Im April bis Juni gab’s gleich zwei Bücher für mich auf die Ohren, ein Gruselroman und einen, den ich mal mit „historisch“ betitele…

„Revival“ – Roman von Stephen King, gesprochen von David Nathan

Ein dickes Hörbuch war das, und ich frage mich ernsthaft, ob das sein musste… Es ist die Lebensgeschichte von Jamie, der in Abständen auf den Priester David Jacobs trifft. Dieser ist zunächst Prediger in der Gemeinde des damals fünfjährigen Jungen. Während er die Erwachsenen mit seinen Reden fesselt und die Kinder mit elektrischen Effekten verzaubert, wendet sich das Bild, als Jacobs‘ Familie bei einem Unfall ums Leben kommt. Jacobs wandelt sich von einem gottesfürchtigen Kirchenmann zu einem  gottesverfluchenden Hetzredner, was ihn seine Stellung und sein Ansehen in der Gemeinde kostet.

Jahre später trifft der mittlerweile drogenabhängige Jamie auf einem Jahrmarkt erneut auf Jacobs, der mit elektrischen Vorführungen seltsame psychologische Effekte bei seinen freiwilligen Kunden hervorrufen kann – oft zum Guten: so kann er Jamie von seiner Sucht befreien; aber nicht selten ist es am Ende doch zum Schaden der Menschen, die, so bleibt der Verdacht, Spätschäden von den elektrischen Spielereien davontragen.
So gibt es immer wieder Begegnungen zwischen Jamie und Jacobs, und Jamies Ahnung von Jacobs gefährlichen Versuchen nimmt immer mehr Gestalt an, wiewohl auch Jacobs eine Wandlung zum Manischen durchlebt und sich schließlich der Horror schlechthin seinen Weg bahnt…

Ja, es ist ein King, dieser Roman, ja, und es wird erwartungsgemäß ziemlich gruselig. Doch empfand ich stellenweise ziemlichen Missmut, denn es dauert furchtbar lange, und es werden Geschichten aus Jamies Biographie geschildert, die mich zwischenzeitlich langweilten, weil hier einfach nicht auf den Punkt gekommen wurde. Das fand ich doch ziemlich ermüdend. Deutlich kürzer wäre deutlich besser gewesen, meiner Meinung nach.

„Tyll“ – Roman von Daniel Kehlmann, gelesen von Ulrich Noethen

Der Titel, und auch der Beginn des Romans erwecken Erwartungen, die letztendlich nicht erfüllt wurden. Mit dem Namen des Romans ist ja Tyll Ulenspiegel gemeint, und  in der Tat kommt Tyll in dem Buch vor – jedoch wie eine beständige Marginalie. Auch wenn der Roman sich an der Lebenszeit von Tyll orientiert und auch von dessen Kindheit und überhaupt Leben erzählt wird, so bleibt er dennoch Statist. Denn eigentlich geht es um die Zeit des dreißigjährigen Krieges. Es war schon interessant, wie sehr mich das irritiert und zunächst auf die falsche Fährte gelockt hat. Tatsächlich brauchte ich doch länger, um zu realisieren, dass in diesem Roman mehr der Zeitgeist während des dreißigjährigen Krieges im Mittelpunkt steht, als der die Menschen foppende, sich aus den schwierigsten Situationen herauswindende Tyll.

Wir erfahren viel über die Zeit: Wie Tylls Vater, der irgendwie einen anderen Blick auf die Phänomene um ihn herum warf, man könnte diesen versponnen und skurril nennen, schließlich aus genau diesem Grund der Hexerei bezichtigt wurde;  welchen Einfluss also die Kirche und der Aberglaube auf die Menschen ausübte, und wie sich die Adligen bemühen, in den Wirren des Krieges nicht unterzugehen – über all das berichtet dieses Buch, das vor Geschichten und Bildern der unterschiedlichsten Arten nur so strotzt. Ich mochte diesen Geschichten unbedingt lauschen, während einer längeren Autofahrt, muss aber sagen, dass ich nicht immer so konzentriert dabeigeblieben bin. Ob ich es nochmal lesen würde, um diverse Lücken zu schließen, weiß ich dann aber doch nicht.

Unerschrockene Frauen – das ist das, was die Welt wirklich braucht! Das zeigt sich in der Vergangenheit, und die Autorin hat in diesem Buch 15 Portraits von Frauen gezeichnet, die der Welt gezeigt haben, dass sie sich kein Y vors X-Chromosom setzen lassen! Diese 15 Frauen haben sich auf ganz unterschiedliche Weisen verdient gemacht: Da ist das Portrait von Josephine Baker, die dem Jazz und den Blick auf Frauen auf sehr eigenwillige Weise geprägt hat, oder Agnodike, die sich im antiken Griechenland heimlich zur Ärztin ausbilden ließ und als Geburtshelferin gearbeitet hat. Oder es wird an Leymah Gbowee erinnert, die für ihre Arbeit als Bürgerrechtlerin in Liberia 2011 den Friedensnobelpreis bekam. Mit dem Buch werden auch Frauen geehrt, die ihre Sexualität jenseits der gesellschaftlichen Konventionen zu Zeiten auslebten, in denen sie mit schweren Anfeindungen zu kämpfen hatten, und es dennoch taten – und damit ein Zeichen setzten für andere Frauen, Mut und Entschlossenheit zu beweisen. Ja, es sind wahrhaft unerschrockene, mutige und eigenwillige Frauen, denen hier je ein graphisches Denkmal gesetzt wird, und als solche ist dies Buch allemal sehr interessant.

Die Zeichnungen sind kurzweilig, die Texte dazu auch. Vielleicht hätte ich mir in dem ein oder anderen Fall dann doch mehr Tiefe gewünscht, aber dann hätte es wohl nicht bei der Zahl von 15 Portraits bleiben können.

Es gibt übrigens dazu auch schon einen Band 2, ebenfalls erschienen im Reprodukt Verlag, der sich auf die Herausgabe von Graphik Novels und anderen Büchern mit graphischen Elementen konzentriert. Auch mutig, auch toll, das!

Puschenkino C 1.2

Veröffentlicht: 11. September 2020 in Filme, Kultur

Ja, ich bin blogtechnisch immer noch furchtbar weit zurück, schätzungsweise im April. Uff. Und jetzt ist schon September… Also mache ich es kurz. Zuhause gucken wir ja immer noch jede Menge Star Trek-Folgen, meist mit Genuss. Nur Deep Space Nine quält uns oft – und dennoch können wir es nicht lassen… Aber dazu zu gegebener Zeit. Ansonsten schauen wir deutlich weniger Filme als ich gern würde, nur versuchen wir eine gemeinsame Schnittmenge zu finden, und da mein Sohn mehr auf Actionknaller steht, während ich mir auch gern Filme anschaue, die zum Nachdenken anregen, kommen wir selten auf einen Nenner. Die folgenden Filme habe ich dann auch eher nicht mit ihm gesehen, bis auf den ersten.

Zoomania- Animationsfilm von Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (2016)

Die kleine unerfahrene Häsin Judy Hopps will Polizistin werden, doch schnell merkt sie, dass es gar nicht so einfach ist, von den schwergewichtigeren Tierkollegen als vollwertig genommen zu werden. Doch mit der Hilfe eines Fuchses, der allerdings ziemlich schlitzohrig daherkommt, schafft sie es doch, einen kniffligen Fall zu lösen. Dieser kurzweilige Film mit vielen lustigen Einfällen wie beispielsweise dem Faultier als langsamer Beamter in der Auto-Zulassungsstelle oder dem Chef der Mafia, der ein Tier ist, das man hier nicht erwartet hätte, hat richtig Spaß gemacht!

Die Tänzerin – Film von Stéphanie Di Giusto  (2016)
Aus dem wilden Westen kommt sie, war Tochter eines Goldgräbers, und nach dessen Tod kommt sie blutjung in Europa an, um sich selbst neu zu erfinden Die Rede ist von Loïe Fuller, die Ende des 19. Jahrhunderts in Paris ihren neu erfundenen Tanz vorführt, in dem sie riesige Seidenstoffe durch die Luft wirbelt und mithilfe von Lichteffekten ein völlig neues ästhetisches Tanzerlebnis vorführt. Der Erfolg stellt sich schnell ein, doch zehrt ihre Darstellungsweise sehr an ihren Kräften, und schon bald zeigt sich, dass ihr nicht jedermann freundlich gesinnt ist. Eine kurze Liasion mit einer anderen Tänzerin, Isadora Duncan, wird beinahe zu ihrem emotionalen Verhängnis.

Szene aus „Die Tänzerin“ mit der Schauspielerin Soko; Quelle: Filmstarts

Ganz schön interessant, diese Frau! Als Tänzerin war sie Autodidaktin, manchmal frage ich mich, ob es ihr gerade daher möglich war, keiner Tanztradition zu folgen, sondern etwas ureigenes auf die Bühne zu bringen… Über diese Tänzerin etwas zu lernen, die sich um die Jahrhundertwende in Paris tummelte, war schön… der Film war es auch.

Der Trafikant – Film von Nikolaus Leytner (2018)

Der 17jährige Franz wird nach dem Tod des Vaters zur Lehre nach Wien geschickt, um dort den Beruf des Trafikanten – auf gut deutsch Tabak- und Schreibwarenverkäufer – zu lernen. Und so kommt er vom Dorf in die Großstadt, in der sich gerade der Nationalsozialismus breitmacht und auch den Kundenkreis in zwei Hälften teilt – in Juden und Nazis, platt gesagt. Einer der Kunden ist Sigmund Freud (mal wieder großartig: Bruno Ganz), und weil dieser sich ja mit dem Leben und der Liebe auskennt, kann er dem unerfahrenen Franz ein paar Tipps mit auf seinen amourösen Weg geben.
Leider blieben die Figuren unglaubwürdig, die Geschichte, abgesehen davon, dass man solche schon tausendmal gesehen hat, willkürlich. Der Wechsel zwischen den Szenen auf dem Land, wo Franz‘ Mutter versucht, sich den Nachstellungen eines Funktionärs zu entziehen und Franz, der seine erste Liebe findet und gleichzeitig seinem Lehrherrn helfen muss, sich gegen die Nazis zu behaupten, bereichert letztendlich nicht. Also vielleicht doch besser das gleichnamige Buch von Robert Seethaler lesen, denn das soll sehr gut sein, wurde mir gesagt. Den Film muss man nicht gesehen haben.

Blue Valentine – Film von Derek Cianfrance (2011)

Cindy und Dean sind seit sechs Jahren ein Paar, verheiratet, und sie haben eine Tochter. Doch nun hat Cindy die Liebe verlassen, einfach so. Sie kann ihren Mann nicht mehr ertragen und versteht es selbst nicht. Dabei hatte alles so gut angefangen, es hätte doch ein Liebespaar bleiben können… Die Sprachlosigkeit und die quälenden Versuche, sich doch wieder anzunähern, sind die Themen dieses anspruchsvollen, allerdings auch quälenden Films. Immer wieder versucht Dean (großartig und überzeugend spielt Ryan Gosling), Cindy (brillant: Michelle Williams) für sich zurückzugewinnen, und scheitert doch eins ums andere Mal.

Michelle Williams und Ryan Gosling in „Blue Valentine‘; Bildquelle: Filmstarts.de

Doch wird uns in dem Film auch nicht vorenthalten, wie das Paar auf höchst romantische Weise zusammenfand, was in herausragend intensiven und wunderschönen Bildern geschieht. Ja, es ist ein quälender Film, denn was da mit dem Paar geschieht, bleibt rätselhaft. Wie das Leben manchmal auch… Trotz allem sehr sehenswert.

Porträt einer jungen Frau in Flammen von Céline Sciamma (2019)

Eine junge Malerin wird auf eine abgelegene Insel in die raue Bretagne zitiert, um das Porträt der jungen Heloise anzufertigen, allerdings ohne dass die zu Porträtierende es bemerkt. Denn Heloise soll nach Sizilien verheiratet werden, was diese jedoch nicht will. Zwischen den beiden ungefähr gleichaltrigen Frauen entsteht eine Freundschaft und noch mehr… Doch sind die Frauen – die Geschichte spielt Ende des 18. Jahrhunderts – gesellschaftlich zu eingeengt, um letztendlich auf Dauer fern aller Konventionen zu leben…

Filmszene mit Adèle Haenel; Quelle: Filmstarts.de

Und genau darum geht es: um die gesellschaftlichen Zwänge, aber auch um die Wahrnehmung, vor allem von dem, was nicht gesehen werden darf – sei es eine lesbische Affäre oder aber die Zwänge, die den Frauen durch eine Schwangerschaft auferlegt werden, gegen die die dritte im Bunde, das Dienstmädchen, das ungewollt in andere Umstände geraten ist, angeht und die beiden Frauen zu Komplizinnen ihres Abbruchs macht.
Der Film erzählt in intensiven, hochästhetischen Bildern mit großartigen Schauspielerinnen – allen voran Noemie Marchant als Malerin und Adèle Haenel – eine kleine Geschichte auf ganz großartige Weise.

wueten-der-weltDieser Roman handelt von dem Leben eines Jungen namens Alexander, das von einem rätselhaften Mordfall überschattet wird. Der Mord passierte in unmittelbarer Nähe des Jungen, doch wer der Mörder letztendlich ist, bleibt lange, sehr lange im Dunklen.

Doch die Vorgeschichte beginnt noch deutlich früher, und diese erfahren wir ausschnittweise, noch bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Erst sehr viel später erschließt sich uns dessen Sinn.

Und so werden wir durch das Mysterium dieses Mordfalls geführt, ohne dass wir mehr verstehen, als dass der Junge sich schuldig fühlt, weil er nichts zu dessen Aufklärung beitragen kann – hat er doch diesen fremden, unbekannten Mann gesehen und war doch nicht fähig, ihn wiederzuerkennen. Und gleichzeitig fühlt er sich bedroht – könnte der nächste Anschlag nicht ihm, dem Zeugen gelten?

Es geht zwar eigentlich die ganze Zeit um diesen Mordfall, aber dann wieder auch nicht, denn wir begleiten die Höhe- und Tiefpunkte im Leben des Jungen, folgen seinem Geschick beim Schließen von Freund- und Liebschaften, die sich schwierig gestalten, sind auf der Spur des Mörders oder auch nicht; gleichzeitig begeben wir uns mit dem musikbegabten Alexander auf dessen musikalischen Wegen (im Anhang findet sich eine lange Auflistung aller im Roman gespielten Musikstücke). Und so ist es eine Geschichte mit verschiedenen Ebenen, in der es eine Menge zu entdecken gibt.

Ich muss sagen, der Roman ist genial und tatsächlich schlüssig – und in der Auflösung extrem raffiniert konstruiert – Chapeau! Und doch: Teilweise las er sich für mich etwas langatmig und gar nicht spannend, einiges an Nebenhandlung fand ich sogar unglaubwürdig, beispielsweise die Geschichte mit einer Geliebten, die plötzlich, nach Monaten, in seinem Zimmer steht und an ihre frühere Liaison anknüpft, und das alles meiner Meinung nach, nur um Seiten zu füllen. Eigentlich hat der Roman mit dieser Hauptgeschichte das gar nicht nötig.

Überraschend dann das Ende – das ist nachvollziehbar und unbedingt schlüssig, und trotzdem hat man es nicht kommen sehen: toll gemacht!

Heute ist so ein absolut heißer Tag, deshalb wollte ich Euch etwas Kühles senden, nämlich einen Rundgang durch die wohltemperierten Räume des Museums für Kunst und Gewerbe. Diese Ausstellung ging bis zum ersten März! Einmal mehr bin ich erschüttert darüber, wie weit zurück ich mit meinem Blog bin. Aber, nun gut. Habt trotzdem Spaß mit mir, diese wunderbare Ausstellung vor Eurem geistigen Auge entstehen zu lassen.

Ich bin ja seit geraumer Zeit Hobby-Keramikerin, und daher kommt mein spezielles Interesse an Ton, vor allem, wenn es so ästhetisch daher kommt.  Die japanischen Teeschalen sind ganz sicher nicht vergleichbar mit den von uns meistbenutzten Kaffeebechern. Eine ausgefeilte Zeremonie mit ausgewählten, edlen Keramiken, die sich in Beziehung zueinander setzen, aber vielleicht als Lieblingsschale auch zu ihren Nutzern stehen, machen schon einen Teil des Teegenusses aus. Die Sinne werden dadurch auf vielfältige Weise angeregt.

Mich hat die Intensität der ausgestellten Schälchen und Schalen gleich in den Bann gezogen. Die Glasuren – und diese herzustellen und einzusetzen, ist schon eine Kunst für sich – sind nicht unbedingt regelmäßig, doch das gehört zu dem großen Reiz. Fehler im Material und in der Glasur werden gefeiert und mit einer speziellen Goldglasur zudem extrem veredelt: Der vermeintliche Makel erst macht das Gefäß zu einem Gegenstand mit ganz eigenem Charakter.

Neben den teilweise antiken Teekeramiken wurden auch einige Werke von heutigen Keramikern gezeigt, so auch von Jan Kollwitz (Urenkel vn Käthe Kollwitz), der seinen Riesenofen über einen Zeitraum von einer Woche ständig befeuert, um die Temperatur zu halten. Die Keramiken werden dadurch auf eine bestimmte Weise gezeichnet; Zufall wird dabei unbedingt mit einbezogen und macht aus jedem Stück ein edles Unikat.

Es sind intensive Stücke, die hier ausgestellt wurden, unverwechselbar und einzigartig. Es war ein hochästhetischer Besuch.

Vielleicht habe ich deshalb auf Instagram die Beiträge von Edmund de Waal abonniert – er ist ja nicht nur Autor, u.y. von dem wunderbaren Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen„, sondern auch Töpfer. Und so postet er nicht nur Literarisches oder Kunst, sondern zeigt immer wieder faszinierende Keramiken. Schaut gern selbst mal rein.

 

9783956400063-425x500-1Die Graphic Novel ist für mich eigentlich eine ziemlich neue Kunstform, die ich erst langsam für mich entdecke. Eigentlich schade, denn sie ist es wert, näher betrachtet zu werden…  und diese hier hat mich ganz besonders tief berührt.

Barbara Yelin arbeitet mit diesem Buch einen Teil der eigenen Familiengeschichte auf, denn die Titelheldin mit dem seltenen Vornamen war ihre Großmutter. Als junge Frau – es ist ungefähr 1926 – geht sie, weil sie als weibliches Familienmitglied nicht wie ihre Brüder studieren darf, nach England, um dort den Beruf der Sekretärin und Englisch zu lernen. Sie treiben große Pläne an, denn sie ist weltoffen und will die Welt kennenlernen.

Dabei ist sie sehr solide – einen sich großspurig gebenden Mann, den sie auf einer Party kennenlernt, lässt sie abblitzen; sie gibt sich spröde, und auf den Zeichnungen wirkt sie unscheinbar. Doch als sie einen afrikanischen Mann mit dunkler Hautfarbe kennenlernt, ist es dann doch um sie geschehen. Allein, die Zeit ist nicht auf der Seite des verliebten Paares, denn rassistische Übergriffe nehmen zu. Irmina setzt sich vehement für ihren Freund ein, der sich aber sehr still verhält, denn er hat ein großes Ziel. Er wurde zum Studium nach England geschickt, um später in seinem Land eine politische Rolle einzunehmen, das hat für ihn Priorität, und so versucht er, möglichst nicht anzuecken.

Doch dann geht Irminas Familie das Geld aus, und sie wird nach Deutschland gerufen, in dem mittlerweile der Nationalsozialismus aufkommt und die Welt verändert. Zwar fährt sie mit dem festen Willen, so bald wie möglich nach England zurückzukehren, nach Deutschland, aber alles kommt anders als gedacht… Und dann tritt ein neuer Mann in ihr Leben, der nochmal alles verändert. Als sie nach ungefähr 40 Jahren ein Brief erreicht –sie ist mittlerweile Witwe und die Kinder aus dem Haus – scheint sich eine große Wende in ihrem Leben anzukündigen…

Mehr will ich jetzt wirklich nicht verraten. Aber eines doch: Die Geschichte lohnt sich aus mehreren Gründen zu studieren. Zum Einen begleiten sie wunderbare Zeichnungen, stimmungsvoll und doch auf das Wesentliche reduziert. Und dann steckt in der Geschichte so viel mehr als nur die der Großmutter der Autorin.

Barbara Yelin ist der Frage nachgegangen, wie es kommt, dass die Frauen die Zeit des Nationalsozialismus mitgetragen haben. Die gesellschaftlichen Fesseln haben extrem dazu beigetragen, dass nicht nur Irmina, trotz ihrer Weltoffenheit und Intelligenz, von der nationalsozialistischen Ideologie wenn vielleicht nicht ganz und gar eingenommen, so doch ihr keinen relevanten Widerstand entgegengebracht hat. Und das allein hat schon zur Stützung des Systems enorm beigetragen.

Die Geschichte, den Wandel, aber auch die Energielosigkeit, einen inneren Widerstand beizubehalten, hat mich tief berührt. Denn genau so muss es gewesen sein, dass sich Adolf Hitlers Ideologie durchsetzen konnte: Der blinde Gehorsam und der Glaube, dass schon richtig sein wird, wenn sich die Masse auf diese Weise verhält, oder auch, unberührt das geschehen zu lassen, was um sie herum vorgeht, ohne selbst einmal zu denken, ob das alles nicht doch von Grund auf falsch ist, muss ein wichtiges Instrument gewesen sein.

In gewisser Weise erlebe ich auch meine Mutter nicht grundlegend anders; 1922 geboren, war auch sie vielleicht Mitläuferin, unscheinbar und möglichst nicht aneckend, die angeblich wenig Kontakt zu Juden hatte und nicht genau beobachtet hat, was da vor sich ging, zum Beispiel in der Reichskristallnacht. Immerhin war sie damals schon 17 Jahre alt, fast 18. Und doch: von meinen Großeltern mütterlicherseits ist mir nicht bekannt, dass offener Widerstand geleistet worden wäre.

Und also muss ich mir selbst die Frage stellen, wie ich mich wohl in solch einer Welt positioniert hätte. Eine Frage, die zu beantworten ich mich immer wieder scheue. Es ist so leicht, alles besser zu wissen – hinterher. Aber wenn man mitten drinsteckt? Schafft man es, über den Tellerrand hinaus zu schauen? Eine unangenehme Frage – und um so wichtiger empfinde ich Bücher wie dieses, die genau darauf eingehen.
Dies Buch ist eine unbedingte Empfehlung!

 

Also, so langsam komme ich zu dem Zeitpunkt des Shutdowns am 12. März. Am 8. März nämlich machten meine Freundin und ich gerade noch diesen Ausflug nach Lübeck zu einem kulturellen Stadtrundgang mit anschließendem Besuch des Lübecker Theaters. Dazu konnten wir unsere gemeinsamen Freunde, die in der Nähe von Lübeck leben, noch einmal treffen, bevor nichts mehr ging. Wir sind so froh, dass es gerade noch geklappt hat!

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Da schläft er, der mächtige, literarisch verarbeitete Löwe.

Der Stadtrundgang startete am wunderschön alten Holstentor, vor dem sich übrigens zwei lebensgroße (wenn nicht noch größer) Löwen aus Bronze rekeln. Sie waren nicht immer an diesem Ort, sondern früher vor einem Gebäude, in dem Thomas Mann aus und ein ging, und die er auch literarisch in einem seiner Werke verarbeitete.

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Skulptur on Rainer Fetting. Gesehen im Willy-Brandt-Haus

Auch an dem Gebäude, in der ein gewisser Herbert Frahm während der NS-Zeit Flugblätter druckte, sind wir vorbeigekommen. Später nannte er sich dann Willy Brandt, und ihm ist auch ein eigenes Museum, das Willy-Brandt-Haus, gewidmet, das wir ebenfalls wenn auch nur kurz besuchten. Neben uralten Gemäuern wurde uns ein weiteres Museum gezeigt, das Heinrich Böll gewidmet ist und in dem man sich seinem bildnerischen, aber auch literarischen Werk nähern kann. Und seiner Leidenschaft für Wein – der Weinhändler gleich nebenan nämlich war Heinrich Bölls enger Freund, und ich stelle mir den einen oder anderen feuchtfröhlichen oder tiefgründigen gemeinsamen Abend vor – je nachdem, welcher Wein dabei eine Rolle übernahm.

 

Das Buddenbrookhaus war leider zu, was schade war – zu gerne hätte ich auch das von innen besichtigt. Statt dessen waren wir in unserer Pause im „Heinrich Böll“ einer urigen, literatur-affinen Kneipe, in der es neben einem hervorragenden Essen ein gemütliches Ambiente mit riesenlangem Bücherregal zu genießen gab.

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Heinrich Böll hat auch Skulpturen geschaffen

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… und Weinetiketten. Was es wohl als Gegenleistung gab?

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Upps… da konnte nach zu viel Wein auch schon mal was danebengehen…

 

Und dann, der krönende Abschluss: der Besuch der Aufführung „Maria de Buenos Aires“ mit Musik von Astor Piazzolla! Sie entführte uns zu einer Reise durch Raum und Zeit zu den Ursprüngen des argentinischen Tangos. Besagte Maria ist eher metaphorisch zu verstehen, auch fiel es mir schwer der Handlung zu folgen, wenn es denn überhaupt eine gab – vielmehr waren es Versatzstücke, Momentaufnahmen der Geschichte des Tangos mit der wunderbaren Musik von Astor Piazzolla, zu der auch Tango getanzt wurde. Es war auf jeden Fall ein sehr ästhetischer Tanztheatergenuss, von dem ich vielleicht noch mehr gehabt hätte, wenn ich nicht nach dem roten Faden gefahndet hätte… Wenn gesprochen wurde, was aber nicht der wichtigste Part an diesem Abend war, wurde es auf Spanisch getan; und entsprechend war ich nicht in der Lage etwas zu verstehen. Doch die wunderbaren Tanzeinlagen, die haben sich mir unbedingt vermittelt und mich tief beeindruckt.

Ach ja. Ein wunderbarer Tag! Und erst recht einer, von dem wir lange zehren konnten, denn, wie gesagt, kurz danach ging dann fast nichts mehr.

„Parasite“ – Film von Bong Joon Ho

Veröffentlicht: 26. Juli 2020 in Filme, Kino, Kultur

Von Bong Jon Hoo hatte ich vor gar nicht langer Zeit den interessanten Film „Snowpiercer“ erneut gesehen und zu schätzen gelernt. Also war es keine Frage, dass ich den neuen Film nun auch sehen wollte.

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Sind sie für solch niedere Arbeit gemacht? Filmszene aus „Parasite“ mit Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho und Woo-sik Choi. Bildquelle: Filmstarts.de

Alles scheint harmlos zu beginnen: Der Junge aus einer verarmten Familie hat die Möglichkeit, einem Mädchen aus gutem Hause Nachhilfeunterricht zu geben. Und schon bald hat er die Chance, auch seine Schwester für die Kunstförderung des jüngeren Bruders jobtechnisch unterzubringen. Auf diese Weise wird ein Familienmitglied nach dem anderen in die Villa der wohlhabenden Familie eingeschleust, ohne dass diese weiß, dass alle Bediensteten aus einer einzigen Familie kommen. Dennoch scheint alles gutzugehen, bis eines Tages ein unheimliches Geheimnis ans Licht kommt und das komplette Idyll auf eine harte Probe gestellt wird…

Alles scheint mit Bodenhaftung erzählt zu werden, doch irgendwann taucht der Moment auf, der die scheinbare Ordnung so rückhaltlos ins Wanken bringt, dass alles in eine beinahe phantastisch zu nennende Ebene hinübergleitet, und plötzlich ist es das pure Chaos, das den Protagonisten die Masken von ihren Gesichtern reißen und ihre wahren Fratzen zum Vorschein kommen. Das ist nicht gänzlich unblutig – und vielleicht für mich nur deshalb zu ertragen, weil eine gewisse Phantastik mit ins Spiel kommt.

Interessant ist der Film allemal. Es ist ein ganz eigener Erzählstil, der sich über die realen Verhältnisse hinwegsetzt und dadurch für einiges an Überraschung sorgt.

Die Bilder von David Hockney mochte ich schon immer – wie schön, dass das Bucerius Kunstforum einige davon für diese Ausstellung nach Hamburg geholt hat!

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Ein Hotel, in dem David Hockney einmal wegen einer Autopanne absteigen musste, hat ihn zu dieser großformatigen und vielen weiteren Lithografien angeregt.

Die Ausstellung führt durch das breite Spektrum an Ausdrucksweisen David Hockneys. Zum Einen gibt es so genau ausgeführte und  ausdruckstarke Gemälde wie das große Bild „Mr. und Mrs. Clark und Percy“ (1970/71), das eine Vielzahl von Geschichten zu erzählen vermag, aber auch Bilder, die einen skizzenhaften Zustand beibehalten, auch wenn sie in Öl gemalt wurden. Ein großes Thema – und „groß“ ist hier in mehrfacher Bedeutung zu verstehen – sind die Lithografien. Es sind zum Teil riesige Bilder, für die sich Hockneys Drucker eine besondere Technik ausdenken musste, um alles nach Wünschen des Künstlers auszuführen. Sie haben mich eingenommen wegen ihrer Farbigkeit, aber auch, weil sie von der Perspektive und der Form einen großen Reiz haben.

Doch auch die filigranen Zeichnungen, die vermitteln, dass David Hockney mit nur wenigen Strichen das Wesentliche einer Szene umzusetzen weiß, haben mich berührt. Wunderschön war, dass ihnen Gedichte auf Tafeln beigehängt wurden, die von Konstantinos Kavafis stammen und aus denen in sensible Worte gefasst dessen Homosexualität sprechen. David Hockney war extra wegen dieser Gedichte nach Beirut gegangen, um dem Dichter nachzuspüren – und seine hier ausgestellten Zeichnungen beziehen sich entsprechend auf bestimmte Gedichte.

Die Lithografien haben mich am meisten beeindruckt, oder, nein, eigentlich stimmt das nicht, die Gemälde fand ich ja auch so toll, aber erst die Zeichnungen!! Nein, eigentlich kann ich mich bei David Hockney überhaupt nicht festlegen, was ich am Tollsten fand! Es war einfach eine ganz großartige Ausstellung, bunt und lebendig, einfühlsam und voller spannender Geschichten – und so lohnt sich der Besuch unbedingt – um so schöner, dass sie bis zum 3.9.20 verlängert wurde.

51jovwbxul._sl500_Aufmerksam wurde ich durch meinen Bloggerkollegen Jarg, der über dies Buch berichtet hat. Und weil ich ja von Natur aus neugierig bin – ob das wohl aus chemischer Perspektive auch zu fassen ist? – habe ich mir gleich das Hörbuch besorgt.

Mai Thi lässt uns aus an ihrem Tag teilhaben, und zwar aus chemischer Perspektive. Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn morgens unvermittelt der Wecker losgeht? Dies – und überhaupt das ganze Procedere des Aufstehens inklusive der belebenden Wirkung eines Kaffees am Morgen lässt sich nämlich durchaus aus chemischer Sicht beschreiben. Auch der Vorgang, wenn Mai Thi ihren Ehemann trifft und sie vor lauter Verliebtheit ein flaues Gefühl in der Magengegend verspürt, lässt sich chemisch erklären. Und genauso, was in dem Handy-Akku passiert, warum Zahnpasta Fluor enthält und alle Ammenmärchen über die negativen Auswirkung auf den Körper, und auch, was Mai Thi bei einem Besuch im Labor bei ihrer Freundin begegnet, bis hin zu den chemischen Prozessen bei der Herstellung eines Schokoladensoufflés (in Verbindung mit einem leckeren Rezept dafür) wird ausführlich von chemischer Seite erklärt.

Mai Thi spricht mit ihrer angenehmen und klaren Stimme das Buch selbst. Nur in wenigen Abschnitten verweist sie auf beigefügte grafische Darstellungen.

Das Hörbuch ist absolut bereichernd und kurzweilig! Toll, wie sie es hinbekommt, chemische Prozesse auf lockere und einfache Art zu erklären, so dass wir gerne folgen mochten.

Ich bin denn jetzt auch Abonnentin ihres Youtube-Kanals, in dem sie in regelmäßigen Abständen über aktuelle Themen auf erfrischende Weise referiert. Dabei muss ich allerdings noch überlegen, ob es mir gefällt, wenn sie bei manchen Themen die kritischen Aspekte komplett ausklammert und dies nicht mitdiskutiert – so zum Beispiel bei ihrem Beitrag, der u.a. Silikone in Haarspülungen beleuchtet: Sie erklärt zwar sehr genau, wie diese Silikone sich in den Haaren ablagern sollen, um sie zum Glänzen zu bringen (der Aufhänger ist sowieso, dass manche Conditioner auf ihren Packungen damit werben, dass eben kein Silikon enthalten ist); und sie erwähnt auch, dass diese im Laufe der Zeit aus den Haaren fallen, hat ebenfalls nicht verschwiegen, dass die Silikone chemisch kaum abbaubar sind, lässt die letzte Info aber weg, dass das Mikroplastik mit der Zeit im Wasser verbleibt. Warum sie diesen letzten Baustein nicht ausführt, dafür aber durchaus die positive Wirkung auf den Glanz des Haares erwähnt, kann ich nicht sagen. Ist es, damit man noch selbst etwas zum Nachdenken zurückbehält, oder weil sie die Silikone als wenig relevant für die Verschmutzung der Meere einstuft? Das bleibt alles Spekulation. Ich werde das weiter beobachten…