Kino vor Corona

Veröffentlicht: 26. Juni 2020 in Filme, Kino, Kultur

Das Kino fehlt mir sehr. Zum Glück ist die Abstinenz bald vorbei, und da wird es erst recht Zeit, nochmal zurückzuschauen auf die Kinoerlebnisse vor der Schließung im März. Das habe ich gesehen:

„Lindenberg! Mach Dein Ding!“ – Film von Hermine Huntgeburth

Udo Lindenberg gehört zu Hamburg und zu meinem Leben, irgendwie, auch wenn ich nie in ein Konzert von ihm gegangen bin. Irgendwie bin ich trotzdem Fan von ihm. „Reeperbahn“ spricht mir aus der Seele, „Cello“ geht ins Herz, und im Grunde genommen ist doch am Ende alles mal wieder klar, „auf der Andrea Doria!“ Udo Lindenberg ist einfach nicht wegzudenken aus der deutschen Kulturszene! Aber wie fing denn das alles an? Darum geht es in diesem Film, der den jungen Udo auf dem Weg seines künstlerischen Coming Outs begleitet. Udo will nämlich überhaupt nicht einsehen, dass man nicht auch Rocker sein kann mit deutschen Texten – und damit hat er einen ganz besonderen Nerv getroffen. Das kann man zwar rückblickend festhalten, aber die große Kunst ist doch, etwas zu erfinden und sich trotz aller äußeren Widerstände nicht davon abbringen zu lassen, daran – an sich selbst – zu glauben. Dieses Thema interessiert mich sehr, das war der Grund, warum ich den Film unbedingt sehen wollte.

Szene aus „Lindenberg! Mach dein Ding!“ mit Jan Bülow, Max von der Groeben. Bildquelle: Filmstarts

Gut unterhalten hat er mich auch – Jan Bülow hat sich super in den stürmenden und drängenden Udo L. hineinversetzt und mich restlos überzeugt. Ich mochte den Film sehr, einmal mehr großes Lob an Hermine Huntgeburth, deren „Effi Briest“ und auch „Die weiße Massai“ mir ebenfalls gefallen haben. Aber das ist ja schon lange her.

„Das geheime Leben der Bäume“ – Dokumentarfilm von Jörg Adolph / Jan Haft

Das Buch von Peter Wohlleben habe ich gern gelesen, und ich bedaure so, dass ich vieles daraus schon wieder vergessen habe. Das war denn auch der Beweggrund, den Film im Kino zu sehen. Was ich nicht wusste, war, dass dies nicht nur ein Film über das Buch ist, sondern dazu auch Peter Wohlleben über die Schulter schaut auf seiner Mission, den Menschen den Wald und die Bäume näher zu bringen. Dagegen habe ich auch gar nichts, denn er ist ein derart sympathischer Zeitgenosse, dass es mir Freude gemacht hat, ihn bei der Arbeit zu sehen.

Nur war das alles ein bisschen viel zu viel: Das gleichnamige Buch ist ja schon sehr gehaltvoll. Das Thema, die Wälder zu retten, noch viel mehr, und dazu das faszinierende Berufsbild (oder Berufungsbild?) des Peter Wohlleben ebenfalls mehr als abendfüllend. Und so war der Film am Ende ein nicht ganz entschiedener, was er denn eigentlich erzählen wollte. Das wiederum fand ich schade.

„Little Women“ – Film von Greta Gerwig

Der Film erzählt aus dem Lebensweg einer Autorin, die genau dies zum Thema macht. Ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse hatte sie zu einem Roman verarbeitet, der zu einem Bestseller avancierte.

Vier Schwestern und der Nachbarsjunge werden in ihrer Entwicklung gezeigt, mit ihren Wünschen, den Plänen und was daraus im Einzelnen wird. Während  Jo March (mal wieder toll: Saoirse Ronan), nicht vorhat, den konventionellen Weg einer Vermählung einzuschlagen, sondern lieber unabhängig bleiben und Romane schreiben will, wählt ihre ältere Schwester  Meg (Emma Watson) ganz bewusst diesen und geht eine Liebesheirat ein, was gleichbedeutend ist mit materiellem Verzicht – diese und weitere persönliche Einschränkungen durch Mutterschaft und als Ehefrau im 19. Jahrhundert nimmt sie jedoch gern in Kauf. Impulsiver ist Amy, die sich zurückgesetzt fühlt, sich letztendlich aber mit ihrer Art durchsetzt und die Herzen erobern kann, auch wenn sie sich selbst manchmal ins Unrecht setzt. Die jüngste Schwester jedoch erschüttert ihre Schwestern in deren Grundfesten.

Das war toll in Szene gesetzt, auch die Besetzung durch großartige Schauspielerinnen kam dem zugute.

Eine raffinierte Wendung im Film hat denselben dann zu etwas ganz Besonderem gemacht. Und trotzdem: Er mag perfekt sein, mit tollen Schauspielerinnen und einem ausgeklügelten Drehbuch, es stellte sich mir dennoch die Frage, was ich damit anfangen soll. Vielleicht nur eine Laune? Wie kann das sein, dass ich den Film einerseits nur loben kann, andererseits  nicht weiß, was er mir geben soll? Weiß ich auch nicht. Aber es kann sein…

„Intrige“ – Film von Roman Polanski

1894 wird der Hauptmann Alfred Dreyfus des Landesverrats beschuldigt und in lebenslange Haft auf eine Sträflingsinsel verbannt. Weil Dreyfus Jude ist, interessiert es zunächst auch niemanden, als der neue Oberstleutnant Marie-Georges Picquart entdeckt, dass sein Vorgänger bei seinen Beschuldigungen irrte und Dreyfus nun zum Einen sein Dasein im Exil fristen muss, zum Anderen die Spionage kein Ende genommen hat. Es ist ganz ausgeschlossen, dass der Irrtum, der vor Gericht passierte, zugegeben wird – und das wiederum bringt Picquart auf die Palme. Und so kämpft er dafür, dass Dreyfus rehabilitiert wird, obwohl er selbst, als Antisemit, weder Sym- noch Empathie für den zu Unrecht Verurteilten aufbringt.

Szene aus „Intrige“ mit Jean Dujardin und Louis Garrel. Bildquelle: Filmstarts

Roman Polanski deckt einmal mehr auf, wie Macht funktioniert. Auf Recht und Ordnung jedenfalls basiert sie nicht unbedingt, wie wir ja alle wissen. Die Mechanismen sind kaum zu brechen, und es bringt Picquart beinahe an den Abgrund seiner Karriere, aber auch seiner Persönlichkeit. Mit wieviel Kraft er sich einbringt, um gegen die verkrusteten Machtstrukturen vorzugehen, hat beinahe etwas Beängstigendes, erst Recht, wenn man ahnt, dass dieses Drama weit über die historische Begebenheit hinausreicht und vielleicht einmal mehr die Frage nach der Wahrheit an und für sich stellt – wenn diese nicht in den Kram passt und die Menge sich doch eine andere wünscht, sie übersieht, weil sie sie übersehen will. Ein berührender, ein starker Film, unbedingt sehenswert!

 

Da habe ich mir ja etwas eingebrockt… fast fünf Monate nicht gebloggt, trotzdem Kultur genossen, und jetzt eine riesenlange Liste… Das schreit nach einem gehörigen Befreiungsschlag! Was also habe ich im Januar gemacht?

Die Edda von Mikael Torfason und Thorleifur Örn Arnarsson / Regie Thorleifur Örn Arnarsson, Gastspiel aus dem Wiener Burgtheater am Thalia Theater Hamburg

Das Stück ist mehr als eine Wiedergabe der alten Sagensammlung; vielmehr ist es auch eine ganz persönliche Stellungnahme des isländischen Autors Mikael Torfason, der die Bedeutung der Edda für die Isländer, die ihren Glauben an die germanische Götterwelt bis heute niemals ganz abgelegt haben, aufzeigt und mit autobiographischen Zügen versieht. Nicht zuletzt zeigt er auf, dass die Isländer damit einen kulturellen Gegenentwurf zum Christentum entwickelt haben, der in der isländischen Kultur bis heute tief verankert ist. Gerade das Persönliche in dem Stück hat mich sehr berührt – es war eine phantastische Inszenierung, mit das Beeindruckendste, das ich auf der Bühne seit Langem gesehen habe. Mit im Team war auch Jan Bülow, den ich kurz danach als jungen Udo Lindenberg im Kino sehen konnte. Aber mein Lob gebührt dem kompletten Schauspielteam, das an diesem Abend alles gegeben hat.

Szenenbild aus „Die Edda“; Quelle: Auf der Website des Thalia Theaters. Foto: Matthias Horn / Burgtheater

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl – Film von Caroline Link nach dem gleichnamigen Roman von Judith Kerr

Den Roman habe ich nie gelesen. Ich weiß noch, wie ich als Kind immer wieder in der Hamburger Öffentlichen Bücherhalle an dem immer an präsenter Stelle aufgestellten Buch vorbeikam. Allein, wegen des beknackten Titels konnte ich mich nie überwinden, das Buch einmal auszuleihen. Den Titel finde ich zwar immer noch doof, aber jetzt, ein halbes Jahrhundert gereifter, habe ich mich dann doch bequemt, ins Kino zu gehen…Es ist, wie ja oft bei den Filmen von Caroline Link, auch diesem Film eine gewisse Leichtigkeit innewohnend, der einen Gegenpol zu dem ansonsten doch schweren Stoff bildet und ihn so zu einem moderaten Film macht, der aufklärt, aber gleichzeitig auch berührt, aber ohne, dass er einen ins Bodenlose zieht (die Werbung um Weihnachten, dass dies ein Kinoerlebnis für die ganze Familie sei, fand ich allerdings dann doch überzogen). Die achtjährige Judith, Tochter des regimekritischen Kulturjournalisten Alfred Kerr, muss mit ihrer Familie fast von einem Tag auf den anderen das großbürgerliche Heim in Berlin eintauschen gegen ein Leben ohne festen Wohnsitz im Exil, herumgestoßen oder weitergereicht von einem Land ins nächste: In der Schweiz scheint das Leben noch beinahe leicht, doch muss die Familie nach Paris wechseln, wo sie kaum genug Geld hat, um die Miete zu bezahlen. Dennoch hält sie zusammen wie Pech und Schwefel, was sowohl Mutter als auch Vater und den beiden Kindern diese schwere Zeit letztendlich mit einer gewissen seelischen Unversehrtheit überstehen lässt. Das war sehr beeindruckend, diesen Zusammenhalt zu sehen, sehr berührend und sehr schön auch. Ein wunderbarer Film!

Was man von hier aus sehen kann – Roman von Mariana Leky

csm_9783832198398_2da71015a5Worum geht es in dem Roman? Gar nicht so einfach zu beschreiben… Geht es um die jahrelange Verbindung einer jungen Frau zu einem Mönch in Japan, in den sie sich verliebte, als er einmal in dem kleinen Dorf im Westerwald zu Besuch gekommen ist? Oder geht es um die Großmutter und dem Optiker des Dorfes, der all die Jahre in sie verschossen ist, es ihr aber niemals zu gestehen traut? Geht es um Hellsichtigkeit, da die Großmutter die Gabe hat, immer kurz vor dem Tod eines Dorfbewohners von einem Okapi zu träumen? Oder doch vielmehr einfach um die Menschen in dem kleinen Dorf, die zusammenleben und miteinander verbunden sind? Im Zweifelsfall geht es um all dies und noch viel mehr. Das Buch ist, wie ich finde, zu Recht sehr erfolgreich, denn es liest sich leicht und ist doch in seinem Gehalt schwer und schwierig. Die ganz Zeit über habe ich gegrübelt, warum es so wichtig ist, dass der Optiker als Optiker in die Geschichte eingeführt wird, bis ich endlich begriffen habe, dass es für ihn und in dem Roman darum geht, was man – von hier aus sehen kann… Ich mochte das Buch, das mir von einer Freundin weitergereicht wurde, sehr. Nun habe ich selbst es schon weiterverliehen, doch freue ich mich schon, wenn es wieder eintrifft. Ich möchte es bald ein zweites Mal lesen, denn ich glaube, dass ich noch viel, sehr viel in dem Buch entdecken werde.

Karl Lagerfeld – Visions – Ausstellung im Ernst Barlach Museum, Wedel

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Ausschnitt aus einer Fotowand im Wedeler Ernst Barlach-Haus

Ach naja, nee. Was soll ich über diese Ausstellung schreiben? Ja, ich war da. Ja, ich habe mich endlich und erstmalig mit seinem Werk beschäftigt. Als Mensch finde ich ihn sehr faszinierend, mit seiner Schnodderschnauze, seiner Arroganz und mit seiner Arbeitswut – das beeindruckt mich sehr. Seine Arbeit hat mich jedoch trotzdem  nicht dazu animiert, tiefer einzusteigen. Ich fand, auch bei den ausgestellten Fotos, dass er dem schönen Schein aufgesessen ist, der Eleganz der Models und dem Reiz der jugendlichen Männer. Aber so recht vorgedrungen zu dem, was Karl Lagerfeld darüber hinaus bewegte, bin ich nicht.


Streichquartett-Abend mit dem Quatuor Modigliani in der kleinen Elphi
Gespielt wurde: Phlippe Hersant,
Streichquartett Nr. 6
Maurice Ravel, Streichquartett F-Dur
Camille Saint-Saëns, Streichquartett Nr. 1 e-Moll op. 112

Ich erinnere mich noch an das spannungsreiche und dennoch leicht dahinfließende Stück von Maurice Ravel, das gefühlvoll eine ganz besondere Stimmung beschreibt, wie wenn man berückt ist von etwas, das einen auf nie gekannte Weise berührt und entzückt…. Das Streichquartett von Saint-Saëns hat eine herrlich beschwingte Melodie, die noch lange nachwirkt  ich freue mich so sehr, dass ich dieses Streichquartett-Abo habe, und das gebe ich auch weiterhin nicht so schnell auf!

 

Jaja. Die lieben Deutschen…! Wenn die sich an Komödien versuchen, dann sind die Schenkel schnell rot vom dauernden Klatschen. Ach wie toll! Bei Betrachten dieses Filmes bildet sich in mir erneut der Gedanke: Komödien, das können die Deutschen nicht!

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Die Dreharbeiten sind bestimmt f u r c h t b a r witzig gewesen, haha… Das Foto vereint all die Hauptdarsteller*innen von „Das perfekte Geheimnis“:  Frederick Lau, , Jessica Schwarz, Florian David Fitz, Caroline Eichhorn, Wotan Wilke Möhring, Elyas M’Barek, Jella Haase Bildquelle: Filmstarts.de

Die Idee, dass alle einmal ihre Handys auf den Tisch legen und dann gucken alle gemeinsam, was da für Nachrichten erscheinen, ist ja erstmal witzig, immerhin doch so sehr, dass ich dachte, ja, das könnte was für mich sein. Die drei Pärchen und ein Singlemann kommen zu einem Dinner zusammen – eine Konstellation, die ja auch früher schon zweifelhaft war, wie z.B. im „Vornamen“ (den Film mochte ich Sauertopf auch nicht), aber nun gut. Bis auf einen der Männer, den man am Anfang vielleicht noch für einen schlimmen Finger hält, weil er sich Popos in eng sitzenden Slips auf seinem Handy anschaut, hat aber doch jeder ein ganz eigenes, gar schlüpfriges Geheimnis. Und die drei anwesenden  Frauen tragen den Schein des Perfektionismus statt das Sein desselbigen und schieben vielleicht sogar Frust, vielleicht auch – oho tabu!  mit der Lust.

Und jedenfalls macht jeder hier sein eigenes Ding und verrät im Grunde genommen geradezu hemmungslos den eigenen Partner oder die Partnerin, und das alles ist dann unheimlich witzig, sollte wahrscheinlich so sein.

Ist bei mir aber überhaupt nicht gut angekommen. Ich mag den Klamauk nicht, wenn dabei die Figuren verraten werden – und das passiert hier nur. Es ist Fremdschämen angesagt, wenn allerdings nicht auf die  hier gewollte Weise, um sich zu amüsieren. Nein, ich habe mich für diesen Fim vielmehr fremdgeschämt… Ist einfach nicht mein Humor, sorry, bitte sowas nicht so bald wieder!

Ja, ich weiß – die Ausstellung ist doch längst vorbei…Und, ja, das stimmt, ich bin ganz schön hinterher mit meinem Blog. Ich arbeite mich aber weiter wacker durch… und auch diese Ausstellung verdient es, darüber das ein oder andere Wort zu verlieren.

Während ich mit dem Werk von Gerhard Richter einigermaßen vertraut bin und ja auch erst kürzlich eine Ausstellung mit Werken von Georg Baselitz besucht habe, waren mir die Werke von Sigmar Polke einigermaßen unbekannt und die von Anselm Kiefer immer schon furchtbar rätselhaft… Und dann ist es doch immer gut, einmal zu den Anfängen der Künstler*innen zu schauen, zu gucken, was sie denn da so geschaffen haben, um auch einen Zugang zu ihrem Hauptwerk zu bekommen. Insofern war ich sehr neugierig auf diese Ausstellung – und ich wurde absolut nicht enttäuscht!

Gerhard Richter hat im Grunde genommen in seiner Malerei die Gegenstände von den abgebildeten Objekten getrennt; es scheint mir, es geht ihm mehr um die Praxis der Malerei, als um das Motiv. Doch vielleicht stimmt es nicht, selbst wenn die Motive willkürlich gewählt zu sein scheinen; vielleicht geht es doch um Aspekte, die nur zum Vorschein kommen, indem sie wie nebenbei in dem Bild Erwähnung finden… Als wäre der Anblick nebensächlich, doch durch diese Nebensächlichkeit ist man imstande, neue Perspektiven darin zu entdecken…

Das ist vielleicht etwas, das auch Georg Baselitz im Sinn hatte, als er begonnen hat, seine Gemälde und das Gemalte auf den Kopf zu stellen, und damit alles zu abstrahieren – auch hier scheint ein neuer Sinn hervorzukommen, der in den Dingen durch das Drehen zum Vorschein kommen kann. Auf jeden Fall wird alles anders, dadurch, dass die Dinge auf den Kopf gestellt werden.

Das Werk Sigmar Polkes ist mir wie gesagt eigentlich das unbekannteste von diesen vier großen Künstlern. Ich erinnere mich nicht mehr gut daran… Mir scheint, er ist derjenige von den vieren, der sich der landläufigen Meinung von Kunst am radikalsten in den Weg gestellt hat, indem er hochprovokante Werke produzierte, die extrem mit den Sehgewohnheiten des geneigten Publikums spielen. Ich habe das zur Kenntnis genommen, doch mehr kann ich dazu jetzt nicht mehr sagen.

Mit Anselm Kiefers Werk konnte ich bislang nicht viel anfangen, aber das wurde durch die Ausstellung ein wenig besser. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass er sich so intensiv mit der nationalsozialistischen Geschichte oder der Geschichte der Hermansschlacht auseinandergesetzt hat, auch wenn das seine eigene Biographie nahelegt, wurde er doch 1945 in einem Luftschutzbunker geboren und steht also gerade noch unter dem unmittelbaren Einfluss der Kriegsgeneration. Die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Deutschland prägt also sein Werk, das vor allem in den Gemälden von berühmten Personen, die für die deutsche Politik und Kultur von grpßer Bedeutung waren, sichtbar wird. Doch geht es auch um Orte und deren Geschichte.

Ohje. Ich kämpfe mit meinem Erinnerungsvermögen. Es ist schon so lange her, dass ich die Ausstellung besucht habe, da ist es nicht einfach, das noch genau zu erinnern. Vielleicht komme ich ja in den nächsten Tagen dazu, meine kulturellen Aktivitäten aufzuarbeiten – diese Ausstellung endete ja am 5. Januar, also ist es wirklich schon eine ganze lange Weile her, dass ich sie besucht habe.

 

Wer meinen Blog verfolgt, weiß ja, dass ich nicht unbedingt eine Freundin von Filmen bin, in denen allzuviel Gewalt vorkommt. Dennoch konnte ich mich für diese Serie unbedingt begeistern, und das gleich aus vier Gründen.

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Emilia Clarke als Daenerys Targaryien mit ihrem Drachenkind.

J.R.R. Martin hat mit seiner Fantasy-Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ ein sehr farbiges Epos vorgelegt, welchem in der Serie von Staffel zu Staffel  weniger gefolgt wurde – ab der sechsten Staffel lagen denn auch gar keine Romane mehr vor, nichtsdestotrotz wird die Geschichte entsprechend weitergesponnen, und das sehr gekonnt. Die Mischung aus mittelalterlicher Atmosphäre, gemischt mit der Exotik der Welt der Dothraki (für die sogar eine eigene Sprache erfunden wurde), der Geschichte der Familie Targaryen mit ihrer Macht über Feuer und Drachen, dann diese religiöse Sekte und schließlich der Kampf gegen die „Weißen Wanderer“ ist komplex und für sich gesehen schon spannend; so finde ich, besteht die Qualität schon allein in dieser Vielseitigkeit. Ich wäre neugierig, einmal die Bände von J.R.R. Martin zu lesen, wiewohl von seinen Romanen späterhin sehr stark abgewichen wurde.

Dann ist es nicht nur die Handlung, die mich überzeugt hat – auch die Charaktere sind spannungsreich und sehr gut gezeichnet, zumal sie in der Interaktion für viele unvorhergesehene Wendungen führen. Ständig wurde ich überrascht, wie es denn wohl weitergeht. Ich habe selten solch toll ausgearbeitete und riesig spannende Charaktere gesehen, auch das hat mich total überzeugt.

Als nächstes kann ich die Schauspieler und Schauspielerinnen gar nicht genug loben, die ihre Rollen unglaublich toll gestalten konnten. Besonders beeindruckend fand ich Peter Dinklage als Thyrion, der die Rolle des ständig getäuschten und selbst vom eigenen Vater verratenen und wegen seiner Zwergenwüchsigkeit teilweise geächteten Bruder der Königin unglaublich überzeugend gab – er ist ein Glücksfall für diese Serie! Aber auch Kit Harington als smarter Verfechter des Guten, Maisie Wiliams als seine unangepasste Schwester, und Sophie Turner als weitere Schwester, die aufgrund der Ereignisse ebenfalls schwierige Momente charakterstark gemeistert hat, oder Lena Headey als „böse“ Königin, die über Leichen geht, nur um ihre eigenen Kinder schützen zu wollen – aber auch alle weiteren Hauptrollen: sie alle sind unglaublich toll besetzt worden.

Und dann ist da noch die Ausstattung, die einfach umwerfend ist: Die verschiedenen Landesteile und Länder sind derartig phantasievoll und geradezu detailverliebt ausgearbeitet worden, das allein war schon sehenswert – aber dann kam dazu noch die Szenenführung: Jedes einzelne Bild ergab einen Augenschmaus, es gab Szenenbilder, die derart ästhetisch daherkamen, dass ich gewünscht habe, sie mögen einfach stehenbleiben, damit ich darin schwelgen könnte – einfach wundervoll!

Ja, das alles sind die Gründe, weswegen ich über die Gewaltszenen, die in ihrer unrealistischen Drastik eigentlich beinahe lächerlich wirkten, hinwegsehen konnte. Ich verstehe nicht, wozu das nötg war, aber da das ganze Drama so facettenreich daherkommt, und ja klar ist, dass man nicht mit allem gleich viel anfangen muss, muss ich das auch gar nicht. Ich habe mich entschlossen, diesen Punkt zu ignorieren, weil mir dieses ganze Blutgespritze nichts gibt. Aber der Rest eben doch! Ich konnte auch an der Handlung, die mit fortschreitender Entwicklung wohl immer stärker kritisiert wurde, eigentlich nicht recht etwas aussetzen, war sie doch voller überraschender Wendungen – und das fand ich toll.

113950356-00_bf2000-2000Ich hatte ja „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent sehr gerne gelesen, und das Erscheinen ihres letzten Buches dennoch verpasst. Aber egal. Papier – auf dem ich nach wie vor bestehe zu lesen – ist ja bekannterweise geduldig. Nun aber!

Die Geschichte hat (wie „Das Seelenhaus“, das in Island spielte) einen historischen Background und handelt von einer wahren Geschichte aus dem 19. Jahrhundert in Irland: Die kürzlich verwitwete Bäuerin Nora muss sich um ihren kleinen Enkelsohn kümmern, der nach dem Tod seiner Mutter und einer schweren Krankheit verändert ist: Er kann nicht mehr laufen, und auch sein Geist ist zurückgeblieben. Zusammen mit dem 14jährigen Dienstmädchen Mary muss sie nun diese schwierige Situation meistern, und auch sie glaubt, wie im Dorf schon gemunkelt wird, allmählich auch, dass die Feen das Kind gegen ihren echten Enkelsohn ausgetauscht haben – und das bringt Unglück für die ganze Gemeinde…

Die Kräuterfrau Nance, eine vertriebene Einsiedlerin, die sich bestens mit den Heilkräutern der Natur auskennt, berät Nora und hilft ihr, ihren richtigen Enkel zurückzubekommen.

Zuerst habe ich nicht recht verstanden, welche Wendung sich in diesem Buch anbahnt und zu dem erschütternden Ende führt. Und so war es sehr interessant zu lesen, welchem Aberglauben die Dorfbewohner*innen erlegen sind, wie ihr ungebildeter Status wahres Unkraut an Gedanken hervorruft, und welches Leid dadurch entstanden ist.

Wieder ist es Hannah Kent gelungen, uns mitzunehmen in die bäuerliche Gemeinschaft, diesmal nach Irland, und so sitzen wir beinahe mit am Feuer und lauschen den Geschichten um die Feen, die die Menschen necken wollen oder schlimmeres mit ihnen vorhaben. Die Sprache ist so bildlich und mitreißend, als seien wir selber dort. Toll!

 

Ja, ich gebe es zu, ich bin grässlich langsam und wirklich furchtbar hinterher mit meinem Blog! Ich bin derzeit sehr beschäftigt, aber ich sage nicht „leider“, denn es sind gute Projekte, die mich derzeit davon abhalten, den Blog regelmäßig zu führen. Aber ich gebe (den Blog) nicht auf…

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Diese Ausstellung endete ja schon am 12. Januar, und ich bin heilfroh, dass ich den Besuch noch geschafft habe, denn: Was hätte ich versäumt!

Die Ausstellung zeigte Werke von vier maßgeblich die amerikanische Kultur prägenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Die Filme von Walt Disney bestanden damals schon in den 1950er aus herrlichen malerischen Kulissen und phantastischen Figuren, die auch heute zu sehen noch immer Spaß bringen.

Eine ganz andere Qualität haben die Bilder von Norman Rockwell, der für eine Menge Titelillustrationen von führenden Zeitschriften in den USA verantwortlich war. Teilweise sind sie satirisch, auch kritisch, witzig, aber auch – und vielleicht ganz besonders den „American Way of Life“-illustrierenden Lebensstil der Amerikaner*innen wiedergebend. Sie sind in einem Stil gemalt, der dazu verführt, das Schöne, das Prächtige im amerikanischen Leben zu betonen und sich damit zu identifizieren. Es sind auch irgendwie gemütliche Bilder. Wir haben versucht, sie kritisch zu sehen, aber da Norman Rockwell durchaus auch kritische Positionen auf seinen Bildern vertrat, beispielsweise gegenüber dem Umgang mit den Ureinwohner*innen Amerikas, fiel es uns schwer, ihn sozusagen zu „überführen“. Was blieb, war ein ganz merkwürdiges, auch unwohles Gefühl einer absolut politisch korrekten Vereinnahmung. Alles ist so glatt, kritisch, aber dabei doch irgendwie selbstherrlich, gemütlich, idyllisierend. Und vielleicht eben auch banalisierend, selbst die schwierigsten politischen Zusammenhänge.

Anders verhält es sich mit den Gemälden von Jackson Pollock: Er als einer der größten amerikanischen Künstler distanzierte sich von den europäischen, ja am Ende vielleicht sogar von allen Einflüssen – wenn das überhaupt möglich ist, Kunsthistoriker*innen werden jetzt sicherlich mit schnippsenden Fingern dasitzen und mir widersprechen wollen – befreit hat und mit seinen „Drip-Paintings“ einfach sein ganz ureigenes Ding durchgezogen hat. Es ist toll, einige der Werke von ihm live zu sehen – sie sind, wie auch die Bilder von Mark Rothko, im Original noch viel toller und haben eine um vieles größere Ausstrahlung im Original.

Tja. Und die Gemälde von Andy Warhol trafen schon zu Beginn seiner Karriere in den 50er Jahren den Geschmack, aber auch den Zeitgeist. Ich mag seine großen Siebdrucke auch.

Wieder einmal eine tolle Ausstellung, ach, ich gehe wirklich gern in das Bucerius Kunstforum!

 

„Joker“ – Film von Todd Phillips

Veröffentlicht: 18. Februar 2020 in Filme, Kino, Kultur

Eigentlich bin ich keine Freundin von dem Batman-Stoff – wiewohl die Film-Trilogie ja von Christopher Nolan gemacht wurde – und das wiederum macht mich neugierig. Na gut. Das ist ja ein ganz anderes Thema, denn hier geht es um den Film von Todd Phillips, der sozusagen in die Vorgeschichte einsteigt und von Joker handelt, der das heruntergekommene Gotham City beginnt zu terrorisieren, als der Druck auf ihn, den psychisch Kranken, steigt.

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Arbeitet als freudloser Clown… Szene aus „Joker“ mit Joaquin Phoenix in der itelrolle; Bildquelle: Filmstarts.de

Arthur Fleck, der ab einem bestimmten Zeitpunkt im Film dann Joker genannt wird, geht regelmäßig zu einer, tja, was ist das, Sozialarbeiterin/Therapeutin/Amtsärztin, die ihn mit Psychopharmaka versorgt. Er hat eine spezielle Erkrankung, die sich durch plötzliches, in Stresssituationen lautes und unkontrolliertes Lachen, ähnlich wie das Tourette-Syndrom, bemerkbar macht. Als die Mittel für die Betreuung und die Medikamente gestrichen werden und er die Tabletten nicht mehr regelmäßig nehmen kann, gerät der ohnehin labile Arthur aus dem Gleichgewicht. Er verliert seinen Job als Clown durch eine Ungerechtigkeit, die er allerdings zu verantworten hat, und aus deren Konsequenz sein gestörter Charakter dann offensichtlich wird. Außer zu seiner Mutter hat er keine tieferen emotionalen Bindungen. Doch da gibt es noch die nette und hübsche Nachbarin, zu der er sich hingezogen fühlt…

Kurz gesagt: Arthurs Tage sind eine Qual, erst recht, nachdem er seinen Job in der Clowns-Agentur verliert, seine Mutter schwer erkrankt und er erfährt, wer sein Vater ist (oder wen seine Mutter dafür hält) – was ihn schwer erschüttert.
Er träumt davon, einmal in die Show von Murray Franklin (gespielt von Robert de Niro) als Stand-up-Comedian eingeladen zu werden. Als er nach einem Casting in einem Club dann tatsächlich die Chance erhält – allerdings, weil Murray Franklin sich über die grottenschlechte Aufführung in seiner Show lustig machen will – nimmt das Schicksal seinen Lauf…

Der Film zeigt das persönliche Dilemma des psychisch kranken Arthur aus einer empathischen Perspektive, und er erzählt zudem, wie die Kluft zwischen arm und reich in Gotham City immer größer wird. Dennoch kommt die Wendung überraschend, dass ausgerechnet Arthur zu einem Märtyrer wird, der aufzeigt, wie schlecht das Leben in Gotham City ist.

Und dann kommt es zu szenisch unglaublich eindringlichen Szenen (die teilweise allerdings auch sehr brutal sein können)… Aber all das wäre vielleicht noch nicht so spannend, wenn Joaquin Phoenix nicht eine derartige Glanzleistung hingelegt hätte – sein Schauspiel ist absolut herausragend, wenn er in dieses freudlose und zwanghafte Lachen in den unpassendsten Momenten verfällt, das ist schmerzhaft und verursacht Gänsehaut, aber wirklich! Ich finde, Phoenix hat den Oscar absolut verdient. Es ist ein sehr stimmungsvoller Film (wenn auch eine freudlose Stimmung vorherrscht) mit beeindruckender schauspielerischer Leistung (allen voran der von Joaquin Phoenix), der sich trotz der gezeigten Brutalität anzusehen lohnt.

 

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Die Holzvertäfelung mit der kunstvoll gestalteten, uneben Oberfläche soll die Akustik optimieren.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mich mit den Beschreibungen der wunderbaren Streichquartette, die ich durch mein Abo zu hören regelmäßig in der Lage bin, schwer tue. Erst recht, wenn sie schon so lang zurückliegen. Aber da ich sie so sehr genieße und mich um Lückenlosigkeit bei meinem Blog bemühe, möchte ich doch versuchen, einen kleinen Überblick zu geben über die zwei Konzerte, die ich letztes Jahr gehört habe.

Das Heath Quartett spielte:
Thomas Adès: Arcadiana op. 12 for string quartet
Michael Tippett: Streichquartett Nr. 5
James MacMillan: Memento
Ludwig van Beethoven: Streichquartett a-Moll op. 132

“Britain calling” war das Motto einer kleinen Reihe von Konzerten, die letzten Herbst stattgefunden hatten – und dieses Konzert gehörte dazu, denn drei der vier Komponisten waren bzw. sind Briten. Nach dieser langen Zeit kann ich nicht mehr viel zu der Musik sagen. Nur dies: Das kurze Stück „Memento“ von James MacMillan ist mir noch in bester Erinnerung: Es wurde anlässlich des Todes eines Freundes geschrieben und hat mich zu den wunderbaren Hochebenen Schottlands entführt, es lässt die Seele fliegen – es ist eine hinreißende Musik, um die Welten zu wechseln…. Naja, und dann das Stück von Ludwig van Beethoven – ach ja! Wunderbar! Es gibt so herrliche Stellen, in denen die Musik dahinfließt, jäh unterbrochen wird von einer schwierigen Wende oder einer pirouettenhaften Phrase, so vielseitig, lieblich und dabei irgendwie tragisch. Tragend auch. Das Jahr 2020 ist Beethoven-Jahr – ich freue mich!

Das Artemis Quartett spielte:
Franz Schubert: Quartettsatz c-Moll D 703
Béla Bartók: Streichquartett Nr. 6 Sz 114
Piotr I. Tschaikowsky: Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 22
Zugabe: Franz Schubert: Scherzo aus Streichquartett G-Dur D 887

Der Quartettsatz c-Moll D 703 gehört wohl zu den schönsten und bekanntesten seiner Stücke, wenngleich Schubert das ganze Stück nicht fertiggestellt hat. Sei’s drum – es zu hören ist eine unglaubliche Bereicherung; die tiefen und kräftigen Töne berühren unbedingt…

An mehr kann ich mich gerade nicht erinnern – Asche auf mein Haupt! Nur, dass ich das Konzert sehr genossen habe.

“Systemsprenger“ – Film von Nora Fingscheidt

Veröffentlicht: 12. Februar 2020 in Filme, Kino, Kultur

Dieser Film ist nichts für schwache Gemüter! Es ist die Geschichte von dem Mädchen Benni, das sich nichts sehnlicher wünscht, als bei seiner Mutter zu leben – das geht aber nicht, weil diese mit ihren insgesamt drei Kindern komplett überfordert ist. Weil Benni auf die daraus resultierende Ambivalenz der Mutter höchst aggressiv reagiert, ist ein Zusammenleben mit dem Mädchen einfach nicht möglich. Und also hat Benni bereits eine ganze Reihe von Institutionen durchlaufen, doch kann sie aufgrund ihres Verhaltens nirgendwo bleiben. Es macht es auch nicht einfacher, dass Benni als Baby wohl eine traumatische Erfahrung erlebt hat, in deren Konsequenz sie es nicht ertragen kann, wenn sie am Gesicht angefasst wird oder auch nur versehentlich gestreift wird, und sei es mit Stoff.

 

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Die eierweiche Mutter kann das Kind nicht wirklich halten… Szene aus „Systemsprenger“ mit Lisa Hagmeister und Helena Zengel; Bildquelle: Filmstarts.de

Zuversichtlich versuchen immer wieder die unterschiedlichsten Erzieher*innen, das Kind zu zähmen, doch leider bleibt als einzige Konstante die Sozialarbeiterin, die immer neue Institutionen auftut, die es mit Benni versuchen wollen. Doch nichts greift: In den Kindereinrichtungen greift sie andere Kinder an, in Wutanfällen werden dann schon mal Gegenstände in Glastüren geworfen und ernsthaft andere Kinder gefährdet. Nicht anders bei einer Pflegemutter, deren anderes Kind Bennis Wut ebenfalls zu spüren bekommt. Und so passiert es nicht nur einmal, dass Benni auf der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses mit Medikamenten ruhiggestellt wird.

Eine neue Chance eröffnet sich, als Micha, ein Erzieher, der sich auf schwer erziehbare und straffällige Jugendliche spezialisiert hat, Benni für drei Wochen mit in eine einfache Waldhütte nimmt, damit das Kind endlich einmal zur Ruhe kommt. Aber bringt das was? Und: Kann sich Micha von dem Kind, das in der höchsten Not ist, persönlich genügend abgrenzen?

Dieser Film ist harter Tobak, und es ist ihm sehr hoch anzurechnen, dass er kein einziges Mal von der realistischen Spur abweicht. Auch wenn wir es gerne hätten, denn wir wollen doch, dass solch ein Kind in der Gemeinschaft leben kann… Aber hier wird es glitschig, denn die Institutionen und gar die fähigsten Erzieher*innen sind zum Scheitern verurteilt; nichts anderes als Mutterliebe scheint hier Heilung zu bringen. Aber wenn die Mutter diese nicht aufbringen kann – was dann?

Es ist ein aufrüttelnder Film, einer, der keinen Ausflug in eine bessere Welt bietet, sondern der immer hart an der Realität bleibt. Die Schauspieler*innen sind allesamt brillant – angefangen von der unglaublich begabten Helena Zengel als Benni über Lisa Hagmeister als eierweiche Mutter und Gabriela Maria Schmeide als sehr authentisch gespielte Sozialarbeiterin.

Es ist wahrscheinlich der beste Film, den ich 2019 gesehen habe, und insofern empfehle ich unbedingt, ihn zu sehen – auch wenn man sich dazu warm anziehen muss.