Eine Wette soll zeigen, dass die Verlobten von Fernando und Guglielmo auch nicht besser sind als andere Frauen: keine sei treu, alle machen es so, behauptet Don Alfonso. Die beiden Männer glauben das nicht und lassen sich auf eine Wette ein – die zu einem Resultat führt, das nicht nur die Männer nicht für möglich gehalten hätten, sondern zudem eigentlich alles – Liebe, Treue, Ehe als gesellschaftliche Konstante – in Frage stellt.

Trailer Cosi fan tutte von der Hamburgischen Staatsoper

Nicht erst heute mutete die Geschichte seltsam an, auch zu Mozarts Zeiten war es ein seltsames Thema, das er sich da vorgenommen hatte, wenn auch aus ganz anderen Gründen als heute. Damals wurde Liebe in der Gesellschaft anders gesehen: Ein Ehepaar, das sich liebt? Sowas galt als unanständig. Es war sozusagen verpönt, sich diesbezüglich öffentlich zu outen.

Und heute: sicher kein Thema, eher im Gegenteil. Aber ein Treuetest, der ist heute so absurd wie damals.
Doch weil Mozart so wunderbare Musik zu der Handlung gefunden hat, wird all dies doch akzeptiert, damals wie heute.
Die Inszenierung setzt sich entsprechend über die psychologischen Aspekte hinweg – die „gab“ es zu Mozarts Zeiten schließlich sowieso noch gar nicht.

In Anklängen an die Commedia del’Arte findet Herbert Fritsch Kostüme, die bunt und witzig sind, und zum Einen den Zyniker Don Alfonso als solchen auch zeigt, wenn er mit weißen Handschuhen, die er wie ein Dirigent hin und her bewegt und damit bestätigt, was er erwartet, zum Anderen das Hausmädchen der beiden Schwestern, Despina, spinnenähnlich in Kostüm und Szene setzt, was äußerst passend ist, denn in der Tat spinnt sie fleißig an dem Netz der Intrige, das die beiden Schwestern nur so einfach hereinrasseln lässt in die Entlarvung ihrer vermeintlichen Treue.

Spannend ist, so erklärte es uns der Operndramaturg bei der Einführung, dass die vier Stimmen der beiden Paare in der Ausgangssituation  unkonventionell zusammenfanden: der Tenor liebt die Mezzosopranstimme, der Bariton den Sopran. Das Verkehrte wird durch den Partnertausch wieder „richtig“ und bleibt doch falsch…
Am Ende, als herauskommt, dass die beiden Verlobten ihre Liebsten einem Test unterzogen hatten, ist dennoch alles offen. Denkbar sind beide Kombis, warum auch nicht?

Die Aufführung bleibt ein buntes – und zwar quietschebuntes – Spektakel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Es ist eine grade, unkomplizierte und witzige Inszenierung, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Ich fand das so unterhaltsam wie tiefgründig.

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patentoechterJulia Albrecht ist die kleine Schwester von Sabine Albrecht, die 1977 die Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar in das Haus von Jürgen Ponto einschleuste, was dessen Tod bedeutete. Jürgen Ponto und Hans Christian Albrecht, der Vater der Schwestern, waren sehr gute Jugendfreunde und Paten für Kinder des jeweils anderen: Jürgen Ponto war es für Julia Albrecht und Hans Christian Albrecht für Corinna Ponto. Nach dem Anschlag auf Jürgen Ponto brachen die Familien den Kontakt ab. Julia Albrecht, damals 13 Jahre alt, verlor durch die Untat ihrer Schwester ein Stück ihrer eigenen Identität, wurde sie doch nunmehr als „Schwester von …“ gesehen. Diese Tatsache, aber auch der Mord und dann der abgebrochene Kontakt zu der Familie Ponto, waren mehr als lähmend. Wie geht man mit diesem Ereignis um? Wer muss die Schuld tragen, die die Schwester ihrer Familie aufgebürdet  hat, und wie schwer ist es, erst recht in der Pubertät, wenn man als eigenständiges Individuum übersehen wird, weil die Schwester eine so große, zudem komplett negative Rolle spielt? Kann man dies alles überhaupt verarbeiten, aufbereiten, und wenn, wie, und wer hilft dabei? Das alles und noch viel mehr sind bitterschwere Fragen, die Julia Albrecht seit ihrem 13. Lebensjahr mit sich herumträgt und die zu erörtern alles andere als leicht sind. 30 Jahre später hat Julia Albrecht Kontakt zu Corinna Ponto aufgenommen, um das Schweigen endlich zu brechen. In einem Briefwechsel ist es ihnen endlich möglich, diese Bürde ein Stück weiter aufzuarbeiten, und durch das Buch über diesen Dialog können auch wir uns 30 Jahre später diesem Thema erneut annähern.

Darum also handelt dieses Theaterstück, das auf Basis des Buches entstand, echt harter Tobak. Auf der Bühne sehen wir zwei Wohnungen mit jeweils zwei identischen Räumen, die spiegelverkehrt  aufgebaut wurden, so dass wir im einen Teil das Wohnzimmer, in dem anderen die Küche im vorderen Bereich sehen. In diesen Räumen wuseln jeweils 3 gleich gekleidete Frauen verschiedenen Alters herum: es sind Julia Albrecht und Corinna Ponto in jeweils verschiedenen Altern. Und so wie das Bühnenbild und die Schauspielerinnen also verschiedene Aspekte der Geschichte beleuchten, geschieht dies in den Dialogen, die die verschiedenen Themen, aber auch den Ablauf der damaligen und der darauf folgenden Geschichte beleuchten. Da ist zum Beispiel der genaue Hergang: Wie Sabine Albrecht schon vor der Tat ab und zu wie zufällig bei der befreundeten Familie auftauchte, sodass kein Verdacht aufkommen sollte, als sie schließlich mit zwei vermeintlichen Freunden im Schlepptau vor der Tür steht. Aber wie geht es weiter? Wusste Sabine Albrecht, dass die beiden sofort Jürgen Ponto niederschießen würden? Sie war ja von einer Entführung ausgegangen, aber was war vorbereitet, damit Jürgen Ponto das Haus – gar freiwillig? – verlassen würde?? Fragen über Fragen. Oder auch: Die Eltern von Sabine Albrecht wussten, dass sie mit Personen in Kontakt gekommen ist, die radikale Ansichten hatten und waren froh, als Sabine in den Wochen vor der Tat vermeintlich Abstand genommen hatte. Radikale Ansichten: Wo fängt es an, und wo hört es auf? Ist davon auszugehen, dass jemand mehr oder weniger aus heiterem Himmel Verrat an den Jugendfreund des Vaters begeht? Hinterher erkennt man die Zeichen, aber wenn man mittendrin steckt? Ihr seht schon, es tun sich eine Menge, eine Unzahl von Fragen auf, eine schwerer zu beantworten als die nächste.

Auf der Bühne also wuseln die jeweils drei Frauen herum, einmal ist es die Situation unter den Geschwistern – Julia liebt ihre 13 Jahre ältere Schwester Sabine abgöttisch (während Sabine Albrecht, als sie 1990 in Berlin-Marzahn gefunden wurde, angab, sich kaum erinnert zu haben, dass sie überhaupt eine kleine Schwester hätte), dann wieder geht es um die Frauen 30 Jahre nach dem Vorfall, oder eben um Situationen innerhalb der Zeitspanne, und immer wieder werden Passagen beinahe wie ein Mantra wiederholt, ähnlich wie Gedanken, die ständig und immerzu um ein bestimmtes Thema kreisen. So wird auch das Publikum mitgerissen auf eine intensive Zeitreise und in die Gedankenwelt der beiden betroffenen Frauen, und zwar auf eindringliche und intensive Weise.

Es war ein intensives, konzentriertes Theatereignis, das hier stattfand, das uns noch einmal zu den Geschehnissen von vor 30 Jahren zurückführen, zur RAF und deren schrecklichen Taten und auch in die zynische Welt der DDR-Regierung, die diese Personen nach dem Anschlag aufhnahm und versteckte, sie vorher sogar entsprechend trainiert hatte, um solchen Anschlag auszuüben. Um es kurz zu sagen: Mitreißend, intensiv, bewegend. Wer kann, möge das Stück anschauen. Oder das Buch lesen. Oder beides.

Die Dreigroschenoper ist für mich beinahe so etwas wie die Initialzündung meiner Theaterbegeisterung, auch wenn sich diese in den letzten Jahren nicht mehr so recht zeigen wollte (scheint sich aber gerade wieder zu ändern, vielleicht). Und dies Stück wollte ich wirklich schon lange mal wieder sehen. Wohlwissend, dass dieser Film zwar nicht die Dreigroschenoper zeigt, sondern vielmehr Brechts Bemühungen einer Verfilmung zum Thema hat, war aber sonnenklar, dass ich ihn sehen wollte – unbedingt! Und ich habe es auch nicht bereut.

Das Boot am Ufer losgemacht: Filmszene aus Mackie Messer – der Dreigroschenfilm mit Hannah Herzsprung und Tobias Moretti; Bildquelle: Filmstarts.de

Wie gesagt, im Film geht es vielmehr um die Verfilmung des Stücks. Nachdem Berthold Brecht und Kurt Weill auf der Premiere gebibbert haben, ob das Publikum das Stück annehmen würde und sodann auf große Begeisterung stießen, gab es diesen Plan. Produzenten und Filmfirma fanden sich ebenfalls, jedoch bestand von dieser Seite die Meinung, dass an der ein oder anderen Stelle Modifizierungen vorgenommen werden müssten, sowohl aus Kostengründen als auch aus moralischen und gar politischen Gesichtspunkten betrachtet. Und so verhandeln der Filmproduzent  und Berthold Brecht (Lars Eidinger), und gehen das Stück einmal durch – was uns entsprechend vorgespielt wird. Wir sehen also das, was Brecht vielleicht so vorschwebte, und das ist ganz enorm gutes Theater mit mitreißendem Gesang. Die Besetzung war entsprechend toll: Der sehr charismatische Macheath wurde überzeugend von Tobias Moretti gegeben, Hannah Herzsprung war perfekt als Polly, Britta Hammerstein war ebenfalls überzeugend in der Rolle der Lotte Lenya bzw. „Seeräuber“ Jenny – ah! Wunderbar! (auch wenn ich schon als Kind die Single-Platte mit Lotte Lenya als Seeräuber-Jenny immer und immer wieder hörte, weil ich sie so liebte – die Darbietung in dem Film war ebenfalls klasse). Großartig und überraschend toll hat auch Joachim Król als Peachum gespielt und gesungen. Diese Ausführungen haben mir Riesenspaß gemacht. Grenzwertig waren die aufwendigen aber wie ich finde konventionellen (Ballett-)Tanzeinlagen. Das war mir persönlich etwas zu geleckt und ästhetisch und erinnerte mich eher an das Fernsehballett aus den achtziger Jahren (damals guckte ich noch fern, jetzt ja schon lang nicht mehr, deshalb weiß ich auch nicht, ob das immer noch so ist wie damals).

Der Film an sich kam nie zustande, letztendlich scheiterte alles sowohl am Geld als auch am aufkeimenden Nationalsozialismus.

Kurz gesagt: Wer die Dreigroschenoper liebt, kann unbehelligt in den Film gehen, denn man kommt auf seine Kosten: Tolle Gesangseinlagen und überzeugende SchauspielerInnen machen’s möglich! Manchmal vergisst man vielleicht sogar ein wenig, dass sich die eigentliche Handlung um die Filmproduktion und den damit verbundenen Schwierigkeiten dreht. Aber auch das war interessant, beleuchtet dies das Stück ebenfalls, beispielsweise um Fragen des Anstandes von 1930, die klare politische Ausrichtung des Stückes, aber auch finanzielle Aspekte.
Ich kann den Film auf jeden Fall empfehlen.

Vom roten Sofa aus betrachtet

Veröffentlicht: 23. September 2018 in Filme, Kultur

Dies war mein Homekinoprogramm in der letzten Zeit:

„Die Nacht des Jägers“ – Film von Charles Laughton (1955)

Dies ist ein Filmklassiker, der sich auch heute noch lohnt: Die Stimmung in dem Film ist so düster und bedrohlich, dass es einen wirklich gruselt… Der Wanderprediger Harry Powell ist ein Psychopath. Er zieht durchs Land und bestraft Frauen für ihr zügelloses Benehmen, indem er sie umbringt. Sein nächstes Opfer ist die Frau eines Mitgefangenen, der sein Diebesgut noch verstecken konnte, bevor er im Gefängnis und dann am Galgen landete. Auf dies hat Powell es abgesehen. Jedoch wissen nur die Kinder des Diebs, wo sich das Geld befindet. Also bedroht er auch diese… Die Szenen sind in eindringlichen Schwarzweißbildern gedreht worden, und jedes Bild ist einfach perfekt. Robert Mitchum als Harry Powell ist unglaublich überzeugend. Ihn soll die Rolle auch persönlich hart angegangen sein, identifizierte sich derart mit dem Psychopathen, dass es ihn selbst erschreckte und er erst viel später über seine Rolle sprechen konnte. Und das merkt man auch. Doller Film, unbedingt sehenswert!

Szene aus „Die Nacht des Jägers“ mit Robert Mitchum; Quelle: Filmstarts.de

„Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ – Film von Ang Lee (2012)

Dieser Film hat so unendlich schöne Bilder, dass ich mich nicht sattsehen kann! Damals im Kino fand ich ihn schon toll, wegen der Bilder und auch wegen der Thematik: Der junge Pi Patel erleidet samt Familie und Zootieren Schiffbruch. Das Rettungsboot muss er sich ungünstigerweise mit einem Tiger teilen. So gefährlich diese Situation auch ist, rettet ihm vielleicht genau dies sein Leben: Keine Sekunde darf er unachtsam sein, und dies erweckt ungeahnte Kräfte in ihm. Auch beim dritten Mal Schauen – aoder vierten Mal??? – bleibt der Film unbedingt sehenswert.

„Interstellar“ – Film von Christopher Nolan (2014)

Auch diesen Film kann ich mir immer und immer wieder anschauen, und auch diesmal habe ich neue Aspekte entdeckt (oder hatte ich nur etwas vergessen??). Ein spannender und kurzweiliger Film mit grandiosen Bildern, zugleich eine Dystopie, Weltraummärchen und in gewisser Weise auch ein Heldenepos.

„Mord im Orient Express“ – Film von Kenneth Brannagh (2017)

Filmszene aus „Mord im Orient Express“ mit Kenneth Brannagh; Bildquelle: Filmstarts.de

Diesen Film kannte ich noch nicht, bzw. nur in der alten Verfilmung mit Ingrid Bergmann, aber wann habe ich den wohl gesehen? Vermutlich als Kind… Dennoch war mir die Handlung noch ein Stück weit präsent. Nun also neu. Besser? Das kann ich zwar nicht wirklich beurteilen, aber meiner Einschätzung nach eher nicht. Mich nervte schon der übertriebene Schnurrbart des Ermittlers Hercule Poirot, den der Regisseur höchstselbst zum Besten gab. Trotz der Starbesetzung mit Johnny Depp, Willem Dafoe, Michelle Pfeiffer, Judy Dench und noch vielen weiteren Stars wirkte mir alles zu aufgesetzt. Vielleicht ist es aber auch schlicht und ergreifend mein Krimiproblem, das mich davon abhielt, den Film zu mögen. Das Ende – ich meine in diesem Falle Hercule Poirots Verhalten – hat mich deshalb auch nicht überzeugt. Dafür kann der Film natürlich nichts, der schließlich und endlich ja „nur“ die Handlung von Agatha Christie zeigte. Ich wäre trotzdem – tatsächlich! – nochmal neugierig auf den alten Film von Sidney Lumet von 1975.

 

Ich muss zugeben: Diesen Fotografen kannte ich nicht, mindestens nicht namentlich. Wie gut, dass die Ausstellung es mir ermöglichte, diese Bildungslücke zu schließen!

corbijn

Teilscreenshot von der Seite des Bucerius Kunsforum

Dass mir Corbijns Fotos unbekannt waren, liegt auch daran, dass ich mich für Rockmusik nicht besonders interessiere. Daher sind mir Coverfotos von den einschlägigen Bands auch unbekannt. Aus dem selben Grund glaube ich nicht, dass ich in der Lage bin, die Aussagen der Fotos von Musikern komplett zu erfassen, denn sie sind mehr als Portraits – spiegeln sie doch einen gewissen Lebensstil wider, und dies auf sehr überzeugende Weise.

In dieser Austellung geht es um drei große – ich sag mal: Themen: Zum Einen finden sich jede Menge Fotos von Musikern und teilweise Schauspielern, dann gibt es eine Fotoreihe „somebody“, in der Anton Corbijn sich als verschiedene mittlerweile verstorbene Musiker verkleidet und Fotos von sich in dem Wohnort seiner Kindheit fotografiert. Dazu noch eine kleine Reihe von Fotos, die auf Friedhöfen entstanden sind.

Die Fotos der Stars sind überwiegend in Schwarzweiß, oder auch in blauweiß entstanden. Sie zeigen mehr als den Menschen, sie zeigen den Menschen in einem Spannungsfeld zu etwas anderem – dem Schwarz nämlich, das in so gut wie jedem Bild eine entscheidende Rolle spielt. In dem Schwarz nämlich lösen sich die Konturen auf, und es scheint, als ob sich die Figur aus ihm herausgearbeitet hat, um das zu zeigen, was sie ist in Bezug zu dem, aus dem sie entstand. Ein ganz existentielles Gefühl stellt sich beim Betrachten ein, es ist mehr als ein bloßes Portrait, nein, es ist Kunst, ganz klar.

Die Reihe von Fotos, in denen Anton Corbijn in die Verkleidung von verstorbenen Stars schlüpfte, ist ebenfalls spannend: Die Fotos sind in dem Ort seiner Kindheit entstanden, und vermutlich lebten die Stars in seiner Kindheit auch noch und begleiteten den jungen Corbijn beim Erwachsenwerden, insofern scheint mir dies ein sehr persönliches und autobiografisches Statement zu sein. Corbijn zeigt seine Verbundenheit mit jenen Künstlern, die in seiner Kindheit vermutlich wichtig für ihn waren und ihn gleichzeitig aus dem kleinen niederländischen Ort in geistiger Hinsicht in die Weltbürgerschaft katapultierte. Die kleine Reihe mit den Aufnahmen von Friedhöfen verbindet vielleicht diese beiden Pole, denn um Tod geht es Corbijn wohl doch zumeist in seinen Werken.

Es ist eine wirklich sehenswerte Ausstellung! Ich hatte mir den Audioguide von der Website geladen, war jedoch in Begleitung einer Bekannten, die ihn sich am Tresen vor Ort holte. Hier gab es dann noch Musikeinspielungen von den Bands zu hören. Die fehlten bei dem Online-Audioguide, was ich schade fand.

 

978-3-499-21834-7Ein Jugendroman, den ich zum vorletzten Geburtstag geschenkt bekommen habe, stach mir vor kurzem in meinem Regal der ungelesenen Bücher ins Auge, und rief: „lies MICH!“ So geschehen.

Die drei ungefähr 17jährigen Ratte (eigentlich heißt sie Nina), Paul und Alexandra (genannt Alex) bilden ein Dreiergespann, das so fest zu sein scheint, dass andere Leute in ihrer Klasse beinahe nicht existieren. Doch gerät diese Clique ins Ungleichgewicht durch gleich zwei Ereignisse: Ein Referendar sucht die Nähe der drei, und Ratte verliebt sich in eine Klassenkameradin. Alex, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, fühlt sich zu dem Referendar hingezogen. Auf einer Klassenreise, ausgerechnet nach Auschwitz, entladen sich Alex‘ verwirrte Gefühle in einem Kuss mit ihrem besten Freund Paul – und dies mitten im KZ… Plötzlich steht dieser unmögliche Kuss auf unmöglichem Grund als Foto im Netz. Und Paul verschwindet.

Wie sich die Dinge klären, hat Lena Gorelik in einem lockeren Sprachduktus packend zu erzählen vermocht. Alex merkt selber nicht, was Phase ist, fühlt sich von ihrer besten Freundin Ratte verlassen, und Paul ist verschwunden. Und ich als Leserin? Bin Alex‘ Unfähigkeit voll aufgesessen und habe das Ende ebenso wenig kommen sehen, wie die Figur. Ich finde, das spricht schon sehr für diesen Roman, wenn der Leser mit der Hauptfigur leidet und genauso wenig weiter weiß, wie sie. Das hat mich beeindruckt. Es ist ein packender Roman. Geschenkt wurde er mir auch in Hinblick auf meinen Sohn, der zugleich als Leser gewonnen werden sollte – aber daraus wird wohl nichts, jedenfalls erstmal nichts (obwohl er mit 16 Jahren sicherlich zur Zielgruppe gehört).

„Gundermann“ – Film von Andreas Dresen

Veröffentlicht: 16. September 2018 in Filme, Gedanken, Kino, Kultur

Ich als angestammte Westdeutsche staune immer über die Sache mit der Stasi in der ehemaligen DDR. Auch wenn ich in meiner Berliner Zeit – ich lebte schließlich um den Mauerfall in Westberlin – durchaus auch eine Person kennengelernt habe, die vor lauter Druck, den die Stasi auf sie ausgeübt hatte (sie wollten sie als Informantin gewinnen) „rübermachte“, habe ich insgesamt doch gar keinen Bezug zu diesem Thema. Von dem Liedermacher Gundermann hatte ich bislang ebenfalls noch nie gehört. Um so dankbarer bin ich über diesen Film, der mir dieses Thema einmal mehr näherbrachte, und auch diesen Künstler.

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Alexander Scheer ist Gundermann; Szene aus dem gleichnamigen Film (Quele: Filmstarts.de)

Gundermann war nicht nur Sänger, er war auch Baggerfahrer im Schichtdienst und zudem überzeugter Anhänger der Staatsform der DDR. In letztgenannter Eigenschaft jemand, der sein Land mitgestalten und aus diesem Grunde konstruktive Kritik üben wollte. Diese jedoch war nicht erwünscht, und so wurde er auch aus der Partei ausgeschlossen. Anerkennung erhielt er jedoch für seine Leistung als Stasi-Spitzel, der seine Kollegen auf dem Bau und seine Künstlerkollegen ausspionierte. Die Geschichte spielt 1992, als er mehr durch Zufall auf diesen Teil seiner Biografie (er spitzelte wohl bis 1984) erneut gestoßen wurde. Er hatte es vollkommen verdrängt, dass er für die Stasi seine Mitmenschen ausspionierte, und nun wundert er sich über sich selbst. Sogar seine eigene Frau hatte von dieser Seite ihres Mannes nichts gewusst, obwohl die beiden sich schon Jahrzehnte kannten, und auch sie kann es nicht glauben, dass Gundermann dazu fähig war…

Nach Durchsicht seiner eigenen Akte entschuldigt er sich bei den Opfern. Zum Glück war mit ihnen nichts Schlimmes passiert, „aber das hast Du ja vorher nicht gewusst“, schmettert ihm ein Bespitzelter entgegen. Und nach Aktenlage wurden denn wohl auch drei oder vier Personen durch Gundermanns Aussagen observiert. Auf die Frage, warum er denn solch ein eifriger Spitzel gewesen sei, weiß Gundermann auch keine richtige Antwort: „Ich wollte doch etwas in meinem Staat bewirken“, ist wohl auch nur eine recht schwache Erklärung, denn mit der Aussage, dass dieser oder jener sich im Intershop eine Jeans gekauft habe, lässt sich so recht nichts bewegen.

Interessante Geschichte, die einmal mehr diese verdammte Rhetorik des DDR-Staates reflektiert: Dieser vollkommen integere Mann, der auf keinen Fall mit seiner Musik seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte, damit er nicht zum Spielball politischer Interessen werden konnte, wurde ausgenutzt, und das sogar, ohne dass er richtig merkte, wie ihm geschah. Was macht so etwas mit einem? Irgendwo muss es einen Bruch in der Persönlichkeit geben, der in den tiefsten Tiefen verschüttet wurde, aber doch da ist. Es ist unglaublich gemein, was den Menschen in der damaligen DDR angetan wurde.

Ich weiß nicht, vielleicht lässt sich auch durch das diesem System Ausgesetztsein erklären, weswegen viele Menschen sich in den neuen Bundesländern so verunsichert fühlen, und warum viele nach einem Leitbild suchen oder den öffentlichen Aussagen nicht über den Weg trauen („Lügenpresse“). Das erklärt sicher nicht alles, zumal es natürlich auch im Westen diese Strömungen gibt. Doch im Osten eben stärker. Insofern ist es gut, dass es diesen Film gibt, der sich mit dieser Seite der ehemaligen DDR auseinandersetzt. Übrigens wurde toll gespielt: Alexander Scheer gab einen sehr überzeugenden Gundermann ab.