Archiv für die Kategorie ‘Isländisches’

Und dies war das ganze Programm im großen Saal der Elbphilharmonie:

Charles Ives: The unanswered question / Two contemplations Nr. 1 (1906)
Anna Thorvaldsdóttir: Aeriality (2011)
Haukur Tómasson: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 (Uraufführung)
Igor Strawinsky: L’oiseau de feu (Der Feuervogel) / Ballett in zwei Bildern mit Introduktion (1910)

Es ist ganz selbstverständlich, dass solche Stücke wie das von Charles Yves in einem so wundervollen Raum wie dem großen Saal der Elbphilharmonie einfach gespielt werden muss: Die Musiker haben sich auf die verschiedenen Ebenen innerhalb des Publikums verteilt, um genau zu sein, die Trompete, die die Fragen stellt, sowie die Geigen, die dem Dialog zwischen der Trompete und den antwortenden Holzblasinstrumenten – als einzige mit dem Dirigenten auf der Bühne verbleibend – einen unerschütterlichen Rahmen geben. Und so klingt der Saal, ist voller Musik, die einzelnen Standorte der Streichinstrumente vermag ich nicht auszumachen, und doch ist alles deutlich und klar zu hören. Die Geigen bilden einen mystisch wirkenden Grundton, der aber Halt gibt, wenn die Trompete 7 mal fragt, und die Holzbläser sich in Antworten versuchen, die von mal zu mal dissonanter klingen. Und sie tun es nur 6 mal. Die siebte Frage bleibt unbeantwortet, bleibt im Raum stehen, während die Streichinstrumente weitermachen. Es sind acht Minuten Musik, die es absolut in sich haben. Charles Yves hat es dem Dirigenten überlassen, wann die einzelnen Fragen und ihre Antworten über die ewigen Streicher gesetzt werden. Nur sollten die Streicher am Ende allein spielen, so die Vorgabe. Ein intensives Stück, das viel Raum für Interpretation und philosophischer Betrachtung lässt – toll!

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Anna Thorvaldsdóttir und Haukur Tómasson beim Einführungsgespräch

Anna Thorvaldsdóttirs Stück „Aeriality“ hatte ich mir schon auf Youtube angehört, um nicht unvorbereitet zu sein – am Ende war ich es doch: Denn so klar und deutlich setzen sich die einzelnen Musikinstrumente in dem (Klang-)Raum durch, wie es auf einem Video am heimischen Bildschirm nicht möglich ist.
Es ist schon merkwürdig: Bei isländischen Künstlern denkt man doch allemal zuerst an die großartige Natur des Landes, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sehr viele isländische Künstler sich auch ihre Inspiration aus der Natur holen. Auch Anna kann davon nicht frei gewesen sein, wenn sie die Töne durch den Raum schickt wie eine bleierne Wolke, die doch bei näherem Hinhören gar nicht  homogen klingt – und die großartige Akustik setzt diesem Tribut: viele Einzelstimmen werden hörbar und transportieren sich. Die bleierne Wolke, die dann doch zu verfliegen und kurzfristig einem Sonnenstrahl Raum zu geben scheint… Der Titel Aeriality ist ein Wortspiel, vielleicht auch ein Hinweis, um diese Musik deuten zu können, die zunächst so düster daherkommt und sich dann ein Stück weit in Wohlgefallen auflöst. Anna Thorvaddottirs Musik hat mich so sehr an die großen Gemälde von Anna Gudjónsdóttir erinnert; ich sehe eine Verbindung zwischen der rätselhaften Verborgenheit einer Naturempfindung, die aber doch intensiv aus den Bildern spricht – und auch aus Anna Thorvaldsdóttirs Musik.

Das mit der Natur habe ich bei Haukur Tómassons 2. Klavierkonzert jedoch nicht in dem Maße herausgehört. Am Flügel saß übrigens Vigingur Olafsson (Jahrgang 1984!!), der sich in die hochabstrakte Gedankenwelt zeitgenössischer Musiker hineinzusetzen vermag – eine riesige Leistung! Die Töne zwischen Klavier und Orchester stehen in einem ständigen Dialog, bestehend aus vielen einzelnen Tönen und mehr oder eher weniger melodischen Versatzstücken, der mich eher an komplizierte mathematische Berechnungen erinnern lässt, als an Naturgewalten. Es ist ein toller Kontrast, der hier bei der Musikauswahl vorgenommen wurde: Die düster-bleierne Musik Annas gegenüber dem komplizierten und beinahe verspielten Gedankenspiel von Haukurs Komposition – beide großartig, beide so unterschiedlich! Auch dieses Stück habe ich sehr genossen.

Nach der Pause gibt es dann noch Strawinskys Feuervogel, der so ganz anders ist als das Stück von Charles Yves, obwohl doch beide im Abstand von drei Jahren – nämlich 1906 (Yves‘ Stück) – Yves war aber seinem Zeitgeist sehr weit voraus –  und 1910 – entstanden sind. Der Feuervogel ist ein tolles Stück, mit schillernden, beinahe verklärten Zügen, und dann wieder absolut wild und ungebändigt. Spätromantisch, halt. Herr Salonen hat auch dieses Stück mit viel Inspiration dirigiert, es war ganz großartig. Ich möchte so gern einmal diese Ballettmusik mit Tänzern sehen, ich muss mal schauen, vielleicht hat meine Hamburger Staatsoper das ja im Repertoire…

Im Anschluss an dieses unglaublich tolle Konzert, nach einiger Wartezeit und einem Freigetränk, um viertel vor 12 spielte im Rahmen des Island-Festivals, das ja diesen Februar in Hamburg stattfindet, noch Júníus Meyvant  aus seinem neuen Album »Floating Harmonies« auf. Es mag an vielerlei gelegen haben, dass mir dieses Konzert nicht zusagte. Zum einen war das andere Konzert mit diesen sehr ausdifferenzierten Tönen noch präsent. Wie soll da eine oder mehrere E-Gitarren gegenan kommen? Június ist ein Musiker der leisen Töne, mit seinen Brüdern und seinem Vater auf der Bühne kamen diese Jungs einfach nicht gegen die Aura eines ganzen Orchesters gegenan. Und ich will ja überhaupt nicht sagen, dass nicht auch Rock oder Pop in der Elphi gespielt werden sollten – aber diese Musik verlangte meiner Meinung nach nach einem anderen Rahmen, intimer, wo man dem Musiker nicht von hinten oben auf die ungekämmten Haare glotzt, sondern seine Mimik, überhaupt seine ganze Ausstrahlung viel näher mitbekommen kann. Ist meine Meinung. Und da ich eher gar nicht in Rockkonzerte gehe, ist es noch nicht mal eine fundierte…

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Eine dolle Bühnenschau, aber durch meine Perspektive von Bereich T1 auf der 16. Ebene hat sich die Musik nicht vermittelt

Spät ist es dadurch geworden, doch es war ein ganz besonderer Abend, von dem ich noch lange zehren werde. Tja, und die Elphi… die ist ein Thema für sich, die hier im Blog bald ihren eigenen Beitrag verdient.

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In letzter Zeit gelesen

Veröffentlicht: 28. Dezember 2016 in Bücher, Isländisches, Kultur, Literatur

Mein Hang zur Dokumentation treibt mich an, doch wenigstens aufzulisten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Es war zum Teil nicht leicht, mich auf das Gelesene zu konzentrieren, wiewohl es wichtig für mich war, mich abzulenken. Und das wird es auch in Zukunft bleiben, hoffe ich. Lesen und andere kulturelle Beschäftigungen scheinen für mich lebensnotwendig zu sein, vielleicht ist der Gedanke des Eskapismus als Beweggrund zu lesen – etwas, das ich doch eigentlich weit, weit von mir weise – doch gar nicht so verkehrt. Das Andere, auf das es sich zu konzentrieren gilt, scheint mir doch sehr wichtig zu sein, damit ich mich dann auf die Gegenwart wieder ganz einlassen kann. So jedenfalls stellt es sich für mich dar. Es hilft mir sehr. Bislang kann ich mich auf andere Dinge konzentrieren, doch ob das so bleibt, weiß ich nicht. Ich ahne, dass andere, schwere Phasen kommen werden, Phasen der Trauer, vielleicht sogar Depression?

Nun denn.

„Der Grund“ von Anne von Canal

978-3-499-26882-3Dies Buch hatte ich mir dringend zum Geburtstag gewünscht, denn ich hatte eine tolle Rezension dazu bei meinem Blogger-Kollegen Kaffeehaussitzer gefunden. Und die Lektüre hat sich gelohnt: Was dem Protagonisten und seiner Familie zustößt, hat mich ordentlich mitgenommen. Sehr geschickt ist der Roman aufgebaut, denn er beginnt mit dem Jetzt-Zustand eines offensichtlich unter Bindungsängsten leidenden mittelmäßigen Bordpianisten, der in seinen Erinnerungen kramt und doch als vielversprechender intelligenter junger Mann seine Karriere begann. Aber wer ist er? Was war er, und warum war er es? Es ist zugleich die Suche nach der eigenen Authentizität, die durch verschiedene Umstände nicht leicht zu finden ist. Es ist ein starker, lohnenswerter Roman über einen Menschen, der scheinbar in der Mittelmäßigkeit ankommt, wenn man nicht den Weg sieht, den er zu diesem Stück Normalität zurückgelegt hat. Tja, ist jetzt doof, dass gerade Weihnachten war – glücklich sind die, die bald Geburtstag haben und damit Chance auf einen Wunsch …

„Am Hang“ von Markus Werner (abgebrochen)

Hier muss ich irgendwann noch einmal ansetzen, denn ich glaube, das Buch ist sehr lesenswert. Mir fehlte die Konzentration dazu, deshalb musste ich es beiseite legen. Doch gefiel mir durchaus der Zusammenprall zweier absolut unterschiedlicher Menschen, und ich hätte gern gewusst, wie es weitergeht. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben… und dass ich ein Buch nicht zuende lese, kann ich kaum auf mir sitzen lassen…

„Nichts als Gespenster“ von Judith Herrmann

u1_978-3-596-15798-3-55389598Seit mir einmal von einer Dozentin an der VHS eine Kurzgeschichte von Judith Herrmann vorgelesen wurde, habe ich ein Ding am Laufen mit ihr. Die Geschichte, die ich damals hörte, war so kunstvoll und voller tiefer Emotionen erzählt, wie ihr Aufhänger banal war. Seitdem suche ich diese Geschichte, und leider hat auch die Dozentin (die mir mittlerweile eine Freundin ist) diesen kurzen, intensiven Text verbummelt. Doch auch in diesem Erzählband war er nicht zu finden. „Nichts als Gespenster“ erzählt Geschichten von zwischenmenschlichen Begegnungen, die aber eine gewisse Tragik beinhalten. Jede Geschichte erzählt in gewisser Weise von einer Reise, die sich sowohl äußerlich abspielt, als auch innerlich. Mir haben die Geschichten gefallen, jedoch tangierten sie mich kaum, vermutlich, weil in den Geschichten die Problematik von Menschen unter 30 Jahren behandelt werden, sage ich jetzt mal etwas abgeklärt.

„Das Seelenhaus“ von Hannah Kent

9783426199787-33118006Eine Australierin schreibt über eine wahre Begebenheit im alten Island – kann das gut gehen? Oh ja, und wie!!! Hannah Kent hat sich in die Welt der bäuerlichen Torfhäuser Islands des 19. Jahrhunderts intensiv hineingedacht und die Geschichte der Frau aufgeschrieben, an der 1830 die letzte Hinrichtung in Island vollzogen wurde. Wir sitzen mit Agnes Magnusdottir in der engen Torfhütte, atmen die rauchgeschwängerte Luft, hören den Husten der Bewohner und riechen förmlich den Rauch aus Schafsmist und die menschlichen Ausdünstungen, sind ganz nah an der vermeintlichen Verbrecherin, die doch selbst Opfer der Begleitumstände geworden ist… Es ist ein starkes Buch, packend geschrieben und mitreißend. Absolut empfehlenswert!!!  Dies Buch gehört ganz sicherlich zu einem der Lese-Highlights in diesem Jahr!

 

Dieses Jahr war scheußlich. Viele, viele Menschen wurden aus dem Leben gerissen, einfach so. Ich will gar nicht von der Angst sprechen, die so manche/r in dieser letzten Zeit empfindet, wenn man an Aleppo oder Berlin, an Nizza oder Paris denkt und an all die Orte, wo Grausames passiert ist. Wie muss es sich anfühlen, wenn es nicht möglich ist, von seinen Lieben Abschied zu nehmen, wenn diese viel zu früh und viel, viel zu plötzlich aus dem Leben gerissen werden? Ich weiß es nicht… Bei uns waren es drei Monate. Drei Monate von der Diagnose bis zum Tod (am 21. Oktober). Wobei bei der Diagnose noch lange – wenn ich das Wort „lange“ überhaupt benutzen sollte – nicht klar war, wie lang er noch zu leben hatte. Dumm waren wir sicher, blind, aber das ist nun auch egal. Die Leidenszeit war kurz, und die Lebenszeit ebenfalls. Lang. Kurz. Sind das überhaupt Maßstäbe, mit denen eine Lebensdauer messbar wäre? Allerhöchstens subjektiv. Früh? Spät? Was sind das für Begriffe, die doch so gar nicht greifen…

Dies jedenfalls ist der Grund für mein langes – langes? (schon wieder) Schweigen in diesem Blog. Natürlich konnte ich mich darauf nicht konzentrieren, und vielleicht kann ich das auch noch länger nicht, wobei ich auch merke, wie wichtig es ist, zu schreiben, vielleicht wird es sogar immer wichtiger für mich. Ebenso wichtig bleiben mir meine kulturellen Unternehmungen, sie geben mir wie mein Alltag eine Struktur, die ich in dieser Zeit um so nötiger brauche. Und das darüber schreiben, das brauche ich auch.

Hier kommt ein isländisches Volkslied, dessen tiefere Bedeutung mir erst vor kurzem aufgegangen ist. Und wenigstens kann ich sagen:  er hat den Weg genommen,  er ist wohlbehalten angekommen, unerschrocken – ja, tatsächlich! Und im Frieden mit sich.

 

Die Kulturpreisträgerin 2014 vom Kreis Pinneberg hat die Gelegenheit genutzt, die wunderschönen Innenräume der alten Drostei, gelegen im Herzen Pinnebergs, zu gestalten. Wochenlang hat sie dafür Maß genommen und die hohen, großzügigen Räume mit den alten Kachelöfen auf sich wirken lassen, um schließlich Gemälde herzustellen, die genau für den Anlass dieser Ausstellung bestimmt sind.

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Bildquelle: siehe http://www.drostei.de

So wirken ihre riesigen Bilder wie zusätzliche Fenster, sind die doch zudem auch noch mit eigenen, gemalten Rahmen und scheinbaren Leerräumen ausgestattet, als stünde eine Vitrine vor der Aussicht. Das schafft Distanz. Distanz aber zu was? Hinter den erdachten Rahmen befindet sich großflächige Malerei, erinnernd an Wolken oder Dampf, verschleiernd das, was dahinter liegen mag. Es muss etwas ganz wunderbares sein, das sich hier verbirgt und sich nicht zeigen will. Es ist wie Aschewolken (bei den schwarzen Gemälden), oder Dämpfe, durch die hindurch sich die dahinterliegende Landschaft nicht erkennen lässt – und das hat ganz viel mit Island zu tun, dem Heimatland Annas.

Mich erinnert es genau an diese Landschaften, die ich höchstens erahnen konnte, wenn ich im winterlichen Island vor einer heißen Quelle stand und vor lauter Dampf nicht einmal Konturen der grandiosen Landschaft wahrnehmen konnte, und dennoch komplett in der Natur stand, was durch die Geräusche, die Luft, die ganze Aura der Umgebung nur allzu deutlich zu empfinden war.

Und so empfinde ich auch in Annas riesigen Bildern eine ganz enge Naturverbundenheit, die sich trotz der Trennungen durch den virtuelle Rahmen oder der verschleierten Landschaft vermittelt. Berührend ist dies; berührend auch die aufgestellten Rahmen, wie Nonsens anmutend, und dennoch geben sie den Blick nur auf die Zimmerwand preis, die an einer Stelle furchtbar schlecht tapeziert ist. Eine optische Täuschung ist das allemal, erwartet der Blick durch den Rahmen – auch wenn er nur zwei Seiten verbindet – einen gewissen Fokus auf etwas, das uns BetrachterInnen jedoch verborgen bleibt. Vielleicht ist da aber doch etwas; auch hier könnte man denken, dass solche Gedankenwürfe nur von einer Isländerin stammen können, zu deren Kultur auch der Mythos (oder die Wahrheit) vom unsichtbarem Volk zählt. Vielleicht kann man nicht alles sehen, was es gibt. Es existiert ja vielleicht dennoch? Oder am Ende sogar genau deswegen? In Island und seiner Kultur sind diese Grenzen tatsächlich verschwommen.

Anna spielt mit unserer Wahrnehmung, auch wenn man sich in den Raum begibt, in dem nichts weiter zu sehen ist, als blau angemalte Fenster. Durch verschiedene Lichtstimmungen von draußen ergibt sich aber ein ständig wechselndes Raumempfinden. Und auch hier kommt der Gedanke: Was ist die Wirklichkeit, gemessen an meiner Wahrnehmung, oder gibt es sie überhaupt?

Ein weiteres Thema mag sein, dass der Blick ohne formale, strenge Raumaufteilung diffus bleibt, beispielsweise bei der Rauminstallation, in der kleine rote Gemälde, auf besondere Weise neben- und übereinander kombiniert, sich dennoch aufeinander beziehen. Ein Blick auf Annas Skizzen eröffnet weitere Aspekte auf ihr vielseitiges Œu­v­re.

Eine anregende Ausstellung, die nur noch bis zum 16.10. andauert. Am 9. Oktober gibt es eine Führung unter der Leitung von Anna Guðjónsdóttir. Es wird sicher interessant!

9783746629339Nachdem wir neulich auf unserem roten Sofa Huldars ‚Schafe im Schnee‚ gemeinsam gelesen hatten, überkam mich doch sehr die Lust dazu, noch einmal seinen ersten Roman, mit dem er auch gleichzeitig einen tollen Erfolg landete, zu lesen. Und das getan zu haben, habe ich keine Sekunde bereut!

Huldar ist es satt, in Reykjavík herumzuhängen und Sein-Leben-nicht-auf-die Reihe-zu-kriegen zu kultivieren. Und so beschließt er mitten im Winter die Verrücktheit, seine Heimatinsel, von der er bislang nur wenig gesehen hat, zu umrunden – und das auch noch mit einem Volvo Lappländer (genannt ‚Lappi‘), einem Gefährt, das durchaus einen eigenen Charakter zu haben scheint… Und während seine Freunde ihn für verrückt erklären, fährt er tatsächlich los – zu dem größten aller Abenteuer: dem Leben selbst!

Und so erzählt er von seinen Problemen, das Auto zu bändigen, oder die Straße – denn im Winter bei Schnee und Glatteis Pässe zu überqueren, ist nicht ungefährlich. Und wenn diese beiden ihm kein Kopfzerbrechen bereiten, ist es womöglich die auf dem Land lebende Bevölkerung, bemitleidenswert, wie Huldar findet, da fernab von dem pulsierenden Reykjavík. Doch schnell findet er heraus, dass das Landleben nicht ganz reizlos ist, und auch die Begegnungen  mit den Menschen sind für viele Überraschungen gut! Dazwischen erzählt Huldar immer wieder von sich selbst, einem echten isländischen Greenhorn, das seine Probleme und Konflikte offen, aber mit einer gesunden Distanz ausspricht, was durchaus seine überaus komischen Seiten hat.

Ja, und so ist er auf der Suche nach sich selbst, und die Suche, sie läuft ins Leere. Da beschreibt er beispielsweise einen Hotelaufenthalt im tiefsten Hinterland Islands, in dem er nun aber wirklich systematisch zu sich selber finden will und sich zu diesem Zweck im Hotel einschließt, während draußen ein Schneesturm tobt (in dessen Verwehungen er sogar schon einem Geist begnetet ist). Doch er findet und findet nichts – wiewohl er natürlich in Wirklichkeit einen ganzen Schatz hebt, indem er am Ende eben dieses wunderbar stimmungsvolle, launige Büchlein über Island und seine ‚Menschwerdung‘ schreibt.

Huldar Breiðfjörð ist hier ein wirklich toller Aufsatz gelungen, der sich wunderbar (vor-)lesen lässt und riesig Spaß bringt. Es ist eine phantastische Roadnovelle, die sich auch als Reiselektüre hervorragend eignet. Und wenn man sich als Tourist durch Island bewegt, wird man ganz sicher die ein oder andere Person oder Lokalität aus diesem Buch in natura begegnen.

produkt-11506Jón Kalman Stefánsson ist für mich beinahe ein Idol, denn seine Bücher – vor allem die Trilogie die er zuletzt veröffentlicht hat (und über die ich mehrfach geschrieben habe, siehe hier) sind die tiefsinnigsten und berührendsten, die ich vielleicht je gelesen habe – auch wenn ich nicht vergessen will, dass eine sehr frühe Trilogie von ihm mich absolut abgetörnt hat und mich beinahe in eine Lesekrise zu reißen verstand. Aber das ist lang her. Jón Kalman Stefánsson findet so feine und treffende Vergleiche zu den unendlich schwierigen Lebenssituationen seiner Protagonisten und fasst diese in eine meisterhaft poetische Sprache (die wir durch die Übersetzungen von Karl-Ludwig Wetzig genießen können), wie ich es wirklich selten erlebt habe.

Insofern bin ich länger um dieses neue Buch herumgeschlichen, als es das verdient hätte, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie es nach der starken Trilogie überhaupt weitergehen könnte mit Jón Kalmans Schreiberei. Nun endlich fasste ich aber den Mut – und wurde nicht enttäuscht!

Keflavík gibt es nicht – mit diesem Zitat beginnt dieser Roman. Keflavík gibt es natürlich doch, denn ein Großteil der Handlung spielt sich dort ab. Gemeint ist jedoch vielmehr, dass Keflavík ein Ort ist, der zum einen durch die langjährige Besetzung durch die Amerikaner und zum anderen durch die Langeweile, die der Ort vielleicht ausstrahlt, einfach übersehen wird, wie das Schicksal der Menschen, die hier wohnen. Zu ihnen gehörte auch Ari, der hier seine Jugend verbrachte, und jetzt, nach einem dreijährigen Aufenthalt in Kopenhagen zurückkommt, um… ja warum? Um seine sehr plötzlich verlassene Ehefrau und seine Kinder wiederzusehen? Oder weil ihn die Erinnerungen an seinen Vater und Großvater eingeholt haben, als erstgenannter ihm ein Foto und eine Urkunde seines Opas zugeschickt hat?

Und es wird die Geschichte aufgerollt: Vom Großvater und seiner Frau, mit der er in inniger Liebe verbunden ist, von Aris Jugend in Keflavík, oder wie er bei einem Job seinem ersten großen Schwarm begegnet, von den Schwierigkeiten, die Ari beim Erwachsenwerden zu durchleben hat, aber auch von den Schwierigkeiten seiner Kumpels und Verwandten. Es geht um seine Familie, um Leben und Tod, Wahnsinn sogar, und vor allem darum, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen aus Beobachtungen, denn dies kann fatale Folgen für alle Beteiligten haben.

Es ist wieder ein wunderbares Buch, in dem die wichtigen, die großen Themen behandelt werden, geschildert an einfachen Menschen, die sich durchs Leben bewegen und trotz einfachsten Lebensstils doch die komplette Philosophie des Daseins vor sich herzutragen haben. Viele Geschichten werden angerissen, viele Themen aufgegriffen – aber dann folgt doch schon das Ende des Buches, ohne dass alle Themen abgeschlossen sind, nur eines, dass allerdings sehr erschütternd ist. Nun heißt es sich gedulden: nächstes Jahr wird der Piper Verlag den zweiten Teil herausbringen…

Noch ein Wort zum Buchtitel: wie oft üblich, wird eine kleine Bemerkung, die in der Geschichte vorkommt, aufgegriffen. Nur schade finde ich, dass es ausgerechnet eine ist, die nichts anderes als eine Binsenweisheit ist und nicht wirklich auf die Tiefe dieses Romanes verweist (wiewohl der Zusammenhang, in dem die Bemerkung in dem Buch fällt, von großer Wichtigkeit ist). Der Titel wurde allerdings aus dem Isländischen übernommen (wenn ich nicht irre), was ihn aber nicht besser macht, finde ich. Gleichzeitig ist es gut, nicht an die vorangegangen Titel der Trilogie anzuschließen. Ich hoffe, dass es keinen Leser abschreckt. Das Cover mit seinem Wal und dem Kanuten wenigstens ist  (wenn auch nicht auf den Inhalt bezugnehmend) wunderschön. Wie der Roman selbst. Lesenswert, unbedingt!

image_1_12596Im Sommer fahren wir auf die Färöer Inseln, und da ist es ja klar, dass wir uns schon jetzt für das Land interessieren. Und erst recht, wenn Huldar Breiðfjörð die Inseln besucht hat und darüber schreibt… denn sein Buch ‚Liebe Isländer‘, hatte mir damals gut gefallen (und jetzt lesen wir es gerade wieder).

Ein Isländer also besucht die Färöer Inseln, und er fragt sich, ob er eigentlich im Ausland ist… So ähnlich scheinen sich die beiden Völker zu sein, und doch gibt es Unterschiede – nicht zuletzt dadurch, dass dieser kleine Inselstaat Island Geld gepumpt hat, als dies 2008 in die große Krise geriet. Da das Buch zu dieser Zeit geschrieben wurde, ist die Krise oft Thema zwischen Huldar und den Menschen, denen er auf den Färöern begegnet. Denn streng genommen ist dieses Buch kein Roman, sondern vielmehr eine Reisebeschreibung, denn Huldar Breiðfjörð erzählt, was ihm auf seiner vierwöchigen Reise über die Inseln im Winter so alles widerfahren ist.

Und was ist ihm denn nur widerfahren? Das lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Fast nichts. Aber das macht nichts, weil Huldar es versteht, seine Beobachtungen und Erlebnisse mit den Ureinwohnern und auch zugereisten Isländern in eine leichtseichte Form zu packen, sodass es Spaß macht, das Buch (vor-)zu lesen. So erzählt er von einem Zimmernachbarn in einer Art Wohnheim in Torshavn, der im Straßenbau und zur Zeit im Winterräumdienst tätig ist, und ausgiebig über seine Arbeit berichtet. Ich stelle mir vor, dass er Huldar vielleicht ziemlich zugeblubbert hat über Asphaltarten, der Kunst des Asphaltierens oder auch der Problematik von Schlaglöchern. Huldar aber versteht es, auch daraus noch etwas zu formen, das uns einen Eindruck von der färöischen Bevölkerung vermittelt. Wobei seine Besuche des färöischen Nachtlebens oder einer Veranstaltung, in der der typisch färöische Tanz getanzt wird, vielleicht noch aufschlussreicher sind…
Also, es war nett, dies Büchlein zu lesen, aber an seinen Erfolg ‚Liebe Isländer‘ kommt dieser färöische Roman einfach nicht heran.

Am Buchende ist auch ein Foto vom Autor höchstselbst: Er sitzt, seine Hand den Kopf mit den struppeligen Haaren stützend, vor einem Schachbrett – und erinnert irgendwie schrecklich an Woody Allen… Der ewig zweifelnde Intellektuelle, ein, wie er sich im Buch selbst nennt, ‚erfahrener Reisender‘ auf dem Weg vom Irgendwo ins Nirgendwo, tragisch und komisch zugleich. Wie seine Bücher es sind, tragisch, weil so wenig passiert, komisch, weil doch etwas passiert, aus dem sich eine Art Geschichte formen lässt.