Den Namen hatte ich noch nie gehört, und das geht hier in Norddeutschland wohl nicht nur mir so. Helmut Lander hat mit seiner Arbeit eher im Raum Darmstadt gewirkt. Um so schöner, dass diese Ausstellung uns nun diesen Künstler nahe bringt.

In der Austellung kristallisieren sich diese Themen heraus: Fotos und Zeichnungen von seinen Reisen, die er in den 1950er, 60er und 70er Jahren nach Afrika und Indien unternommen hat, dann die Auseinandersetzung mit Körpern in teils erotischen, teils die Bewegung fixierenden Bildern, und schließlich Skulpturen.

Die Bilder, die Lander auf seinen Reisen machte, versuchen sich in Objektivität. Sie lassen uns nicht etwa eintauchen in die Landschaften oder in die Gesichter. Diese bleiben uns vielmehr ein Rätsel. Die Bilder haben nichts Idyllisches oder gar etwas verklärendes oder kitschiges an sich. Sie versuchen vielmehr, das zu dokumentieren, was gerade erlebt wird, und das sieht eher fremd und abweisend aus. Die Nomadenvölker, die Lander besucht hat, führen ja auch ein ganz anderes Leben, als wir hier im Westen, und diese Fremdheit wird durch seine Zeichnungen greifbar.

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Die gezeichneten Portraits und auch die Landschaft halten mich Betrachterin auf Distanz.

In der Zeit, in der Helmut Lander diese Länder bereiste, gab es natürlich keinerlei touristische Infrastruktur. Das Verständnis für das Fremde musste er sich mithilfe des Zeichenstiftes und seiner Beobachtungsgabe hart erarbeiten. Es gelang ihm ein authentisches Werk, das die gezeichneten Menschen ohne Deutung oder Interpretation dem Betrachter überlässt.

Besonders beeindruckend waren die Zeichnung von weiblichen Körpern, die mich teilweise an das erotische Werk von Egon Schiele erinnerte. Er hat Frauenakte gezeichnet, deren Körper teilweise verdreht sind, dabei jedoch eine große Anmut besitzen. In den Fotos verlieren die Körper beinahe ihre Gegenständlichkeit, so verfremdet wirken sie hier – und so werden sie zu Körpern, die mich Betrachterin beinahe verunsichern, ob es sich noch um ein Bild vom menschlichen Körper handelt, oder nicht vielmehr etwas davon abstahiertes. Interessant!

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Die Zeichnung, die auch als Plakat gewählt wurde, da allerdings spiegelverkehrt, warum auch immer. Die Lichtreflexe bitte ich zu entschuldigen.

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Foto von einem Foto in der Ausstellung Helmut Lander

Auch die Skulpturen fand ich beeindruckend. Sie waren teilweise aus Gegenständen zusammengebaut, die Helmut Lander irgendwo aufgelesen hatte und als Schrott oder Holzabschnitten zusammengeschraubt wurden und schließlich in Metall gegossen wurden. Manche der Skulpturen griffen Bewegungen auf; so wurde die Starrheit der Teile in das Spannungsfeld einer Bewegung gebracht. Irgendwie gut.

Die Ausstellung geht noch bis zum 23. Juni, und ich fande meinen Besuch wirklich lohnenswert.

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Ein ein wenig bekannter und drei mir gänzlich unbekannte KomponistInnen – das sollte doch ein Abenteuer sein, ganz nach meinem Gusto – und das war es letztendlich auch: Es war ein bereichernder Abend, der mir unerhört gut gefallen hat.

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Und dies stand auf dem Programm:
George Benjamin: Octet
Arnold Schönberg: Streichquartett Nr. 2 fis-Moll op. 10
Mark Andre: Drei Stücke für Ensemble / Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker und Elbphilharmonie Hamburg
Sofia Gubaidulina: Hommage à T. S. Eliot für Sopran und Oktett

George Benjamin, so habe ich an diesem Abend gelernt, ist einer der meistgespielten Gegenwartskomponisten – dann wurde es aber auch Zeit, ihn endlich einmal kennenzulernen… Das gespielte Stück stammt aus seinem Frühwerk, und aus dem Programmheft lese ich heraus, dass der Komponist, heute 59 Jahre alt, das Stück mittlerweile etwas belächelt ob seiner damaligen Naivität… Nagut, ist ja sein Bier, für mich war es ein rhythmisches Klangerlebnis – die acht Musiker übernahmen mit den unterschiedlichen Instrumenten nacheinander oder auch mal gemeinsam den Klangverlauf. Es ergab sich ein intensives Wechselspiel, eine Kommunikation von Klängen, die eben doch dem Rhythmus folgten. Einen Dirigenten gab es nicht; vielmehr dirigierte mal der eine oder die andere, je nachdem, wer gerade mal eine Hand freihatte. Ein kleines Stück von kurzer Dauer war das, aber es hatte es in sich. Nun bin ich neugierig, und so werde ich demnächst in die Oper gehen, um mir dort die Oper „Lessons in Love and Violence“ anzuhören – ich bin schon ganz gespannt.

Das Streichquartett von Arnold Schönberg schrieb dieser während einer schwierigen Zeit seines Lebens. Seine Gattin hatte mit seinem Kumpel (dem Maler Richard Gerstl) eine Affäre begonnen, und diese Krise spiegelt sich auch in seiner Musik wieder: Die Musik verliert ihre Unschuld, gewissermaßen, indem sie aufhört, nur im klassischen Sinne harmonisch zu sein. Der Wechsel von Geschwindigkeit und das Zulassen von Dissonanzen führten zu einem komplett andersartigen Hörerlebnis – damals jedenfalls, 1907/8, als das Stück uraufgeführt wurde, war das Publikum nicht erbaut von den Dissonanzen. Auf diesem Hintergrund ist es eine unglaubliche Leistung, sich den Konventionen entgegenzustellen. Und dann hat Schönberg auch noch über die Maßen herumgespielt – bewundernswert, wie ich finde: Mittendrin fließt die Melodie „Oh du lieber Augustin, alles ist hin“ ein, um kurz danach in einem unbehaglichen Chaos der Töne überzugehen. Es ist ein Stück weit Sarkasmus in dieser Musik, aber ganz sicher viel Neues, das wir, über hundert Jahre später, mehr goutieren können, als das Publikum zur Uraufführung, das überwiegend überfordert war. Im dritten und vierten Satz kam die schöne Sopranstimme von Rinnat Moriah hinzu, zwei Gedichte (Litanei und Entrückung) von Stefan George werden gesungen, und eine der Zeilen mag dem Stück ein Motto gewesen sein: „Ich fühle Luft von anderem Planeten“. Mir scheint, Schönberg hat in diesem Stück viele Ansätze eingearbeitet, ich mag diese „schwierige“ Musik sehr.

Mark Andres Stück war kurz, aber ebenfalls aufregend und interessant: Auch hier flogen die Töne, um sich mit anderen zu verbinden und dann weiterzuziehen, es war mir vor allem ein Klangerlebnis, das einmal mehr zum genauen Hinhören aufforderte.

Der Höhepunkt dieses Abends war für mich jedoch das Stück von Sofia Gubaidulina. Auch hier herrscht Endzeitstimmung vor, mir scheint es wie eine Dystopie. Unheilschwer sind die Töne, und auch die Strophen aus T.S. Elliots Werk „Four Quartets“ sind es. Das Stück ist wie eine Warnung, und ganz gewiss nicht leicht verdaulich. Ganz besonders aber hat mich berührt zum Einen, endlich mal was von einer Komponistin zu hören – wie oft kommt das schon vor – zu selten jedenfalls! Ich sehe auch eine Verbindung zwischen diesem Stück von Sofia Gubaidulina und Margaret Atwood, die ebenfalls versteht, Dystopien auszuführen (beispielsweise in der MaddAdam-Trilogie, die ich vor einiger Zeit gelesen habe). Beim Recherchieren bin ich dann darauf gestoßen, dass Sofia Gubaidulina gar nicht weit von mir wohnt, und dann noch, dass sie auch zur Oscar-Jury gehört. Boah! Da wohnt eine Frau von Genie hier bei mir umme Ecke op‘n Dörpn! Das gibt mir irgendwie ein richtig gutes Gefühl zu meinem Ort, den ich, trotz der unmittelbaren Nähe zur Weltstadt Hamburg, doch einigermaßen provinziell empfinde. Und im Nachbarort sitzt eine hochintellektuelle Frau, die unfassbare Musik schreibt! Ich bin begeistert! Von ihr möchte ich auf jeden Fall mehr Musik kennen lernen.

 

 

 

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Die Bücher hatte ich mir zu meinem Geburtstag gewünscht und sie von lieben Menschen dann auch bekommen. Dass sie ein halbes Jahr im Regal warten mussten, hatte eigentlich nur den Hintergrund, dass ich die Vorfreude auf die beiden noch auskosten wollte. Aber schließlich – endlich! – wurde ein Buch nach dem anderen von der Zellophanhülle befreit…

Von außen betrachtet hatte mich die Buchausgabe weniger angezogen, doch nun entfaltete sich die komplette Ästhetik: Die Schutzhülle ist schwarz hinterlegt, außer die Schrift und das Muster, dort schimmert nämlich der bunte Buchumschlag durch. Nimmt man die Hülle ab, sieht man, dass auf dem Umschlag gar keine Schrift zu finden ist, sondern es ist ein Bild mit einem Schattenriss eines Berges – sicherlich desjenigen, der im Buch Erwähnung findet. Die Seiten sind an den Kanten anthrazit eingefärbt, und ein Lesezeichen-Band in einer passenden Farbe – für jedes Buch eine andere – ist auch dabei. Ich bin eigentlich gar keine Buchfetischistin, aber diese Gestaltung – und dann noch das Geräusch beim Umblättern, wenn sich die einzelnen Seiten, die durch die Behandlung mit der Farbe leicht zusammengeklebt sind, lösen – war ein phänomenal sinnliches! Mit anderen Worten: Allein die Gestaltung der Bücher macht riesige Freude…

Die Handlung dazu ist schmökerhaft gemütlich und typisch murakamisch: Ein Portraitmaler findet, nachdem er nach der Trennung von seiner Ehefrau durch Japan herumgeirrt ist, eine auf Zeit begrenzte Heimstatt in dem Haus des Vaters eines guten Freundes, der jetzt im Altersheim lebt, aber ein berühmter Maler ist. Das Haus mit Atelier, Platten und Plattenspieler, einsam an einem Berghang gelegen, kommt dem Portraitmaler sehr zupass, da er gerade dabei ist, sich auf künstlerisches Neuland zu wagen – wobei gar nicht ganz klar ist, welcher Art dies sein soll. Auf dem Dachboden des Hauses findet er fest verpackt ein Gemälde, dessen Qualität er als überragend einstuft, auch wenn das Dargestellte sehr merkwürdig ist. Das Bild ist von dem Hausbesitzer, das steht außer Frage, auch wenn das Motiv eigentlich nicht typisch zum Genre passt. Und kaum ist jenes Bild entdeckt, geschehen einige merkwürdige Dinge, an denen auch der steinreiche und undurchsichtige Nachbar Interesse zeigt…

Zuerst scheint alles ganz normal zu sein, doch mehr oder weniger langsam verändern sich die Figuren und gleiten über in eine phantastische Welt, die sich nicht entschlüsseln lässt. Es ist ein wenig so, dass man beim Lesen gar nicht so richtig mitbekommt, was hier passiert. Ich habe mich ständig dabei ertappt, dass ich den Verlauf der Geschichte akzeptierte, so verrückt er auch sein mochte – und das ist wahrscheinlich sowohl die Kunst als auch der Trick von Haruki Murakami: Dass man dem Protagonisten einfach abnimmt, was er erlebt, auch wenn vieles davon doch eigentlich gar nicht sein kann… Es ist die kunstvolle Vermischung von dem, was real möglich ist und dem, was eigentlich gar nicht geht, das uns LeserInnen in die Irre führt, gerade so wie ein Vexierspiel, oder wie ein Bild von M.C. Escher: Eben waren wir doch noch ganz sicher, dass alles mit rechten Dingen zugeht, doch plötzlich stehen wir wieder ganz woanders…

Die Geschichte, bei aller Phantastik, bleibt dabei in sich schlüssig – und spannend! Es ist zudem ein großes und zum Glück langes Lesevergnügen. Jedoch muss ich sagen, dass mir Band eins besser gefallen hat; ich finde, trotz der Spannung, die im zweiten Band dramatisch zunimmt, sind dort nicht alle Schattierungen so sauber. So finde ich beispielsweise den Bericht über die Erlebnisse des jungen Mädchens, das der Maler porträtiert, nicht stimmig, weil sich auktorialer und Ich-Erzähler auf eine unsaubere Weise mischen. Das erzeugte bei mir einigen Unmut. Und am Ende wird der Rest der Geschichte beinahe durchgehechelt – ich hätte nichts gegen eine ausführlichere Erzählung des Schlusses gehabt. Aber das mag nur Krittelei sein, denn ich hatte wirklich Spaß beim Lesen, und die Geschichte ist ansonsten fein erdacht und absolut unfassbar unbegreiflich. Toll! Ach wie schön! Von Haruki Murakami werde ich noch viel entdecken können, und das werde ich auch.

 

Nun ist es ja so gewesen, dass ich im letzten Halbjahr die beiden Konzerte meines Streichquartett-Abos nicht wahrnehmen konnte wegen Terminschwierigkeiten. Das kam mir aber eigentlich zupass. Denn in allen vier Konzerten wird Musik von Josef Haydn gespielt. Ah! Haydn, o wie toll! wird mir zwar von allen Seiten zugejubelt – aber ich konnte bislang nicht so viel mit dieser Art von Streichmusik anfangen. Das mag sich ja noch ändern, aber wie dem auch sei, ich konnte die Karten also tauschen, und so suchte ich mir dies Konzert aus – was mir einen sehr beglückenden und anregenden Abend bescherte.

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Das Stück besteht aus 20 Abschnitten, in denen Betrachtungen auf das Jesuskind angestellt werden, zwanzig ganz verschiedenartige Blicke, die auch vom Temperament variieren – es waren zwei rasend spannungsvolle, spannende Stunden, in denen Steven Osborne, der von Messiaens Witwe Yvonne Loriod eingeladen wurde, sich mit diesem Stück (das sie selbst 1945 uraufgeführt hatte) zu beschäftigen, am Flügel sein ganzes Können unter Beweis stellte. Olivier Messiaen war en tiefgläubiger Katholik, dem sein Glaube über alles ging. Für ihn stand außer Frage, dass es einen Schöpfer gibt, der die Welt mit all ihren Wundern erschaffen hat. Zweiflern oder Wissenschaftlern, die diese Theorie zu widerlegen gedachten, soll er gesagt haben, dass sie doch nochmal genau hinschauen sollten; dann müssten sie doch sehen können, dass es der Schöpfer gewesen ist, der alles gestaltet hat. Und so ist Messiaens Musik – mindestens diese hier – ein einziger inbrünstiger und außerordentlich überzeugender Gottesdienst.

Da gibt es zarte, zärtliche, ruhige Passagen, in denen der Flügel sanft behandelt wurde, dann aber wieder wurde es heftig, so  dass Steven Osborne auf die Tasten geradezu hineinhaute, um gleich darauf beinahe von seinem Schemel zu fliegen – so stark war sein Kraftaufwand. Dann wieder war es die Faust, die herniederbrannte, danach folgten einzelne Töne in mal schneller, fast spielerischer Abfolge – laut – und dann gleichzeitig einmal hohe und einmal tiefe Töne. Mit anderen Worten: Steven Osborne hatte ordentlich zu tun, um dieses überaus faszinierende Stück uns Publikum nahe zu bringen. Berührend waren auch Passagen, die von Vogelstimmen inspiriert wurden (Messiaen war ein passionierter Vogelbeobachter); eine Stelle wiederum hatte Anklänge an Blues. Immer wieder ließen sich neue Assoziationen in dieser reichen Musik finden.

Es war ein ganz besonderer, ein ganz intensiver Konzertabend, den ich sehr, sehr, sehr genossen habe. Obwohl es nun schon fünf Tage zurückliegt, schwingen die Töne noch in mir nach, und ich will mir dies Stück ganz gewiss bald erneut anhören.

 

Die Musik von „Carmen“ ist für mich gleichwohl die Erinnerung an eine frühere Zeit in meinem Leben, nämlich der, in der ich mein Abitur über den zweiten Bildungsweg nachholte und dann in Berlin studierte. In dieser Zeit muss ich die Musik sehr oft gehört haben, ich habe in meinen Beständen noch eine ganz abgenudelte Kassette mit dieser Oper, die ich damals viel gehört habe. Habe ich „Camen“ überhaupt mal in der Oper gesehen? Ich kann mich konkret nicht daran erinnern… Wie dem auch sei: Nach den letzten Opernbesuchen, die nicht ganz unanstrengend waren, wollte ich einmal wieder schwelgen – was sicherlich gelungen ist.

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Impressionen aus „Carmen“ in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog, Bühnenbild und Kostüme: Mathis Neidhardt; Bildquelle: siehe Staatsoper Hamburg

Carmen, die Lokalschönheit unter den Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik, ist berüchtigt dafür, dass sie die Männer anzieht – doch beherrschen lassen will sie sich von niemandem. Sie ordnet sich niemandem unter und tut, was sie will, ist launisch, aggressiv und freiheitsliebend in einer Radikalität, die sie unfassbar macht. Damit ist sie beinahe der komplette Gegenentwurf zu Don José, einem einfältigen Hitzkopf, der sich zwar an der Normalität orientiert, diese aber nicht leben kann – denn sonst hätte er sich nicht so rasend in Carmen verguckt… Beiden ist gemein, dass sie Außenseiter sind. Während Carmen sich keiner gesellschaftlichen Ordnung beugen will, gelingt es Don José einfach nicht. So musste er aus seiner Heimat, dem Baskenland, fliehen, weil er dort durch seine Hitzköpfigkeit in Konflikt mit der Polizei geraten ist. Und auch wenn er eigentlich dem Wunsch seiner Mutter folgen will und Micaela, seine Ziehschwester, heiraten will, so schafft er es nicht, sich anzupassen und verliebt sich Hals über Kopf in Carmen, die ihm haushoch überlegen ist und dazu auch viel zu sexy und kriminell veranlagt.

Carmen wurde von der wunderschönen Nadezhda Karyazina gegeben, und das ist ihr ausgezeichnet gelungen. Verführerisch-lasziv wickelt sie den etwas einfältigen Don José (Teodor Ilincai) um den Finger, nur ganz verstehe ich nicht, warum sie sich ausgerechnet für diesen Burschen (zeitweise) so erwärmt. Was habe ich verpasst wahrzunehmen? Ebenso schwierig fand ich die Darstellung von Escamillo, dem Torero (Gábor Betz), dessen Ausstrahlung meiner Meinung nicht ausreichte und dessen (wie ich fand lächerliches)  Kostüm, ein glitzernder Satin-Ganzkörperanzug mit Kapuze in Gold, extrem gestört hat.

Gesungen hingegen haben sie alle sehr überzeugend, und die Musik war an diesem Abend der absolute Höhepunkt. Eine wunderbare Oper!

Ein Weißer aus der Unterschicht, ein Schwarzer aus elaborierten Kreisen, und das 1962 in den USA: Da ist es nicht egal, wo denn in den USA… Während in New York der ganz alltägliche Rassismus herrscht, den man sicherlich dort auch noch immer finden kann (wie ich vermute, wahrscheinlich allerdings in mittlerweile weiter abgeschwächter Form), gilt in den Südstaaten noch Rassentrennung. Immerhin gibt es Ausnahmen von der Regel, wenigstens ab und an. Beispielsweise, wenn ein Trio, bestehend aus einem brillanten Pianisten, der zufälligerweise schwarz ist und zwei russischen (!) Musikern dessen Künste in illustren Kreisen vorführen darf… Und – und das macht den großen Reiz dieses Films aus – der Fahrer des Pianisten Don Shirley dafür verantwortlich ist, dass die Tournee reibungslos abläuft…

Viggo Mortensen als Toni Lip, Mahershala Ali als Don Shirley in „Green Book“; Bildquelle: Filmstarts.de

Der Film stellt die komplette Rassenfrage einmal mehr auf den Kopf und bringt es auf den Punkt: Menschlichkeit ist keine Frage der Hautfarbe. Doch wo der Rassismus seine Zäune aufgestellt hat, lässt sich dies nicht erkennen.

Toni Lip, der mit seiner ganzen Sippschaft in Brooklyn lebt und seine Familie mit Gelegenheitsjobs ernährt, erhält das Angebot, Don Shirley zwei Monate lang durch die Südstaaten zu fahren. Als Hilfestellung drückt man ihm das Green Book in die Hand, in dem die Gasthäuser verzeichnet sind, die auch Schwarze beherbergen. Doch damit ist es nicht getan: Anfeindungen werden dem überaus vornehmen und würdevollen Don Shirley von allen Seiten zuteil, mal von Kneipenbesuchern, mal von der Polizei, ja sogar auch von anderen Schwarzen. So wie bei einer Autopanne die schwarzen Landarbeiter den vornehmen Don Shirley und seinen weißen Fahrer, der in diesem Fall ganz klar der Untergebende ist, anstarren, als wären es Außerirdische, sind auch die weißen Gastgeber im einen oder anderen Fall überfordert: Beispielsweise als Don Shirley einmal die Toilette aufsuchen will und auf das Plumpsklo im Garten verwiesen wird, denn zwar wird er als Musiker akzeptiert, jedoch nicht als gleichberechtigter Mensch. Schizophrene Situation, das!

In diesem Roadmovie kommen sich die beiden unterschiedlichen Menschen langsam einander näher, und sie lernen einander schätzen. Wenn Toni Lip es vielleicht spleenig findet, dass Don Shirley den kleinen Diebstahl eines Halbedelsteines oder die Müllentsorgung aus dem Autofenster nicht durchgehen lässt, so kann doch Don Shirley die besseren Liebesbriefe für Tonis Frau formulieren… Wenn Toni von dem Pianisten eine würdevolle Haltung lernt, die er später schließlich und endlich über alle niederen Beweggründe zu stellen vermag, kann Don Shirley durch seinen weißen Fahrer Jazz- und Bluesmusik anderer schwarzer Künstler kennenlernen und dazu ein anderes Savoir-Vivre. Das anzusehen, war launig und unterhaltsam, nicht zuletzt durch Viggo Mortensens ausgelassene Schauspielfreude, die einen doch recht mitgehen lässt.

Doch eines habe ich trotz allem nicht recht verstanden: Was hat Don Shirley mit dieser Reise in die Südstaaten (diese Reise beruht übrigens auf wahre Begebenheiten) eigentlich wirklich bezweckt: es hätte vielleicht eine politische Mission sein können, doch dafür kam mir dies zu wenig als sein Anliegen rüber. Vielleicht war es Ausdruck der persönlichen schizophrenen Lage, in der sich Don Shirley befand: Als hochgebildeter Schwarzer in einer Schicht aufzuwachsen, die ganz und gar durch weißhäutige Menschen bestimmt wurde, und also in einem menschlichen Vakuum zu sein, einerseits leidenschaftlich hochgeschätzt und andererseits  ebenso leidenschaftlich verachtet… Das hat sich mir ehrlich gesagt nicht ganz erschlossen. Vielleicht ist es das, was mich nicht ganz und gar zufrieden aus dem Kino gehen ließ; auch der rührselige Schluss war mir zu aufgesetzt. Gut, ich kann akzeptieren, dass dies kein Film über Rassismus ist, dafür war die Konstellation der Protagonisten einfach zu speziell. Vielleicht war es am Ende doch einfach „nur“ eine Hollywoodkomödie mit tragischen Elementen… Verstehen kann ich den Hype um diesen Film nur teilweise: So kann ich von den fünf Oscar-Nominierungen eigentlich nur den für den besten Hauptdarsteller für Viggo Mortensen nachvollziehen. Warum die Nominierung für das „beste Originaldrehbuch“? Da, glaube ich, muss es doch wohl bessere geben…

 

„Glass“ – Film von M. Night Shyamalan

Veröffentlicht: 29. Januar 2019 in Filme, Kino, Kultur

An gleich zwei Filme vom selben Filmemacher knüpft dieser Film an: Zum einen an „Unbreakable“ aus dem Jahr 2000, zum anderen an „Split“ von 2017.

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Psychisch krank oder in Wahrheit Comichelden? Samual L Jackson, James McAvoy und Bruce Willis in „Glass“; Bildquelle: Filmstarts.de

Die drei Hauptprotagonisten werden in eine Klinik für psychisch Kranke gebracht und dort festgehalten, damit eine Ärztin, die sich auf Wahnvorstellungen von Menschen spezialisiert hat, die glauben, sie hätten übermenschliche Fähigkeiten wie Comichelden, sie beurteilen kann. Doch kann man Menschen mit solchen Fähigkeiten – oder Vorstellungen – wirklich festhalten? Es kommt, wie es kommen muss – letztendlich aber doch ganz anders, als man denkt… Und mehr sage ich auch gar nicht zu dem Inhalt…

Es ist ein echter Shyamalan-Film: Temporeich, spannend in gewisser Weise, aber vor allem voller überraschender Wendungen, für die Shyamalan seit „The sixth sence“ berühmt ist. Es ist auch ein Film, in dem die Schauspieler – allen voran James McAvoy (dessen Spielfreude und aber auch Können mich restlos überzeugt hat)  – einmal mehr ihr spielerisches Können zeigen. Doch ich bewundere ebenfalls dies phantasievolle und dabei b.a.w. schlüssige Drehbuch, das nicht nur stimmig ist, sondern dabei auch spannend, temporeich – und dazu absolut überraschend.

Ich bin mit dem Film absolut zufrieden, abgesehen von einem vielleicht allzu eitlen Cameo-Auftritt des Regisseurs, aber was soll’s. Kleine Schönheitsfehler sind doch immer drin! Zudem hat Shyamalan den Film aus eigener Tasche finanziert und sich dadurch unabhängig von Produzenten gemacht, die ihm in den Stoff hineingeredet hätten. Und wer weiß, wozu das gut war, bzw. sein wird, denn mich düngt, Shyamalan hat Großes vor… Auch wenn er selbst es bestreitet, glaube ich an einen weiteren Film, der an die Handlung dieser drei in irgendeiner Form anschließt. Aber so oder so: Ich freue mich schon auf den nächsten Film und vertraue einmal mehr dem Genie von M. Night Shyamalan!