kurz gesagt: Wer die Dreigroschenoper liebt, kann unbehelligt in den Film gehen, denn man kommt auf seine Kosten: Tolle Gesangseinlagen und überzeugende SchauspielerInnen machen’s möglich! Manchmal vergisst man vielleicht sogar ein wenig, dass sich die eigentliche Handlung um die Filmproduktion und den damit verbundenen Schwierigkeiten dreht. Aber auch das war interessant, beleuchtet dies das Stück ebenfalls, beispielsweise um Fragen des Anstandes von 1930, die klare politische Ausrichtung des Stückes, aber auch finanzielle Aspekte.
Ich kann den Film auf jeden Fall empfehlen.